Geleitwort
Das mutige Buch von Frau Drüe setzt sich aus Elternsicht und aus der Erfahrung in der langjährigen Hilfearbeit mit dem gerade in jüngster Zeit eskalierenden Dilemma auseinander, dass zwar in der seriösen internationalen wissenschaftlichen Forschung immer besser belegbar wird, dass ADHS eben mehr ist als ein "deskriptives klinisches Konstrukt", eine "Modediagnose" o.Ä., die Akzeptanz des Störungsbildes jedoch vielerorts noch immer nicht gegeben ist.
"Kompetenznetzwerke" und "Qualitätszirkel" sind angedacht und werden von Fachleuten regional mit z. T. qualitativ sehr großen Unterschieden durchgeführt. Nach wie vor und leider derzeit sogar vermehrt müssen Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher aber auch heute noch qualvolle ärztliche und psychotherapeutische diagnostisch-abschließende Gespräche, "runde Tische", "Hilfeplangespräche", "Beratungsstunden" sowie Unterredungen mit Lehrern aushaken. Mit "klinischen (Schnell-)Diagnosen", manchmal mit Einschätzung nur durch den "klinischen Blick", wissen "Fachleute" immer wieder, dass die markanten Symptome aus "unsicheren Bindungen", "frühen Traumatisierungen" und natürlich vor allem aus Erziehungsfehlern (gar "Vernachlässigung" durch elterliches Desinteresse) resultieren.
In der eigenen täglichen Praxiserfahrung im Umgang mit solchen Familien seit 25 Jahren und im Gespräch mit ärztlichen und psychotherapeutischen Kollegen/innen, die denselben Behandlungsschwerpunkt haben, muss immer wieder erschüttert festgestellt werden, welche Odysseen Betroffene mit ADHS auch heute noch durchlaufen müssen.
In den Selbsthilfegruppen wird die Besorgnis groß, dass zunehmend die Versicherungsgesellschaften (u.a. private Kranken-, Lebens-, aber auch Berufsunfähigkeitsversicherungen) ADHS als Ausschlusskriterium betrachten. Alarmierend wirkt jedoch vor allem, dass mancherorts Eltern von schwierigen Kindern von der Schule oder vom Jugendamt sofort eine vollstationäre Behandlung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie empfohlen wird, wo dann nach Wochen oder Monaten die beste Fortsetzung in einer ebenfalls stationären Jugendhilfeeinrichtung als indiziert erscheint.
Durch ein Modernisierungsgesetz der Jugendhilfe wird der Zugang zu effektiven, wesentlich weniger belastenden und viel kostengünstigeren ambulanten Maßnahmen seit Sommer 2005 indes erschwert oder z. T. verhindert. Es ist kein unrealistisches Horrorszenario, das Gerhild Drüe in ihrem kritischen Werk engagiert darlegt, sondern schlicht Alltagsrealität: In noch viel zu vielen Beratungsstellen wird interpretiert, bewertet, aber zielführende Hilfestellung bleibt aus. Sozialarbeiter, Familienhelfer, aber auch viele Psychotherapeuten lassen ADHS "außen vor" oder sind empört, dass erfahrene Diagnostiker oder Behandler nicht "eine andere Sichtweise" akzeptieren können.
Leider erfahren Kinder und Jugendliche mit ADHS nach wie vor nicht nur häufig regelrecht traumatisierende Bloßstellung und Bestrafung im Kindergarten, der Schule und im sozialen Umfeld, sondern auch Ausgrenzung mit dann oft nicht nur wenig nutzbringender, sondern z.T. auch schädlicher Fehlbehandlung.
Für die Offenlegung solcher Abläufe, das Benennen der Missstände erhält man ganz sicher nicht von allen breite Anerkennung - wie dies u. a. die Reaktionen auf Judith Harris hervorragend analysierendes und gut mit Datenmaterial belegtes Buch "Ist Erziehung sinnlos? Die Ohnmacht der Eltern" 2000 zeigten.
