Vorwort zur 1. Auflage
In der Medizin gibt es viele Entwicklungen, die üblicherweise mit dem Begriff "Fortschritt" versehen werden. Im Allgemeinen handelt es sich um spektakuläre neue diagnostische oder therapeutische Verfahren, selten sind es aber grundsätzlich neue Fragestellungen, die das Verständnis von medizinisch relevanten Phänomen betreffen, oder die grundsätzliche Sichtweise von Vorgängen und Prozessen im Gesundheits- und Sozialwesen.
Die Gender Medizin ist eine derartige Neuentwicklung, die den Begriff "echter Fortschritt" verdient. Das Buch ist das erste seiner Art im deutschen Sprachraum, und es ist der große Verdienst der beiden Herausgeberinnen (Anita Rieder und Brigitte Lohff), die das anspruchsvolle Projekt umgesetzt haben.
Sie wählen einen integrierten Ansatz in der Darstellung, in dem sie nicht nur die klassischen medizinischen Fächer (wie Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Psychiatrie, Onkologie, Neurologie, Physikalische Medizin, Kardiologie, Chirurgie, Angiologie) unter geschlechtsspezifischen Aspekten an ausgewiesenen Expertinnen behandeln lassen, sondern auch darüber hinaus wesentliche Grundsatzfragen behandeln.
Für das klassische medizinische System wird es eine Herausforderung sein, sich mit dem komplexen Thema "vom biologischen zum sozialen Geschlecht" auseinanderzusetzen.
Viele "Gender"-Aspekte sind uns aus der Epidemiologie und der Klinik geläufig, bisher hat aber eine zusammenfassende Darstellung des vorhandenen Wissens gefehlt.
Es ist anzunehmen, dass sich aufgrund der Informationen auch eine Diskussion darüber ergeben wird, wie geschlechtsspezifisch wir in der Diagnostik und Therapie vorgehen, und welche Rolle nicht nur das Geschlecht der uns anvertrauten Gesunden und Kranken spielt, sondern auch das der so genannten "Health Care Providers".
Das vorliegende Buch versteht sich also nicht nur als ein übliches in erster Linie der Wissensvermittlung dienendes Medium, sondern auch als eine zur Reflexion anregende Lektüre.
O. Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien
Juni 2004