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| Inhalt | ||||||
| Vorwort | 7 | |||||
| Tom Fährmann : Das Glück des Augenblicks oder: Was treibt mich, so gern Kamera zu machen? | 10 | |||||
| Eberhard Geick : Kein Licht ohne Schatten | 24 | |||||
| Philip Gröning im Gespräch mit Beatrice Ottersbach: Das, was du kontrollieren kannst, ist fast immer das Unwesentliche | 54 | |||||
| Jo Heim : Im Grunde ist die Wüste schuld | 78 | |||||
| Andreas Höfer im Gespräch mit Beatrice Ottersbach: Der Kameramann ist der Fokuspunkt einer Filmproduktion | 94 | |||||
| Florian Hoffmeister : Bilder machen, die uns beim Denken voranbringen | 110 | |||||
| Bernhard Jasper : Wir sind der Kreativpartner des Regisseurs | 116 | |||||
| Judith Kaufmann im Gespräch mit Beatrice Ottersbach: Filmemachen hat im schönsten Fall etwas mit Entblößung zu tun | 128 | |||||
| Hanno Lentz : Keine Einstellung ohne Einstellung | 138 | |||||
| Sophie Maintigneux : Ein paar Bekenntnisse | 152 | |||||
| Diethard Prengel im Gespräch mit Stephan Vorbrugg: Ich bin der erste und letzte Zuschauer | 164 | |||||
| Von Thomas Riedelsheimer : Vom Bilderfinden | 182 | |||||
| Gernot Roll im Gespräch mit Beatrice Ottersbach: Die Kamera spielt immer mit | 194 | |||||
| Thomas Schadt im Gespräch mit Hans Helmut Prinzler: Bilder müssen atmen | 216 | |||||
| Matthias Schellenberg : Vom Suchen und Finden der Bilder | 238 | |||||
| Jörg Schmidt-Reitwein : Ich muss Kameramann werden | 254 | |||||
| Philipp Sichler : Von da an begegnet mir Licht an jedem Tag, überall | 272 | |||||
| Jochen Stäblein : Wie lange kann man eigentlich auf den Schalter warten? | 286 | |||||
| Yvonne Tratz im Gespräch mit Beatrice Ottersbach: Ich sehe uns als Bereicherung | 296 | |||||
| Wolfgang Treu : Wie verhalte ich mich wann? | 316 | |||||
| Glossar | 329 | |||||
| Dank | 332 | |||||
Vorwort
In den Monaten der Entwicklung dieses Buchs habe ich nach und nach das Gefühl gewonnen, dass Kamerafrauen und -männer die glücklichen Vertreter der Filmberufe sind. Das fiel mir schon an den Reaktionen zu unserer Anfrage, an diesem weiteren »Bekenntnis«-Band mitzuwirken, auf. Nur wenige Tage nach unserer Anfrage hatten sich die meisten Teilnehmer dieses Buchs bereits gemeldet: Ja, sie hatten Lust zu schreiben oder sich in Gesprächen mitzuteilen.
Kameraleute werden seltener zu Wort gebeten als Regisseure, Schauspieler oder Drehbuchautoren - sie sind Menschen des Bildes und werden oft ausschließlich als solche betrachtet. Ich hatte, um ehrlich zu sein, mit sehr technischen und dadurch vielleicht auch teilweise spröden Beiträgen gerechnet. So ist das mit Vorurteilen...