Dem Werk von Gerhild Drüe wünsche ich weite Verbreitung in der großen Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere "Skeptiker" nachdenklich wird, der eine oder andere Berater angeregt wird, mehr "zuzuhören", sich eingehender mit ADHS zu beschäftigen, und nicht zuletzt Eltern den Mut finden, auch bei Fachleuten kritisch zu hinterfragen und/oder sich bei z.T. überraschend schnellen Bewertungen oder gar "Schuldzuweisungen" abzugrenzen.
| Esslingen, im Herbst 2006 | Cordula Neuhaus |
Vorwort und ein Bekenntnis
"Könnten Sie das einmal aufschreiben?", entfuhr es mir spontan, als eine Mutter mit ihren Erzählungen aus ihrem Familienleben fertig war. Das Treffen der Selbsthilfegruppe hatte länger gedauert als geplant, weil auch die anderen Frauen und der einzige Mann in der Runde den Grund für ihre Teilnahme darlegen wollten. Doch die Erzählung dieser Mutter erschien wohl allen, obwohl selber von zu Hause allerhand gewohnt, wie purer Horror. Am Morgen danach fasste ich den Entschluss zur Veröffentlichung der vielfältigen Erfahrungen aus der Perspektive von Müttern bzw. Eltern.
"Mir glaubt keiner, was ich mit unserem Kind durchmache. Ich kann nicht mehr!" - Diesen Satz höre ich von Müttern in ähnlich lautender Form immer wieder. In den Anrufen vieler verzweifelter, mir unbekannter Mütter, denen manchmal die Stimme versagt, weil sie ihre Tränen kaum mehr zurückhalten können, in den freimütigen Schilderungen von Eltern, die erstmals den Weg in die Selbsthilfegruppe gefunden haben, treten jahrelange schmerzliche Erfahrungen mit Problemen zu Tage, die wohl nur mit elterlicher Liebe und täglich neu erfundener Hoffnung zu ertragen sind.
"Die Auswirkungen einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) kann man sich nicht vorstellen - man muss sie erleben! "(Aussage einer Ärztin und betroffenen Mutter)
Wenn man ein allem Anschein nach gesundes Kind mit viel Zuwendung und Geduld "richtig" erzieht und fördert, nicht verwöhnt oder vernachlässigt, ihm Grenzen setzt und so weiter, dann müsste dieses Kind sich ähnlich wie seine Altersgenossen entwickeln, so dachte auch ich. Meine Arbeit in der Hauptschule hatte dieser Weltsicht zwar einige Trübungen verpasst, jedoch waren ja im Zweifel meist eine ungünstige Sozialisation, mangelnde Erziehung oder Belastungen wie Scheidung, Geschäftshaushalt, Fernsehkonsum, Konsum überhaupt oder Schulfrust als Ursache für Verhaltensauffälligkeiten auszumachen.
Ob wir professionell mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ob wir mit oder ohne Kinder leben - wir glauben zu wissen, wie man Kinder zu erziehen hat. Wir fühlen uns deshalb auch berechtigt, wenn wir ein auffälliges Verhalten bei Kindern beobachten, daraus Rückschlüsse auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu ziehen: Wir erlauben uns ein Urteil - ein Vorurteil. Doch wohl erst das hautnahe Erleben, das persönliche Betroffensein durch die ständige und intensive Beziehung zu einem jungen oder erwachsenen Kind mit ADHS, nur das Durchleben aller möglichen und unmöglichen Situationen lässt uns begreifen, dass es auch ganz anders sein kann als wir vorher gedacht haben.
