Vorwort
Der Schlaganfall stellt mit jährlich etwa 200.000 Neuerkrankungen in Deutschland nach dem Herzinfarkt die zweithäufigste vaskuläre Krankheit überhaupt dar. Obwohl der Schlaganfall zunächst als klinisch definiertes, einheitliches Syndrom imponiert, liegen ihm, bei näherer Betrachtung, eine kaum überschaubare Zahl unterschiedlicher Ursachen und Krankheitsmechanismen zugrunde. Neben der groben pathogenetischen Unterteilung in hämorrhagische und ischämische Schlaganfälle liefert die heutzutage zur Verfügung stehende, moderne apparative Diagnostik eine sehr viel weitergehende ätiologische Diagnostik. So können zahlreiche nosologische Entitäten degenerativer, entzündlicher und erblicher Krankheiten der großen und kleinen Hirnarterien, intrakranielle Thrombosen, diverse Krankheiten des Herzen und des Blutes und zahlreiche unterschiedliche Blutungsursachen differenziert werden. Damit unterscheidet sich der Schlaganfall durch seine Komplexität grundlegend vom Herzinfarkt, der durch weitgehend einheitliche Pathomechanismen und Therapieschemata gekennzeichnet ist. Jeder Subtyp des Schlaganfalls kennt seine eigenen speziellen Therapiekonzepte, die eine differenzierte Individualisierung der Behandlung erfordern.
Daher ist nicht nur die Diagnostik, sondern auch die Therapie des Schlaganfalls um Größenordnungen diffiziler als die anderer Gefäßkrankheiten. Diese Heterogenität des Krankheitsbildes »Schlaganfall« erklärt auch die Schwierigkeit in der Etablierung von Therapieverfahren, die den heutigen Qualitätsanforderungen der evidenzbasierten Medizin gerecht werden. Zur Verdeutlichung gilt folgende Faustregel: Je seltener eine Krankheit, desto unbefriedigender ist (und bleibt) die Evidenzlage im Hinblick auf die optimale Diagnostik und Therapie. Für viele seltenere neurovaskuläre Krankheiten (z. B. Gefäßdissektionen) und Krankheitsmechanismen (z. B. paradoxe Hirnembolien) wird wahrscheinlich auf Jahre hinaus keine »abgesicherte« Behandlung mit Grad A Leitlinienempfehlungen zur Verfügung stehen. Gerade deshalb darf sich die Ärzteschaft »hier und heute« der Verantwortung und Fürsorgepflicht für ihre Patienten nicht entziehen. Auch oder gerade im Falle einer noch unzureichenden oder umstrittenen medizinischen Datenlage müssen wir uns, auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Evidenzen, um eine bestmögliche Behandlung und Beratung unserer Patienten bemühen. Letzteres stellt, gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden (Halb-)Wissens in der Bevölkerung, eine Herausforderung dar.
Dieses Buch soll den Arzt durch das Spannungsfeld hoher Komplexität auf der einen und z. T. lückenhafter Evidenzlage zum Schlaganfall auf der anderen Seite leiten. Dabei erhebt das Buch nicht den Anspruch, sämtliche zerebrovaskulären Entitäten erschöpfend zu behandeln. Ursache, Klinik, Diagnostik und Therapie der wesentlichen Syndrome, mit denen der in Klinik und Praxis tätige Arzt konfrontiert sein kann, werden dargestellt. Gemäß den Zielvorgaben des Verlages und der Herausgeber haben wir uns um eine strukturierte und überschaubare Darstellung bei gleichzeitig ausreichender Tiefe bemüht. Dadurch ist dieses Buch auch für den viel beschäftigten Leser geeignet, der sich in aller Kürze informieren möchte. Durch Angabe der jeweiligen Empfehlungsgrade versucht das Buch den heutigen Ansprüchen an evidenzbasierte Qualität und Transparenz gerecht zu werden. Dieses Werk wurde konzipiert, um die unmittelbare Tätigkeit mit den Schlaganfallpatienten und deren Angehörigen vor Ort zu unterstützen und zu bereichern.
Um das Bewusstsein der Bevölkerung für die Volkskrankheit Schlaganfall zu stärken und der Bagatellisierungstendenz der Warnsymptome möglichst effektiv entgegenzuwirken, wurde das Werk durch einen für interessierte Nichtmediziner, Angehörige und Betroffene verständlich gestalteten Informationsteil ergänzt, der die wesentlichen Aspekte zum Schlaganfall in Frage-und-Antwort-Form darlegt. Damit möchten wir die Thematik einem möglichst großen Leserkreis zugänglich machen. Die Autoren danken den Herausgebern und dem Lektorat des Kohlhammer-Verlages für diese erfolgversprechende Initiative und wünschen dem Buch möglichst weite Verbreitung und Akzeptanz.
Für kritische Hinweise, Ergänzungen und Anregungen sind die Autoren sehr dankbar.
Berlin/Münster, im Herbst 2006
Darius G. Nabavi, E. Bernd Ringelstein
Die Autoren bedanken sich bei Frau Gudrun Warnecke, Ltd. Physiotherapeutin, und Herrn Dr. rer. medic. Dipl.-Psych. Hubertus Lohmann, Ltd. Neuropsychologe der Klinik und Poliklinik für Neurologie in Münster, für die tatkräftige Unterstützung bei der Abfassung des Kapitels »Rehabilitation«. Bei Frau Helga Tembrink möchten wir uns für die Hilfe bei der Manuskriptabfassung und bei der Zusammenstellung der Literaturstellen bedanken. Bei der Abfassung einzelner Kapitel und der Durchsicht der Korrekturfahnen wurden wir von den Kollegen Dr. R. Dziewas, Dr. M. Ritter und Dr. M. Schilling aus der Neurologischen Universitätsklinik in Münster unterstützt.
Berlin/Münster, im Herbst 2006
Prof. Dr. med. D. G. Nabavi, Prof. Dr. med. E. B. Ringelstein