Mir wurde dann im Laufe der Gespräche klar, warum Kameraleute so etwas Positives ausstrahlen: Sie haben eine eigene, klare Position im Prozess des Filmerzählens. Bernhard Jasper beschreibt hier einen wesentlichen praktischen Aspekt: »Es (ist) teilweise ein sehr handwerklicher Beruf, von dem die meisten Menschen, die in den Bereichen Produktion, Redaktion und Verleih tätig sind, keine Ahnung haben. Somit will auch nicht jeder mitreden. Alle versuchen, sich ins Buch, ins Casting, in die Musik und in den Schnitt einzumischen, doch die wenigsten trauen sich, etwas gegen die Kamera zu sagen.« Ein gnädiger Zustand, von dem die meisten Drehbuchautoren nur träumen können. Sieht sich zudem der Kameramann einen Film an, den er fotografiert hat, sieht er seine eigenen Bilder - und zwar nur seine Bilder von Anfang bis Ende des Filmes. Natürlich hat er wie alle anderen in Zeit- und Geldnot gearbeitet, natürlich haben viele Bilder den Schnitt nicht überlebt. Aber jedes Bild, das er auf der Leinwand, auf dem Bildschirm sieht, ist seins. Und so kommt es, dass die Kamerafrau Yvonne Tratz ihren Berufstand in aller Bescheidenheit - und das meine ich keinesfalls ironisch - wie folgt beschreibt: »Ich halte uns für eine Bereicherung.«
»Kameraarbeit ist Erzählarbeit« (Hanno Lentz), ist Kommunikation. Kameraarbeit ist »Worte in Bilder übersetzen« und »die richtigen Bilder finden«. Man mag sich fragen, was ein »richtiges« und ein »falsches« Bild ist. Objektiv gibt es natürlich weder das eine noch das andere. Fakt ist jedoch, dass viele Autoren diese oder ähnliche Qualifizierung verwenden. Und dann gibt es die »richtig falschen« Bilder, die u.a. Gernot Roll einfordert. Denn Kameraarbeit ist zwar von Präzision und von Technik nicht zu trennen, aber ebenso wenig von Kreativität, Einfühlungsvermögen, Neugierde und Nachdenken - über die Geschichten, über die Figuren und die Welt, die sie erzählen - um, wenn möglich, »Bilder (zu) machen, die uns beim Denken voranbringen« (Florian Hoffmeister). »Mein Job hat, so merkwürdig es klingen mag, sehr viel mit Zuhören zu tun. Denn ich muss verstehen«, sagt Andreas Höfer.
Und natürlich bedeutet Kameraarbeit vor allem Sehen. »Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Kameramann die Welt nicht neu erfinden muss, wenn er es gelernt hat, genau zu sehen, zu betrachten«, schreibt Tom Fährmann. Die Frage ist: Kann man sehen lernen? Die Kamera sieht mehr als in einem einzelnen Bild, in der Kadrage festgehalten werden kann. Die Kunst der Kamera liegt auch in der Entscheidung, was festgehalten und was im Schatten, oder was außerhalb des Bildes bleiben muss. »Wenn du in der Kameraarbeit glaubst, du wüsstest ganz genau, was wie wo ganz genau angeschaut werden muss, dann siehst du schon nichts mehr«, sagt Philip Gröning und folgt: »Wenn du etwas sehr genau anschaust, dann bist du anders in der Welt als vorher.« Für Thomas Riedelsheimer sind »gute Bilder weniger Ausdruck dessen, was wir Realität nennen, sondern vielmehr von der Achtsamkeit des Bildermachers«.
Die Kamera ist der Regie untergeordnet und muss der Geschichte und dem Film »dienen«. Eine Formulierung, die immer wieder in diesem Buch vorkommt. Über die ideale Beziehung zwischen Regie und Kamera, über die Nähe der Kamera zu den Schauspielern, über Sinn und Unsinn von Storyboards und Auflösung1 , über Vor- und Nachteile von Filmmaterial und/oder Video, über den Umgang mit Licht wird hier mitunter kontrovers diskutiert. Klar ist jedoch: Die Kamera ist nicht neutral. »Filmemachen hat im schönsten Fall etwas mit Entblößung zu tun« (Judith Kaufmann), folglich stellt mein Ko-Herausgeber Thomas Schadt über die Position hinter der Kamera fest, »gibst du ja selbst auch ein Bild ab«. Die Kamera muss also wie Schauspieler dem Projekt entsprechend besetzt werden. Wie nahe geht man dann mit der Kamera an Menschen, an Gefühle, an Orte heran? Kameraarbeit ist ein Balance-Akt - mit dem Stoff, den Darstellern, dem Team, der Technik. »Jeder vertraut sich dem anderen an, jeder nimmt vom anderen. Man muss nur die richtige Distanz finden - mit der Kamera und mit dem Herzen«, so Sophie Maintigneux.
