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Deutsche Familien
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Einleitung


von Volker Reinhardt



Rankings sind in. Ende November 2003 erfuhren die Deutschen in der zeitgemäßen Form der Fernsehshow, wer ihr "Bester" ist: Konrad Adenauer triumphierte vor Martin Luther; auf ferneren Plätzen rangierten Goethe, Einstein und Beethoven, weit abgeschlagen Boris Becker, Dieter Bohlen etc. Abgesehen von den Achtundsechzigern, die beim Sieg des "Restaurations-Kanzlers" das Totenglöcklein ihrer Ideale läuten hörten, wußten die Bildungsbürger nicht, ob sie weinen oder jubeln sollten. Dabei hätten sie Grund gehabt, sich bestätigt zu fühlen. Denn das Bedürfnis, das sich in solchen Konkurrenzen und in Fragespielen vom Typ "Wer wird Millionär?" ausdrückt, ist ihr ureigenes Anliegen: Hierarchie durch Leistung. Gewiß, dieses Ringen um Wertebestätigung nimmt durch den hemmungslosen Willen zur Prominenz, und sei sie noch so flüchtig, schrille Formen an; doch sind die Kriterien, die bei dieser Abstimmung durch Anruf über Prestige und Rang entscheiden, in vieler Hinsicht traditionell. Nicht nur, daß jeder Kandidat für die Kanonisierung als größter Deutscher einen eloquenten Fürsprecher brauchte und ganz wie bei echten Heiligsprechungen im Bild präsent war - als ausschlaggebend für die finale Plazierung erwiesen sich mit Image und Mythos Kategorien, wie sie die höfischen Mediengesellschaften seit der Renaissance in Italien herausgebildet haben.

Vorrang, Status, Prestige: alle diese Wertvorstellungen des aristokratischen Europas sind im "Promi" der Starmagazine noch erkennbar. Daß erfolgreiche Strategien der Vornehmheit darin bestehen, die Vorstellung von der eigenen Bedeutung in möglichst vielen fremden Köpfen einzupflanzen: nicht nur diese Grundregel gilt weiter, sondern auch das alteuropäische Gesetz, wonach aus der Kerngruppe der Berühmtheit herausfallt, wer sich nicht mit der gebotenen Regelmäßigkeit selbst vorführt. Und auch das Endziel ist das gleiche: Übertragbarkeit. Adam von Müller definierte am Anfang des 19. Jahrhunderts "Nation" als die mystische Gemeinschaft der Lebenden und der Toten mit den künftigen Geschlechtern und dementsprechend den Adel mit seinen lückenlosen Abstammungsnachweisen als deren ideale Verkörperung. Heute ist der "kleine Feldbusch" schon vor seiner Geburt im Fernsehen allgegenwärtig. Rang wird erst vollwertig, wenn er sich über Generationen verfestigt, Realitysoaps vom Schlage "Wir machen ein Kind" erfassen den Zeittrend. Der Glaube der siebziger Jahre, daß Erziehung und Milieu den Menschen ausmachen, ist tot - es lebe das Gen. Daß der Einzelne das, was er ist, in hohem Maße seinen Eltern verdankt bzw. vorzuwerfen hat, diese Überzeugung prägt den Zeitgeist des frühen 21. Jahrhunderts wie kaum eine andere. Auf allen literarischen Ebenen ist "Familie" zum Schicksalsthema geworden. Nach der Konfession, der Nation, der Rasse und der Klasse wird jetzt, am Ende aller Ideologien, die Abstammung als Vorherbestimmung entdeckt.

Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß die Gegenwart mit der so verbreiteten Bereitschaft, Eigenschaften als überindividuell anzuerkennen, ausgezeichnete Voraussetzungen dafür bietet, Dynastien zu bilden. Die zweite Präsidentschaft der Familie Bush in den USA ist dafür der bemerkenswerteste, doch keineswegs einzige Beleg; man denke etwa an das Comeback des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha in Bulgarien. Ob sich Familienpräsenzen in Parlamenten, wie sie in Italien mit Vater und Sohn Segni bezeugt sind, auch in Mitteleuropa durchsetzen, bleibt abzuwarten. Sehr viel massiver, ja geradezu von einem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit begleitet (wenn nicht sogar provoziert) sind derartige Kontinuitätsbildungen im Bereich von Bühne, Film und Fernsehen. Hier wird die Weitergabe der Begabung vom Publikum offenbar vorausgesetzt.

