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    Das Feld der Frankfurter Kultur- und Sozialwissenschaften nach 1945

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    Das Feld der Frankfurter Kultur- und Sozialwissenschaften nach 1945

    Verlag:
    Königshausen Neumann  Weitere Titel dieses Verlages anzeigen

    Erschienen: Februar 2008
    Seiten: 277
    Sprache: Deutsch
    Maße: 235x157x21
    Einband: Kartoniert / Broschiert
    ISBN: 382603869x
    EAN: 9783826038693

    Inhaltsverzeichnis

    Inhalt
    Vorwort7
    I.Die "Dialektik der Aufklärung" und einige ihrer Fortschreibungen
    Gunzelin Schmid Noerr: Aufklärung und Mythos. Von der "Dialektik der Aufklärung" zur "Erziehung nach Auschwitz"17
    Werner Post: Theodor W. Adornos Vorlesungen zur Moralphilosophie35
    Richard Faber: Autoritärer Liberalismus oder: Dialektik der Aufklärung. Von Thomas Hobbes zu Carl Schmitt47
    Thomas Schneider: Die entscheidende Abstraktion. Zur Theorie des allgemeinen Wertes bei Hans-Jürgen Krahl73
    Katrin Meyer: Rational Regieren. Michel Foucault, die Frankfurter Schule und die Dialektik der Gouvernementalität87
    II."Frankfurter" Ästhetik und Literaturtheorie
    Eckart Goebel: Erschütterung. Adorno über Sublimierung105
    Thomas Schröder: Undeutbarkeit. Annäherungen an Peter Szondi anlässlich seiner Fragment gebliebenen Celan-Interpretation "Eden, Berlin"123
    III.Jürgen Habermas in der Diskussion
    Tobias Bube: Von der Kritischen Theorie zur Kritischen Hermeneutik? Jürgen Habermas' Transformationen der Verstehenslehre139
    Hauke Brunkhorst: Die kommunikative Wende der Soziologie. Jürgen Habermas im Kontext der Nachkriegssoziologie167
    Sigrun Anselm: Alexander Mitscherlich, das Sigmund Freud-Institut und ihr Verhältnis zur Frankfurter Schule189
    Manfred Lauermann: Gerhard Brandt - der letzte Horkheimer-Schüler205
    IV.Frankfurter Dependancen
    Wolfgang Bock: Frankfurt in Lüneburg. Zum Motiv der Kritischen Theorie in der Diaspora, samt Interview mit Christoph Türcke235
    Frederik W Thue: "The autoritarian personality" and the Oslo-Institute for Social Researche in the 1950s263



    Vorwort

    Vorwort

    Beim Begriff, schon beim Wort "Feld" denkt man heute zunächst an Pierre Bourdieus "Feld" im Plural: an mehr oder weniger autonome Mikrokosmen sui generis. Wir rekurrieren mit unserem Band-Titel auf den älteren und prinzipiell ethnologischen Wortgebrauch von "Feld", der gerade vom hohen Interdependenzgrad eines gewiss nicht einheitlichen - unter Umständen hoch diversifizierten und konfliktgeladenen -, jedoch singulären Feldes ausgeht. Keineswegs nur von der "Frankfurter Schule" handelnd, möchten wir - soweit irgend möglich - die ganze Vielfalt der Frankfurter Kultur- und Sozialwissenschaften präsentieren und analysieren: in ihrem internen Zusammenspiel, aber auch in dem mit anderen kulturellen und sozialen Gruppen wie Institutionen der Stadt Frankfurt - und (weit) über sie hinaus.

    Hauptspiel bzw. Kampffeld ist - von den Jahren 1933-45 abgesehen, falls man das kann - Frankfurt. Und das hängt mit, einigen Spezifitäten dieser mit liberalsten und modernsten Stadt der Weimarer, schließlich Bundesrepublik zusammen, die der Berliner Kultursoziologe Richard Faber bereits in seinem einleitenden Beitrag zu unserem ersten Band benannt hat: "Das Feld der Frankfurter Kultur- und Sozialwissenschaften vor 1945". In unserem zweiten, vorliegenden Band wenden wir uns - ohne 1945 zum Jahr Null zu hypostasieren - hauptsächlich der Nachkriegszeit bis heute zu und inhaltlich:

    • der Kultur- und Sozialphilosophie, Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung" wegen;

    • der Kunst- und Literaturphilosophie, Adornos "Ästhetischer Theorie" halber.

