Zum Geleit
Seit Tausenden von Jahren sucht sich das Wasser der Alpen und Mitteleuropas seinen Weg aus dem Gebirge in die umliegenden Meere. Unzählige Hindernisse musste es dabei überwinden. Auf seiner langen Reise schuf es vielfältige Landschaften aus Schluchten, Tälern, Ebenen und Seen. Das Wasser gestaltete nicht nur das Bett, in dem es floss, sondern auch das Umland. Damit formte es eine Vielzahl von Lebensräumen, darunter die Auenwälder, die «Regenwälder Europas». In diesen periodisch überfluteten Waldlandschaften leben rund die Hälfte aller hiesigen Tier- und Pflanzenarten.
Heute sind es nicht mehr die Flüsse, welche die Landschaft prägen. Es ist im Gegenteil der Mensch, der den Flüssen ihre Form aufzwingt, sie staut, kanalisiert und ihren Lauf mit Kraftwerksmauern unterbricht. In der Schweiz, dem Wasserschloss Europas, fließen rund 90 Prozent der Flüsse nicht mehr natürlich, Tendenz zunehmend, denn der Druck auf die letzten frei fließenden Flüsse ebbt nicht ab. Mit fatalen Folgen für die Lebewesen, die sich im Laufe der Evolution an das Leben an und in unseren Flüssen angepasst haben, wie der Biber, der Eisvogel, die Äsche oder die Prachtlibelle.
Wollen wir die wunderbaren Flusslandschaften und das sie bevölkernde Leben erhalten, müssen wir handeln. Pro Natura als schweizweit führende Naturschutzorganisation tut genau das. Sie engagiert sich in der Politik für naturnähere Flusslandschaften, spielt seit Jahren eine wichtige Rolle für die Renaturierung von Fließgewässern im Alpenraum, betreibt Umweltbildung und Aufklärung. Damit unsere Fließgewässer wieder den Platz erhalten, der ihnen zusteht und den wir brauchen.
Den letzten frei fließenden Gewässern ist dieses Buch gewidmet. Es zeigt, wie lohnenswert es ist, diese Schönheit und Vielfalt zu bewahren.
Basel, im Juni 2008
Otto Sieber
Pro Natura Zentralsekretär