Die Wiederauferstehung des uraristokratischen Kriteriums der Abstammung im Zeitalter der medial gesteuerten Massendemokratie fuhrt folgerichtig zu einer geradezu monströs intensivierten Observierung "regierender" Dynastien. Viel stärker als im Ancien régime ziehen Königshäuser, die längst nicht mehr herrschen, die Aufmerksamkeit ihrer Untertanen auf sich, die längst keine mehr sind. Mehr noch: die Stoßrichtung hat sich umgekehrt. Diktierte einst der Hof die Gesetze der Politik wie der Vornehmheit, so seufzen die "Royals" heute unter dem Joch der Menge und deren Doppelmoral. Diese schreibt ihnen einerseits Korrektheitsregeln vor, die für die übrige Gesellschaft längst nicht mehr gelten, möchte also das Königshaus als eine Art lebendes Wertemuseum konservieren; andererseits soll diese innerweltliche Heiligkeit volksverbunden ausfallen, was allenfalls in der uralten Rolle der Märchenprinzessin zu verwirklichen ist. Diese leidet und triumphiert noch im Tod, siehe den Kult um Diana, die ehemalige Prinzessin von Wales. Verklärung aber erzeugt den unwiderstehlichen Drang zu entlarven, Sakralität verlangt nach Profanierung. So giert die Öffentlichkeit nach der Übertretung der von ihr selbst vorgeschriebenen Regeln, d. h. nach Belegen dafür, daß auch blaues Blut durch die üblichen Reizmittel zum Kochen gebracht wird. Liegen die Beweise dafür vor, darf man sich indigniert und zugleich gerechtfertigt fühlen, nach dem Muster: die Vornehmen sind auch nicht anders. Darüber hinaus aber führt die nagende Enttäuschung über diese Entzauberung zur Wiederherstellung der Märchenwelt - bis zum nächsten vorprogrammierten "Sündenfall." Erst wenn dieser Mechanismus sich erschöpft hat, dürfte es mit den europäischen "Monarchien" ein Ende haben. So aber darf man ihnen getrost eine glänzende Zukunft vorhersagen; sie werden mental benötigt.

Der Schluß läßt sich übertragen und ausweiten: Eliten in Gestalt von Familien sind ein unverzichtbarer Bestandteil kollektiver Vorstellungswelten. Der darin laut Adam von Müller manifestierte Wunsch, ein Stück irdische Ewigkeit zu realisieren, wird aber nicht nur vom Adel, sondern mindestens so intensiv vom "Volk" gehegt. Nachdem bis zum 18. Jahrhundert aristokratische Normen dominierten, danach adelige und bürgerliche Werte in Konkurrenz zueinander traten und die letzteren sich schließlich im 20. Jahrhundert durchsetzten, scheint heute durch die Macht der Medien eine eigentümliche Vermischung der Mentalitäten eingetreten zu sein. Sie läßt sich als zunehmende Infiltration der "Elitenkultur" durch die "Volkskultur" umreißen. Diese Umformung zeigt sich u. a. daran, daß Überzeugungen und Verhaltensweisen wie Astrologie, Geisterseherei und Wahrsagerei, welche die Aufklärung als volkstümlichen Aberglauben abtat, heute auch in den "höheren" Schichten en vogue, ja voll und ganz akzeptiert sind, und zwar unter tätiger Mithilfe der Medien. Wer daran zweifelt, möge die entsprechenden Kleinanzeigen großer Tageszeitungen oder Fernsehsendungen vom Format "Terra X" zur Kenntnis nehmen. Dabei ist die Imagination der Masse wie seit Jahrhunderten dem Schicksal der Hochgeborenen innig zugetan und zugleich wertkonservativ. Daß auch die Schönen und Reichen sterben müssen, ja dem Elend der condition humaine mindestens ebenso schutzlos ausgeliefert sind wie die kleinen Leute: Diese Gleichheit in letzter Instanz macht die ungeheure Differenz der Vermögen und Machtchancen erst erträglich, ja prickelnd. Daß im hier vorgelegten Band ehemals königliche Dynastien wie die Wittelsbacher und Hohenzollern ihren Platz finden, ist ein nüchterner Reflex dieser ganz speziellen Bedeutung.



