Einleitung
Johannes Wallacher und Karoline Scharpenseel
Spätestens mit der Veröffentlichung des Vierten Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC) 2007 ist wissenschaftlich nicht mehr ernsthaft zu bestreiten, dass der Klimawandel primär vom Menschen verursacht ist. Falls es in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Emissionen von Treibhausgasen, allen voran von CO2 , drastisch zu reduzieren und damit den Anstieg der globalen Mitteltemperatur zu begrenzen, riskiert die Menschheit einen gefährlichen Klimawandel mit unübersehbaren Konsequenzen.
Nachdem inzwischen ein weitgehender Konsens über die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels besteht, rückt nun verstärkt die Auseinandersetzung um angemessene politische Antworten in den Vordergrund. Diesbezüglich ist sich die internationale Staatengemeinschaft deutlich weniger einig. Einmal abgesehen von gewissen Eigeninteressen, auf denen die Staaten in internationalen Debatten gerne beharren, gibt es auch objektive Gründe dafür, dass die gegenwärtigen Verhandlungen für ein neues globales klimapolitisches Abkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 ("Post-Kyoto-Regime") nicht einfach sind. Im Dezember 2009 will man sich in Kopenhagen auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention auf ein solches Klimaprotokoll verständigen. Schon einmal, 1995 beim Weltgipfel für soziale Entwicklung, war die Stadt Gastgeber einer wichtigen Konferenz der Vereinten Nationen. Damals konnte die "Kopenhagener Deklaration für soziale Entwicklung" verabschiedet werden, mit der die Armutsbekämpfung als Ziel aller Entwicklungspolitik festgeschrieben wurde. Was wie ein Zufall klingt, verweist doch auf einen sachlichen Zusammenhang, nämlich die komplexe Verknüpfung zwischen dem Klimawandel und dem Problem weltweiter Armut sowie wie den damit verbundenen ethischen Fragen.
Es ist unbestreitbar, dass die Verursachung wie die Folgelasten des Klimawandels weltweit höchst ungleich verteilt sind. Die Hauptverursacher des Klimawandels sind die Industriestaaten, die für einen Großteil des Anstiegs der atmosphärischen Treibhausgas-Konzentrationen seit Beginn der Industrialisierung verantwortlich zeichnen. Die Armen in den Entwicklungsländern dagegen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, leben meist in geographisch sensiblen Regionen, die besonders von den negativen Klimafolgen bedroht sind, beispielsweise dem Meeresspiegelanstieg oder extremen Wetterereignissen wie Wirbelstürmen und Starkregen mit Hochwasser oder Dürren. Schon die gegenwärtigen Klimafolgen untergraben die internationalen Bemühungen zur Armutsbekämpfung und die Umsetzung der Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen.
Auf Dauer könnte das weltweite Wohlstandsgefälle durch den Klimawandel noch vertieft werden, weil viele der wahrscheinlichen negativen Auswirkungen des Klimawandels die Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse gefährden und somit die extreme Armut verfestigen dürften. So wird zwar global betrachtet bis 2050 ein höheres Angebot an Trinkwasser prognostiziert, dieser Zuwachs entfällt jedoch weitgehend auf bereits wasserreiche Regionen und einige tropische Feuchtgebiete, während die Niederschlagsmenge in Trockengebieten, die bereits jetzt unter Wasserknappheit leiden, deutlich abnehmen könnte. Zudem ist eine weitere Verstärkung der Extreme des Wasserkreislaufs - Dürren wie sintflutartige Niederschläge und Überflutungen - zu erwarten. Wassermangel und Erhöhung der Durchschnittstemperaturen haben wiederum erhebliche Folgen für die Ernährungssicherheit. Während sich durch den Klimawandel die Voraussetzungen für die Landwirtschaft in kälteren und gemäßigten Regionen verbessern könnten, werden für tropische und subtropische Regionen - also dort, wo bereits jetzt die größte Gefahr von Hunger herrscht - teilweise deutliche Ertragsverluste vorhergesagt.
Arme Menschen, Länder und Regionen verfügen darüber hinaus über weit weniger Möglichkeiten, bedrohliche Klimafolgen bewältigen und sich an die veränderten Bedingungen anpassen zu können als wohlhabende Länder und Menschen. So verfugen Arme zum Beispiel fast nie über einen Versicherungsschutz. Armut bedeutet daher immer auch soziale Verwundbarkeit. Sie erschöpft sich freilich nicht in geringem Einkommen, sondern ist oft auch mit sozialem Ausschluss, fehlendem Zugang zu sozialen Grunddiensten (Gesundheit, Bildung) sowie einem Mangel an Rechtssicherheit, politischen Rechten und kultureller Freiheit verbunden. In Krisenzeiten kann dies leicht zur Folge haben, dass die Armen ihre Interessen aufgrund geringer Kaufkraft, fehlendem Wissen und politischer Ohnmacht nicht zur Geltung bringen können.
