Vorwort
Dieses daunenweiche Glücksgefühl! Beim Zurückdrehen des Zeitrads in die frühe Kindheit ist es sofort präsent, zusammen mit einer unvergesslichen Handbewegung: dem Schütteln des kleinen Kissens, ein Hin und Her, bis eine Ecke leer von Daunen war, der Stoff vor die Nase zu liegen kam und Mittel- und Zeigefinger darüber hinweg die Nasenflügel kitzelten - ein unverzichtbares Ritual beim Einschlafen. Es war, als ob es die notwendige Ruhe aus den Tiefen der Seele geholt habe. Die wenigen Nächte, in denen das Kissen den Weg in den Koffer nicht gefunden hatte oder aus anderen Gründen irgendwo liegen geblieben war, sind mir in bleibender Erinnerung. An einen Ersatz war nicht zu denken. An Schlaf sowieso nicht.
Bald schon wurde es komplizierter. Auch mit dem Kissen begann der Schlaf sich zu zieren, und in fremden Betten erschien er gar nicht. Manche Nächte zogen sich wie Wochen hin. Weder löffelweise Baldrian noch Schäfchenzählen halfen - auch ganze Herden nicht. War ich bei tausend angekommen, kamen Variationen zum Zug: immer eine Ziffer auslassen, dann zwei, vorwärts, rückwärts.
Später wurden die Schafe vom Belauschen des hämmernden Herzens verdrängt, vom Rauschen des Bluts in den Ohren, vom Pulsschlag unter der Bauchdecke. Die Gedanken wirbelten wie im Tumbler, und mitunter schien es unmöglich, den Körper zu entspannen. Stattdessen waren die Nächte dadurch unterbrochen, dass ich aufstand, durch die Wohnung schlich, las - und bereits wenig später nicht mehr wusste, was -, Schach gegen mich selber spielte, bei geöffnetem Fenster in die schlafende Nachbarschaft eintauchte. Wenn der Tag graute, legte sich die Müdigkeit wie ein Mantel um die Schultern. Doch die Erfahrung, nach ein oder zwei Stunden Schlafes aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wer ich war, hielt mich davon ab, der Müdigkeit nachzugeben. Hie und da kam mir Gregor Samsa in den Sinn, der Protagonist aus Kafkas Erzählung Die Verwandlung, der eines Morgens nach unruhigen Träumen als menschengroßes Ungeziefer in seinem Bett lag und auf die Frage, was mit ihm geschehen sei, keine Antwort fand. Ich fand auch keine. Doch beschäftigte mich immer mehr, wo und wer wir sind, wenn wir schlafen; was mit uns geschieht, wenn wir nicht schlafen; ob wir uns nach dem Einschlafen in eine andere Person verwandeln und nach dem Aufwachen noch dieselben sind wie vor dem Einschlafen; ob unser Leben ein Traum und die Träume Wirklichkeit sind.
Es kam eine Phase, in der der Schlaf während fünf aufeinanderfolgenden Nächten streikte. Die Konzentration ließ von Tag zu Tag nach, der körperliche Energietank war leer, ich vermied jeden überflüssigen Schritt, die Nerven lagen blank: Gewohnte Töne wie das Klingelzeichen des Telefons wurden zu Schreckmomenten. Schließlich beherrschte mich die Angst, den Verstand zu verlieren, wenn der Kopf nicht zur Ruhe käme. Doch dieser muss selbst einen Ausweg gesucht haben: Die Erinnerung an diese Tage ist in Nebel gehüllt. Es schien, als gehörte ich nicht mehr zum Rest der Welt. Während andere einen Drittel ihres Lebens schlafend verbringen und jeden Morgen einen Neuanfang erleben, war mein Schlaf verloren gegangen. Morgens war ich dieselbe, die ich abends auch gewesen war. Das ist schwer zu ertragen, man braucht Pausen von sich selbst.
Inzwischen ist das Vertrauen wieder da, nachts nicht über mich selbst wachen zu müssen, die Augen getrost schließen zu können, vom Schlaf in die Arme genommen und bis in die Morgenstunden getragen zu werden. Das daunenweiche Glücksgefühl ist ebenfalls zurückgekehrt - auch ohne das kleine Kissen. Doch die Erinnerung an viele durchwachte Nächte führte dazu, mehr wissen zu wollen: über die harten Seiten des Nichtschlafs wie über die weichen des Tiefschlafs. Es folgten Gespräche mit Neurologen, Soziologen, Schlaf- und Traumforschern; mit Langschläfern, Kurzschläfern, Nachtaktiven, Tagträumern; mit Menschen, die schlafwandeln oder sich tagsüber gegen plötzliche Schlafattacken nicht wehren können; mit Experten über die Darstellung von Schlaf in der Kunst, gezielten Schlafentzug als Foltermethode, über die Verwendung von Schlaf in Märchen, das Zusammenschlafen.
Aus diesen Begegnungen entstand dieses Buch. Es fängt Geschichten rund ums Thema Schlaf ein und widmet sich jenem Zustand, von dem zwar jedes Kind weiß, was er ist, den wir aber nie bewusst erleben und deshalb auch nie genau wissen werden, was wir tun, wenn wir es tun.