Adel und Bürgertum


Bezeichnen Eliten in Familienform das Ende der Aufklärung? Immerhin verkündet die Französische Revolution ab 1789 das Ende aller Erblichkeit (außer der des Vermögens). Damit sind die Wertvorstellungen des aristokratischen Europas delegitimiert. Daß sich bestimmte Charaktereigenschaften - Uneigennützigkeit, Opferbereitschaft, Edelmut etc. - allein durch die Reinheit des Blutes und die Erziehung im richtigen Milieu weitergeben lassen, Führungspositionen in Armee, Staat und Kirche daher den immer gleichen Familien vorbehalten sein müssen - über diese uralte Adelsideologie verkündet das neue Bürgertum jetzt ein hochtönendes Verdikt. Sein alternatives Credo lautet: Prüfungszeugnis statt Adelszertifikat. Bei konsequenter Anwendung des Prinzips "Aufstieg durch individuelle Leistung" mußte somit jeglicher generationenübergreifender Elitenbildung die Grundlage entzogen werden. Doch die alt etablierten Führungsschichten durften sich beruhigt zurücklehnen: so schrecklich meritokratisch kam es nicht.

Denn die höheren Kreise des Bürgertums handeln ihren Kampfrufen entgegen und statt dessen ihren eigenen Traditionen gemäß. In der Ständegesellschaft des späten Ancien régime nämlich hatten sich Professoren, Pastoren und Kaufleute, so nachgeordnet sie gegenüber dem Adel auch waren, mit eigenen Privilegien relativ komfortabel eingerichtet. Speziell an den Universitäten konnten sich Familien wie die Gmelin in Tübingen durch Verschwägerung und sonstige Klientelbildung eine regelrechte dynastische Vorherrschaft sichern. So aber hätte freier Wettbewerb nebst konsequenter Chancengleichheit schwer erkämpfte Bastionen geschleift. Entsprechend gemäßigt fiel denn auch überwiegend der Kampf der bürgerlichen Intellektuellen neuen Stils gegen die Vorrechte des Adels aus. Der Anspruch, die aufgeklärten Leitwerte der Ratio und der vernünftigen Empfindsamkeit am reinsten zu verinnerlichen und damit auch die Aristokratie zu einer veredelten Lebensführung anzuleiten, verquickte sich in der Regel mit ausgeprägter Duldsamkeit gegenüber dem Existenzrecht dieser Geburtselite. Voraussetzung dafür war deren Bereitschaft zur Kooptation, d. h. nach den neuen Würdigkeitskriterien Bildung und Besitz glänzend ausgewiesene bürgerliche Familien in einen Elitenverband aufzunehmen, der auf diese Weise erweitert und zeitgemäß gerechtfertigt wurde. Nicht die Abschaffung des Adels, sondern dessen Durchdringung mit bürgerlicher Moral bzw. dessen Ergänzung um neue Segmente blieb das vorrangige Anliegen der Möchtegern-Aufsteiger auch im 19. Jahrhundert. Adeliges Prestige war deswegen hoch, weil Aristokratie in der preußischen Tradition seit dem "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) - so zumindest die Wahrnehmung breiter bürgerlicher Kreise - nicht mehr höfischen Müßiggang nebst Mätressenwirtschaft wie in Frankreich, sondern militärisches Opfer- oder auch administratives Arbeitsethos bedeutete. Schranken schienen so überschreitbar.

So blieb zumindest bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das strategische Ziel vieler höherer Bürgerfamilien die Aufnahme in den Adel durch Nobilitierung, d. h. die Verleihung eines entsprechenden Titels durch den Herrscher. Mindestens ebenso wichtig wie dieses formelle Kriterium war die standesgemäße Tätigkeit: in der höheren Verwaltung, der Justiz wie im gehobenen Bildungsbereich und damit die Abgrenzung von Lebensführung und Status nach unten. Die damit gewonnene Vornehmheit durch Distinktion - Gemeinmerkmal aller Eliten zu allen Zeiten - fand ebenso selbstverständlichen Ausdruck außerhalb der Berufswelt: in den spezifischen Formen der Geselligkeit, der kulturellen Betätigung, des Heiratsverhaltens. Unter dem eigenen Stand zu heiraten und so seinen Stand zu verlieren, war bis weit in die Mittelschichten hinein eine Angstvorstellung, die umgekehrte Blickrichtung eine verlockende Perspektive. In welchem Maße sie Wirklichkeit wurde, d. h. wie weit sich der Adel Eheschließungen mit nicht-aristokratischen Familien öffnete, also nicht nur Sippen, sondern auch Geisteshaltungen und Wertvorstellungen verschmolzen, mußte in vordemokratischen Staaten den Gang der Nationalgeschichte wesentlich beeinflussen. Daß sich dabei in Europa gewichtige Differenzen - von weitreichender "Verbürgerlichung" des Adels in Frankreich bis zu konsequenter "Aristokratisierung" des Bürgertums im preußischen Deutschland - mit welthistorischen Folgen ergaben, ist in die Theorien vom deutschen Sonderweg als Kernbeleg eingeflossen.