    Außerdem rückt im vorliegenden Band die von Jürgen Habermas inaugurierte "Neue Frankfurter Schule" in den Mittelpunkt einer eigenen - so psychologischen und soziologischen wie philosophischen - Diskussionsrunde sehr aktuellen, teilweise tagespolitischen Zuschnitts. Damit wird in gewisser Weise fortgeführt, was im vorausgegangenen Band unter "I. Frankfurter Soziologie" und "IV Frankfurter ,Kritische Justiz'" abgehandelt worden ist. Jedenfalls sind beide Bände vielfach aufeinander bezogen und bilden eine Einheit - ohne dass Fabers dies begründende "Einleitung" hier ein weiteres Mal abgedruckt wird. Eröffnet wird der zweite Band vielmehr durch des Horkheimer-Herausgebers Gunzelin Schmid Noerr weitgreifenden Aufsatz "Von der ,Dialektik der Aufklärung' zur ,Erziehung nach Auschwitz"', dessen Obertitel "Aufklärung und Mythos" das zentrale Problem der Horkheimer-Adornoschen Hauptschrift benennt: "Schon der Mythos ist Aufklärung und: Aufklärung schlägt in Mythos zurück."

    Der Mönchen-Gladbacher Philosoph sucht diese Kernthese der "Dialektik der Aufklärung" - erfolgreich, wie uns scheint - zu verflüssigen und zu kontextualisieren, was den Text und sein damaliges Umfeld angeht, aber auch spätere und heutige Anwendungen bzw. Problemstellungen. Schließlich wendet sich Schmid Noerr speziell den politisch-pädagogischen Konsequenzen der "Dialektik der Aufklärung" zu: dem "wahrhaft pädagogischen Gegenangriff" gegen den "neuen ,anthropologischen' Typ des ,autoritären Charakters'", wie Horkheimer bereits 1950 formuliert hat. Sein Herausgeber resümiert - jetzt vor allem Adorno folgend: "Die Pädagogik der Kritischen Theorie ist die handlungsbezogene Außenseite einer negativen Ethik. Die Stoßrichtung dieser Ethik besteht in der Kritik an Formen des falschen Lebens. Sie besagt weniger, wie zu handeln ist, als wie nicht zu handeln ist. Ihr Fluchtpunkt war die Erfahrung der geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. ,Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen, ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.' Dieser ,neue kategorische Imperativ' bezeichnet eine aus der epochalen Erfahrung des Völkermordes resultierende Minimalmoral der Achtung unversehrten Lebens. Die ,Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei', war für Adorno gleichermaßen ,die allererste an Erziehung'."

    Nicht inkonsequent lassen wir auf Schmid Noerr die Auseinandersetzung Werner Posts mit Adornos postum erschienenen Vorlesungen zur Moralphilosophie folgen.1 Der Dortmunder Philosoph würdigt Adornos so subtiles wie stetiges Bemühen um Rettung moralischer Autonomie, vor allem im Anschluss an Kant: seinen zähen Kampf gegen "das Ur-Böse", wie Post formuliert, "Gewalt und Herrschaft". Er arbeitet die von Adorno selbst, über Kant hinaus, gesehenen Antinomien neuzeitlich-moderner Moral heraus, indem er Adornos gesellschaftskritischen Ansatz prinzipiell teilt. Zugleich ist Post freilich von dessen empirischer Unzulänglichkeit überzeugt und identifiziert Adorno deshalb "eher als Gnostiker denn als Soziologe".2

