Vorwort
Dieses kleine Buch ist ein Experiment. Es fügt zwei Texte zusammen, die im Abstand von nahezu 50 Jahren entstanden sind. Sie kennzeichnen in etwa den Spannungsbogen meiner theologischen Biographie. Bei beiden handelt es sich um betont meditative, spirituelle Texte, in denen sich jeweils Glaubenserfahrung und Theologie ineinander verschränken. Beide beziehen sich auf eine neutestamentliche Textvorgabe; die frühe "Armut im Geiste" knüpft an die biblische Erzählung von der Versuchung Jesu (Mt 4,1-11) an, "Passion und Passionen" an die Parabel vom Weltgericht (Mt 25, 31-46).
Der erste umfänglichere Text ist die Neuausgabe einer theologischen Meditation, die - im Anschluß an meine Studienzeit bei Karl Rahner, dem Lehrer und Freund - während meiner Kaplanszeit in Ebrach (1958-1961) entstand und die 1961 zunächst in der Zeitschrift "Geist und Leben", ein Jahr später dann in Buchform im Verlag Ars Sacra (München) erschien. Inzwischen ist das deutsche Original der "Armut im Geiste" längst vergriffen. Obwohl es im Verlauf der Jahre in viele Sprachen übersetzt wurde, habe ich mich bisher einer deutschen Neuausgabe widersetzt. Nun gebe ich diese frühe Schrift hier praktisch unverändert wieder. Geblieben ist deshalb auch seine Sprachgestalt, die ich heute nicht einfach wiederholen könnte. Gestrichen habe ich ausschließlich zwei Sätze, zwei Sätze einer klischeehaften christlichen Pharisäerkritik. Beide Sätze verbieten sich nicht nur einer historisch-exegetisch gewissenhaften Theologie, sondern jedem christlichen Theologen, der sich in seinem Glaubensgedächtnis der Leidens- und Katastrophengeschichte unseres vergangenen Jahrhunderts aussetzt und dabei "Auschwitz" als einen unvermeidbaren Prüfstein für das Verhältnis des Christentums zur jüdischen Religion erkennen muß.
Der zweite Text - "Passion und Passionen" - ist von heute, er gibt eine Ansprache wieder, die ich bei einem geistlichen Themenabend zur Fasten- und Passionszeit 2006 im Dom zu Münster gehalten habe. In ihm kommt, im Vergleich zum voraufgehenden Text, ein Umbruch in meiner theologischen Biographie zum Ausdruck, der nun schon weit zurückreicht und den ich hier weder im einzelnen beschreiben noch rechtfertigen muß. Die Rede von Gott und seinem Christus ist welthaltiger und in diesem Sinn politischer geworden, die Passionsgeschichte der Menschheit ist eingedrungen in die theologische Rede von der Heilsgeschichte der Menschheit, Theologie mündet nicht nur in Gesänge, sondern auch in Schreie. Eine innere Kontinuität zwischen beiden Texten liegt vor allem darin, daß schon der erste Text eine besondere Aufmerksamkeit für die biblisch bezeugte und geforderte Einheit von Gottes- und Nächstenliebe zeigt, die sich im zweiten Text als unzertrennliche Einheit von Gottesleidenschaft und Mitleidenschaft ausdrückt, von Gottespassion und tätiger Compassion. Christen sind Mystiker, ja, aber Mystiker mit offenen Augen, gewissermaßen politische Mystiker einer Compassion, die durchaus "arm" machen kann im Sinn der biblischen "Armut im Geiste".*
Dieses kleine Buch erscheint nicht zufällig in Münster. Als ich nach Münster kam, war der erste Text gerade ein Jahr zuvor in Buchform erschienen. Ein Vergleich mit dem zweiten Text mag zumindest in Umrissen verdeutlichen, welchen theologischen Weg ich in dieser Zeit eingeschlagen habe, welche Veränderungen in Stil und Perspektive meiner theologischen Arbeit sich hier vollzogen haben. Heute bin ich eigentlich froh, daß ich mich nicht für immer von Münster weglocken, nicht wegberufen ließ und daß ich, als ich schließlich einmal zu einem endgültigen Wechsel bereit gewesen wäre, gehindert wurde wegzugehen, zurückzugehen in meine bayerische Heimat.
Dank dem Verlag und seinem Lektor Winfried Daut. Und schließlich Dank all denen, die sich von der möglichen Enttäuschung über den einen Text nicht davon abhalten lassen, doch auch den anderen zu lesen.
Münster, im Oktober 2006
Johann Baptist Metz
| * | Alle, die sich für die theologischen Hintergründe von "Passion und Passionen" und für das darin angezielte Verständnis von "Armut im Geiste" interessieren, darf ich auf mein soeben erschienenes Buch hinweisen: "Memoria Passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft". Freiburg - Basel - Wien 2006. | |