Die Arbeit mit der Kamera ermöglicht die unterschiedlichsten Begegnungen mit Menschen, Orten, Geschichten. »Ich schenke Dir meine Kreativität und Lebenszeit, Du schenkst mir Deine Geschichte, neue Erfahrungen und Begegnungen« (Philipp Sichler). Die persönliche Chemie mit der Regie, der Crew, der Produktion hat eine immense Bedeutung - und Inkompatibilitäten sind nicht immer so amüsant wie Jörg Schmidt-Reitwein seinen »Lieblingsrausschmiss« beschreibt. Wolfgang Treu hat sogar eine »Kleine angewandte Psychologie für Kameraleute« geschrieben und erinnert darin nüchtern: »Bedenke immer, dass man von Dir nicht primär >Kunst< erwartet. Du wirst von der Produktion engagiert, damit Du effizient und vor allem schnell arbeitest.« Effizienz, so habe ich aus den Texten abgeleitet, hat zum einen viel mit Präzision, Schnelligkeit, Erfindungsgeist, physischer Ausdauer, Diplomatie - und wenn möglich mit Gelassenheit -, zum anderen aber ebenso mit Flexibilität und der Fähigkeit umzudenken zu tun. Denn, so gut alles auch geplant sein mag, oft kommt es nun doch anders als gedacht: »Nicht selten ist eigentlich alles anders« (Jochen Stäblein). Vielleicht weil das Wetter am Drehort es so will, oder vielleicht aber auch weil es doch spannendere Lösungen gibt als die, die angedacht waren, weil der Zufall und das Zusammenspiel zwischen Menschen und Orten wichtige Partner oder Herausforderer der Kamera sein können.
Der Beruf der Kamerafrau, des Kameramanns ist im Umbruch. Die digitale Filmproduktion verändert das Berufsbild und wird es in Zukunft noch stärker tun. Über die Zukunft des Berufs sind sich die Autoren nicht einig. Es bleibt allerdings ein »Entwicklungsprozess, in dem sich meine Standards ständig verändern und neu definieren. Anders geht es nicht«, sagt Diethard Prengel.
Mir sagte ein gestandener, erfolgreicher Produzent, dem ich von diesem Buch erzählte: Würde er heute seine Berufswahl neu treffen, würde er Kameramann werden. Er hätte leider zu spät verstanden, dass dies der befriedigendste Beruf in dieser Branche ist. Vorstellbar ist es.
Beatrice Ottersbach
| 1 | Am Ende dieses Buchs haben wir ein kleines Kamera-Glossar mit Begriffen, die regelmäßig in und um die Kameraarbeit vorkommen, aufgestellt. |
Praxis Film 41
Auch wenn man ihre Namen kaum kennt, so sind doch die Kamerafrauen und -männer hauptverantwortlich für die visuelle Umsetzung eines Drehbuchs. Einblicke in ihre Arbeit geben Tom Fährmann (»Das Wundervon Bern«), Eberhard Geick (»Der Aufenthalt«), Philip Gröning (»Die große Stille«), Jo Heim (»7 Zwerge - Männer allein im Wald«), Andreas Höfer (»Sommer vorm Balkon«), Florian Hoffmeister (»One Day in Europe«), Bernhard Jasper (»Meine verrückte türkische Hochzeit«), Judith Kaufmann (»Scherbentanz«), Hanno Lentz (»Kirschblüten - Hanami«), Sophie Maintigneux (»Heidi M«), Diethard Prengel (»Fußball ist unser Leben«), Thomas Riedelsheimer (»Rivers and Tides«), Gernot Roll (»Die Manns«), Thomas Schadt (»Berlin - Symphonie einer Großstadt«), Matthias Schellenberg (»Die fetten Jahre sind vorbei«), Jörg Schmidt-Reitwein (»Nosferatu: Phantom der Nacht«), Philipp Sichler (»Lulu«), Jochen Stäblein (»Neues vom Wixxer«), Wolfgang Treu (»Das Schloss«), Yvonne Tratz (»Die Sturmflut«).