    Faber in seinem auf Post folgenden Beitrag betätigt sich einmal mehr als kritisch-theoretischer Religionspolitologe, indem er die auch politisch-ökonomische Entwicklung von Thomas Hobbes zu Carl Schmitt als überrepräsentatives Beispiel einer Dialektik der Aufklärung rekonstruiert: als Umschlag polit(olog)ischer Aufklärung in soziale Mythologie faschistischer Couleur. Es geht Faber um jenes nur scheinbar hölzerne Eisen, das 1932/33 bereits der Frankfurter Staatsrechtler Hermann Heller - Aug' in Aug' mit Carl Schmitt - benannt hat: um "Autoritären Liberalismus"; laut Faber "eine liberale Ökonomie, ermöglicht, gefördert und abgesichert durch einen autoritären Staat", der sich - Pointe der Pointe - religiös legitimiert. Nicht erst Carl Schmitt, sondern schon Thomas Hobbes war ein Politischer Theologe, wenn auch machiavellistischen Zuschnitts. Bereits bei ihm handelte es sich (in Fabers Idiolekt) um Affirmative Ideologiekritik.

    Der Bonner Philosoph Thomas Schneider vertieft Fabers Hobbes-Analyse kritisch-ökonomisch und von gegenwärtigen Fragestellungen her, wobei er an Adornos so häretischen wie späten Schüler Hans-Jürgen Krahl anknüpft3 : "Hans-Jürgen Krahls Überlegungen zur geschichtsphilosophischen Dimension der Marxschen Theorie des allgemeinen Wertes sind von seinem Entwurf einer Geschichtsphilosophie des autoritären Staates nicht zu trennen." Mit diesem Satz beginnt Schneiders Beitrag "Zur Theorie des allgemeinen Wertes bei Hans-Jürgen Krahl", "Die entscheidende Abstraktion" überschrieben. Sein Titel könnte freilich auch - immer noch Krahl verpflichtet - "Dilemmata revolutionärer Theorie" lauten: "Marcuses Versuch, die revolutionäre Theorie der existentiellen Radikalität zuzuordnen, ist ebenso dilemmatisch wie die Verbindung zwischen existentiellem Subjekt und dem gesellschaftlichen bei Marx." (H.-J. Krahl)

    Die Basler Philosophin Katrin Meyer wendet sich einem anderen, späteren und auch nur partiellen, jedoch höchst einflussreichen Fortsetzer Kritischer Theorie seit der "Dialektik der Aufklärung" zu: Michel Foucault. (Bereits Post und sein Schüler Schneider haben kurz, aber nachdrücklich auf ihn verwiesen.) Und zwar analysiert Meyer speziell (das unterscheidet sie nicht nur von Axel Honneth und Judith Butler, sondern auch Post und Schneider) Foucaults erst 2004 integral veröffentlichte Vorlesungen zur "Geschichte der Gouvernementalität" - als Adorno und Horkheimer verpflichtete "Dialektik der Gouvernementalität".

    Meyers These lautet, "dass Foucault durch seine Beschäftigung mit der liberalen und neoliberalen Gouvernementalität, die er in der Vorlesung ,Die Geburt der Biopolitik' 1978/79 vorlegt, dazu geführt wird, sich in entscheidenden Punkten von der Aufklärungskritik der Frankfurter Schule abzugrenzen", sie freilich auch zu radikalisieren: weiter zu dialektisieren. Ohne durchschlagenden Erfolg allerdings: "Der rationalisierenden Dialektik der Aufklärungskritik kann auch Foucault nicht entkommen, aber er versucht es - mit einem kleinen reflexiven Vorsprung vor Horkheimer."

    "Was die Dialektik der Aufklärung begründet, führt die Ästhetische Theorie fort, indem sie die womöglich missverständliche Idee eines Eingedenkens der Natur im Subjekt weiterführt: Indem das Subjekt der Natur in ihm selbst eingedenk wird in der Erfahrung von Kunst, hat es sowohl sich als auch Natur zu verändern begonnen, gelangt es über beide hinaus. Kritische Theorie ohne Ästhetische Theorie wäre unvollständig."

