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    Bittersüße Heimat

    Bericht aus dem Inneren der Türkei

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    Bittersüße Heimat
    Bericht aus dem Inneren der Türkei

    Autoren:

    Verlag:
    Kiepenheuer Witsch   Weitere Titel dieses Verlages anzeigen

    Erschienen: September 2008
    Seiten: 303
    Sprache: Deutsch
    Maße: 221x107x32
    Einband: Leinen (Buchleinen)
    ISBN: 3462040421
    EAN: 9783462040425

    Inhaltsverzeichnis

    Inhalt
    Taksim11
    1
    Tod in Ankara25
    Ein Kind der Republik27
    Ankunft und Abschied33
    Im Trauerhaus36
    »Bleibt stehen, Frauen!«41
    Das Grab der Republik48
    Die blutrote Fahne52
    Kaserne und Moschee56
    Das Militär putscht58
    Seelenmessen in der Ankunftshalle62
    Das Präsidium für religiöse Angelegenheiten66
    Die Republik und die Frauen72
    Die Verbannung aus der Öffentlichkeit73
    Atatürks Mission77
    Der große Bruder der Abgeordneten80
    »Hier werden Wähler gekauft«84
    First »türban« Lady88
    Die fliegenden Besen90
    »Frauenhäuser sind eine Schande«94
    2
    Freiheitsberaubung99
    Fatmas Geschichte101
    Verbrechen im Namen der Ehre116
    »Alles ist besser als der Tod«122
    Archaische Gesetze123
    In der Stadt der Selbstmörderinnen128
    Ayten und der Traum von der Freiheit130
    Die schönsten Pistazien136
    Begegnung mit schwarzen Gespenstern140
    Wiegenhochzeit und Winzerinnen142
    3
    Istanbul leuchtet153
    Im Gecekondu154
    Heilige Geschäfte157
    Die Literatur entdeckt das Leben159
    Stadt der zwei Welten162
    Die Seelenverkäufer169
    Die Vergessenen der »SS Struma«172
    Die türkischen Juden177
    Auf dem Fluss des Lebens179
    Der Schleiertanz181
    Trost und Tränen184
    Süß essen, süß sprechen189
    Osmanische Tischsitten190
    Essen als Politik193
    4
    Hinter hohen Mauern203
    Das Kurdenproblem206
    Der Zuverlässige208
    Vom Leben in der Diaspora212
    Die Stadt des Propheten217
    Wie aus Nicäa Iznik wurde223
    Die Erfindung des Türkentums226
    Volk ohne Wurzeln227
    Anatolien soll türkisch werden229
    »Wir sind mit der Geschichte im Reinen«233
    Haymatloz240
    5
    Der lange Weg nach Europa251
    Das schwere Erbe der Osmanen254
    Atatürks staatlicher Dirigismus257
    Taqlid - der Fluch der Imitation259
    Anatolischer Tiger261
    Der Preis der Freiheit268
    Die Heirat wird verschoben275
    Zwangsheirat277
    Teurer Mocca278
    Christenclub und Islamverein280
    Demokratie ohne Demokraten282
    Die infantile Gesellschaft286
    Dank290
    Anmerkungen291
    Quellen298



    Klappentext

    Was ist Heimat? Vierzig Jahre, nachdem Necla Kelek die Türkei verlassen hat, kehrt sie zurück in ihre »bittersüße Heimat« Anatolien, das Land, aus dem die fremden Bräute und die verlorenen Söhne kommen. In Ankara wird ihr Lieblingsonkel beerdigt, der alles verkörperte, was die alten Eliten auszeichnete: Stolz, Herzlichkeit und Unvernunft. Mit ihm nimmt sie Abschied von der alten Republik. Die Türkei hat sich verändert. Ein anderer Geist durchweht das Land. Auf ihn stößt sie bei ihren Begegnungen im Parlament, bei dem Besuch der einflussreichen Religionsbehörde und bei einer Großfamilie in Istanbuls endlosen Gecekondus, den Vororten, in denen die archaischen Sitten das Leben regieren.

    Die Bitte einer deutschen Sozialarbeiterin führt sie nach Zentralanatolien, wo eine in Deutschland aufgewachsene Kurdin von ihren Eltern festgehalten wird. Für die Frauen der Hilfsorganisation Ka-mer, auf deren Arbeit Kelek an vielen Orten stößt, kein ungewöhnlicher Fall. Weite Teile Anatoliens sind ein rechtsfreier Raum, in dem die in Ankara beschlossenen Gesetze nicht gelten. Ka-mer hilft Frauen, die als »Blutgeld« missbraucht oder mit »Ehrenmord« bedroht werden. Und selbst eine, die es »geschafft« hat, wie Nergis, eine erfolgreiche Unternehmensleiterin, muss damit leben, als unverheiratete Frau von ihrem Teejungen kontrolliert zu werden. Aber es gibt auch andere, die sich der neuen islamischen Leitkultur nicht beugen - wie der Bauchtänzer, dem Necla Kelek auf einem Ausflugsdampfer begegnet. Der Bosporus, der »Fluss des Lebens«, weckt Erinnerungen an so vieles, was Heimat ist; aber er erzählt auch von den jüdischen Flüchtlingen, die 1942 vergeblich hofften, hier einen sicheren Ankerplatz zu finden. Nicht nur sie sind vergessen: Kelek erinnert an die vertriebenen und ermordeten Armenier und Griechen und sucht die bedrängten kleinen Christengemeinden auf.

