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Frühe Kindheit als Schicksal?
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Vorwort

Als Angehörige der sog. 68er-Generation hat mich in den letzten vierzig Jahren die Frage ständig begleitet, ob und in welcher Weise psychoanalytische Konzepte einerseits selbst durch gesellschaftliche Aktualitäten geprägt sind und wie sie andererseits fruchtbar in aktuelle gesellschaftliche Diskurse eingebracht werden können. Zu Zeiten von Alexander Mitscherlich, dem Begründer des Sigmund-Freud-Instituts (SFI), dessen hundertsten Geburtstag wir dieses Jahr feiern, schien es unbestritten, dass die psychoanalytische Sozialpsychologie den Auftrag hat, unbewusste Prozesse in aktuellen gesellschaftlichen Realitäten zu erkennen und zu deuten. Viele seiner bekanntesten Bücher waren diesem Anliegen gewidmet: "Die Idee des Friedens und die menschliche Aggressivität" (1968), "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967), "Auf dem Weg zu einer vaterlosen Gesellschaft " (1963), die "Unwirtlichkeit der Städte" (1965), um nur einige zu nennen. Alexander Mitscherlich verstand sich vor allem als politische und öffentliche Persönlichkeit. Auch sein Nachfolger und der direkte Vorgänger des heutigen Direktoriums des SFI, Horst Eberhard Richter, teilte, wenn auch in anderer Form, dieses basale Verständnis eines gesellschaftlich engagierten Psychoanalytikers. Als Mitbegründer der "Ärzte gegen die Atomkraft" erhielt er 1985 den Friedensnobelpreis, einer der Höhepunkt der Würdigung seines zeitkritischen Engagements.

Es ist nicht einfach, heute in stimmiger Weise diese Tradition aufzunehmen und sie mit neuen Aufgaben eines international anerkannten psychoanalytischen Forschungsinstituts zu verbinden. Anhand der in diesem Band geschilderten Forschungsprojekte mag exemplarisch der Versuch der neuen Leitung des SFI sichtbar werden, uns als psychoanalytische Kliniker, Theoretiker und Forscher in ein interdisziplinäres und internationales Netzwerk von Forschern einzubinden und uns gemeinsam um ein vertieftes Verständnis und einen möglichst differenzierten Umgang mit komplexen, gesellschaftlich drängenden Problemen zu bemühen. Die Frühprävention ist ein solches Forschungs- und Interventionsfeld. Psychoanalytiker, Neurowissenschaftler, Pädagogen und Soziologen sind sich darin einig, dass viele Weichen in der Entwicklung eines Menschen und seiner Persönlichkeit sehr früh gestellt werden. Die Zeichen stehen auf Sturm: die Schere zwischen den Gewinnern und den Verlierern von Globalisierung, Flexibilisierung, Migration und Wettbewerb klafft immer weiter auseinander. Einige Zahlen werden in diesem Band aufgeführt: jedes vierte Kind mit Migrationshintergrund verlässt die deutschen Schulen ohne Abschluss. Die Bereitschaft, Konflikte gewaltsam auszutragen, scheint zuzunehmen und ist vor allem bei immer jüngeren Kinder in allen Schichten der Bevölkerung zu beobachten. Diese Fakten sind alarmierend, besonders wenn wir an die enormen Chancen denken, frühe Entwicklungen zu fördern und nicht optimal verlaufende Startbedingungen in den ersten Lebensjahren zu korrigieren.

Am Sigmund-Freud-Institut haben sich daher in enger Kooperation mit dem Institut für Analytische Kinder- und Jugendpsychotherapie in den letzten Jahren psychoanalytische Studien zur Frühentwicklung und Frühprävention als einer der Forschungsschwerpunkte herausgebildet. Wir hoffen, durch sorgfältige wissenschaftliche und interdisziplinär angelegte Studien nicht nur das Wissen zu frühen Entwicklungsprozessen und Möglichkeiten der Förderung zu erweitern, sondern auch die politische Öffentlichkeit für die Notwendigkeit des Handelns zu sensibilisieren. Seit der Abgabe dieses Buchmanuskriptes wurde im Juni 2008 unser Forschungsantrag im Rahmen der Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE) bewilligt, uns an einem interdisziplinären Forschungszentrum zur Untersuchung von Risikokindern (Centre für Research on Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk) (IDeA) zu beteiligen. Das Sigmund-Freud-Institut wurde vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung und der Johann Wolfgang Goethe Universität als Kooperationspartner (Scientific Coordinator: Prof. Dr. Marcus Hasselhorn) angefragt, weil wir in der Frankfurter Präventionsstudie auch empirisch nachweisen konnten, dass sich unser professioneller, hoch spezialisierter Blick auf unbewusste Phantasien und Konflikte von Vorschulkindern lohnt, um ihre aggressiven, ängstlichen und hyperaktiven Symptome langfristig zu lindern und die psychische und psychosoziale Situation vieler dieser Risikokinder nachhaltig zu verbessern. Wir freuen uns sehr, dass wir in diesem Rahmen unsere Studien zur Frühprävention, von denen in diesem Band berichtet wird, intensivieren und fortsetzen können.