    Mit diesem so generellen wie hohen Anspruch widmet sich der New Yorker Literaturwissenschaftler Eckart Goebel speziell Adornos differenzierter Freud-Kritik in seiner Fragment gebliebenen "Ästhetischen Theorie", um zu zeigen:

    • "dass für die ungeschmälerte, die beglückende Fülle der Erfahrung Kunst und deren Reflexion, Ästhetik, unabdingbar sind";

    • dass also, ganz im Blick auf Freud, "eine Theorie der Sublimierung nicht nur eine Theorie des Verzichts, des Mangels, der Entsagung oder der Kompensation formuliert, sondern immer auch eine Theorie der Lust und der Fülle schreibt".

    Der gleich Goebel von der Adorno- und Szondi-Schülerin Hella Tiedemann-Bartels an der Freien Universität Berlin promovierte Literaturwissenschaftler Thomas Schröder (Mainz) widmet sich dem Adorno verpflichteten Peter Szondi, dessen Berufung auf einen Frankfurter Germanistik-Lehrstuhl trotz Adornos und Habermas' intensiven Bemühungen scheiterte, anlässlich seiner Interpretation von Paul Celans "Eden, Berlin". Wie Adorno war Szondi traumatisiert vom Zivilasationsbruch des Genozids und seiner Verdrängung während der restaurativen 50er und 60er Jahre, dennoch oder gerade deshalb folgte er seines Dichter-Freundes Celan Umformulierung einer der berühmtesten Dicta Adornos: "Nach Auschwitz ist kein Gedicht mehr möglich, es sei denn aufgrund von Auschwitz." Celan selbst hat, wie kein anderer, solche Gedichte geschrieben und Szondi ihnen bis heute gültige Interpretationen zukommen lassen. Nicht zuletzt im Unterschied zum wohl repräsentativsten Philosophen bundesrepublikanischer Restauration, Hans-Georg Gadamer, insistiert Szondi bei ihnen - Adorno dialektisch aufnehmend - auf der Unmöglichkeit von Lyrik nach Auschwitz als deren einziger und mehr als fragiler Existenzgrundlage. Nur "wo die Sprache, wider alles Erwarten, fehlt, geschieht Dichtung ... Dichtung ist das Zucken, die Synkopierung der Sprache." (Philippe Lacoue-Labarthe)

    Der gleich Goebel und Schröder philosophisch kompetente Freiburger Literaturwissenschaftler Tobias Bube widmet sich - die Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas eröffnend - dessen Transformation der klassischen Verstehenslehre, bei welcher Gelegenheit der ehemalige Adorno-Assistent signifikant auch von Adornos und/oder Szondis "Anti-Hermeneutik" abgewichen ist, die ältere Kritische Theorie insgesamt und substantiell revidiert hat. Aus der Perspektive Adornos, Horkheimers u.s.w. muss Bube formulieren: "Kritik statt Hermeneutik, dialektische Kritische Theorie statt humanistische, ,einfühlende' Lehre vom Verstehen: Hier" - in seinem "Beckett"-Essay - "macht nicht nur Adorno eine Frontstellung auf, ohne die große Teile der Theoriebildung der Frankfurter Schule kaum verstanden werden können. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Habermas seit den frühen 60er Jahren - also ungefähr zu der Zeit von Adornos Beckett-Essay - eine soziologische Lehre vom Sinnverstehen entwickelt, die z.B. auch an Wilhelm Dilthey anschließt."

    Selbst Gadamer steht Habermas nicht nur ablehnend gegenüber, sondern sucht gerade auch ihn mit der Kritischen Theorie seiner Frankfurter Lehrer zu vermitteln. Bube, dem Habermas Gadamer gegenüber als viel zu nachgiebig erscheint, bezweifelt das Gelingen dieses Vermittlungsversuchs generell, ohne sich auf die Seite der älteren Kritischen Theorie zu schlagen. Diese hypostasiert ihm, von Benjamin an und wohl noch Szondi einbeschließend, Bruch und Brüche allzu sehr, so wie Habermas dann Verständigung und Konsens. Nur umso nachdenkenswerter dürfte Bubes durchaus sozipolitische Habermas-Kritik sein, die in Kürze lautet wie folgt: "Der Verstehensprozess muss bei ihm kontinuierlicher, bruchloser zirkulärer Prozess bleiben, weil er sonst kein Modell für gelingende Kommunikation mehr sein könnte. Aber muss das Gelingen auf eine totale, geschlossene, ganz und gar kontinuierliche Vermittlung verpflichten? Die Möglichkeit partieller Synthesen, mehrsträngig verlaufender, durchaus nicht vollends in allen Aspekten integrierbarer Kommunikation kommt ihm, wenn überhaupt, nur als Entfremdung in den Sinn."

