Vorwort (2008)
Die Strategie der Vernunft erschien erstmals 1993 im Verlag Vieweg in der Reihe Wissenschaftstheorie - Wissenschaft und Philosophie. Der Autor, ein naturwissenschaftlich orientierter Philosoph, sah mit Befriedigung sein philosophisches Erstlingswerk in einer Reihe mit Werken von Hans Reichenbach, Imre Lakatos, Paul Feyerabend und anderen illustren Philosophen publiziert. Leider stellte der Verlag nach der Übernahme durch die Bertelsmanngruppe diese traditionsreiche, von Simon Moser gegründete Wissenschaftsreihe ganz ein. Das Buch wurde nicht mehr nachgedruckt und ist seit 2006 vergriffen. Eine Neuauflage erscheint aus mehren Gründen nötig.
Der erste Grund: Die Strategie der Vernunft von 1993 ist aktuell geblieben. Vernunft als Problemlösungsstrategie ist heute noch mehr als damals in der Lage, aktuelle Probleme der Moral und des politischen Zusammenlebens zu lösen. Die Strategie der Vernunft ist ein Plädoyer dafür, auch in moralischen Fragen die objektive Methode zu bevorzugen. Moralische Urteile müssen nicht länger auf dem Sieg im Parteienstreit beruhen, nicht auf Abstimmung, nicht auf Mehrheiten und schon gar nicht auf Konsens, sondern ihre Richtigkeit oder Falschheit kann objektiv festgestellt und unabhängig von Herkunft und eigener Überzeugung von jedermann nachgeprüft werden. Der unvermeidbare Dissens in unseren multikulturellen, pluralistischen Gesellschaften ist keine bedauerliche Störung, sondern der fruchtbarste Teil dieser Methode.
Der zweite Grund für eine Neuauflage ist, mit diesem Buch erneut der weitverbreiteten Meinung von Gegnern, Konkurrenten und sogar Vertretern des Kritischen Rationalismus zu widersprechen, eine Kritisch-Rationale Ethik gebe es nicht.
Auf beide Gründe gehe ich im Nachwort näher ein. Dort führe ich die Punkte auf, die ich für neu und wichtig halte, und mache es den Lesern leicht zu entscheiden, ob es eine Kritisch-Rationale Ethik gibt und ob das, was in der Erstauflage neu war, auch heute noch neu ist.
Über Vernunft, Metaphysik und Moral ist unendlich viel geschrieben worden. Dieses Buch ist keine Enzyklopädie. Enzyklopädisches Wissen ist dank moderner Speicher- und Zugriffstechniken heute überall verfügbar. Wissen kann jeder; aber Können kann nicht jeder. Dieses Buch ist eine Anleitung für Leser, die etwas können wollen: Vernünftig entscheiden, vernünftig leben und für soziale, politische, moralische, religiöse oder metaphysische Probleme Lösungen finden, die auch Andersdenkende nachvollziehen und womöglich akzeptieren können.
Die Strategie der Vernunft folgt den Gedanken Karl Poppers und seines britischen Rationalismus< und entwickelt sie weiter. Popper war es, der den Anfang machte, als er das >Erfolgsrezept< der Wissenschaftler beim Problemlösen erforschte und es für das politisch-soziale Alltagsleben aufbereitete. Genau dieses >Rezept< wird hier ausgearbeitet: mit einer einheitlichen Problemlösungsstrategie in Moral und Metaphysik, im Alltagsleben und in der Politik zu objektiven Beurteilungen über das Richtige und das Falsche zu kommen.
Karl Popper las 1992 das damals noch >Vernunft als Wille zur Problemlösung< betitelte Manuskript. Natürlich kritisierte er es. Er kritisierte, dass ich unter anderem die in der Literatur oft gestellte Frage diskutierte, ob sein >Falsifikationismus< denn selber falsifizierbar sei. Diese Frage schien ihm »geradezu dumm«. Genauso drastisch verurteilte er meine Seminare über die Wissenschaftstheorien von Thomas Kuhn, Imre Lakatos und Paul Feyerabend, die ich an den Universitäten Bamberg und Passau abhielt: »Solche Philosophen sollte man gar nicht unterrichten.« Dass ich gegenüber diesen Autoren sehr kritisch war, änderte an seiner Meinung nichts.
Popper fand aber auch sehr freundliche Worte: »... fundamental scheint mir alles, was Sie zu sagen haben, ausgezeichnet zu sein - den Nagel auf den Kopf zu treffen - und nicht zufällig! (Auch ist alles sehr originell.)«. Auf den unteren Rand seines Briefes schrieb dieser am wenigsten orakelnde aller Philosophen ein Orakel: »Neue Hoffnung für die Deutschen!«. Nachdem das Buch 1993 erschienen war, las er nochmals darin und schrieb: »Es ist mir wegen seines einfachen und unprätentiösen Stils sehr sympathisch. Das ist selten in deutschen Büchern - sogar solchen, die für den Kritischen Rationalismus eintreten«.
Dennoch, da es nichts gibt, das man nicht verbessern könnte, ist der Klarheit zuliebe in der jetzt vorliegenden >Strategie< fast jeder Satz neu formuliert worden. Der Inhalt und die Referenzen sind nahezu unverändert geblieben. Die Einleitung und das Nachwort sind neu, und ein neuer Untertitel weist stärker auf das hin, was bisher übersehen worden ist. Neu sind auch drei Anhänge: ein seit 1993 mehrfach gehaltener, aber bisher nicht abgedruckter Vortrag über Kritisch-Rationale Ethik; ein Brief Poppers aus dem Jahr 1992; und der Aufsatz >Wie objektiv kann Ethik sein?<, der erstmals 2001 in der Zeitschrift Aufklärung und Kritik erschien, die den Abdruck in diesem Buch freundlicherweise genehmigte.