Vorwort
Nun fugen wir dem Bücherberg, der sich bereits rund um Paracelsus auftürmt, also noch ein weiteres Werk hinzu! Doch im Gegensatz zu den vielen eher medizinphilosophisch oder biografisch gehaltenen Schriften, die über Paracelsus verfasst wurden, ist unser Anliegen vor allem, einen umfassenden Einblick in seine Kräuterkenntnisse zu ermöglichen und diese in die Praxis zu übertragen. Bislang wurden nur Teilaspekte seiner Kräuterkunde hervorgehoben. Natürlich konnten auch wir nicht vollständig sein, aber es ist uns hoffentlich gelungen, einen Großteil des paracelsischen Heilkräuterschatzes für die heutige Zeit nutzbar zu machen.
Um im Sinne des Paracelsus zu handeln, haben wir uns redlich bemüht, vor allem jene Aussagen und Kräutererkenntnisse in den Vordergrund zu stellen, die für uns in der Natur nachvollziehbar und in der Praxis oder am eigenen Leib erfahrbar waren. Wie einst Paracelsus trauen auch wir den "papiernen Büchern" ebenfalls nur bedingt und halten das gezielte Erproben von Gehörtem, Gelesenem und Überliefertem für die Basis der Heilkunst.
Außerdem sind wir gemäß der Forderung des Paracelsus so oft wie möglich "durch der Natur Examen gegangen". Wir haben unsere Freizeit den Natur- und Signaturstudien gewidmet und sind während unserer Urlaube auf den Spuren des Paracelsus gewandelt.
Seit vielen Jahren integrieren wir seine Sichtweise, vor allem die Signaturenlehre, in unsere Lehrtätigkeit und berücksichtigen seine Heilpflanzenerkenntnisse in unserer Naturheilpraxis. Nur so war es uns überhaupt möglich, die im Gesamtwerk zerstreuten Informationen über Heilpflanzen sinnvoll zu bündeln, was bei einigen tausend Seiten nicht immer leicht war. Denn schon C. G. Jung bemerkte so treffend: "Alles ist bei ihm (Paracelsus) übertrieben. Lange dürre Wüsten wilden Geschwätzes wechseln ab mit Oasen überquellenden Geistes, dessen Leuchtkraft erschüttert und dessen Reichtum so groß ist, dass man das leidige Gefühl, irgendwo habe man die Hauptsache übersehen, nie mehr loswird" (2001).
Oft genug war es auch für uns erschütternd, während der Recherche die philosophische Tiefe seiner Weltvorstellung zu erkennen und die universelle Gültigkeit seiner Erkenntnisse zu ahnen. Emil Schlegel nannte ihn treffend einen "Wahrheitsforscher" - und Wahrheit hat eben kein Verfallsdatum.
Natürlich war es uns bereits zu Beginn dieses Buchprojekts klar, dass es mehrerer Leben bedurft hätte, um die Werke des Paracelsus vollständig zu durchleuchten und all seine Weisheiten unmittelbar zu erfahren und zu erforschen. Doch wir wollten uns weder durch unsere eigenen Ansprüche noch durch die Ansprüche anderer lahmen lassen, denn das Heilkräuterwissen des Paracelsus soll endlich einer breiteren Leserschaft zur Verfügung gestellt werden, so wie es mit der Klostermedizin und speziell mit der Hildegard-Medizin bereits geschehen ist. Natürlich kannte Paracelsus die in den Klostergärten gezogenen Heilpflanzen und die Klostermedizin seiner Zeit. Seine Kräuterkunde umfasst jedoch ein viel breiteres Spektrum, das unter anderem herbalmagische Kenntnisse der alten Kräuterweiber und der Fahrenden, Erfahrungen der Bauerndoktoren, aber auch alchimistisches Wissen berücksichtigt und den Umgang mit exotischen Heilpflanzen einschließt. Mit unserem Buch Paracelsusmedizin haben wir vor einigen Jahren den Anfang gemacht, die Gedanken des Paracelsus einer breiten Leserschaft vorzustellen; mit dem vorliegenden Titel wollen wir dieses Bestreben nunmehr fortsetzen.
Paracelsus erweist sich immer wieder als unerschöpfliche Wissensquelle, und seine Botschaften sind auch nach 500 Jahren keineswegs veraltet. Was er uns in Bezug auf Heilkräuter kundtat, kann in den meisten Fällen den modernsten wissenschaftlichen Untersuchungen standhalten - man denke dabei etwa nur an die Psychoregulation mit Johanniskraut, deren Vater er war. Aber auch seine Pest- und Wundarzneien, die Heilkräuter für Magen und Darm, seine Konzepte zur Entgiftung oder seine Lebenselixiere können auch heute noch die Naturheilkunde wesentlich bereichern. Paracelsus ist und bleibt eine ewige Quelle der Inspiration für alle, die sich für Pflanzenheilkunde interessieren. Bei keinem anderen findet man einen so breiten Fächer der Heilpflanzenbetrachtung, denn er scheute sich nicht, sein Wissen aus allen erdenklichen Quellen zu schöpfen, die sich sogar bis zu den ägyptischen Mysterienkulten zurückverfolgen lassen.
