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Einführung in die Europäische Ethnologie
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Einleitung


Wissenschaftliche Einführungstexte in die Geschichte und die Perspektiven eines Faches sind stets "Problembücher" - und dies in doppeltem Sinn: Sie handeln von Problemen, und sie sind selbst ein Problem. Was damit gemeint ist, im allgemeinen wie im speziellen Fall der Europäischen Ethnologie, soll im folgenden ein wenig erläutert werden. Ich beginne dabei mit der zweiten Problemstellung.

Eine Einführung ist primär gedacht für Studierende und Interessierte, denen sie einen Einblick in die Denkweisen eines Faches vermitteln sowie konkrete Orientierungshilfen geben will auf dem oft unübersichtlichen Weg durch Seminare, Themen und Theorien. Diese Bestimmung hat Konsequenzen für die Darstellung, die sich daher auf das Wesentliche des Stoffes begrenzen und dazu im Stil möglichst lesbar und verständlich sein soll. So wird man jedenfalls vernünftigerweise als Autor denken müssen - aber man wird vielleicht nicht ganz so vernünftig dann auch handeln und schreiben können. Denn es kommt noch ein anderer Umstand ins Spiel, über den man eher selten spricht: Jeder Verfasser einer Einführung wendet sich beim Schreiben zwar mit den besten Absichten an die Studierenden als die künftigen Leser. Er schielt hinter deren Rücken aber natürlich schon auch zu den Kolleginnen und Kollegen im Fach hinüber, deren sachkundige Reaktionen und Urteile folgen werden. Und da es bei einer Einführung um nicht weniger als das "Gesamte" einer Wissenschaft geht, muß er schon vorher vermuten, daß deren spätere Kommentare eigentlich nur kritisch bis negativ ausfallen können, denn (fast) alles ließe sich auch ganz anders sehen und wesentlich anspruchsvoller darstellen. Diese ungemütliche Erwartung wiederum begünstigt - wie wir dann ahnungsvoll an unserem eigenen Schreiben beobachten - eine gewisse Tendenz zur Langatmigkeit und Umständlichkeit der Darstellung, um solcher Kritik antizipierend zumindest einige schützende Nebelwände entgegenzustellen. Gerade dies aber wollte man ja eigentlich vermeiden ... - Ich breche hier ab, weil damit jenes Dilemma hinreichend deutlich geworden sein dürfte und zugleich auch die darin angedeutete Bitte um Nachsicht, wenn nicht immer eine "uneitle" literarische Lösung des Problems gefunden wurde.

Nun hat jede Not angeblich auch ihre Tugend. Wenn dem so ist, könnte sie hier darin bestehen, daß allein schon die zu behandelnde Stoffülle fast nur auswählende und vereinfachende Darstellungsformen zuläßt. Und eine einfache Darlegung komplexer Sachverhalte gehört bekanntlich zu den kompliziertesten Übungen im Wissenschaftsgeschäft überhaupt. Zudem zwingt eine Einführung zu dem Versuch, über wissenschaftliche Einzelfragen und Einzelthemen hinaus ein zusammenhängendes Bild eines Faches zu entwerfen, das sich mit seinen vielen Bereichen und Feldern meist recht energisch gegen solche Überblicksdarstellungen sperrt.

Ein zweites Problem ergibt sich bereits aus dem Titel dieses Bandes: Was meint Europäische Ethnologie im disziplinären Sinn? Wer deutsche oder europäische Universitätsverzeichnisse durchblättert, wird auf diese Fachbezeichnung eher selten treffen. Unter den ge genwärtig 19 deutschen bzw. 26 deutschsprachigen volkskundlich orientierten Instituten gibt es nur fünf, die sich - teils in variierenden Begriffsverbindungen - so nennen. In Schweden hingegen ist diese Bezeichnung selbstverständlich, und auch in den osteuropäischen Ländern wird sie zunehmend benutzt - vor allem, wenn dort Konzepte aus der amerikanischen Anthropologie dem Fach Pate standen. Bis vor wenigen Jahren noch erschien die Verknüpfung von "Europa" und "Ethnologie" in Deutschland ohnehin als eher unangemessen, da mit dem Stichwort "Ethnologie" in aller Regel die Völkerkunde assoziiert wurde, die ihre Forschungsfelder überwiegend außerhalb Europas gefunden hatte. Dies hat sich inzwischen insofern verändert, als sich im Rahmen einer Europäischen Ethnologie heute Forschungsrichtungen begegnen, die einerseits aus der Tradition der deutschen Volkskunde, andererseits aus den Theorie- und Methodenbeständen der Völkerkunde wie der Kultur- und Sozialanthropologie stammen. Bei allen Unterschieden im Zugang wie im Verständnis besteht ein gemeinsames Interesse daran, Kultur in der Vielfalt ihrer Bedeutungen und Praktiken vor dem Horizont europäischer Geschichte und Gesellschaftlichkeit auszuleuchten und diesen wiederum - nicht erst seit 1989, aber seitdem verstärkt - in globalen Zusammenhängen zu betrachten.

