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Tod und Jenseits im Alten Ägypten. Sonderausgabe
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VORWORT



Die Vorarbeiten zu diesem Buch reichen zurück bis in meine Studienzeit. Schon bei der Arbeit an meiner Dissertation über Sonnenhymnen stieß ich immer wieder auf Texte, die formal wie inhaltlich an Sonnenhymnen erinnerten, aber an Tote gerichtet waren. Ich sammelte diese weitgehend unbekannten Texte, um von ihnen ausgehend ein Buch über den ägyptischen Totenglauben zu schreiben, denn ich hatte den Eindruck, daß diese Texte die Entwicklung des ägyptischen Totenglaubens wesentlich getreuer widerspiegelten als die Texte der Totenliteratur - Pyramidentexte, Sargtexte, Totenbuch und spätere Kompositionen -, die, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg immer wieder abgeschrieben, zu wenig Entwicklung sichtbar werden ließen, um Aufschlüsse über die Geschichte dieser Vorstellungswelt zu geben. Meine Arbeit an den ägyptischen Hymnen hatte mich gelehrt, daß die Texte umso verständlicher werden, je eindeutiger sie sich in eine chronologische Entwicklungslinie einordnen lassen. Selbst eine so fremde Vorstellungswelt wie die ägyptische Sonnenmythologie und -theologie erschließt sich einem gewissen Verständnis, wenn sie sich in die Kategorien von früher und später, Entstehung, Entwicklung und Innovation gliedern läßt. Auch das ist schon eine Form des Verstehens, wenn ich zeigen kann, daß und warum ein Text, ein Motiv oder ein Gedanke hundert Jahre früher nicht denkbar wäre. Diese Erfahrungen gaben mir das Modell vor, wie mit den ägyptischen Totentexten zu verfahren sei. Im Jahre 1981 gab mir ein einjähriges Forschungsstipendium die Gelegenheit, die über 15 Jahre angehäuften Materialien in die Form eines Buches zu bringen. Ich scheiterte, weil sich auf keine Weise in den gesammelten Materialien eine Entwicklungslinie abzeichnete, in den gesammelten Totensprüchen ebensowenig wie in der kanonischen Totenliteratur. Ich wußte nicht, wie ich die Geschichte der ägyptischen Totenreligion erzählen sollte. Der Fall wirft Licht einerseits auf die von Hayden White aufgezeigte Abhängigkeit der Geschichtsschreibung von narrativen Mustern und andererseits auf die hermeneutische Bedeutung der Zeitdimension. Die Abwesenheit oder Unzugänglichkeit dieser beiden entscheidenden Leitfäden vereitelte auf viele Jahre hinaus alle weiteren Versuche, mit der Niederschrift des lang geplanten Buches zu beginnen.

Die Einladung der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, ein Jahr ungestörten Forschens und Schreibens in München zu verbringen, bot dann 1999 endlich die Gelegenheit zu einem erneuten Anlauf. Der Durchbruch kam aber auch hier, nach vielen verschiedenen Ansätzen, erst gegen Ende dieses Jahres. Vorher schon hatte ich mich von dem Gedanken freigemacht, die gesammelten Texte in eine umfassende Beschreibung, wie sie mir vorschwebte, zu integrieren, und den Weg gewählt, sie gesondert und in einer repräsentativen Auswahl mit Übersetzung und Kommentar zu edieren. Der erste Band dieser auf drei Bände veranschlagten Edition geht gleichzeitig mit dieser Studie in Druck. Aber diese Trennung zwischen Edition und zusammenfassender Darstellung allein wirkte noch nicht befreiend. Entscheidend war der Entschluß, die Suche nach der verborgenen Entwicklungslinie aufzugeben und die zu beschreibenden Befunde nicht in der Form einer fortlaufenden Erzählung, sondern eher in der Form einer Ausstellung anzuordnen, in vielen verschiedenen Räumen, die in beliebiger Reihenfolge besichtigt werden können und durch keinerlei Logik der Abfolge miteinander verknüpft sind. In dem Augenblick, in dem ich mich vom Zwang der Erzählung losgesagt hatte, ließ sich das Buch in einem Zug niederschreiben. Der erste Teil stellt neun verschiedene Todesbilder nebeneinander, die zum Teil miteinander zusammenhängen, sich voraussetzen und ergänzen, zum Teil aber auch einander widersprechen. Manche dieser Bilder haben eine Geschichte und sind in der Tat vor einem gewissen Zeitpunkt nicht nachweisbar und daher vielleicht tatsächlich "undenkbar", andere ziehen sich zeitlos durch die gesamte ägyptische Religionsgeschichte. Es kam mir mehr darauf an, sie alle zu beschreiben und mit Beispielen zu illustrieren, als sie in ein kohärentes Gesamtbild zu integrieren. Der zweite Teil behandelt eine Auswahl von Riten, in denen solche Todesbilder in sprachliche und rituelle Handlung umgesetzt werden. Auch hier spielt die Reihenfolge keine Rolle. Ich habe die "Stundenwachen" nur deswegen vor dem "Opferkult im Grabe" behandelt, weil der Tote erst einbalsamiert werden muß (bei welcher Gelegenheit dann die Stundenwachen abgehalten werden), bevor er beigesetzt werden kann, und er muß erst beigesetzt werden, bevor ein Opferkult im Grab stattfinden kann.

