Vorwort
Fast jeder kann mit dem Begriff "Esoterik" irgendwie etwas anfangen. In den letzten zwanzig Jahren in Medien und Öffentlichkeit zu einem Reizwort geworden - oft im Verbund mit "New Age" -, scheinen Befürworter und Gegner der Esoterik gleichermaßen der Faszination des "Geheimen", das man dahinter vermutet, zu erliegen. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist deshalb ebenso notwendig wie schwierig. Will man eine kurz gefasste Darstellung der Esoterik schreiben, begibt man sich zwangsläufig in schwieriges Fahrwasser, denn die wissenschaftliche Forschung zur Esoterik hat bis heute noch keinen Konsens darüber erzielt, was eigentlich genau unter "Esoterik" zu verstehen ist und welche Methode sich am besten dafür eignet, dieses Phänomen zu studieren. Wenn ich in diesem Buch das Esoterische als ein "Diskurselement der Europäischen Religionsgeschichte" beschreibe, so versuche ich damit die wichtigsten bisherigen Forschungsergebnisse aufzugreifen und produktiv fortzuentwickeln. Weit davon entfernt, meinen Zugang als Generalschlüssel zur Analyse des Esoterischen in der Europäischen Religionsgeschichte zu betrachten, verstehe ich dieses Buch als einen Beitrag zur Versachlichung der öffentlichen Debatte über die Esoterik und als Beschreibung eines Feldes, auf dem es für unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen in der Zukunft noch viel zu arbeiten gibt.
Weil die Esoterik in der öffentlichen und in der wissenschaftlichen Wahrnehmung ein sehr kontroverses Themengebiet ist, war es unumgänglich, der Darstellung eine theoretische Einführung voranzustellen. In der historischen Beschreibung der Esoterik (Kapitel II-IX) habe ich mich dann auf solche Beispiele konzentriert, die die Rolle des "vollkommenen Wissens" in der westlichen Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart deutlich zum Ausdruck bringen. Diese Darstellung ist deshalb weder vollständig noch als eine kontinuierliche Geschichte zu lesen. Vielmehr geht es um die Bedeutung des Esoterischen für die unterschiedlichen Aspekte europäischer Kultur.
Wenn ich von Europäischer Religionsgeschichte spreche, so ist damit bereits eine Einschränkung verbunden. Ich zweifle nicht daran, dass weite Teile dessen, was ich unter Esoterik verstehe, auch in anderen Kulturen anzutreffen sind und dass ein kulturübergreifender und -vergleichender Zugang von großem Wert für unser Verständnis der Esoterik ist. Allerdings entwickele ich meine Beschreibung aus den Gegenständen der euro-amerikanischen Kultur und möchte sie deshalb auch nur für diese Gegenstände verwenden.
Bei der Erarbeitung dieses Buches haben mir viele Kollegen und Studenten mit ihren kritischen Anmerkungen entscheidend geholfen. Ausdrücklich bedanken möchte ich mich bei Michael Bergunder, Christoph Bochinger, Jean-Pierre Brach, Dylan Burns, Allison P. Coudert, Marieke van den Doel, Antoine Faivre, Steve A.Farmer, Olav Hammer, Wouter J.Hanegraaff, Nils P. Heeßel, Andreas P. Kilcher, Hans G. Kippenberg, Roelie van Kreijl, Gerhard Mayer, Ursula Neugebauer-Wölk, Nadja Paprotzki, Lawrence M. Principe, Matthew D. Rogersund Michael Stausberg. Selbstverständlich liegt die Verantwortung für alle Fehler in der Darstellung allein bei mir. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliotheca Philosophica Hermetica, Amsterdam, bin ich für die Hilfe bei der Beschaffung von Literatur und für die Bereitstellung von Bildmaterial zu großem Dank verpflichtet. Abschließend möchte ich Ulrich Nolte vom Verlag C. H. Beck danken, der das Projekt anregte und mit unermüdlichem Engagement die Lesbarkeitdes Textes verbesserte.
| Amsterdam, im Februar 2004 | Kocku von Stuckrad |