Als Psychoanalytikerin und Wissenschaftlerin bedeuten die Studien im Bereich der Frühprävention für mich persönlich zudem eine Chance, meine klinischen Erfahrungen als praktizierende Psychoanalytikerin, meine Auseinandersetzung mit der Theorienvielfalt der heutigen Psychoanalyse und den damit verbundenen interessanten und komplexen wissenschaftstheoretischen und -historischen Fragen sowie mein Engagement in vielen Formen der psychoanalytischen und interdisziplinären Forschung nochmals neu zu überdenken und zu integrieren. In diesem Buch spiegelt sich ein Teil dieses Integrationsversuchs, der oft frühere Arbeiten aufnimmt und weiterführt. Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung mit klinischen, konzeptuellen, empirischen und interdisziplinäre Annäherungen an frühe Entwicklungsprozesse das Interesse sowohl meiner psychoanalytischen Kolleginnen und Kollegen, als auch interdisziplinärer Gesprächspartner und von nichtpsychoanalytischen Fachleuten findet, die sich tagtäglich - professionell oder persönlich - mit kleinen Kindern beschäftigen. Ich denke dabei an neugierige und engagierte Eltern, Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen1 und andere Berufsgruppen in diesem Feld. Zudem hoffe ich sehr, dass sich die heranwachsende Generation von Fachleuten durch dieses Buch anregen lässt, Studierende, die sich näher mit Psychoanalyse befassen möchten und vielleicht sogar überlegen, sich selbst in diesem Gebiet zu qualifizieren. Wünschen würde ich mir natürlich auch, dass Politiker, die für den Bereich der frühen Sozialisation und Bildung zuständig sind, Zeit und Interesse finden, das eine oder andere Kapitel dieses Buches zu lesen. Die politische und gesellschaftliche Sensibilität, wie wichtig sich die frühen Entwicklungsprozesse für die individuelle, aber auch die psychosoziale Entfaltung und Integration erweisen, scheint mir erfreulicherweise trotz aller Ohnmachtgefühle und resignativen Einschätzungen politischer Zusammenhänge in den letzten Jahren zuzunehmen.

Noch kurz zur Konzeptualisierung dieses Bandes: Selbstverständlich weiß ich um die Schwierigkeit, sowohl Experten aus der eigenen Disziplin, ausgebildete und erfahrene Psychoanalytiker des Erwachsenen-, Jugend- und Kindesalters, als auch nicht psychoanalytische Fachleute und sogar interessierte Laien unterschiedlichster Altersgruppen ansprechen zu wollen. Ich hoffe nicht, mich dabei zwischen alle Stühle gesetzt zu haben. Ich versuchte in einer klar verständlichen Sprache zu schreiben, ohne auf ein Niveau der fachlichen Differenzierung und der Vermittlung der Komplexität von Phänomenen und deren Konzeptualisierungen zu verzichten. Zudem können alle einzelnen Kapitel des Buches für sich gelesen werden; jedes Kapitel enthält darüber hinaus am Schluss eine Zusammenfassung.