Die Frage drängt sich auf, warum die historische Dimension, die im Falle der Hymnen so deutlich in Erscheinung tritt und so viel zum Verständnis dieser Gattung beiträgt, im Fall der Totentexte derart im Verborgenen bleibt. Philippe Ariès konnte die "Geschichte des Todes" im Abendland schreiben. Hat der Tod in Ägypten keine Geschichte? Die Antwort ist alles andere als einfach. Wir haben mit zwei verschiedenen Kräften der Fixierung zu rechnen. Die eine liegt in der Natur des Rituals, das auf Konstanz und Invarianz angelegt ist. Das Ritual wirkt auch im Bereich der Hymnen stabilisierend, und nur die Tatsache, daß sich die Abfassung von Hymnen im Neuen Reich vom Rahmen des Rituals emanzipiert und viele Texte hervorgebracht hat, die nicht für kultische Zwecke bestimmt waren, ermöglichte diese geradezu eruptive Ideenevolution, die ich in meinem Buch Re und Amun nachzuzeichnen versucht habe. Im Bereich des Totenglaubens ist der fixierende Einfluß des Rituellen offenbar noch viel stärker. Dadurch bleiben Texte, die bereits in den Pyramiden des Alten Reichs bezeugt sind, bis in die Spätzeit hinein nicht nur in liturgischem Gebrauch, sondern auch maßgeblich, vorbildlich und normativ. Die andere Antwort liegt möglicherweise in der Natur der Sache bzw. des Menschen, d.h. in der Erfahrung des Todes. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich die kulturellen Ausgestaltungen gerade dieser Dimension der menschlichen Erfahrung langsamer verändern als andere. So hatte schon der im ersten Weltkrieg gefallene Soziologe Robert Hertz, dem wir den ersten Ansatz zu einer kulturwissenschaftlichen Behandlung des Todes verdanken, vermutet, daß sich "die Verbindungen, die der Mensch mit seinem Tode unterhält, nicht im gleichen Rhythmus, mit der gleichen Wirkung und mit der gleichen Geschwindigkeit verändern wie die anderen Beziehungen in anderen Bereichen einer bestimmten sozialen Landschaft".

Uns selbst ist diese Erfahrungsdimension ferngerückt, einerseits, weil die kulturellen Ausgestaltungen, die sie in unserer eigenen abendländisch-christlichen Tradition gefunden hat, verblaßt oder verschwunden sind, andererseits aber auch, weil diese Tradition selbst, besonders im Protestantismus, aus theologischen Gründen viele Formen unterdrückt und ausgeschlossen hat, die in anderen Religionen und Gesellschaften zum Grundbestand der Totenreligion gehören. Diese Eingrenzung und Reduzierung der Totenreligion beginnt schon im Alten Testament und bleibt durch die ganze Geschichte des jüdischen, christlichen und islamischen Monotheismus eine hoch-theologische Norm, gegen die sich dann in den einzelnen Regionen ursprünglichere Formen des Umgangs mit den Toten mühsam und mit sehr unterschiedlichem Erfolg halten oder wieder durchsetzen konnten. So erscheint uns Heutigen die ägyptische Totenreligion als das Unikum eines die gesamte Wirklichkeit bestimmenden, unendlich komplexen, differenzierten und in seinen extremen Formen geradezu abstrusen Phänomens. Dabei tritt hier nur auf eine freilich besonders elaborierte Weise in Erscheinung, was zu den typischen Formen des Totenglaubens gehört, und es ist eher unsere eigene Kultur, die mit ihrer Ab-, wenn nicht Ausblendung jeglichen Totenkults und ihrer allgemeinen Ausgrenzung des Todes aus der Kultur eine Ausnahme darstellt. Daher kann uns die Begegnung gerade mit der ägyptischen Totenreligion vor Augen führen, was wir aus dem Blick verloren haben. Außerdem gibt es selbst von hier aus Verbindungslinien in unsere eigene Tradition. Die Vorstellungen von der Unsterblichkeit der Seele und einer jenseitigen Belohnung und Bestrafung, die zu den christlichen Grundüberzeugungen gehören und in der Aufklärung noch zu den Elementen einer natürlichen Religion gerechnet wurden, sind in den ägyptischen Texten zuerst greifbar. Da sie im Alten Testament fehlen und auch in Mesopotamien, Griechenland und Rom weder ursprünglich, noch in vergleichbarer Ausformung und Geltungskraft entwickelt sind, spricht vieles dafür, daß sie von Ägypten aus in die christliche Religion eingedrungen sind. Es schien daher sinnvoll und an der Zeit, ein solches Buch zu wagen, nicht nur, weil die Totenreligion in der altägyptischen Kultur eine absolut zentrale und alles beherrschende Stellung einnimmt, sondern weil sie auch für uns in der Situation unserer allgemeinen Todesvergessenheit ein besonderes Interesse beanspruchen darf.