Der Klimawandel bringt außerdem noch ein weiteres, bisher kaum wahrgenommenes Problemfeld in den Blick, nämlich die längerfristige Armut. Denn viele der prognostizierten Folgen werden erst langfristig sichtbar. Es besteht das Risiko, dass die Armen von morgen über noch weniger Mittel zur Anpassung verfügen werden als die Armen von heute. Insofern steht jede armenorientierte Klimapolitik vor der Herausforderung, die heutigen Armen nicht gegen die Armen der Zukunft auszuspielen. Es ist daher eine wichtige Aufgabe der Forschung, deutlich zu machen, dass Klimaschutz und Armutsbekämpfung keine Alternativen sind, sondern immer wechselseitig miteinander verknüpft werden müssen.
Dies verlangt in mehrerer Hinsicht eine integrierte Betrachtung und ein interdisziplinäres Vorgehen. Zunächst gilt es, die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und Armutsproblemen angemessen zu analysieren. Welche der Ursachen des Klimawandels sind beispielsweise naturwissenschaftlich weitgehend geklärt und wo bestehen noch Unsicherheiten? Wie lässt sich angemessen ermitteln, welche Regionen, Bevölkerungsgruppen oder Gesellschaftsbereiche besonders verwundbar gegenüber dem Klimawandel sind? Aus philosophischer, besonders ethischer Perspektive stellt sich ganz grundlegend die Frage nach der Gerechtigkeit sowie nach einer überzeugenden Präzisierung und Begründung eines tragfähigen Gerechtigkeitskonzepts. Dabei ist die komplexe Verknüpfung von globalen und intergenerationellen Gerechtigkeitsproblemen zu berücksichtigen, welche die Klimaproblematik mit sich bringt. Aus generationenübergreifender Sicht stellen sich vor allem zwei Fragen: Zum einen, ob Verpflichtungen von gegenwärtig Lebenden zugunsten zukünftiger Menschen begründbar sind, und zum anderen, welche Gerechtigkeitsforderungen sich aus schädlichen Handlungen früherer Generationen ergeben. Darüber hinaus muss die daraus gewonnene ethische Grundorientierung noch in geeignete Handlungsoptionen, politische Strategien und Instrumente übersetzt werden, mit denen Klimaschutz und Armutsbekämpfung wirksam, effizient und gerecht verbunden werden können.
Zur Klärung all dieser Fragen braucht es tragfähige Methoden und Konzepte. Dies schließt ein, dass man die zugrunde liegenden Wertprämissen und Ziele offenlegt und nachvollziehbar begründet. Ein derartiger interdisziplinärer Ansatz muss aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen sowohl der Klima- und Klimafolgenforschung als auch der Ethik und Sozialwissenschaften, besonders der Umwelt- und Entwicklungsökonomie sowie der Politikwissenschaften einbeziehen. Der vorliegende Band will unter der Überschrift "Klimawandel und globale Armut" einen Beitrag zu einem solchen interdisziplinären Vorgehen leisten. Grundlage dafür sind die für die Veröffentlichung geringfügig überarbeiteten Referate und Diskussionsbeiträge des gleichnamigen Symposions des Forschungs- und Studienprojekts "Globale Solidarität - Schritte zu einer neuen Weltkultur" der Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie, das am 6./7. Juni 2008 in München stattgefunden hat.
Das Forschungs- und Studienprojekt der Rottendorf-Stiftung konnte bei der Ausrichtung dieser Tagung auf ein breites Spektrum ausgewiesener Fachleute als Kooperationspartner zurückgreifen: das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das Bischöfliche Hilfswerk Misereor und die Münchener Rück Stiftung "Vom Wissen zum Handeln", mit denen das Institut für Gesellschafspolitik an der Hochschule für Philosophie im Rahmen des Projekts zu "Klimawandel und Gerechtigkeit" (vgl. www.klima-und-gerechtigkeit.de) zusammenarbeitet. Ziel dieses Projekts ist es, auf der Basis einer ethischen Reflexion der Klima- und Armutsproblematik geeignete Strategien und Optionen einer globalen Klimapolitik zu entwickeln, welche die nationalen und internationalen Bemühungen zur Armutsbekämpfung nicht gefährden, sondern möglichst unterstützen. Da alle Projektpartner mit Referenten oder Gesprächspartnern an der Tagung beteiligt waren, sind auch viele Erkenntnisse aus diesem Projekt in die Vorträge und Diskussionen eingeflossen.