Ein Copyright auf die Fachbezeichnung "Europäische Ethnologie" gibt es also nicht, da sie weder in der volkskundlichen noch in der völkerkundlichen Fachtradition systematisch festgeschrieben war und da sich bei den Versuchen ihrer inhaltlichen Füllung zugleich vielfache Berührungspunkte zwischen den beiden Nachbardisziplinen ergeben. Ich werde hier eine aus der ehemaligen Volkskunde entwickelte Perspektive vertreten, die für mich eine/meine eigenständige und neue Fachidentität verkörpert. So wird auch verständlich, daß diese Darstellung immer mehr eine deutsche sein wird als eine europäische, die eben auch nicht einfach aus "nationalen" Blicken zusammengesetzt werden kann.

Damit ist bereits ein drittes Problem angeschnitten, nämlich die Frage, wie sich die Europäische Ethnologie in ihrem thematischen, theoretischen wie methodischen Selbstverständnis definieren läßt. Eine ausführliche Antwort darauf soll in diesem Buch versucht werden. In dieser Einleitung will ich jedoch zunächst nur skizzieren, was sie meiner Auffassung nach jedenfalls nicht ist oder sein soll: Sie ist nicht die Wissenschaft vom Ethnos, wenn damit ein vermeintlich historisches Prinzip abstammungsgemeinschaftlicher Entwicklung gemeint sein soll. Sie kann auch nicht die europäischen Gesellschaften als die "eigene" und die außereuropäische Welt als die "fremde Kultur" betrachten, analog den früheren Definitionen einer "deutschen" Volks- und einer "überseeischen" Völkerkunde. Und sie darf meiner Auffassung nach ebensowenig als eine "europäische Völkerkunde" mißverstanden werden, die einen bunten Bilderbogen vorgeblich homogener National- oder Regionalkulturen von Island bis Italien zu entwerfen hätte. Nun könnte man natürlich versuchen, das Fach gleichsam von innen her zu beschreiben, etwa indem die empirischen Gegenstände, die theoretischen Orientierungen oder die methodischen Zugänge aufgeführt werden, um die es hier geht. Allerdings ist auch dieser Weg nicht sonderlich erfolgversprechend, denn weder ergibt sich aus der bloßen Addition von Gegenständen und Werkzeugen ein tragfähiges Gebäude, noch befinden sich die meisten Themen, Theorien und Methoden im Alleinbesitz des Faches.

Ich beende daher die Aufzählung solcher negativen oder unzulänglichen Bestimmungsversuche mit dem Hinweis, daß handbuchartige Definitionen eben meist wenig hilfreich sind. Dies ist nun allerdings kein Fachspezifikum der Europäischen Ethnologie. Entsprechende Kurzformeln für die Psychologie oder die Mathematik erscheinen uns auch nur solange befriedigend, wie wir uns nicht näher damit beschäftigen. Zu verstehen, was Europäische Ethnologie bedeuten soll, heißt letztlich also, jene Problemsichten in einiger Ausführlichkeit nachzuvollziehen, die das Fach im Laufe seiner Geschichte entwickelt hat. Dabei will dieses Buch mit mehr als einem Satz behilflich sein.

