Vorwort
In keiner der Kulturen unserer Welt genießt die Literatur einen dermaßen hervorragenden Stellenwert wie gerade in der chinesischen. "Wer die Lieder nicht kennt, kann nicht mitreden", bemerkte Konfuzius einst tadelnd zu einem seiner Jünger (Gespräche, XVI, 13). Nicht mitreden zu können bleibt jedoch für den gebildeten "Edlen" kaum entschuldbar in einer Gesellschaft, die in hohem Maße auf Konsens und Harmonie aufbaut und sich auf einen allgemein anerkannten, nur äußerst selten in Frage gestellten literarischen Kanon beruft. Es würde dem Menschen das Wissen über die gültigen Inhalte fehlen, es würde ihm aber auch an den sprachlichen Mitteln und Ausdrucksformen gebrechen, die sich nur aus einer ständigen Auseinandersetzung mit der überlieferten Literatur ergeben. Diese Hochschätzung der Literatur findet ihren sinnfälligsten Ausdruck in dem Umstand, daß die Ausbildung der chinesischen Beamtenschaft über viele Jahrhunderte weitgehend in der Vermittlung literarischer Kenntnisse und Fertigkeiten bestand. Dahinter mußte die Überzeugung stehen, daß die literarische Bildung die höchste Bildung darstellte und die weiteren Bereiche der intellektuellen wie auch charakterlichen Ausbildung eines Menschen einschloß. Die danach ausgerichteten staatlichen Prüfungen für die Beamtenschaft wurden Ende des 6. Jahrhunderts als ständige Einrichtung etabliert und hatten als solche bis in das Jahr 1905 Bestand.
Der hohe Stellenwert der Literatur in China bedeutet für jeden, der sich mit diesem Land, seiner Geschichte, Kultur und Gesellschaft befaßt, die Herausforderung, sich auch mit seiner Literatur zu beschäftigen. Es bedeutet keine Anmaßung zu behaupten, daß ohne die Auseinandersetzung mit der Literatur ein gründliches Verständnis Chinas nicht möglich ist. Diesgilt für die moderne nicht weniger als für die vormoderne Zeit. Der rational und ökonomisch denkende Mitteleuropäer, der seine BeobachtungChinas auf die Entwicklung der Bevölkerungsstatistik oder des Bruttoinlandsprodukts beschränkt, bleibt in seinen Erkenntnissen vordergründig. Führen wir uns vor Augen, daß eine gewaltige gesellschaftliche Umwälzung, wie sie die sogenannte Große Proletarische Kulturrevolution (1966-1976) darstellte, letztlich durch die Aufführung eines Theaterstückes ausgelöst wurde. Offensichtlich wohnt der Literatur in China bis in unsere Zeit eine Wirksamkeit, ja geradezu Sprengkraft inne, wie sie bei uns im Westen kaum vorstellbar ist.
Dabei sind unsere Kenntnisse von chinesischer Literatur vielfach bruchstückhaft und, bedingt durch die Eigenarten ihrer Rezeptionsgeschichte, mit allerhand Klischees behaftet. Noch keine zwei Jahrhunderte ist es her, daß Goethe, angeregt übrigens durch die Lektüre eines chinesischen Romans, das Ende der Nationalliteraturen und den Beginn einer Weltliteratur forderte, doch in diesem Zeitraum hat sich unser Wissen um die Eigenheiten dieser fernen Geisteswelt nur geringfügig erweitert. Zu fremd und abwehrend mag sie sich zunächst gezeigt haben, zu abschrekkend mögen die sprachlichen Barrieren gewirkt haben, und zu wenig Reiz und Anziehung dürften die gesellschaftlichen Umbrüche und politischen Turbulenzen ausgestrahlt haben, die China lange erschütterten. Heute wächst Chinas Bedeutung in der Welt, die Notwendigkeit des Dialoges zwischen unseren Kulturen wird immer offensichtlicher. Das vorliegende Handbuch soll helfen, dieses Gespräch aufzunehmen, indem es das verfügbare Grundwissen bündelt und die Wahrnehmung für die andersartige Literatur schärft. Die Tatsache, daß im Jahr 2000 zum ersten Mal der Nobelpreis für Literatur an einen Autor aus China verliehen wurde, bestätigt auf schöne Weise die erwachende Erkenntnis, daß die Literatur dieses altenKulturraums unsere verstärkte Beachtung verdient.