Nach einem einleitenden Kapitel wird in einem ausführlichen Bericht aus einer Psychoanalyse mit einem jungen Mann veranschaulicht, welche Chancen verpasst werden, falls Kindern in seelischer Not nicht rechtzeitig jene Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie für ihre psychische Entwicklung benötigen (Kapitel 2). Die Falldarstellung mag illustrieren, dass wir als Psychoanalytiker nicht in Kategorien von "seelisch krank" und "seelisch gesund"; "normaler" und "pathologischer" Entwicklung denken, wenn wir uns mit Fragen der Frühprävention befassen. Wir versuchen, einzelne Kinder oder Kindergruppen möglichst differenziert und in ihrer Einmaligkeit zu verstehen, für uns eine Voraussetzung für therapeutisches und pädagogisches Handeln sowie für kritische Reflexionen von gesellschaftlichen Realitäten. Wie in den Zusammenfassungen verschiedener theoretischer Modelle der heutigen pluralistischen Psychoanalyse zur Frühbeziehung (Kapitel 3) ersichtlich wird, geht es in einer psychoanalytischen Betrachtung immer um das Verständnis individueller Entwicklungsprozesse und ihrer unbewussten, persönlichen Determinanten im Spannungsfeld mit der jeweiligen psychosozialen und gesellschaftlichen Realität, in der sich Entwicklung vollzieht, und nicht um normative oder kategoriale Sichtweisen mit der bekannten Gefahr einer sozialen Stigmatisierung und Ausgrenzung. Auf die zu diesen Fragen stattfindenden grundlagenwissenschaftlichen Diskurse in der Sozialpsychologie oder Sonderpädagogik kann ich in diesem Rahmen nicht eingehen. Ich möchte mich darauf beschränken, einen Einblick in die Vielfalt heutiger psychoanalytischer Konzeptforschung zu frühen Entwicklungsprozessen zu vermitteln. Da ich bei meinen Studierenden immer wieder feststelle, dass sie Autoren der "klassischen" psychoanalytischen Entwicklungstheorien, wie z. B. Anna Freud, Melanie Klein, René Spitz, Erik Erikson, Margret Mahler u. a. nicht mehr kennen, habe ich mich entschlossen, einige ihrer wichtigsten Beiträge nochmals zusammenzufassen und neueren Entwicklungstheorien kritisch gegenüberzustellen. Um den Erklärungsgehalt dieser Theorien zu illustrieren, wird immer wieder auf das ausführliche Fallbeispiel (Kapitel 2) oder klinische Beobachtungen aus der Frankfurter Präventionsstudie zurückgegriffen. Schließlich wird auf einen der heute meist beachteten Diskurse zur Frühentwicklung kurz eingegangen, den Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften (3.7).

Diese theoretischen Annäherungen an die Komplexität früher Entwicklungsprozesse bildet der Hintergrund für zwei exemplarische Studien im Bereich der Frühprävention, die in Kapitel 4 des Bandes kurz diskutiert werden und mit einigen Überlegungen zur frühen Integration von Migrationsfamilien verbunden werden, die in einem Workshop im März 2007 von internationalen Experten entwickelt wurden. Anhand von ausführlichen Berichten aus der kinderanalytischen Arbeit mit Kindern wird anschließend nochmals anschaulich gemacht, welches individuelle Leiden und welche Schwierigkeiten im familiären, institutionellen und gesellschaftlichen Bereich entstehen, wenn Kindern in Situationen, in denen ihre Entwicklung wegen für sie unlösbaren Konflikten gefährdet ist, nicht jene therapeutische (oder pädagogischer bzw. soziale) Hilfe zukommt, die sie brauchen (Kapitel 5). Schließlich werden im letzten Kapitel des Buches (Kapitel 6) die verschiedenen Annäherungen an frühe Entwicklungsprozesse zusammenfassend kurz in der Forschungslandschaft der heutigen Psychoanalyse verortet.

Ich danke als erstes meinen beiden kinderanalytischen Kolleginnen, Angelika Wolff und Rose Ahlheim, dass sie ihre eindrücklichen Falldarstellungen in diesem Band nochmals abdrucken.