Beatrice Ottersbach ist freie Herausgeberin und hat zahlreiche Bücher zu Theorie und Praxis von Film und Fernsehen verantwortet. Thomas Schadt ist Professor an der Filmakademie Baden-Württemberg und seit 2005 auch deren künstlerischer Direktor. Er arbeitet als Fotograf, Kameramann, Buchautor und freier Dokumentarfilmer.
www.uvk.de
UVK Verlagsgesellschaft
ISBN 978-3-86764-055-8
Tom Fährmann wird 1956 in Duisburg geboren. Er studiert Kunstpädagogik an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster und beginnt dann 1982 das Studium an der HFF München. Er dreht Werbefilme und beginnt dann 1993 die Zusammenarbeit mit Nico Hofmann ( Der letzte Kosmonaut, 1993; Der Sandmann, 1995; Es geschah am helllichten Tag, 1997). Ab 1996 arbeitet er regelmäßig mit Sönke Wortmann ( Das Superweib, 1996; Der Campus, 1998/ Bayrischer Filmpreis Kamera St Pauli Nacht, 1999; Das Wunder von Bern, 2003). Für Volker Schlöndorff fotografiert er Ulzhan - Das vergessene Licht (2007/ Nominierung Deutschen Filmpreis »Beste Kamera«)
Tom Fährmann arbeitet auch als freier Fotograf. Er lebt in München. www.tomfaehrmann.de www.abovetheline.de
Nach 320 Seiten Kamerabekenntnisse bin ich um einige Einsichten reicher. Wenn ich mich in Zukunft über die Hintergründe eines Films erkundige, werde ich auch den Abschnitt >Kamera< mit mehr Aufmerksamkeit lesen. Und jeden Film mit etwas anderen Augen sehen, - durch das Motiv des Kameramanns. (selbstausbildung.de, 27.08.2008) Die Liste der auf dem Backcover aufgeführten Filme ist beeindruckend und zeigt nur deutlich unser Unwissen, was die Leute hinter der Kamera betrifft: >Die große Stille<, >Kirschblüten - Hanami<, >Rivers and Tides< oder >Nosferatu: Phantom der Nacht<. (ekz-Informationsdienst, 18.08.2008) Bisweilen kontrovers werden in Kamerabekenntnisse die ideale Beziehung zwischen Regie und Kamera diskutiert, die Auflösung, der Sinn oder Unsinn von Storyboards, die Vor- und Nachteile von Filmmaterial und Video, der Umgang mit Licht - und dennoch sind all die Ausführungen wenig technikverliebt und beileibe nicht so spröde wie man es erwarten könnte. Auch im Textlichen bewähren sich die deutschen Kameraleute - und die Berliner Französin Maintigneux - entsprechend ihrer Berufung und finden gelungene Bilder. (kino-zeit.de, 06.10.2008) Die Beiträge erfahrener Kameramänner wie Gernot Roll, Jörg Schmidt-Reitwein oder Eberhard Geick ("Solo Sunny") sind komprimierte Autobiografien. Das hat seinen Reiz, weil die Herren die Entwicklung ihres Metiers schildern, zumal alle drei ihren Beruf in der DDR erlernt haben und später in den Westen übergesiedelt sind. Ausgerechnet Roll, der Kamera und Regie des öfteren in Personalunion erledigt hat ("Radetzkymarsch", "Friedrich Freiherr von Trenck" - Zwei Herzen gegen die Krone"), prophezeit den Untergang des Berufs. (Neue Westfälische, 03/2009) Zwanzig Kameraleute berichten aus ihrem Arbeitsleben. Spannend für jeden, der auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache ist. (Videofilmen, 04/2010)