Außerdem war das Symposion auch in die Bayerische Klimawoche 2008 eingebunden, die von der Bayerischen Klimaallianz getragen wurde, einem breiten Zusammenschluss gesellschaftlicher und politischer Akteure, zu dem auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die bayerischen Bistümer gehören. Die Freisinger Bischofskonferenz hat kirchliche Initiativen und Maßnahmen im Rahmen dieser Klimawoche unterstützt. Ausdruck dafür war nicht zuletzt das Grußwort des Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz und Erzbischof von München-Freising, Reinhard Marx, zur Eröffnung der Tagung. Er weist dabei eindringlich darauf hin, dass der Klimawandel vielfältige Gerechtigkeitsprobleme verursacht, die nach politischen, ökonomischen und ethischen Antworten verlangen. Daher sei es unabdingbar, nicht nur verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, sondern auch unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven in die Debatte einzubringen, was beides ureigene Anliegen des Rottendorf-Projekts und des Projekts zu "Klimawandel und Gerechtigkeit" sind. Umso erfreulicher war es, dass nicht nur viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch eine große Zahl von Vertreterinnen und Vertretern von Ministerien, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft an der Tagung teilgenommen und sich in die Diskussion eingebracht haben.
Der Beitrag von Hartmut Graßl, langjähriger Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie und Professor em. für Allgemeine Meteorologie der Universität Hamburg, bietet zu Beginn einen Überblick über die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Es sei wissenschaftlich nicht mehr ernsthaft zu bestreiten, so Graßl, dass der beobachtete Anstieg der mittleren globalen Temperatur nicht durch zufällige Schwankungen oder natürliche Faktoren erklärt werden kann, sondern ganz wesentlich auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist. Die Hauptursache der globalen Erwärmung ist die rasante Zunahme der Emission von Treibhausgasen, allen voran von Kohlendioxid, aber auch von Methan oder Lachgas, seit Beginn der Industrialisierung. Ein Großteil davon geht auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe durch Industrie, Verkehr oder Privathaushalte (v.a. Heizung) zurück; immerhin etwa 20 % der Emissionen wird durch Landnutzungsänderungen (großflächige Abholzungen, Intensivierung von Land- und Forstwirtschaft, Verstädterung mit mehr Oberflächenversiegelung) verursacht. All dies hat zu der höchsten atmosphärischen Treibhausgaskonzentration seit mindestens 650.000 Jahren geführt. Historisch betrachtet sind die Industrieländer für einen Großteil der Zunahme von Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Inzwischen weisen aber auch die Schwellenländer, allen voran China und Indien, hohe absolute Emissionen auf, auch wenn sie pro Kopf der Bevölkerung noch weit hinter den Industrieländern zurückliegen.
Je nach weiterer Entwicklung der Emissionen wird bis 2100 ein Anstieg der Erdmitteltemperatur zwischen 1,1 und 6,4°C prognostiziert. Selbst wenn es gelingen sollte, die Emissionen sehr schnell einzustellen, würde die Temperatur noch weiter ansteigen, da das Klimasystem nur sehr träge reagiert. Die bis jetzt verursachte anthropogene Erderwärmung hat damit bereits unumkehrbare Auswirkungen, die freilich regional sehr unterschiedlich ausfallen. Zusätzliche Unsicherheiten gibt es hinsichtlich möglicher Rückkoppelungseffekte der Vegetation, wenn sich durch die globale Erwärmung etwa bisherige Kohlenstoffsenken wie die Ozeane oder die Wälder in zusätzliche Kohlenstoffquellen umkehren könnten. Es besteht heute, so eine der Schlussfolgerungen von Hartmut Graßl, ein recht breiter Konsens darüber, dass ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur von mehr als etwa 2°C über das vorindustrielle Niveau als "gefährlich" zu bezeichnen ist. Jenseits dieses für das Erdsystem als kritisch eingeschätzten Schwellenwerts wären die durch die Erderwärmung verursachten Folgen nur schwer und zu viel höheren Kosten zu bewältigen.