Neuere Untersuchungen haben dieses Bild von der mentalen Vereinnahmung bürgerlicher Oberschichten durch eine ebenso standesbewußte wie krisengeschüttelte "Junkerklasse" differenziert. Zwar fand zwischen bürgerlichen Eliten und niederen bzw. mittleren Adelsfamilien, speziell nobilitierten Sippen, im 19. und frühen 20. Jahrhundert fraglos eine Osmose statt; die Eltern Otto von Bismarcks, der väterlicherseits einer "Junkerdynastie" und mütterlicherseits einer Familie des hohen Beamtentums entstammte, verkörperten diese Durchlässigkeit. Sie brachte nicht selten auch einen Austausch, ja eine Verschränkung der Werte und Lebensformen hervor, welche angesichts des gemeinsamen ständischen Erbes und speziell der Vorstellung von der Erblichkeit der Eigenschaften und des Ranges keine Seite ihrer Identität beraubte. In seinen höheren Rängen aber erwies sich der Adel als weitgehend geschlossen. D.h. er verweigerte sich den - zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Seiten verschiedener deutscher Territorialfürsten unternommenen - Versuchen, eine neue, auf staatliche Funktionserfüllung und Grundbesitz gestützte Elite überständischer Natur hervorzubringen. Und je konsequenter solche "Adelserneuerungsprogramme" von der alteingesessenen Aristokratie boykottiert wurden, desto mehr wandte sich auch das in Handel, Bank und Industrie reich bzw. in Wissenschaft oder Kunst selbstbewußt gewordene Bürgertum von solchen Strategien ab. Verschmelzungen von Genealogie und Geld, wie sie sich Thomas Mann in "Königliche Hoheit" mit der Ehe zwischen einem Thronfolger und einer Millionärstochter ausmalte, blieben überwiegend aus; auf der obersten Ebene der regierenden Häuser waren sie ausgeschlossen. Vornehmere Adelsfamilien, die gelegentlich von der im Roman idealisierten Möglichkeit Gebrauch machten, durch eine bürgerliche Heirat ihren welkenden Glanz aufzupolieren, hatten diese Sanierung ihrer Finanzen teuer zu bezahlen: durch Verlust von Prestige und sozialem Kapital.

Dieses Eigenleben aristokratischer Kerngruppen schloß naturgemäß mannigfaltige Kontakte, Foren der Kommunikation und auch Standardisierung von Verhaltensformen nicht aus, wie sie sich in einer immer arbeitsteiligeren Gesellschaft notwendigerweise ergaben. Als Angleichungen aber sind sie nicht anzusehen. Wenn sich Bürger duellierten und Adelige an Universitäten studierten, so ist über die äußere Ähnlichkeit des Handelns hinaus nach dem Stellenwert für das jeweilige Selbstverständnis zu forschen. Dann aber zeigen sich hinter scheinbarer Gleichartigkeit Differenzen. Im Zweikampf stand für den Aristokraten die Reputation des Hauses und die Bewahrung eines gewachsenen sozialen Ranges im Vordergrund; bürgerliche Ehre hingegen meinte vorrangig die persönliche Honorigkeit in Berufswelt und Privatsphäre. Auf der anderen Seite bedeutete das akademische Diplom für den Adeligen nicht die Besiegelung sozialen Aufstiegs bzw. die Bestätigung, den Stand zu wahren, sondern weit eher die zielgerichtete Übernahme fremder Normen zwecks Bewahrung der eigenen Identität. Mit diesen Strategien partieller Anpassung aber vermochte sich die etablierte Aristokratie, speziell in Preußen, bis zum Zusammenbruch der Monarchie 1918 als prestigeträchtiger Elitenkern insgesamt vorzüglich zu behaupten. So aber herrschte, trotz mancher gemeinsamer Schnittmengen von Wertvorstellungen, eine beträchtliche Konkurrenz der Ideen: was das Wesen von Führungsschichten ausmache und welche Qualitäten zukunftsweisend seien.



