Ein Wort zuvor
Bevor es Notenschrift und theoretisches Regelwerk für Musik gab, existierte sie zunächst einmal selbst: Melodien, Rhythmen, später Akkorde und musikalisches Geschehen; man spielte und erlebte Musik, bevor sie "theoretisiert" wurde.
Lange bevor man die Regeln des Kontrapunktes oder die Gebote des mehrstimmigen Satzes "erfand", fühlte man solche Gesetzmäßigkeiten in der Musik. In diesem Sinn gibt es auch heute noch ausgezeichnete, geniale Musiker, die keine Note lesen können, aber dennoch ausgezeichnet spielen. Das ist vergleichbar mit einem Analphabeten, der eine Sprache perfekt beherrscht und sich dennoch nicht schriftlich ausdrücken kann. Dieser ist nun, genau wie der geniale Musiker, abhängig von seinem Gedächtnis, und so mancher guter Gedanke geht ihm möglicherweise verloren, bevor er ihn richtig ausgearbeitet hat. Aber es gibt außerdem noch einige andere Gründe für die tausendunderste Pop- und Jazzmusiklehre: | |
| - | Das Zusammenspiel mit anderen Musikern wird organisierbar. | |
| - | Eigene Ideen kann man für mehrere Musiker bzw. Orchester ausführen. | |
| - | Arrangements werden wiederholbar. | |
| - | Komplizierte Sachverhalte werden lehrbar, und Improvisation, Instrumentation, Satztechniken können systematisch erlernt werden. | |
Diese Elementarlehre hat zum Ziel, die wichtigsten Kenntnisse für einen Jazz- und Popmusiker ohne Umschweife zu vermitteln. Das Buch ist in drei große Teile gegliedert: Harmonielehre, Rhythmuslehre und Praktische Notationslehre. Alle drei Bereiche werden des Verständnisses wegen separat erarbeitet, verschmelzen aber untereinander in der musikalischen Praxis. Du sollst entscheiden, ob du mit der Harmonielehre, mit Rhythmuslehre oder der Notation einsteigst, je nachdem, wieviel Vorkenntnisse vorhanden sind. Es ist keineswegs verpflichtend, das Buch von vorne nach hinten durchzuarbeiten, vielmehr ist es ratsam, in jeden Teil etwas reinzuschnuppern und das Erlernte praktisch umzusetzen.
Die empfohlenen Übungen sind notwendig, um mit dem musiktheoretischen Material so selbstverständlich umgehen zu lernen wie mit einer Sprache. Der Lösungsteil ermöglicht dabei die schnelle Kontrolle, ob die einzelnen Übungsaufgaben richtig gelöst wurden.
Um Musiktheorie anschaulich und akustisch nachvollziehbar zu machen, bedarf es zweier Dinge: | |
| a) | der Notenschrift | |
| b) | eines Instrumentes. | |
Zu a): Für die Notenschrift benutzen wir seit Jahrhunderten ein Notensystem, das fünf Linien, Noten und eine Reihe von Notenschlüsseln verwendet: von den Notenschlüsseln sind nur zwei für uns wichtig: Violin- und Baßschlüssel.
Zu b): Um Melodien, Intervalle und Akkorde zu verklanglichen, benötigen wir ein sog. "Generalbaßinstrument", das ist ein Instrument, auf dem man mehrere Töne gleichzeitig spielen kann. Damit erübrigen sich für unsere Zwecke zunächst alle Instrumente wie Saxophon, Flöte, Posaune, Trompete usw., es sei denn, du kannst mit fünf Posauen gleichzeitig spielen und von einem zum nächsten Akkord... Übrigens braucht man dann auch mehrere Freunde, die einem ihre Instrumente ausleihen... Spaß beiseite, zu den Generalbaßinstrumenten gehören z.B. Gitarre, Zither, Klavier (den Schotten und Iren steht auch noch der Dudelsack mit seinen vielen klanglichen Varianten zur Verfügung).
Am übersichtlichsten ist das Klavier, denn in jeder Oktave wiederholen sich deutlich sichtbar die gleichen Töne. Wegen der regelmäßigen Anordnung der Tastatur und seines großen Tonumfangs eignet es sich am besten für unsere Darstellung; außerdem kann man mit etwas Übung ohne Probleme drei- bis zehnstimmige Akkorde greifen.
Synthies und Keyboards haben die gleiche Anordnung und genügen völlig für die in diesem Buch aufgezeigten Beispiele und Übungen. Wer sich mit diesem Buch und den Grundlagen des "Tastengreifens" näher vertraut machen möchte, sollte sich ein Keyboard kaufen, bei dem die Tasten mindestens zwei Zentimeter breit sind. Sollte es dann noch etwas Besseres sein, wünsche man sich Anschlagdynamik (Anschlagsstärke entscheidet über die Lautstärke des Tons) und eine gewichtete Tastatur (bietet Widerstand im Gegensatz zur Synthesizertastatur). Selbstverständlich kann man dieses Buch auch ohne Klavier oder Keyboard durcharbeiten, aber dann bleibt das Lernen Theorie.
Von grundlegender Bedeutung ist zunächst das Kennenlernen der Tastatur (Bilden von Intervallen, Akkorden usw.). Fast alle Notenbeispiele sind in Violin- und Baßschlüssel notiert; die Baßschlüssel-Leser sollten diese Beispiele mindestens eine Oktave höher spielen, gerade bei Akkorden entsteht sonst ein undefinierbarer Klangbrei (bisweilen ist die Oktavierung am Baßschlüssel angezeigt). Am besten ist es natürlich, wenn man beide Schlüssel lesen kann (s. Praktische Notationslehre, S. 133f.); gerade diejenigen, die später ein bißchen schreiben und arrangieren wollen, sollten es sich aneignen, für Keyboarder ist es ohnehin Pflicht.
Mike Schoenemehl