Damit bin ich bei einem vierten Problem. Als universitäres Fach ist die Europäische Ethnologie eine verhältnismäßig junge Disziplin, die ihr Selbstverständnis immer wieder neu suchen muß und sich deshalb in ihren Orientierungen vielleicht auch schneller bewegt und verändert als andere Studienfächer. Das ist einerseits ihrem volkskundlichen Erbe geschuldet, das nach 1945 dazu zwang, sich in einem mühevollen Prozeß von den Traditionen völkischer Wissenschaft zu lösen. Zum ändern läßt ihr zentraler Gegenstand, die Kultur in all ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Wandlungen, eine Statik der Begriffe wie ein bequemes Sich-Einrichten in stabilen Selbstverständnissen kaum zu. Betrachtet man die Dissertationsthemen im Fach über die letzten Jahrzehnte hinweg, so zeigt sich dieser schnelle Wechsel der Perspektive sehr deutlich - vielleicht nicht unmittelbar in der vordergründigen Themenwahl, aber doch in bezug auf den Themenschnitt und den Themenzugang. Forschungen zu Karneval, Festen oder Kleidung etwa finden sich in den 1950 er Jahren ebenso wie heute. Aber sie sind nunmehr doch einer vielfach anderen, aus den Gegenwartsinteressen und -erkenntnissen formulierten Fragestellung unterworfen und begnügen sich meist nicht mehr mit einem historischen Rückblick auf vermeintlich abgeschlossene historische Welten und Prozesse.

So ist das Fach in seinen Themen und Leitbegriffen ständig in Bewegung. Das macht es spannend und schwierig zugleich, vor allem für Studienanfänger und -anfängerinnen, die verständlicherweise klare Orientierungslinien und Verständnishilfen suchen. Die bietet das komplizierte Gelände der Kultur nun leider weniger an, dafür aber eine interessante Herausforderung für diejenigen, die sich auf Wege begeben, deren Verlauf sie an deren Beginn noch nicht klar übersehen können. Das klingt vielleicht nach Abenteuerstudium, meint jedoch Wissenschaft in ihrem vollen Wortsinn.

Kaum gemildert wird dieses Orientierungsproblem durch das Außenbild der Europäischen Ethnologie, das in mancher Hinsicht schillernd wirkt. Das Fach scheint zuständig für vieles, was zum klassischen Repertoire der Volkskunde gehörte wie Feste, Bräuche und Trachten, aber eben auch für viele ganz aktuelle Phänomene im Zusammenhang von Migration, Tourismus oder Medien. Zum Teil drückt sich in dieser sehr unterschiedlichen Außenwahrnehmung auch der Wandel im Selbstverständnis des Faches aus, der in der Öffentlichkeit nur mit zeitlicher Verzögerung vermittelt werden kann. Dabei geht es keineswegs darum, sich beispielsweise für die Trachtenfrage unzuständig zu erklären, sondern um die Vermittlung neuer Perspektiven dazu im Sinne einer Kleidungs- oder Symbolforschung. Doch hat diese verschobene Außenwahrnehmung neben einigen negativen auch gute Seiten, denn sie verweist auf das breite Spektrum des in unserem Fach - vermeintlich oder tatsächlich - produzierten Wissens, das wiederum ein vergleichsweise breites Spektrum von Berufsmöglichkeiten für seine Absolventen eröffnet. Denn auch in dieser Hinsicht hat sich viel "bewegt": Neben den klassischen Berufsbereich der Museen und Ausstellungen sind längst Arbeitsbereiche in der Erwachsenen- und Weiterbildung getreten, in den verschiedenen Medien, in der Kulturplanung wie im Kulturmanagement. Auch dies gehört also zur Charakteristik des Faches, zu jenem Wechselspiel von Selbstbildern und Außenbildern, von dessen Reibung und Spannung wir letztlich profitieren.

Dennoch bleibt ein fünftes Problem: die Frage nach dem spezifischen Profil Europäischer Ethnologie. Denn mit dem Hinweis auf die Veränderungen im Verlauf der jüngeren Fachgeschichte, auf die vielfältigen Verbindungen und Schwerpunkte, die im interdisziplinären Raum gesucht und gefunden worden sind, auf die Vielfalt der gängigen Theorien und Methoden kann keinesfalls gemeint sein, daß wir auf dem Wege zu einem beliebigen Sammelfach und zu einer thematischen Trendbörse sind. Sich in vielfältigen Feldern erfolgreich zu bewegen setzt vielmehr eine markante Handschrift voraus, die sich im Falle der Europäischen Ethnologie sicherlich aus der Mischung von Themen, von Betrachtungswinkeln und von Darstellungsweisen ergibt. Keiner dieser drei Faktoren reicht für sich genommen aus, sondern es ist deren Mischung, die das Fach ausmacht. Dies zeigt sich gerade in Themenfeldern nahe den großen Forschungsautobahnen. Im Bereich der Reise- und Tourismusforschung etwa tummeln sich neben Volkskunde/Europäischer Ethnologie längst auch Germanistik und Geschichtswissenschaft, Soziologie und Geographie, Kunstgeschichte und Wirtschaftswissenschaften. Auch dort wird erfolgreich gearbeitet, aber eben nicht mit jenem kulturellen oder ethnologischen Blick, der uns bestimmte Problemsichten und Theorien nahelegt, der uns zu bestimmten methodischen Annäherungen an Thema und Feld auffordert, um - jedenfalls meistens - dadurch zu einer Perspektive mit unverwechselbarer Handschrift zu gelangen.