    "Für diesen Aspekt einer ernsthaft kritischen Hermeneutik wäre es wichtig", wie Bube in Äquidistanz zur älteren wie neueren Kritischen Theorie anschließt, "die beiden Extremmöglichkeiten, nämlich die schlechthinige Voraussetzung von Geschlossenheit, Ganzheit, Integriertsein einerseits und die Anti-Hypostasen des Denkens in Brüchen, die, wenn neben ihnen nichts mehr gelten darf, nur noch Brüche sehen und den Bruch selbst hypostasieren, auch wo prozessual Serien von Beobachtungen zu Teilsynthesen geschlossen werden können, zu unterlaufen."

    Der Habermas hoch sympathetisch gegenüberstehende Flensburger Soziologe Hauke Brunkhorst macht gegenüber Philosophischem - heute meist Neokantianischem - eben Soziologisches und Politologisches, unter Einschluss von Rechtstheoretischem, beim Gesellschaftstheoretiker Habermas stark, wobei "Gesellschaftstheoretiker" nicht zufällig die von Brunkhorst favorisierte Bezeichnung für Habermas ist. Als Pointe der Pointe muss dabei gelten, dass Brunkhorst stark auf dessen bleibend marxistisches Erbe abhebt. Zugleich bestreitet auch er keineswegs - insofern mit Bube übereinstimmend -, dass Habermas' Werk vorrangig den Versuch darstellt, die Theorie der Gesellschaft auf den Begriff der Kommunikation umzustellen.

    Hierin erkennt Brunkhorst zusätzlich und zwar synchron die besondere Nähe von Habermas zu Niklas Luhmann, wobei es ihm selbstverständlich auf die Differenz beider nicht weniger ankommt als auf ihre Übereinstimmung bei der Substitution des Handlungsbegriffs durch den "viel umfassenderen" Begriff der Kommunikation: Luhmanns Perspektive ist strikt funktional; zwar stark freiheitsorientiert, aber nicht, wie im Falle von Habermas, "normativ emanzipatorisch". Die emanzipatorische Norm ist aber gerade heute, und zwar mehr denn je weltweit so wichtig, weil der soziale Ausschluss ganzer Teilpopulationen und Weltregionen einen kaum entschärfbaren moralischen Skandal darstellt. Und sollte sich die menschenrechtlich integrierte globale Öffentlichkeit, wie Habermas vermutet, mit diesem Skandal nicht abfinden, dann könnten eines Tages - fast wie in der ursprünglichen Anlage der kritischen Gesellschaftstheorie von Marx - System- und Legitimationskrise der Weltgesellschaft ineinander greifen und sich - mit höchst ungewissem Ausgang - wechselseitig verstärken. Dann würde sich, um Brunkhorst abschließend noch einmal zu apostrophieren, die "Gewalt der kommunikativen Vernunft" bitter "rächen".

    Die Berliner Sozialpsychologin Sigrun Anselm widmet sich der Frankfurter Nachkriegs-Psychoanalyse vor allem in der Person Alexander Mitscherlichs, des Begründers des "Sigmund-Freud-Instituts", aber auch beider Kontakte zu den auf sehr unterschiedliche Weise Freud rezipierenden älteren und jüngeren Vertretern der Kritischen Theorie. Während sie mit Horkheimer und vor allem Adorno wie Mitscherlich stark sympathisiert, kritisiert Anselm Habermas und ,seinen' Metapsychologen Alfred Lorenzer recht heftig. "Hier wird nämlich nicht mehr mithilfe psychoanalytischer Denkfiguren über Gegenstände gesprochen, sondern mithilfe philosophischer Denkfiguren über die Psychoanalyse als Gegenstand. Deren Gegenstände, an denen sich schließlich die Begriffe entwickelt haben und immer neu bewähren müssen, kommen nicht mehr vor. Es geht also nicht mehr um Aufklärung über das psychosoziale Konfliktgeschehen, um Unterdrückung und Verdrängung, sondern um eine Systematisierung nach Kriterien, die aus funktionalistischen Denkmodellen stammen. Das besondere Verhältnis zum Stoff, das psychoanalytische Begriffe haben, geht dabei verloren."