    Ihr Bericht deckt unter der Oberfläche eines Landes, das nach Aufnahme in die Europäische Union strebt, die Widersprüche zwischen Tradition und Moderne au Bis heute verhindert das Bekenntnis zum »Türkentum« einen wirklichen Demokratisierungsprozess.

    »Bittersüße Heimat - dieses widersprüchliche Bekenntnis beschreibt treffend mein Verhältnis zu dem Land, aus dem ich komme: Es gibt so vieles in der Türkei, das mir nach wie vor so unendlich vertraut ist - die Gedichte, die Geschichten, die Lieder, der glitzernde Bosporus oder die süße Verlockung der Speisen -; und so vieles, was mich zornig macht - das Schicksal der Mädchen und Frauen im Osten Anatoliens, die, der Herrschaft der Männer ausgeliefert, von der Politik allein gelassen werden; die Unfähigkeit der türkischen Gesellschaft, sich zu erinnern an das, was im Namen des >Türkentums< den Minderheiten angetan wurde. Es geht mir um Einblicke und Einsichten in die Mentalität und Traditionen eines politisch zerrissenen Landes und Antworten auf die Frage: Woher kommt, wohin treibt die Türkei?«

    Autor

    Necla Kelek ,

    Dr. phil., in Istanbul geboren, kam mit zehn Jahren nach Deutschland, hat Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über »Islam im Alltag« promoviert. Sie forscht zu den Themen Religion und Migration und publiziert u.a. in der »FAZ«, »taz« und »Emma«. Sie ist ständiges Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin. Ihr Buch »Die fremde Braut. Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland« wurde inzwischen 200.000 Mal verkauft und mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Für »Die verlorenen Söhne. Plädoyer zur Befreiung des türkischmuslimischen Mannes« erhielt Kelek den internationalen Sachbuchpreis CORINE 2006. Die Universität Duisburg-Essen hat ihr 2006 die Mercator-Professur verliehen.

    Vorwort

    Woher kommt, wohin treibt die Türkei? Vom europäischen Istanbul bis ins wilde Kurdistan ist Necla Kelek gereist, an traumhafte Küsten und durch die majestätische Bergwelt Anatoliens, und hat ein Land vorgefunden, dessen Geschichtsträchtigkeit und Schönheit sich kaum ein Reisender entziehen kann; die Bewohner des einstigen osmanischen Weltreichs aber wirken seltsam unbehaust, heimatlos, als trieben sie auf einem Floß durch eine ihnen fremde Welt. In Ankara erlebt Necla Kelek, wie ihr Lieblingsonkel, ein Mann der Republik, zu Grabe getragen wird und mit ihm die Vorstellung, aus der Türkei ein Land im Geiste Europas zu formen. »Wir sind mit der Geschichte im Reinen«, verkündet Präsident Gül. »Unsere Religion ist ohne Fehler«, sagt Ministerpräsident Erdogan. Bis heute ist der Genozid an den Armeniern ein Tabu, immer noch verbergen sich Christen hinter Mauern, um ihren Glauben leben zu können. Vom Selbstbehauptungswillen der alten Eliten erzählt Keleks Begegnung mit einem Militär, vom Aufstieg der neuen Macht ihr Besuch beim Amt für Religion, einer milliardenschweren »Missionsbehörde«. Befremdet registriert sie in ihrer ostanatolischen Kindheitsheimat, dass die Öffentlichkeit frauenlos geworden ist - ausschließlich Männer beherrschen das Straßenbild. Sie erzählt von dem Leben einer erfolgreichen Fabrikdirektorin, die - weil unverheiratet - von ihrem Teejungen kontrolliert wird; aber auch von vielen, die sich nicht abfinden wollen mit der neuen islamischen Leitkultur - wie der Bauchtänzer vom Bosporus, die Frauen, die gegen Ehrenmorde kämpfen, der Polizeioffizier, mit dessen Hilfe die Autorin eine junge Kurdin mit deutschem Pass aus den Fängen ihrer Familie befreit. Keleks Bericht aus dem Inneren der Türkei deckt unter der Oberfläche eines modernen Landes die Zerklüftungen auf, die zerrissenen Mentalitäten, die politischen Widersprüche, die sozialen Brüche, in die die Republik zunehmend gerät. Woher kommt, wohin treibt die Türkei?