Vorwort
»Politik und Kultur der Erinnerung« - lautete der Titel einer Vortragsreihe, organisiert vom Kulturforum der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Kulturwerk des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin, die wir zwischen Dezember 2007 und Juni 2008 in Berlin im Kulturhaus Mitte veranstalteten.
Ausgangspunkt unserer Überlegung war die Beobachtung, dass sich die Beziehungen von Geschichtsschreibung, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert haben. War schon seit den 1980er Jahren ein neues Interesse an Geschichte wahrzunehmen (wir erinnern uns der großen historischen Ausstellungen und des seitdem ungebrochenen Museumsbooms), so rückten seit der historischen Zäsur von 1989/90, nach dem Ende des »kurzen« 20. Jahrhunderts die verdrängten, nicht bearbeiteten »Erinnerungen« in den Mittelpunkt des historischen Interesses. Dem hatte die kulturwissenschaftlich orientierte Geschichtswissenschaft bereits zugearbeitet, nicht zuletzt durch das Konzept der Erinnerungsorte. Nun aber haben wir zu konstatieren, dass Geschichtspolitik vor allem bzw. fast ausschließlich »Erinnerungspolitik« geworden ist. Es geht nicht mehr um plausible und konsistente Erzählungen, um Geschichts-Schreibung oder -Darstellung gesellschaftlicher Ereignisse und Entwicklungen, sondern um die öffentliche Vergegenwärtigung und Anerkennung bestimmter kollektiver Erinnerungen. Diese Kulturalisierung der Geschichtspolitik äußert sich vor allem in den mittlerweile unzähligen Denkmalsprojekten und der wachsenden Bedeutung der Gedenkstättenpolitik. Enzo Traverso, dessen Vortrag den Auftakt der Vortragsreihe bildete, begründet diese »plötzliche Aktualität der Erinnerung«, die immer mehr die Züge einer »Alltagsreligion« annimmt, mit dem Ende des Kommunismus und der Ermanglung eines Projektes für die Zukunft.
Die Beiträge in diesem Band stehen in der Reihenfolge der gehaltenen Vorträge. Sie behandeln jeweils spezifische Aspekte deutscher bzw. (west)europäischer Erinnerungskultur. Mit Notwendigkeit führt die Debatte zu der Frage, ob und wenn ja, wie eine gesamteuropäische Erinnerungskultur vorstellbar ist (Etienne François). Den Herausgebern erschienen die Überlegungen Volkhard Knigges zu dieser Frage so interessant zu sein, dass wir seinen Aufsatz in den Band aufnehmen.
Der ursprünglich als Abschluss der Vortragsreihe vorgetragene Text »Kritische Erinnerungskultur« von Thomas Flierl wurde für die Veröffentlichung von den Herausgebern überarbeitet und dient hier nun als Einleitung. Der Beitrag sucht insbesondere den Anschluss an die erinnerungstheoretische Konzeption von Aleida Assmann herzustellen und die Elemente einer kritischen Erinnerungskultur zu bestimmen.
Die hier dokumentierte Vortragsreihe »Politik und Kultur der Erinnerung« wird im Jahre 2009 mit dem »Blickpunkt Osteuropa« fortgesetzt.
Thomas Flierl und Elfriede Müller
Berlin, im Januar 2009