    Der Weimarer Kulturwissenschaftler Wolfgang Bock eröffnet den letzten Teil unseres Sammelbandes, der sich der auswärtigen Rezeption der Kritischen Theorie zuwendet, mit einem Beitrag zur - wenn man will - Lüneburger Schule, einer Nachfolgerin der älteren Frankfurter um Horkheimer und Adorno. Anders formuliert und in Bocks eigenen Worten: Der ,Enkel' bzw. ,Urenkel' geht dem "Motiv der Kritischen Theorie in der Diaspora" nach, mit der Pointe, dass sie in qualitativer Hinsicht gerade in diesem "Refugium" (nach-) blüht. Zunächst dank der Berufung des langjährigen Adorno-Assistenten Hermann Schweppenhäuser Anfang der 60er Jahre an die Pädagogische, später Gesamt-Hochschule Lüneburg, dann aufgrund seines inzwischen selbst bundesweit, bis Leipzig und eben Weimar, zerstreuten Schülerinnenkreises und dessen eigenen Adepten.

    "Die Darstellung bleibt insofern bruchstückhaft, als es sich nicht um eine systematische Rekonstruktion, sondern um eine subjektiv und zuweilen agonal gefärbte Perspektive handelt. Der Text kann daher nur als eine erste Skizze des Traditionsfeldes Kritischer Theorie in Lüneburg verstanden werden", wie Bock festgehalten wissen will, obwohl oder gerade weil er als Mitherausgeber der im Lüneburger zu Klampen-Verlag erscheinenden "Zeitschrift für kritischen Theorie" in das Lüneburg-Frankfurter Feld nachhaltig einbezogen ist.

    Bock würdigt eindrucksvoll Schweppenhäusers pädagogische, denkerische und literarische Leistung, einschließlich seiner prinzipiellen Kritik an Habermas. Schweppenhäuser mache "die Sprache insofern kompatibel, als er sie nicht auf Kommunikation reduziert und die subjektiven Spitzen nicht herausfiltert, sondern erklärt, umdeutet und adaptiert. Dadurch entsteht ein eigener pointierter und unverwechselbarer Stil." Desweiteren präsentiert Bock recht detailliert Schweppenhäusers erste, zweite und dritte Schülerinnen-Generation. Unter letzterer findet sich auch Schweppenhäusers Sohn Gerhard, mit einer inzwischen ihrerseits beachtlichen Publikationsliste. Schließlich profiliert Bock den schon erwähnten und im emphathischen Sinn Lüneburger zu Klampen-Verlag: den der Schweppenhäusers und der Ihren Haus-Verlag. Vor allem aber lässt Bock den heute wohl profiliertesten "Lüneburger", den Leipziger Philosophen Christoph Türcke, persönlich und ausführlich zu Wort kommen.

    Wir sind für das uns zur Verfügung gestellte Interview mit dem nicht zuletzt als Kunst- und Religionsphilosoph ausgewiesenen Kollegen besonders dankbar, fühlen uns aber auch Helge Hoibraaten verpflichtet, für die Vermittlung Hauke Brunkhorsts, eines der derzeit wichtigsten Sozialwissenschaftler aus dem Habermas-Kreis; last not least für die durch Helge zustande gekommene Bekanntschaft mit seinem norwegischen Kollegen, dem Osloer Historiker Frederik W. Thue. Dieser berichtet über empirische Untersuchungen in Norwegen, beruhend auf den Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung im US amerikanischen Exil4 - speziell über den "Autoritären Charakter" - und deren Transfer in das Nachkriegs-Norwegen, mit bleibender Bedeutung für die dortige wissenschaftliche und politische Kultur bis heute.

