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VORWORT

Die reichen Bestände der Plakatsammlung des Museum für Gestaltung Zürich eröffnen komplexe Untersuchungsfelder. Fragen zur ästhetischen Entwicklung und Gestaltung des Plakats bilden dabei nur einen der Schwerpunkte. Als das meistverbreitete Massenmedium kann das Plakat auch als visuelle Anthropologie gelesen werden. Es spiegelt historische, soziale, politische und psychologische Prozesse innerhalb einer Gesellschaft und ermöglicht Vergleiche zwischen den Kulturen. Die vorliegende Publikation veranschaulicht dies besonders eindrücklich. Zur Debatte steht die Darstellung von Politikerinnen und Politikern im Plakat, aber auch ihre Dekonstruktion. Interessant ist dabei nicht nur die Entwicklung des medialen Auftritts im Laufe der Zeit, sondern auch der Blick über verschiedene Landes- und Systemgrenzen hinweg.

Das politische Bildplakat wurde in den Jahren des Ersten Weltkriegs als effizientes Propagandamittel entdeckt. Erkenntnisse der Werbepsychologie erwiesen sich dafür als äußerst tauglich. Als Werbeträger für Wahlen und Abstimmungen, Partei- oder Staatspropaganda sowie im Dienst von Krieg und Personenkult hat sich das politische Plakat bis heute breit etabliert. Auch als wirkungsvolles Medium zur Verbreitung oppositioneller Ideen wird es intensiv genutzt. In der westlichen Öffentlichkeit dominiert gegenwärtig das Wahlplakat, das meist mit Porträts der Kandidatinnen und Kandidaten wirbt. In weniger demokratischen Gesellschaften spielt das Personenkultplakat noch immer eine tragende Rolle. Sowohl Wahl als auch Personenkultplakate folgen dabei strategisch und rhetorisch nach wie vor gängigen PR-Konzepten: Köpfe funktionieren als Markenzeichen in der öffentlichen Diskussion, die sich meistens auf Zustimmung oder Ablehnung beschränkt. In dieser konsensorientierten Ästhetik fallen nur wenige Plakate auf, die inhaltlich und visuell differenzierter argumentieren. Hingegen erproben - zumeist in Eigeninitiative entstandene - Plakate, die die Demontage politischer Kräfte verfolgen, oft innovative formale und inhaltliche Ansätze. Gerade das Nebeneinander von Wahlpropaganda und Demontageplakat spiegelt die politische Diskussionskultur wider und wird zum fruchtbaren Gegenstand für Fragen der Wirkungsästhetik.

Für diese Publikation konnte einerseits auf den großen Sammlungsbestand zurückgegriffen werden. Neben schweizerischen Wahl- und Abstimmungsplakaten gehören dazu internationale Plakate aus historischen Epochen, in denen politische Umbrüche neuen Gestaltungsmitteln zum Durchbruch verhalfen. So umfasst die Sammlung wichtige Plakatbeispiele aus der jungen Sowjetunion, dem Spanischen Bürgerkrieg, dem revolutionären Kuba oder dem Pariser Mai 1968. Andererseits haben gezielte Akquisitionen zum internationalen Wahl- und Personenkultplakat diesen Bestand bereichert. Sie belegen eindrücklich, dass die bildliche Ikonografie des politischen Plakats durchaus erweiterbar ist und noch immer Überraschungen birgt.

Bettina Richter

FOREWORD

The rich holdings of the poster collection of the Museum für Gestaltung Zürich offer the possibility for complex and varied fields of investigation. An inquiry into the aesthetic and design evolution of the poster is just one area of focus. As the most widereaching mass medium, the poster may also be understood as a form of visual anthropology. A mirror of historical, social, political, and psychological processes of a society, the poster allows a comparison of the cultures from which they spring -a task this present publication effectively demonstrates. The subject of the present debate is the representation of politicians on posters, and extends to the use of posters for the deconstruction of the same. We are concerned not only with the visual evolution of the medium over time, but also with a perspective that looks beyond national borders and political systems.

During World War I, the political poster proved to be an efficient propaganda tool, served by the then-growing understanding of the psychology of commercial advertising. Indeed, as a form of advertising for elections and referenda, for party or state propaganda, and in the service of war or personality cults, the political poster has become ubiquitous. It is also employed with equal intensity and effectiveness as a medium for the dissemination of dissenting ideas. In Western democracies, campaign posters predominantly feature portraits of the candidates; in less democratic societies, posters serve as an important instrument to extend what is often a cult of personality. Nonetheless, both democratic campaign posters and those serving personality cults follow common PR strategies and rhetoric: portraits function as trademarks in public debate, which is usually limited to consent or dissent. Within this consensus-oriented aesthetic, only a few posters stand out for their subtler arguments, both visually and in terms of content. By contrast, posters that attempt to disarm or counteract political forces-usually created at the designer's own initiative-often display innovative approaches to form and content. The juxtaposition of election propaganda and such denunciatory posters faithfully reflects a contentious political culture and offers a fertile subject for an examination of the power of aesthetics.

This publication is based in part on the museum's own substantial holdings. In addition to posters from campaigns and referenda in Switzerland, it includes international posters from historical eras during which political upheavals contributed to novel innovations in design media. The collection includes important examples of posters from the young Soviet Union, the Spanish Civil War, from revolutionary Cuba, and Paris of May 1968. Specific acquisitions from around the world of election posters or posters buttressing personality cults, enrich these holdings. Taken together they reflect the expansive range of the visual iconography of the political poster, a medium capable of harboring innumerable surprises.

Bettina Richter


 
   


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