Tod und Jenseits im Alten Ägypten ist ein dickes Buch geworden. Das hängt damit zusammen, daß es einerseits auf über dreißig Jahren eigener Forschungen zu diesem Thema, andererseits auf über dreitausend Jahren ägyptischer Geschichte des Totenglaubens, der Grabbaukunst, Grabplastik, Totenliteratur und Bestattungssitten beruht. So etwas läßt sich nicht kurzgefaßt darstellen, wenn der Gegenstand nicht alle Farbe verlieren soll. Ich habe mich aber bemüht, jedes der siebzehn Kapitel so zu fassen, daß es auch für sich gelesen werden kann. Wo es auf anderenorts Gesagtem aufbaut, wird ausdrücklich auf das entsprechende Kapitel verwiesen. Man muß sich also nicht von vorn bis hinten durch das ganze Buch hindurchlesen, sondern kann an beliebigen Punkten einsteigen und sich von dort aus zu tieferem Eindringen in die Welt der ägyptischen Totenreligion verführen lassen. Das ist einer der Vorzüge, die das Modell der Sammlung oder Ausstellung gegenüber dem der "großen Erzählung" hat, bei der sich alle behandelten Phänomene in den Entwicklungsverlauf einer Geschichte einfügen lassen müssen und nur in ihrem Nacheinander verständlich werden.

Tod und Jenseits wäre ein noch dickeres Buch geworden, wenn ich nicht rechtzeitig noch hätte Einblick nehmen dürfen in eine Arbeit, die dasselbe Thema aus einem ganz anderen Blickwinkel behandelt. Ich danke John Taylor, der mir die Druckfahnen seines Buches Death and Afterlife in Ancient Egypt zur Verfügung gestellt hat. Hier wird das Thema "Tod und Jenseits" aus dem Blickwinkel der Archäologie und auf der Grundlage der Schätze des Britischen Museums behandelt, so wie es sich in der reich entfalteten Grabkultur der Ägypter, in der Architektur, Dekoration und Ausstattung der Gräber und der Geschichte der Mumifizierung ausprägt. In diesem üppig illustrierten Werk findet der Leser eine detaillierte Darstellung der praktischen und materiellen Aspekte des Themas; das vorliegende Buch ergänzt sie um die Welt der Texte und der Ideen. Die materielle Kultur der ägyptischen Totenreligion spielt zwar auch hier eine Rolle, kann aber hier mehr am Rande stehen, weil sie in Taylors Buch den Mittelpunkt bildet.


Mein Dank gebührt in erster Linie der Carl Friedrich von Siemens Stiftung und ihrem Leiter Heinrich Meier, deren großzügige Einladung mir die nötige Muße verschafft hat, um den gewaltigen Stoff endlich in den Griff zu bekommen. Bei der Auswahl und Beschaffung der Bilder halfen mir Eva Hofmann und Andrea Kucharek. Im Verlag C.H.Beck profitierte das Manuskript erheblich von der Sorgfalt Ulrich Noltes und Brigitte Schillbachs. Silke Möller hat das Sachregister, Mathias Jehn das Namenregister erstellt. Auch ihnen sei hier herzlich gedankt.


Heidelberg, im Juli 2000



 
   


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