Tamara Fischmann und Judith Vogel danke ich dafür, dass ich unsere gemeinsame Arbeit, die in der Zeitschrift "Psyche" im Sommer 2008 erschienen ist2 , in modifizierter Form auch in diesem Band publizieren kann. Schließlich danke ich der großen Gruppe der Mitforscher der Frankfurter Präventionsstudie (FP), die bereit waren, das Experiment dieser umfangreichen und anspruchsvollen "Feldstudie" mit mir gemeinsam durchzuführen und zu einem guten Abschluss zu bringen. Gerald Hüther und Angelika Wolff haben die Studie mit mir zusammen geleitet. Verantwortlich für die Datenerhebung und das Design waren: Yvonne Brandi, Stephan Hau, und Bernhard Rüger; als psychologische und pädagogische Mitarbeiter beteiligten sich Lars Aulbach, Betty Caruso, Katrin-Marleen Einen, Oliver Glindemann, Gerlinde Goppel, Paula Hermann, Pawel Hesse, Jantje Heumann, Gamze Karaca, Julia König, Jochen Lendle, Alex Schwenk, Adelheid Staufenberg, Sibylle Steuber, Christiane Uhl, Judith Vogel, Christina Waldung, Lisa Wolff. Zudem engagierten sich Kinder- und Jugendlichentherapeuten des Instituts für Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (IAKJP) als Therapeuten und/oder Supervisoren in der Studie. Ich danke ihnen - und allen beteiligten Erziehern - für ihr Engagement und ihre Mitarbeit. Die Studie wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie durchgeführt. Eine besondere Chance war für uns, dass wir die Untersuchung im direkten Austausch mit den politisch für den Bereich "frühe Bildung" Zuständigen hier in Frankfurt, der jetzigen Bürgermeisterin Jutta Ebeling und den Mitarbeiterinnen der Städtischen Schulamts, Monika Berkenfeld und ihrem Team durchführen konnten. Daher hatten wir die Fragen möglicher politischer Umsetzungen unserer Forschungsergebnisse ständig konkret vor Augen, ohne kaum direkt zu beeinflussende, gesamtgesellschaftliche Realitäten zu verleugnen. Dass die Stadt Frankfurt unsere Studie als Anregung für die Konzeptarbeit im Frühpräventionsbereich aufgenommen und die Mittel, die in diesen Bereich fließen, erhöht hat, ist mehr als wir zu erwarten wagten. Zudem freuen wir uns ganz besonders, dass wir dank der Unterstützung der Zinkann-Stiftung, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Crespo Foundation, der Ursula Ströher-Stiftung, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der International Psychoanalytical Association eine Langzeitperspektive für die Umsetzung unserer Forschungsergebnisse entwickeln konnten. Für all diese Kooperationen und tatkräftigen Unterstützungen vielen Dank!

Besonders herzlich danken möchte ich Prof. Dr. Bernhard Rüger, der seit den 1990er-Jahren mir seine Kompetenz als Fachmann für Statistik in verschiedenen Studien zur Verfügung stellt und auch das Design der Frankfurter Präventionsstudie entworfen hat. Dr. Tamara Fischmann danke ich für die sorgfältige Auswertung der statistischen Daten. Prof. Dr. Rolf Pfeifer involviert mich seit fast drei Jahrzehnten in einen spannenden und für mich immer wieder neu herausfordernden Dialog mit der Embodied Cognitive Science. Frau Dr. med. Lotte Köhler danke ich sehr, dass sie Frau Prof. Dr. med. Martha Konkkon-Lehmann und mir dank eines Stipendiums der Köhler-Stiftung Darmstadt ermöglichte, den Dialog zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaften zu beginnen, als er noch keineswegs in Mode war. Herr Prof. Henri Parens, einer der erfahrendsten Experten im Bereich der Frühprävention aus Philadelphia, begleitet als Consultant unsere neuen Projekte. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

Meinem Mitdirektor am SFI, Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, danke ich für die ganz besondere, kollegiale Zusammenarbeit; Dr. Heinrich Deserno und Dr. Tomas Plänkers für die fruchtbare Kooperation im Direktorium des SFI. Auch ohne die tagtägliche Unterstützung und Hilfsbereitschaft von Renate Stebahne könnte ich alle meine Forschungsprojekte kaum durchführen. Jeannette Kuhlewey half mir in kompetenter Weise, das Manuskript in die entsprechende Form zu bringen. Herbert Bareuther unterstützte mich bei der zeitaufwändigen bibliographischen Arbeit. Ihnen allen gilt mein herzlichster Dank!

Schließlich möchte ich meinen Analysanden danken, die mir durch ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft, mich auf ihre Reisen ins Unbewusste mitzunehmen, zu jenen Erkenntnissen verhalfen, die ich in diesem Buch zu beschreiben und mitzuteilen versuche.

Marianne Leuzinger-Bohleber

Frankfurt am Main,
im Dezember 2008

1 Der besseren Lesbarkeit wegen verwenden wir in diesem Text, sofern wir im Plural von Frauen (z. B. "Lehrerinnen") und Männern (z. B. "Lehrer") sprechen, im Folgenden (in der Regel) nur eine Geschlechterform.
2 Psyche, Juli 2008

 
   


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