ADHS zerrüttet Familien, lässt Schulversagen, Süchte, manchmal sogar Verwahrlosung, Kindesverwahrlosung, Kriminalität und sogar Selbsttötung folgen. ADHS wirkt in alle Bereiche der Gesellschaft hinein, angefangen von der Privatheit der Familie bis in die höchsten Gefilde von Politik, Wirtschaft und Kultur. ADHS ist keine Modediagnose, keine Kinderkrankheit, keine Fernsehfolge und keine Ausrede für erziehungsschwache Mütter und Väter. Die ADHS wirkt widersprüchlich und ist schwer zu begreifen. Sie kann durchaus auch helfen, auf der Karriereleiter erfolgreich zu sein.
Gesellschaftliche Missstände werden oft als Grund für Verhaltensauffälligkeiten beklagt; sie sind ihrerseits aber nicht selten durch ADHS verursacht. Deshalb ist es so wichtig für unsere Gesellschaft, ADHS in ihren verschiedenen Ausprägungen und in ihren Auswirkungen zu begreifen. Schuldzuweisungen an Eltern, besonders an die Mütter, wirken umso schmerzlicher, je schwerer ein Kind von der ADHS und ihren Begleiterkrankungen betroffen ist. Deshalb liegt der Schwerpunkt dieses Buches auch verstärkt auf dieser Gruppe der ADHS-Betroffenen. Es geht oft um viel mehr als "nur" Unaufmerksamkeit und Zappeln. Manchen Lesern1 mögen die dunklen Seiten im Zusammenhang mit ADHS zu stark betont erscheinen - jedoch: die ADHS ist keine vorübergehende "Kinderkrankheit" und erst recht nicht harmlos.
In diesem Buch finden mündliche wie auch ausführliche, speziell zur Veröffentlichung gedachte schriftliche Berichte und in der Telefonberatung geschilderte Situationen von Eltern ihren Niederschlag. Um die Anonymität der Familien zu wahren, sind die Namen erfunden. Die Berichte sind authentisch und stilistisch kaum verändert - sie dramatisierend aufzupolieren gab es keine Notwendigkeit.
Die in manchen Kapiteln vorherrschende Betonung der Mütter von Kindern mit der ADHS entspringt der Beobachtung, dass in der Regel die Mütter die größte Last im Zusammenleben mit dem erkrankten Kind tragen und auf der Suche nach Hilfe die Aktiveren sind, dass sie oft ohne wesentliches Zutun der Väter oder sogar gegen deren Willen Hilfe suchen - und sie zu ihrem Glück immer häufiger finden.
Sollte ein Leser Anregungen zur Verbesserung haben, würde ich mich über eine Rückmeldung sehr freuen.
Dieses Buch widme ich den Müttern und Vätern, die sich aus liebevoller Fürsorge für ihr Kind mit unerkannter Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) auf den Weg gemacht hatten, um Hilfe für ihr Kind zu suchen, aber statt diese Hilfe zu finden, häufig mit vielen Vorurteilen konfrontiert wurden.
Dank schulde ich den vielen Eltern, die mir am Telefon und in den Treffen der Selbsthilfegruppe ihre Erfahrungen mitgeteilt haben. Sie haben mir das große Spektrum der ADHS-Betroffenheit veranschaulicht und meinen Blickwinkel auf die Problematik erweitert
Mein ganz besonderer Dank gilt den Eltern, die trotz aller täglichen Mühen "ihre Geschichte" aufgeschrieben oder erzählt haben mit dem Ziel, sie in diese Veröffentlichung einfließen zu lassen.
Für viele gute Gespräche und für die konstruktiv-kritische Durchsicht des Manuskripts danke ich Britta, Karin und insbesondere meinem Mann Ulrich.
Nicht zuletzt danke ich dem Kohlhammer-Verlag, der mir die Veröffentlichung meines Manuskripts ermöglicht hat, namentlich Herrn Dr. Ruprecht Poensgen und Frau Alina Piasny für die angenehme Zusammenarbeit.
| 1 | Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird im Folgenden zumeist die männliche Form verwendet. Es werden jedoch grundsätzlich Personen beiderlei Geschlechts angesprochen. | |