Johannes Müller S. J., Leiter des Instituts für Gesellschaftspolitik und Professor für Sozialwissenschaften und Entwicklungspolitik an der Hochschule für Philosophie, schildert im Anschluss daran die Herausforderungen des Klimawandels für die Entwicklungsländer am Beispiel von Indonesien. Indonesien gehört einerseits inzwischen zu den weltweit führenden Emittenten von Treibhausgasen, wenn man die Emissionen aus der Abholzung, Brandrodung und Degradierung tropischer Regenwälder, die große Mengen von Kohlendioxid binden, mit berücksichtigt. Andererseits wird der Klimawandel Indonesien aber auch hart treffen, angefangen von noch höheren Temperaturen, welche vermutlich die Ausbreitung von Krankheiten fördern werden, bis hin zum Anstieg des Meeresspiegels, der zur Versalzung von Ackerland durch Überschwemmungen fuhren wird. Für die Armen besonders problematisch sind vor allem die prognostizierten Veränderungen der Regenzeiten, da es bei längeren Trockenperioden sowie kürzeren und heftigeren Regenzeiten noch schwerer wird, sich eigenständig mit Nahrung oder Trinkwasser zu versorgen.
Damit steht Indonesien wie andere Entwicklungsländer auch vor einem grundlegenden Dilemma. Einerseits sind sie auf wirtschaftliche Entwicklung angewiesen, um die Armut wirksam reduzieren zu können. Sie werden daher kaum bereit sein, diese Ziele einer ambitionierten internationalen Klimapolitik unterzuordnen. Andererseits trifft der Klimawandel sie viel stärker als viele reiche Länder, so dass eine Klimapolitik, welche zumindest unbewältigbare Folgen vermeidet, in ihrem ureigenen Interesse wäre. Hinzu kommt, so Johannes Müller, dass Armutsbekämpfung wie Klimaschutz nicht nur in Indonesien vor der Schwierigkeit stehen, dass stets eine gewisse Spannung zwischen der Politik auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene besteht. Was global oder auch national wünschenswert ist, entspricht oft nicht den Bedürfnissen armer Länder bzw. der Armen und umgekehrt. Der Klimawandel als globale Herausforderung erfordert eine gemeinsame Klimapolitik möglichst vieler Staaten, was aber nur gelingen wird, wenn es maßgeschneiderte Lösungen für die einzelnen Länder gibt. Noch schwieriger, laut Müller aber unverzichtbar, ist eine Feinjustierung, welche die spezifischen Notlagen der ärmeren Bevölkerung vor Ort angemessen berücksichtigt. All dies zeigt, wie wichtig regionalspezifische Ansätze in Forschung wie Politik und die Beteiligung der betroffenen Menschen sind.
Lukas H. Meyer, Professor für Praktische Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz, widmet sich systematischen Gerechtigkeitsreflexionen im Kontext von Klimawandel und Armutsbekämpfung aus Sicht der analytischen Moralphilosophie. Er konzentriert sich dabei insbesondere auf zwei grundlegende Fragen. Zunächst weist er nach, dass gegenwärtig Lebende durchaus Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen haben, die auch von gängigen theoretischen Einwänden gegen solche intergenerationellen Gerechtigkeitspflichten (etwa das Nicht-Identitäts-Problem oder das Argument, noch nicht lebende Menschen könnten gegenüber gegenwärtig Lebenden keine Wohlfahrtsrechte haben) nicht außer Kraft gesetzt werden können. Da gegenwärtige Emissionen langfristig wirken und damit auch die Lebensbedingungen zukünftiger Menschen beeinflussen, haben zukünftig Lebende ein Recht darauf, durch gegenwärtiges Handeln zumindest nicht derart geschädigt zu werden, dass sie fundamentale Ansprüche wie Subsistera, Gesundheit oder die Fähigkeit, ihr Leben selbst zu gestalten, nicht mehr realisieren können. Dieses Risiko wäre nach heutigem Wissensstand bei einem ungebremsten Klimawandel sehr hoch, so dass gegenwärtige Generationen der Argumentation von Meyer zufolge in der Pflicht stehen, ihre globalen Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren, um einen gefährlichen Klimawandel und die damit verbundenen Risiken vermeiden zu können. Dies gilt umso mehr, als inzwischen vieles darauf hin deutet, dass heutige Generationen dadurch keine übermäßigen Einschränkungen hinnehmen müssen.