Nun mehren sich gegenwärtig Stimmen im Fach, die davor warnen, daß dieses neue Profil zu schwach sein könne. Daß es strategisch vernünftiger sei, sich wieder stärker auf thematische Schwerpunkte zu konzentrieren, wie sie in der volkskundlichen Fachgeschichte erfolgreich herausgebildet worden seien - Schwerpunkte etwa in der historischen Kulturforschung oder in der Folkloristik. Erfolge diese Rückbesinnung nicht, würden diese Stammlande des Faches von anderen, expansiveren Disziplinen besiedelt. Und in den neueren, oft auch stärker gegenwartsbezogenen Feldern werde ein kleines Fach von der großen sozialwissenschaftlichen und sozialgeschichtlichen Konkurrenz ohnehin leicht erdrückt.

Gewiß muß man sich um die "kognitive Identität" (Lepenies 1981: I) des Faches Gedanken machen, also um jenes Verhältnis von innerem Selbstverständnis und öffentlicher Wahrnehmung, das letztlich auch über universitäre Haushalte, über Forschungsressourcen und insbesondere über die Berufschancen der Absolventinnen und Absolventen entscheidet. Und daß Kultur Konjunktur hat, daß kulturwissenschaftliche Studiengänge gegenwärtig gleichsam wie Pilze aus dem Boden schießen, sollte uns gewiß veranlassen, diese Schwemme skeptisch zu beobachten und genau zu überlegen, ob und wo wir unseren Stand auf diesem überlaufenen Markt plazieren wollen.

Jedoch scheint mir die Gefahr des Aufgehens im Modischen, in Konjunkturen und ihrem schnellebigen Sinnstiftungsgeschäft letztlich erheblich geringer zu sein als jene andere Gefährdung, die aus solchen Bedrohtheitsszenarien entsteht und die das Fach mit dem Rückverweis auf angeblich glorreiche Vergangenheiten lahmt. Gerade die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte: das Zugehen auf Gegenwartsprobleme, ohne die historische Dimension zu verlassen, die Öffnung zu sozialwissenschaftlichen, sozialgeschichtlichen und kulturanthropologischen Theorien und Methoden, ohne das volkskundliche Handwerkszeug beiseite zu legen, die theoretische Anstrengung, ohne deren empirischen Ausgangspunkt aus den Augen zu verlieren - gerade diese Beweglichkeit des Faches also hat es aus einer beschaulichen Nische der Wissenschaftslandschaft der Nachkriegszeit in wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussionszusammenhänge treten lassen, aus denen wir unsere heutige kognitive Identität wesentlich beziehen. Und diese veränderte Identität scheint mir nicht beliebig, sondern zeigt wiederum spezifische Züge. Unsere Handschrift bleibt erkennbar, auch wenn unser Außenbild in durchaus unterschiedlicher Facettierung wahrgenommen wird. Damit aber können wir leben, sogar gut leben, weil dies einer tatsächlichen Pluralität und Vielseitigkeit unseres Faches entspricht. Von dieser Vielgestaltigkeit unserer Institute und Arbeitsgebiete profitieren wir - solange daraus nicht Beliebigkeit wird. Und die sehe ich bislang nur in Einzelfällen. Nichts wäre daher wohl kontraproduktiver, als sich im wissenschaftlichen Gelände wieder in das Fachwerkhaus zurückzuziehen, dessen dicke Butzenscheiben Ein- wie Ausblicke verhindern.

Mit den genannten Problemen ist zugleich auch die Absicht dieser Einführung beschrieben. Sie kann und will keine kurzen, oberflächlichen Antworten darauf geben, was Europäische Ethnologie als Fachbezeichnung oder Kultur als Beobachtungsgegenstand meint; sie soll vielmehr dabei helfen, zunächst die richtigen Fragen zu entwickeln. Denn diese Fähigkeit, Erkenntnis erschließende Fragen an den Gegenstand zu formulieren und zu wissen, daß diese meist langlebiger sind als schnelle Antworten, ist für mich eine ganz wesentliche Qualität von Kulturwissenschaft.