Bei der Konzeption des vorliegenden Handbuches mußten sich die Herausgeber zunächst die Frage nach dem zu geltenden Begriff von Literatur stellen. Ähnlich wie es die Etymologie der westlichen Bezeichnung nahelegt,deutet Literatur (wenxue) auch im chinesischen Sprachraum auf alles schriftlich Niedergelegte, wobei die Mehrdeutigkeit des Wortes wen("Muster", "Struktur") gerne auch noch im Sinne einer bewußten formalen Gestaltung ausgelegt wird. Die frühen literarischen Zeugnisse Chinas aus vorchristlicher Zeit sind weitgehend Werke, bei denen die religiöse, politische, philosophische oder historiographische Funktion im Vordergrund steht. Gleichzeitig kann es sich, etwa bei einem Traktat des → Zhuangzi oder einer Passage bei → Sima Qian, um Werke von großer sprachlicher Schönheit und hohem literarischen Rang handeln. Besonders für diesen frühen Zeitraum, in den auch die sogenannten → Klassiker gehören, wurdeder Literaturbegriff bewußt breit gefaßt, um den Benutzer Zugang zu den wichtigen Quellen der chinesischen Geistesgeschichte finden zu lassen. Dazu gehören besonders Werke der Philosophie und Geschichtsschreibung, zumal sich aus der Niederschrift der Geschichte in der Folge auch die Erzählung von Geschichten und damit die Emanzipation der Literatur ergeben sollte.
Diese Emanzipation der Literatur, d. h. ihre Loslösung von ihren vorwiegend politisch-didaktischen Funktionen und ihre Wahrnehmung und Anerkennung als eigenständige Schöpfung mit eigenen Wertmaßstäben setzte spätestens im 3. Jahrhundert ein. Als Belege hierfür können die ersten literaturtheoretischen Traktate (→ Cao Pi, → Liu Xie), die Entstehung neuer lyrischer Formen ( → Cao Zhi) wie auch einer Naturlyrik ( → Xie Lingyun) und die Herausbildung einer erzählenden Prosa, die nicht mehr nur belehren, sondern auch unterhalten will, dienen. Ausgehend von der breiten Akzeptanz eines klassischen literarischen Kanons, der nunmehr nicht nur die konfuzianischen → Klassiker, sondern auch daoistisch und später buddhistisch geprägte Autoren und Werke umfaßt, setzt mit dem bereits genannten Liu Xie eine breite Diskussion der literarischen Gattungen ein, die sich durch die gesamte chinesische Literaturgeschichte fortsetzt und von einem hohen Bewußtseinsstand in der Beschäftigung mit der Theorie der Literatur zeugt.
Die breite Genrediskussion belegt einmal die Vielfalt der herausgebildeten literarischen Formen wie auch die große Strenge, wenn nicht gar Rigidität, mit der die einmal etablierten literarischen Muster beibehalten und gepflegt wurden. Wenn an chinesischen Schulen immer wieder die Formel Tang-shi, Song-ci, Yuan-qu, Ming-xiaoshuo vermittelt wird, also das Gedicht der Tang-, das Lied der Song-, das Drama der Yuan- und der Roman der Ming-Zeit als vorbildlich und in ihrer Art unübertroffen hingestellt werden, handelt es sich um eine der zahlreichen fragwürdigen Verkürzungen der literarischen Tradition, denn einmal anerkannte Genres wurden in allen späteren Dynastien meist sogar in wachsendem Umfang weitergeführt. Erst das 20. Jahrhundert erlebte den Bruch mit der Tradition und mit der Entstehung neuer Gattungen einen literarischen Neubeginn nicht zuletzt unter dem Einfluß westlicher Vorbilder. Daß der Literatur eine dienende Rolle zugeschrieben wurde und lange der Primat der Politik über Literatur und Kunst galt, war jedoch keineswegs ein rein neuzeitliches Phänomen.