Zweitens erörtert Lukas Meyer, wie die Lasten der notwendigen Emissionsbegrenzung unter den gegenwärtig Lebenden, insbesondere zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern aufzuteilen sind. Dies ist eine Frage der globalen Gerechtigkeit, die allerdings ebenfalls intergenerationelle Überlegungen berücksichtigen muss. Es gilt dabei nämlich zu untersuchen, was aus der Tatsache folgt, dass arme Länder, Regionen und Menschen, die nur wenig zum Klimawandel beigetragen haben, jetzt und zukünftig am stärksten von den negativen Konsequenzen betroffen sind. Dies rechtfertigt, wie Meyer eingehend begründet, nicht nur eine ungleiche Verteilung zukünftiger Emissionsrechte zugunsten der Menschen in den Entwicklungsländern, sondern auch die Unterstützung der armen Menschen und Länder in ihrem Bemühen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, die bereits jetzt nicht mehr zu vermeiden sind.
Auf der Basis der vorherigen Überlegungen stellen Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sowie Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der TU Berlin, Christian Flachsland, Doktorand am PIK, und Gunnar Luderer, Post Doc am PIK, Eckpunkte eines Globalen Übereinkommens vor, das es den Entwicklungs- und Schwellenländern erlauben würde, sich aktiv am Klimaschutz zu beteiligen, ohne ihre Chancen auf breitenwirksame wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung zu mindern. Ein solcher Global Deal muss Edenhofer, Flachsland und Luderer zufolge zwei Strategien miteinander verbinden: einerseits den Klimawandel auf ein noch bewältigbares Maß begrenzen (mitigation) und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten entwickeln, um die Folgen des schon jetzt nicht mehr vermeidbaren Klimawandels zu bewältigen (adaptation). In beiden Zusammenhängen ist die faire Verteilung der Lasten eine zentrale Vorbedingung, damit sich alle Beteiligten auf eine solche Vereinbarung einlassen können.
Dies wird kaum durch ein einzelnes politisches Instrument zu erreichen sein, vielmehr braucht es eine kluge Kombination verschiedener, einander ergänzender Maßnahmen. Eine zentrale erste Säule eines solchen Übereinkommens ist ein globales Handelssystem mit CO2 -Emissionsrechten, mit dem die notwendige Emissionsreduzierung auf der Basis einer gerechten Ausgangsverteilung von Emissionszertifikaten wohl am effizientesten erreicht werden kann. Zweitens braucht es einen globalen Fonds zur Finanzierung von Maßnahmen, um die rapide fortschreitende Abholzung der - insbesondere tropischen - Wälder zu verhindern. Emissionsminderungen im Norden wie im Süden erfordern drittens auch deutlich höhere öffentliche Investitionen in die Forschung und Entwicklung von emissionsarmen Energietechnologien etwa im Bereich erneuerbarer Energien sowie den Transfer solcher Technologien, die an die Bedürfnisse der Menschen vor Ort angepasst werden müssen, in die Entwicklungsländer. Zur Anpassung an die nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels fordern Edenhofer, Flachsland und Luderer viertens eigene globale Transferzahlungen, die weit über die Mittel hinausgehen, die bisher dafür vorgesehen sind.
Jenseits von Emissionsreduktionen und Anpassungsbemühungen an den Klimawandel bleiben, wie in verschiedenen Diskussionsbeiträgen hervorgehoben wird, auch angemessene entwicklungspolitische Maßnahmen notwendig, um die extreme Armut effektiv reduzieren zu können. Letztlich ist also eine Integration von Klima- und Entwicklungspolitik anzuzielen, in der alle Klimapolitik entwicklungsverträglich und umgekehrt auch alle entwicklungspolitischen Maßnahmen klimaverträglich gestaltet werden. Weitere zentrale Aspekte, die in den Gesprächen erörtert werden, sind die globale Kollektivgutproblematik, Korruptionsbekämpfung und Sanktionsmöglichkeiten im Hinblick auf die Umsetzung von Klimapolitik sowie die Zuordnung von globalen Rahmenbedingungen auf der Makroebene und von Leitbildern und Lebensstilen auf der individuellen wie gesellschaftlichen Ebene. Außerdem werden mit der Politik, den Unternehmen, der Zivilgesellschaft, den Religionen und der Wissenschaft zentrale Akteure nachhaltiger Klimapolitik identifiziert und einmal mehr die notwendige Arbeitsteilung, aber auch Zusammenarbeit zwischen diesen Akteuren des Wandels betont.
München, im April 2009
Die Herausgeber