Aufgliederung und Rivalitäten


Mit der rasanten Verwandlung der Lebenswelten im Gefolge der sukzessiven Industrialisierungsschübe fächerte sich das ohnehin nie homogene Elitengefüge durch neu auftretende bzw. Ansprüche anmeldende Gruppen weiter auf. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts präsentierte sich in Gestalt der Führungszirkel der Arbeiterbewegung erstmals eine Gegenelite, welche sich aufgrund ihrer ideologischen Fundamentalopposition der Eingliederung in das stetig erweiterte Spektrum der Partizipation und des Basiskonsenses definitiv zu verweigern schien. Der Vielzahl der um Vorrang und Führungsansprüche konkurrierenden Gruppen entsprach der Verlust integrierender Leitbilder. Verständigung über das, was eine nationale Elite ausmache, war nur noch als Überhöhung von Vergangenheit möglich. Hier spielte der Breitbandmythos von Friedrich dem Großen seine eigentümliche Rolle. Die Gestalt des ebenso aufgeklärten wie kriegerischen, Kunst liebenden bzw. praktizierenden wie machiavellistischen Preußenkönigs wurde nachgerade zur multiplen Verklärungs- und Identifikationsfigur, auf welche Adelige, Bürger und gemäßigtere Arbeiterführer ihre Werte und Wunschvorstellungen projizierten, und zwar in erstaunlicher Vielschichtigkeit von ganz links, den deutschen "Jakobinern" um Georg Friedrich Rebmann, bis nach ganz rechts, den Propagatoren alldeutscher Weltmachtgröße um 1900.

Diese Auffächerungen kontrastierten mit der Elitenlandschaft des Ancien régime, die gleichfalls alles andere als einheitlich, jedoch weitaus stärker durch verbindliche Werte verklammert war. Reich abgestuft war vor allem die Adelsgesellschaft selbst. Zeitgenössische Hierarchisierungen gliederten oft bis zur Unübersichtlichkeit auf, so daß am Ende als einzig unteilbare Einheit die Sippe selbst oder sogar nur die Familie als agnatische, d. h. auf die männliche Abstammungslinie zurück geführte Prestigegemeinschaft übrig zu bleiben schien: als ein Gebilde sui generis, unvergleichbar in seinen Traditionen, Ruhmestiteln und Ansprüchen. Alle Vereinheitlichungen aus historischer Rückblicksperspektive bedeuten hier immer auch unzulässige Verallgemeinerungen. Das galt selbst für die schon in der frühneuzeitlichen europäischen Polemik tief gezeichneten Trennlinien zwischen einem Schwertadel mit militärischem Ethos und einem seit dem 16. Jahrhundert aufgestiegenen Roben- oder Amtsadel, der die Dienste des Friedens, d. h. der Verwaltung und der Justiz, höher bewertete als die des Krieges. Zum einen war diese Grenze im Europa des 18. Jahrhunderts nicht unüberschreitbar; zum anderen sind die Rangunterschiede innerhalb der beiden idealtypischen Großgruppen immens.

So kontrovers also die Plazierung einzelner Segmente in der Adelswelt des europäischen Ancien régime auch sein mochte, so weitgehend unstrittig verständigten sich die zahlreichen herausgehobenen Korporationen dieser Privilegien- und Nischengesellschaft dennoch auf gemeinsame Leitwerte. Zu ihnen gehörten neben der Anciennität und der Lückenlosigkeit standesgemäßer Abstammung die Uneigennützigkeit des Dienstes, die Unantastbarkeit der Ehre - des Individuums wie des Hauses -, die Unersetzlichkeit von aufopferungsbereiter Gesinnung zugunsten des Gemeinwesens, die Unverzichtbarkeit der persönlichen Ergebenheit, die Unerschütterlichkeit des gegebenen Wortes und die Unbestechlichkeit durch materielle Werte. Diese selbst zugeschriebenen Qualitäten fanden ihren Ausdruck in einer Wirtschafts- und Sozialethik, die durch die Verachtung des Geldes und der Käuflichkeit sowie durch die Pflicht zur Protektion der Schwächeren geprägt war. Daß der so definierte Rang der Visualisierung durch Riten und durch dauerhaft versinnbildlichende Zeichen - Palast, Grablege, Villa, Gemäldegalerie etc. - bedurfte: diese Regel war wie das Normenpaket als ganzes zumindest bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts auch für die nachrückenden Sekundäreliten verpflichtend. Der bei allen nationalen Bindungen zugleich übernationalen Ausrichtung der alteuropäischen Aristokratie entsprachen ihre Mythen. So wurde Prinz Eugen von Savoyen für mindestens drei Generationen des europäischen Adels zum grenz-, sprach- und konfessionsübergreifenden Ideal der eigenen Eigenschaften und Lebensformen: durch vornehme Geburt nebst immerwährender höchster persönlicher Bewährung, d. h. militärische Führungskompetenz, souveräne Menschen- und nicht zuletzt Netzwerkführung, Kumulierung von Ruhm, Großartigkeit der Selbstdarstellung und Großzügigkeit der Kulturforderung zusammen mit persönlicher Anspruchslosigkeit. Und als höchster Prestigetitel waren alle diese Eigenschaften untrennbar mit ungebrochener Loyalität zur habsburgischen Dynastie verbunden, die mehr als eine Familie, nämlich Trägerin der überzeitlichen Mission des Reiches und seines nie erlöschenden Anspruchs auf Universalität war.