Altes Wissen ist nicht veraltet, sondern die Wurzel unseres heutigen Denkens und Handelns. Wohin die Reise geht, ist jedoch wesentlich davon abhängig, ob man diese Wurzeln in Ehren hält oder nicht - denn was ist eine Pflanze ohne ihre Wurzeln und was ist eine Kunst ohne ihre Lehrmeister? In diesem Sinne würden wir uns wünschen, mit diesem Buch dazu beizutragen, dass man sich zum Wohl der Kranken und Bedürftigen wieder mehr an die Weisheit dieses Meisters der Heilkunst erinnert und sein Wissen auch anwendet, welches im Wesentlichen noch heute die Grundlage der Naturheilkunde bildet.
"Es bedarf eines langen Studiums, um zu erkennen, dass die paracelsischen Anweisungen nicht Vergangenheitswert haben, sondern zukunftstragend sind, wenn man erst einmal einsieht, was seine Begriffe und Worte bedeuten, die dem naturwissenschaftlichen Bewusstsein ganz fremd erscheinen und oft auch verlacht wurden. Oft mutet es an, als spräche aus Paracelsus ein ganz modernes, geisteswissenschaftlich geschultes Bewusstsein, für das die damalige Sprache noch nicht die Mittel zum Ausdruck besaß." (W. Chr. Simonis, 1981)
Zur Quellenlage und zur Sprache des Paracelsus
Sofern nicht anders angegeben, sind sämtliche Paracelsuszitate in diesem Buch unter Angabe von Band (I bis IV) und Seitenzahl der Übertragung von Bernhard Aschner entnommen (siehe Literatur).
Die meisten Werke des Paracelsus wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht - vor allem von Johannes Huser, der zwischen 1589 und 1605 die Schriften des Paracelsus sammelte und als Gesamtwerk herausgab. Es versteht sich von selbst, dass dieses Werk nicht leicht zugänglich ist. So muss man etwa zu seinem Studium Bibliotheken besuchen, Fraktur lesen können, Latein beherrschen und sich mit einem für unsere Zeit völlig ungewöhnlichen Stil auseinandersetzen. Bis zur Übertragung der Schriften durch Karl Sudhoff zwischen 1922 und 1933 war die Husersche Ausgabe die einzige Quelle, und selbst die Sudhoff-Ausgabe ist immer noch schwer lesbar. Für geschulte Leser und für Philologen ist sie sicher die beste Grundlage, um sich die komplexen Weltvorstellungen zu erarbeiten; doch dies erfordert sehr viel Zeit und Mühe.
So verwundert es nicht, dass die Werke des Paracelsus nur von wenigen gelesen wurden. Dies wäre sicher so geblieben, wenn sich nicht Bernhard Aschner parallel zu Karl Sudhoff ebenfalls an eine Übertragung gewagt hätte, mit der er das Werk für die Praxis nutzbar machen wollte. Er wurde hierfür von Paracelsusforschern sehr angegriffen, doch "nur durch eine leicht lesbare sinngemäße Übersetzung des Hohenheimschen Gesamtwerkes kann (...), unbeschadet vereinzelter Unklarheiten, ein Einblick in die bisher der Allgemeinheit so gut wie ganz verschlossene Schatzkammer der paracelsischen Geisteswelt gewonnen werden" (B. Aschner, 1930/1993; 11/910).
Wir sind derselben Meinung wie Bernhard Aschner und haben uns daher entschlossen, seine vierbändige Ausgabe der Paracelsuswerke als Grundlage zu verwenden, denn ein Buchprojekt dieser Art, das sich an ein breites Leserpublikum wendet, würde sein Ziel verfehlen, wenn es nicht versuchen würde, so verständlich wie möglich zu sein. Von den alten Kräuterbüchern (Bock, Fuchs oder Tabernaemontanus) und auch von vielen Schriften zur Alchimie liegen allerdings keine Übertragungen vor, so dass wir hier die Originaltexte verwendet haben.
Zum Studium des Paracelsus gibt es zahlreiche Sekundärwerke. Besonders lohnend sind die Schriftenreihen der Schweizerischen Paracelsusgesellschaft (Nova acta Paracelsica) und der Internationalen Paracelsus Gesellschaft (Salzburger Beiträge zur Paracelsusforschung), siehe Literaturverzeichnis.
Wir sind uns sehr wohl darüber im Klaren, dass die Ausgabe von Aschner nicht vollkommen ist. Und so wäre es natürlich wunderbar, wenn sich ein sachkundiger Geist erneut an das Martyrium einer sprachlichen Überarbeitung wagen würde.
Olaf Rippe, Margret Madejsky
München, Juni 2006