    Keine Frage, beide Sammelbände sind - wie nicht anders möglich - auch kontingent, doch sind wir überzeugt, nicht wenige neue Akzente gesetzt und auf bisher unberücksichtigte, weiter zu beackernde Forschungsfelder aufmerksam gemacht zu haben. Großen Wert legen wir schließlich auf die um Aktualisierung bemühten Fortschreibungen kritisch-theoretischer Gedankengänge, sei es der älteren oder der neueren Richtung. Um mehr oder weniger rettende Metakritiken handelt es sich dabei allemal und um sich kontrovers zueinander verhaltende dazu. Was schon im alten und ältesten Frankfurt als Streit begann, kann sich nur in Streit und Auseinandersetzung fortsetzen - weit über Frankfurt hinaus.

    Der vorliegende Sammelband geht teilweise zurück auf eine von uns im Sommer-Semester 2005 an der Freien Universität Berlin veranstaltete Ringvorlesung und auf eine im selben Jahr vom "Projekt Moderner Sozialismus Hannover e.V." durchgeführte Tagung. Dieser Institution haben wir herzlich auch für einen Druckkostenzuschuss zu danken. Vermittler an das Hannoveraner Projekt war der gleichfalls Hannoveraner Soziologe Manfred Lauermann, der nachträglich noch einen sehr bemerkenswerten Aufsatz über den "letzten Horkheimer Schüler" Gerhard Brandt beigesteuert hat. Wir sind ihm und allen unseren MitAutorlnnen sehr verpflichtet.

    Berlin/Seattle, September 2007 Richard Faber/Eva-Maria Ziege

    1 Vgl. bereits U. Kohlmann, "Phantasie und Moral". Wegmarken einer kritischen Theorie der Moral, in: R. Faber und E. Stölting (Hg.), Die Phantasie an die Macht? 1968 - Versuch einer Bilanz, Berlin/Wien 2002, S. 291-309.
    2 Zum Gnostiker oder besser: Marcioniten Adorno vgl. u.a. R. Faber, Politische Dämonologie. Über modernen Marcionismus, Würzburg 2007, Kap. I, 2.
    3 Vgl. D. Claussen, Hans-Jürgen Krahl - Ein philosophisch-politisches Profil, Frankfurt/M. 1985, sowie H. Reinicke, Für Krahl, Berlin 1973.
    4 Ausführlich: die 2009 bei Suhrkamp erscheinende Habil.-Schrift der in Seattle lehrenden Soziologin Eva-Maria Ziege "Antisemitismus und Gesellschaftstheorie. Die Frankfurter Schule im amerikanischen Exil".

    Klappentext

    Beim Begriff, schon Wort "Feld" denkt man heute zunächst an Pierre Bourdieus "Feld" im Plural: an mehr oder weniger autonome Mikrokosmen sui generis. Wir rekurrieren mit unserem Band-Titel jedoch auf den älteren und prinzipiell ethnologischen Wortgebrauch von "Feld", der gerade vom hohen Interdependenzgrad eines gewiss nicht einheitlichen - unter Umständen hoch diversifizierten und konfliktgeladenen -, jedoch singulären Feldes ausgeht. Keineswegs nur von der "Frankfurter Schule" handelnd, möchten wir - soweit irgend möglich - die Vielfalt der Frankfurter Kultur- und Sozialwissenschaften präsentieren und analysieren: in ihrem internen Zusammenspiel, aber auch in dem mit anderen kulturellen und sozialen Gruppen wie Institutionen der Stadt Frankfurt - und über sie hinaus.

    Dieser zweite Band ist, ohne 1945 zum Jahre Null zu hypostasieren, der Zeit nach diesem Einschnitt gewidmet. Der erste Band hat sich schwerpunktmäßig der Zeit vor 1945 zugewandt.


    ISBN 978-3-8260-3869-3