Welche Gruppierungen traten nun im Deutschland des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit dem klar artikulierten Anspruch auf, nationale Elite zu sein und damit Führungsaufgaben zu übernehmen? Am unmittelbarsten wurde diese Selbsteinschätzung naturgemäß von den regierenden Häusern der neunzehn 1871 im deutschen Reich zusammengeschlossenen Fürstentümer umgesetzt. De facto darunter - in eigenen Augen jedoch eher auf gleicher Ebene - rangierten die sogenannten standesherrlichen Familien, die bei der territorialen Flurbereinigung ab 1803 ihre Herrschaftsfunktionen eingebüßt, den damit verknüpften sozialen Rang und die entsprechende Verherrlichungshoheit jedoch behalten hatten. Die Stellung dieser Häuser zum "feindlichen" 19. Jahrhundert konnte im einzelnen ganz unterschiedlich ausfallen: vorn trotzigen Verharren im soziopolitischen Schmollwinkel über nostalgische Bemühungen um Restauration bis hin zu erfolgreicher unternehmerischer Tätigkeit. Unterhalb dieser nadelfeinen Spitze der Adelspyramide retteten weitere aristokratische Verbände ihre kollektive Identität mehr oder weniger unversehrt ins 19. Jahrhundert hinüber: in Süd- und Westdeutschland Teile des alten Stiftsadels und der Reichsritterschaft, in Preußen natürlich die - allzu oft in ihren mentalen und sozioökonomischen Konturen verzeichneten - Junker. Für sie alle dürfte, unbeschadet weltanschaulicher und konfessioneller Unterschiede, noch ein gemeinsames Leitbild gegolten haben: der Aristokrat als uneigennütziger Vermittler zwischen Herrscher und Volk, ja als Sprachrohr der einfachen Leute. Diesen nämlich stand er, seiner Selbsteinschätzung gemäß, durch patriarchalische Schutzverhältnisse viel näher als der durch Schacher und Wucher emporgekommene Bürger. Dementsprechend verstand er sich als Verkörperung von Gemeinsinn und Überparteilichkeit, als mäßigende Zwischengewalt, welche die Schroffheit der Machtausübung und der Rangunterschiede abmilderte, oder sogar, im Sinne der politischen Romantik, als Fleisch gewordene Ewigkeit der Nation.