Nun gibt es gewiß viele Möglichkeiten, eine solche Einführung zu konzipieren. Die hier gewählte Form und Gliederung mag vielleicht wenig originell erscheinen, weil sie mit dem üblichen Zugang über die Entwicklung der Fachgeschichte beginnt, dann in einem zweiten Teil zentrale Begriffe und Theorien diskutiert und in einem dritten Abschnitt Felder und Methoden der Forschung vorstellt. Doch hat diese Konventionalität auch ihre Logik: Sie will es ermöglichen, das Fach auf dem Wege der Veränderung seiner Selbstverständnisse und seiner Begriffe zu begleiten, seine Abhängigkeit vom jeweiligen Zeitgeist zu reflektieren, die Pfade der Erschließung neuer Themen- und Forschungsfelder mitzugehen. Das scheint mir unverzichtbar angesichts des ständigen Wandels unserer Leitbegriffe und ihres zusätzlichen Bedeutungswandels: Volk, Tradition, Kultur ...

Die relativ breite Berücksichtigung der Fachgeschichte hat aber noch einen zweiten Grund. Neben dem Hinweis darauf, wie sehr stets Veränderungen die Geschichte unseres Faches begleitet haben und prägten, wie oft zentrale Begriffe wechselten oder - häufiger noch - blieben, jedoch mit veränderter Bedeutung, mag sie uns auch als Mahnung für unser gegenwärtiges Verständnis von Kultur und Gesellschaft dienen. Sie soll uns mahnen, nicht dem Irrtum zu verfallen, wir sähen heutige gesellschaftliche Problemlagen sozusagen von einem Gipfel der Erkenntnis, der letztgültige Klarsicht bedeute. Wissen um die Zeitgebundenheit von Deutung und Erkenntnis gehört vielmehr zur Grundauffassung gerade einer Wissenschaft, die sich mit Erscheinungsformen der Kultur beschäftigt.

Andererseits kann diese Einführung keine Gesamtdarstellung der Fachgeschichte und Fachlandschaft bieten. Dazu sind die Felder und Themen inzwischen zu breit, die Theorien und Methoden zu vielfältig geworden. Was dargestellt wird, folgt vielmehr einer subjektiven Auswahl, die sich darum bemüht, an exemplarischen Ausschnitten möglichst plastisch die Entwicklung hin zum Problem- und Themenhorizont der späten 1990er Jahre nachzuzeichnen. Ein anderer Autor - oder auch derselbe ein Jahrzehnt später - würde vielleicht manchen anderen Ausschnitt wählen. Und jeder wird in dem hier Vorgestellten vieles vermissen, auch ich. Bei allen Überlegungen zu einem systematischen Aufbau solch einer Einführung soll sie aber auch die Möglichkeit bieten, quer gelesen und als Nachschlagewerk gebraucht zu werden. Sie ist gedacht als Einstiegshilfe für Neugierige, als Orientierung für Studierende, als Hilfsmittel für "einsam" Forschende - und sei es nur als ein stiller Dialogpartner, dessen Erkenntnisse sich vielleicht gar nicht neu und deshalb beruhigend für das eigene Arbeiten lesen.

Am Ende dieses Anfangs ist schließlich Dank abzustatten. Dank an die Studierenden unseres Berliner Instituts, die meine Einführungsvorlesungen - wie sie zumeist versichern - ohne größere Schäden überstanden haben und mir dabei Kritik und Ermutigung zurückgaben. Dank an die Kolleginnen und Kollegen am Berliner Schiffbauerdamm, von deren ähnlichen wie anderen Betrachtungsweisen des Faches und seiner Themen ich viel gelernt habe. Dank namentlich an Beate Wagner und Evelyn Riegel, ohne die das Manuskript, an Victoria Schwenzer, Alexa Färber und Cornelia Kühn, ohne die Anmerkungen und Literaturverzeichnis nie zustande gekommen wären, und an Hermann Bausinger, Stefan Beck, Gisela Kirschberg, Stefanie Krug, Peter Niedermüller und Gisela Welz, die manchem nicht zu Ende Gedachten noch zu einem Sinn verhalfen. Dank insbesondere auch an Karin Beth, ohne deren beharrliche Nachfragen und freundliche Ermutigung und Betreuung das Buchprojekt sicherlich im Status der Oral History verblieben wäre. Und Dank schließlich auch an Gisela und NoJo für den geduldigen Umgang mit einem oft nur "flüchtig" anwesenden Familienmitglied.



 
   


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