Die große Hochachtung vor dem geschriebenen Wort und der als vorbildlich anerkannten Überlieferung brachte es mit sich, daß der Umfang der Literatur unaufhörlich anwuchs und in → Enzyklopädien und Sammelwerke von im Westen unbekanntem Umfang mündete. Daneben galt lange Zeit eine Geringschätzung mündlich überlieferter Genres, wie sie viele Formen der → Volksliteratur kennzeichnen. Da im kaiserlichen China nahezu ausschließlich die Beamtenschaft mit ihrer Beherrschung der schwierigen Schrift und des kaum minder schweren literarischen Regelwerks als die tragende Kraft literarischen Schaffens in Frage kam, wurden Schöpfungen des einfachen Volkes kaum beachtet oder gar der Niederschrift für würdig erachtet. Dieser Befund wird nur durch wenige in diesem Band dargelegte Ausnahmen (wie die von → Feng Menglong gesammelten "Berglieder") widerlegt, doch die Menge der in den Manuskripten von Dunhuang (→ bianwen) aufgefundenen religiösen und populären Literatur vermag eine Ahnung von der Größe der in diesem Bereich erlittenen Verluste zu vermitteln.
Daß Bücher ihre eigenen Schicksale und damit eine zuweilen sehr lange Geschichte haben, ist ein Gemeinplatz. Immerhin reicht dieses Projekt so weit in die Vergangenheit zurück, daß mit Wolfgang Bauer, Fritz Grüner, Thomas Harnisch und Helmut Martin vier Mitarbeiter das Erscheinen des Werkes nicht mehr erleben. Wie es zur Entstehung dieses Handbuches kam, sei im folgenden kurz umrissen.
In den achtziger Jahren setzte in der Bundesrepublik bei Lesepublikum und Verlagen ein verstärktes Interesse an chinesischer Literatur ein. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1972, die Beendigung der Kulturrevolution und die sich anschließende Öffnung Chinas zum Ausland hatten hierfür die Voraussetzungen geschaffen. Der sich rasch entwickelnde Kulturaustausch bot jungen, begeisterungsfähigen Wissenschaftlern die Möglichkeit zum unmittelbaren Kontakt mit der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft. Das besondere Interesse galt dabei der Entwicklung der modernen Literatur, die bis dahin fast nur in der DDR wahrgenommen, im Westen Deutschlands jedoch weitgehend unbekannt geblieben war. Um diese Wahrnehmungslücke zu schließen, setzte eine rege Übersetzertätigkeit ein, Konferenzen wurden einberufen, und Verlage wie Diederichs, C. H. Beck oder Insel/Suhrkamp richteten eigene Programmreihen ein.
Die Konsequenz dieser Entwicklung war die Idee zu einem umfassenden, systematischen Nachschlagewerk zur chinesischen Literatur, die 1988 zwischen Ruth Keen und dem Verlag C. H. Beck angesprochen und beschlossen wurde. Die frühe Planungsphase ging einher mit dem Fall der Berliner Mauer, so daß das Lexikon durch die Beteiligung von Wissenschaftlern aus der DDR zu einem der ersten Gemeinschaftsprojekte der deutsch-deutschen Sinologie werden konnte. Im Jahre 1994 wurden die beiden Herausgeber von Ruth Keen gebeten, die Fortführung der begonnenen Arbeit zu übernehmen. Mit der Übernahme eines vorgefertigten Konzeptes ergab sich die Notwendigkeit der behutsamen Setzung neuer, eigener Akzente. Der verzögerte Fortgang der Arbeiten bedingte die Überarbeitung fertiggestellter Beiträge sowie Veränderungen in der ursprünglichen Auswahl, da neue Autoren ins Blickfeld rückten und andere in den Hintergrund traten.
Allen Mitarbeitern gebührt zunächst einmal der Dank der Herausgeber für den Einsatz, das Verständnis und die Geduld, die über die Jahre aufzubringen waren. Zunächst ist Barbara Hendrischke (Sydney) zu nennen, die das inhaltliche Konzept für den klassischen Teil entwickelte; Ruth Keen war für die Konzeption des modernen Teils sowie die Auswahl und Koordination der Mitarbeiter verantwortlich. Besonders verpflichtet fühlen wir uns Martin Kern (Princeton) und Lutz Bieg (Köln), die nicht nur selbst zahlreiche Beiträge verfaßten, sondern wiederholt mit ihrem fachkundigen Rat und bibliographischen Hinweisen zur Verfügung standen. Zuletzt sei der Verlag mit seinem Lektor Dr. Raimund Bezold genannt, ohne dessen Sachverstand und Geduld dieses Werk nicht zustande gekommen wäre. Ob sich die Mühen gelohnt haben, muß am Ende der Leser und Benutzer dieses Handbuches entscheiden.
Die Herausgeber