Vorwort und Dank
Niemand hat geplant, dieses Buch zu schreiben. Die Idee dazu entstand erst allmählich in einer kleinen Arbeitsgruppe der Phoniatrischen Abteilung an der Universitäts-HNO-Klinik Bern (Inselspital). Wir waren damit beschäftigt, neue, bessere Kriterien zur Evaluation unserer Therapien mit stotternden Vorschulkindern zu entwickeln, stolperten aber immer wieder über die Vielfalt der existierenden Definitionen und die Widersprüchlichkeit der aufzufindenden Ursachentheorien zum Phänomen "Stottern". Langsam begannen wir zu verstehen, dass es uns nur dann gelingen könnte, ein gültiges Maß für Therapieerfolg in der Stottertherapie zu finden, wenn wir ein solches aus einer wohl begründeten Ursachenvorstellung und einer aus dieser abgeleiteten Definition des Stotterns aufbauen würden. Als einer der vier Mitarbeiter der Projektgruppe übernahm ich die Aufgabe, eine Übersicht über die heutzutage in der Fachliteratur diskutierten Ursachentheorien zum Stottern zu erarbeiten, um mit diesem Arbeitspapier unsere Gruppendiskussion weiter anzuregen. Doch was als Aufgabe für ein paar Wochen gedacht war, weitete sich aus: Die Widersprüche, auf die ich in der Aufarbeitung der Literatur stieß, schienen so gravierend aber auch so faszinierend - Welche Experten erklären welche Befunde als besonders bedeutungsvoll und "vergessen" dabei welche widersprüchlichen Befunde? Und aus welchen Gründen? -, dass mich die Aufgabe monatelang fesselte und aus dem geplanten Arbeitspapier schließlich ein mehrere hundert Seiten umfassender Text wurde. Dieser Hintergrund verdeutlicht, dass das vorliegende Buch ohne meine Kolleginnen und Kollegen der Projektgruppe "Stottern" nie entstanden wäre. Deshalb gebührt ihnen sehr viel Dank: der Diplomlogopädin Sylvia Sassenroth-Aebischer und dem Diplomlogopäden Alexander Zimmermann mit ihren jahrelangen Erfahrungen in Diagnostik und Therapie mit stotternden Kindern und deren Eltern; der jungen Diplomlogopädin Sandra Fritschi, die nach Sylvias Ausscheiden aus der Projektgruppe mit frischem Schwung dazugestoßen ist, und dem Leiter der Phoniatrischen Abteilung, PD Dr. med. Eberhard Seifert, dessen kritische Offenheit für neue, manchmal gewagte Denkweisen eine Atmosphäre schuf, aus der ein Buch wie das vorliegende - Alexander Zimmermann bezeichnet es als "Querbuch" - hervorgehen konnte. Die Diskussionen, welche die erste Fassung des Manuskripts innerhalb unserer Projektgruppe ausgelöst hatte, führten zu manch wertvoller Korrektur ursprünglicher Argumentationen. Eine zusätzliche Bereicherung fand der Text in einer späteren Manuskriptversion durch Anregungen weiterer Kolleginnen unserer Abteilung, denen auch herzlicher Dank gebührt: den Diplomlogopädinnen Silke Hanson, Marion Huber, Anne-Dorine Meneth, Monika Oswald, Isabelle Schaller Gilg und der Phoniatrie-Assistenzärztin Dr. med. Ulrike Bruns. Außerhalb der Phoniatrischen Abteilung verdanke ich die wertvollsten Anregungen zur Thematik "meinem" Psychotherapeuten, dem Psychoanalytiker Dr. med. Herbert Perler.
Nicht alle in diesem Buch geäußerten Haltungen entsprechen den Meinungen aller Projektpartner und Kolleginnen. Wenn der Schreibstil manchmal zu scharf (oder zu sanft?) klingt und natürlich auch, wenn sich trotz angestrebter Sorgfalt Fehler - vielleicht sogar Fehlinterpretationen von Meinungsäußerungen anderer Fachleute - eingeschlichen haben, dann ist dies allein mir anzulasten.
Das Buch ist ungewöhnlich aufgebaut. Es beginnt nicht bei der Sprache, dem Sprechen oder den Sprechunflüssigkeiten kleiner Kinder, sondern bei den Sprach-"Knoten"1 der Stotterexperten, beleuchtet Zusammenhänge zwischen den Theorien dieser Experten und ihren Lebensgeschichten und schreitet dann fort zu Gedanken über die Konstruktion von Stottertheorien, aus welchen therapeutisches Handeln abgeleitet werden kann. Nach der ausführlichen Darstellung eines solchen theoretischen Ansatzes werden dann allgemeine therapeutische Schlussfolgerungen gezogen und erst danach konkret dargestellt, wie diese Art des Denkens in die alltägliche Arbeit mit Stotternden umgesetzt werden könnte. Logopädinnen und Logopäden, die täglich mit stotternden Kindern und deren Eltern arbeiten, werden also vielleicht erst im zweiten Teil des Buches (hoffentlich) das finden, was sie am meisten interessiert. Aber zum Glück ist jeder Leser und jede Leserin frei, die Lektüre dort zu beginnen, wo sie am verlockendsten anmutet.
Eine weitere Besonderheit soll auch bereits eingangs erwähnt werden: Das Buch ist während seines Entstehens sozusagen über sich hinausgewachsen, hat überraschende Blüten, vielleicht aber auch Wucherungen produziert. Das bedeutet, dass der therapeutische Teil nicht als Rezeptbuch verstanden werden darf. Hinter ihm stehen zwar vielfältige eigene und fremde Therapieerfahrungen; als eigenständiges Konzept ist er jedoch noch nicht erprobt, sondern stellt nur eine gedankliche Umsetzung möglicher therapeutischer Konsequenzen dar. Diese dürfen nicht einfach übernommen werden, können aber den fachkundigen Leser zur Weiterentwicklung eigener therapeutischer Konzepte anregen.
| Jürg Kollbrunner | Bern, im November 2003 |