Vorwort
Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit
Soll sich ein Journalist, der über Mathematik schreibt, von dem Grundsatz «Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit» leiten lassen? Eine Tages oder Wochenzeitung stellt andere Anforderungen als ein Aufsatz für eine mathematische Fachzeitschrift: Der Fachmann will Fachkollegen ansprechen - manchmal bloss wenige Dutzend Experten -, die verpflichtet sind, die Literatur zu kennen. Der Journalist will so viele Leser wie möglich ansprechen, auch Leute, die sich eigentlich nicht für Mathematik interessieren.
Der Fachmann erwartet, dass sich der Leser durcharbeitet, auch wenn es Mühe bereitet. Der Journalist muss es den Lesern leicht machen. Der Fachmann will auf streng rigorose Weise bewiesene Resultate mitteilen. Der Journalist will informieren, aber auch amüsieren.
Ein Fachartikel wird auch in vielen Jahren oder Jahrzehnten noch zitiert werden, und ein Fehler kann auch viel später bemerkt werden. Zeitungsartikel und etwaige Fehler sind nach einem Tag meist vergessen. In der Fachzeitschrift hat man so viel Platz wie benötigt. In der Zeitung gibt es nur beschränkten Platz.
Auf diesem beschränkten Platz sollte ein Zeitungsartikel über Mathematik Folgendes enthalten: einen guten Titel, eine Erklärung des Problems, die Geschichte des Problems, den Hintergrund des Mathematikers, der es bekannt machte, erfolglose Beweisansätze, die Persönlichkeit des Mathematikers, der den Beweis lieferte, das Vorgehen beim erfolgreichen Beweis - oder zumindest die Beweisidee -, Implikationen des Theorems sowie Anwendungen. Und das alles muss mit 300, 500 oder im allerbesten Fall mit 1000 Worten geschehen. Also die Frage: Soll sich - kann sich - der Journalist unter diesen Umständen von der Maxime «Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit» leiten lassen?
Um es schon vorwegzunehmen: Als Mathematikjournalist kann man diesen Forderungen nicht restlos - und oft nicht einmal annähernd - gerecht werden. Ich selber habe mich in meinen Zeitungsartikeln über Mathematik in gewissem Masse der Übertretung aller drei Teile des Leitspruches schuldig gemacht. Also, wie soll sich ein Mathematikjournalist seiner Aufgabe stellen?
«Wahrheit» bedeutet, keine Unwahrheiten zu schreiben.
Mathematik ist abstrakt (nicht wie Biologie, Medizin oder Physik). Um einem Nichfachmann einen abstrakten Zusammenhang zu erklären, behilft man sich oft mit Analogien, mit anschaulichen Beispielen, auch wenn sie ein wenig danebenliegen. Zum Beispiel kann Graphentheorie mit Spinnennetzen veranschaulicht werden.
«Die ganze Wahrheit» bedeutet, keine Halbwahrheiten zu verbreiten.
Mathematik muss rigoros sein, alle Spezialfälle müssen durchgearbeitet werden. Jede kleine Lücke muss geschlossen werden. In der Zeitung hingegen muss ein Theorem oft auf ein Beispiel reduziert werden, oder es kann bloss ein einziger Spezialfall erklärt werden. Manchmal kann man ein Theorem auch bloss durch seine Folgen fürs tägliche Leben, durch seine Anwendungen erläutern.
Der Journalist kann höchstens eine Idee davon geben, wie der Mathematiker vorgegangen ist, wie ein Beweis aussehen muss, damit er gültig ist. Dass dabei viel von Mathematikern zu Recht verpöntem «Handwaving» verwendet werden muss, ist leider unumgänglich.
Und so beschränkt sich der Journalist bei der poincareschen Vermutung zum Beispiel auf eine Erklärung des zweidimensionalen Falles, obwohl die berühmte Vermutung ja den dreidimensionalen Fall betrifft. Zur Erklärung der Radon-Transformation wird am besten auf deren Verwendung in der medizinischen Bildgebung verwiesen. Und dass Differenzialgleichungen auch auf numerischem Weg gelöst werden können, das müssen wohl Mathematikstudenten wissen, aber Allgemeinleser muss man damit nicht aufhalten.
«Nichts als die Wahrheit» bedeutet, keine Wahrheiten vermischt mit Irrelevantem, Irreführendem wiederzugeben.
Der Journalist muss Mathematik veranschaulichen und auch denjenigen Lesern näher bringen, die sich nicht unbedingt für Mathematik interessieren. Dazu muss der Artikel interessant sein und nicht nur die trockene Mathematik enthalten. Leser interessieren sich auch für das Menschliche, und diesem Verlangen muss der Journalist entgegenkommen. Hintergrund und die Persönlichkeiten, die hinter den Theoremen stehen, finden das Interesse der Leser, obwohl sie nichts mit der eigentlichen Mathematik zu tun haben. (Die faszinierende Persönlichkeit eines Mannes wie Grigori Perelman ist in dieser Hinsicht bloss das jüngste Beispiel.)
Und dass für die Beweise der sogenannten Millenniumprobleme Preise von je einer Million Dollar ausgesetzt sind, hat mit Mathematik gar nichts zu tun. Trotzdem dürfen Journalisten diese Information nicht auslassen, wenn sie einen Zeitungsartikel über diese Probleme schreiben.
Übrigens bedeutet dies alles, dass gelegentlich auch Skandale oder Hinweise auf fehlerhafte Beweise - mit der zugehörigen Schadenfreude - ihren Weg in die Zeitung finden.
Zur Zusammenfassung: Journalisten produzieren keine neuen mathematischen Erkenntnisse. Mathematikern bieten sie höchstens die Dienstleistung, Experten in einem Spezialgebiet die Augen für ein anderes Spezialgebiet zu öffnen. Journalisten schreiben vor allem für die Allgemeinleser. Diese müssen heran
gezogen, informiert und auch amüsiert werden. Dabei kann man nicht immer die Wahrheit, nicht immer die ganze Wahrheit, dafür manchmal aber auch etwas mehr als die Wahrheit schreiben.