Vorwort
"Die kämpfen ja gar nicht!" - "Die fallen ja von selbst!" sind zwei Sätze, die ich von Außenstehenden angesichts einer Aikido-Vorführung oder des Aikido-Trainings oft gehört habe.
Die Vorstellung, dass eine Kampf- oder Selbstverteidigungskunst ohne brutale Tritte oder Schläge auskommen kann, erscheint vielen unglaublich. Gerade hier liegt aber ein Teil der Faszination des Aikido. Der Angreifer schlägt zu und begegnet nicht der erwarteten Konfrontation, sondern wird dazu aufgefordert, sich wieder in ein harmonisches Ganzes einzufügen. Er erhält die Möglichkeit, seine Aggression abzubauen und zu überdenken, ohne sofort vernichtet zu werden.
Auf der Matte bemühen sich Angreifer und Verteidiger, im Miteinander-Gegeneinander des Übens um eine ständige Verbesserung ihrer persönlichen Fähigkeiten. Die Suche nach einer perfekten Technik dient dabei als Lernziel und ist das Ideal, welches es anzustreben gilt. Unser Gegenüber stellt dabei Hindernis, Herausforderung und Wachstumsmöglichkeit zugleich dar.
Wie aber sieht eine ideale Technik aus?
Damit wir ein Bild dieser Bewegung haben können, brauchen wir ein "Vor-Bild", jemanden, der eine Richtung angibt. Lernen müssen wir alleine mit unserem Partner - aber in welche Richtung unsere Bemühungen gehen sollen, bedarf der Lenkung durch einen Lehrer. Deshalb ist es im Aikido besonders wichtig, einen kompetenten Lehrer zu haben - nicht zuletzt weil eine Fehlerauslese durch den direkten Wettkampf im Aikido auf Grund seiner Konzeption nicht möglich ist; ja dem Gedanken des Aikido gerade zu widersprechen würde.
Ich habe das Glück gehabt, vor gut zwölf Jahren von einer der Koryphäen des aktuellen Aikido - Christian Tissier Shihan, 7. Dan Aikikai, - als Schüler akzeptiert worden zu sein.
Seine beharrliche Suche nach einer idealen Technik und reinen Bewegung ist für mich ein Leitmotiv, welches meine eigenen Bemühungen beständig prägt. Die geniale Technik von Christian Tissier kann für jeden offensichtlich werden, der sich intensiv mit seinem Aikido auseinander setzt. Für seine Geduld und für seine Gabe, nicht nur ein überragender Aikido-ka, sondern auch ein geistvoller Pädagoge zu sein, bin ich ihm zu Dank verpflichtet.
Christian Tissier unterrichtet in seinem Dojo in Paris die Techniken des Aikido-Mainstreams, so wie er im weltweiten Dachverband - Aiki-kai - seine organisatorische Gestalt findet und von ihm im Hombu Dojo Tokio erlernt wurde.
Folglich ist auch dieses Buch am offiziellen Standard des "Aikikai-Aikido" orientiert und steht in der Tradition des Aikido, wie es von O-Sensei Morihei Ueshiba erschaffen wurde und vom derzeitigen Doshu - Moriteru Ueshiba - verbreitet wird.
Da Aikido eine sehr umfangreiche Kampfkunst mit vielen Lernmöglichkeiten ist, kann das Buch nur einen kleinen Ausschnitt des Aikido darstellen.
Das Buch richtet sich dabei an Anfänger, versucht aber auch dem ambitionierten Aikido-Übenden einen Überblick zu geben.
Dem Thema des Buches entsprechend habe ich mich bemüht, eine sinnvolle Auswahl von Techniken zu treffen.
Für ihren Einsatz als Angreifer, ohne den dieses Buch nicht möglich gewesen wäre, gilt mein besonderer Dank Martina Dorka (3. Dan Aikikai) und Martin Bachern (1. Dan Aikikai). Weiter möchte ich mich bei allen bedanken, die mir bei der Erstellung dieses Buches mit Rat und Tat zur Seite standen.
Brauweiler, im August 2004
Dr. Bodo Rödel, 4. Dan Aikikai
Vorwort
von Christian Tissier Shihan, 7. Dan Aikikai
Für viele Aikido-Übenden ist offensichtlich, dass Aikido eine hocheffiziente Kampfkunst darstellt, die ihren Ursprung in der langen Tradition des japanischen Budo hat - jedoch wirkt diese Sichtweise auf mich in unserer modernen Welt ein wenig einschränkend.
Ich bevorzuge es, Aikido als ein höchst zeitgemäßes Erziehungssystem für Körper und Geist anzusehen. Die Grundlage des Aikido ist dabei die Suche nach dem Ideal der Reinheit durch eine reine Bewegung. Der konfliktauslosende "Partner-Gegner" (partenaire-adversaire) ist das Alibi dieser Suche, indem er uns dazu bringt, eine harmonische Lösung zu finden. So eröffnet sich vor uns die Welt der Kommunikation.
Das unablässige Training löst unsere Ängste und Blockaden auf, es macht uns frei, uns den anderen zuzuwenden und gibt uns die Möglichkeit, die "Konstanten des Weges" (constantes de la voie) zu entdecken: Spontaneität, die richtige Haltung im richtigen Moment, Reinheit, Respekt, innere Freiheit, etc.
Das Lehren des Aikido erfordert große Fähigkeiten. Die Technik bedeutet gar nichts, wenn sie nicht einen Widerhall auf der zwischenmenschlichen Ebene findet. Die Anstrengungen bleiben zwecklos, wenn sie nur für sich selbst geschehen. Es ist der Sinn des Teilens, der den wahren Wert des Lehrens ausmacht.
Bodo Rödel investiert viel in das Lehren. Ich beobachte ihn seit vielen Jahren und für ihn beginnt jetzt die Zeit des Teilens. Seine technischen und menschlichen Fähigkeiten, seine Treue gegenüber seinem Vorhaben und mir - seinem Lehrer - sowie gegenüber seinen Schülern, lassen mich voraussehen, dass er den "Weg" mit sicherem Erfolg gehen wird.
Ich empfehle Ihnen dieses von ihm veröffentlichte Buch: Es ist schlicht, klar und offen. Die Technik ist richtig und der Inhalt mit Vernunft dargestellt.
| Paris, im Oktober 2004 | Christian Tissier |
(aus dem Französischen von Edith Bornhold)