Als eine durch Gesinnung homogene Funktionselite, die ihre Vorzüge aus der erblichen Übertragung von "Charakter" ableitete, präsentierte sich um 1900 ein Militäradel, der auf eine bewußt gegensätzliche Versinnbildlichung von Rang setzte: durch einen spartanischen, ehelosen, den preußischen Traditionen der Anspruchslosigkeit verpflichteten, dem patriotischen Waffendienst gewidmeten Lebensstil mit ostentativer Verachtung für alle Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens. Gerade diese Sonderform, die ihr Vorbild im älteren Moltke, dem "Schlachtendenker", fand, wurde vor dem Ersten Weltkrieg von ausländischen Besuchern als eine unheimliche Verkörperung des preußisch-deutschen Nationalgeistes in seiner Andersartigkeit, ja als eine pervertierte Kriegerkaste ohne Heimatrecht im zivilisierten Europa angesehen. Ihr abstoßendes Emblem war der millimeterkurz geschorene Leutnant mit Zwicker, Kasernenhofkommandoton, unbegrenzt trinkfest, duellierfreudig und ganz und gar ungebildet, der typische Repräsentant des deutschen Babylon zu Pferde. Und schließlich waren im 19. Jahrhundert Adelskarrieren eines neuen Typs möglich. Wurde im Ancien régime der Aufstieg aus der niederen in die höhere Aristokratie überwiegend durch loyalen Fürstendienst bewerkstelligt, so erlaubte - wie der Erfolg der Familien Bismarck und Moltke belegt - die mächtig anschwellende Öffentlichkeit bzw. Medienvielfalt jetzt ganz neue Imagebildungen, ja regelrechte virtuelle Identitäten: als Verkörperung der Nation und ihres Ruhmes, ja als ihr Retter, wenn nicht gar Schöpfer. Die führende Rolle adeliger Militärs und Politiker bei den nationalen "Erhebungen" und Kriegen des 19. Jahrhunderts wurde ganz traditionell durch Grafen- bzw. Fürstentitel belohnt - und ließ die ohnehin schwache antiaristokratische Abwehrfront weiter bröckeln.

Brückenschläge zwischen Adel und Bürgertum wurden am vielfältigsten in der Sphäre des gehobenen zivilen Staatsdienstes vollzogen. Zwischen akademisch (aus)gebildeten, durch ihre Tätigkeit machtnahen Amtsträgern in Administration und Justiz und den weniger prominent plazierten Adelsgruppen gab es bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts manche Durchlässigkeiten, nicht zuletzt in Preußen, wie das Beispiel der Familie Bismarck belegt. Diese Funktionselite, mit oder ohne "von" vor dem Namen, erfuhr ihre Basisprägung in den Regierungszeiten des "aufgeklärten Absolutismus", d. h. in Preußen unter Friedrich II. (1740-1786), in Österreich unter Joseph II. (1780-1790), und zwar dort nicht selten mit radikalen, manchmal revolutionären Langzeitwirkungen, die kontrapunktisch bis in die Ära Metternich hinein anhielten.

Demgegenüber bildete sich ein Wirtschaftsbürgertum, das sich seiner nationalen Unverzichtbarkeit bewußt war und entsprechende Forderungen stellte, als deutlich definierbares Elitensegment mit eigenem Profil in Deutschland später aus. Aus diesem Grund waren in der frühesten Radikalisierungsphase deutscher Bürgerlichkeit in den 1790 er Jahren ökonomische Reformforderungen, wie sie in England und Frankreich schon früher vorgetragen wurden, kaum anzutreffen; die künftig zu schaffende Wirtschaftsordnung blieb der alles beherrschenden moralischen Erziehung des Menschengeschlechts nach den Deformierungen des Despotismus untergeordnet. Daß sich die durch Handel und Banken, ab dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts zunehmend auch durch industrielle Produktion reich gewordenen Bürger mit den herrschenden fürstlichen bzw. aristokratischen Gewalten arrangierten, spiegelte ohne Frage auch die Strukturen des Deutschen Reiches bzw. Bundes mit den so bezeichnenden dezentralen, kleinräumigen Herrschaftsbildungen und Abhängigkeiten wider.

Die relativ weitgehende Separierung von Wirtschafts- und Bildungsbürgertum erscheint in einem anderen Licht, wenn man das fortdauernde Desinteresse so vieler meinungsbildender deutscher Intellektueller an ökonomischen Fragen mit ihrer Herkunft aus dem protestantischen Pfarrhaus oder verwandten Milieus in Beziehung setzt. Die dabei aufscheinende Fremdheit der Lebenswelten und der Werte vertieft sich angesichts des kometenhaften Aufstiegs von Industriellendynastien wie der Familien Krupp oder Thyssen. Der Haltung Martin Luthers gegenüber den Fuggern nicht ganz unähnlich, betrachten die auf bescheidene Staatssaläre angewiesenen Pastoren, Lehrer und Professoren diese kometenhaften Karrieren mit Mißtrauen, ja als Verkehrung einer auf Verdienst gegründeten Rangordnung. Je unaufholbarer sie gegenüber diesen "Plutokraten" in Macht- und Einflußrückstände gerieten, desto intensiver konnte sich diese Abneigung um die Jahrhundertwende zu einer regelrechten Perhorreszierung nicht nur der Industriegesellschaft und der Großstadt, sondern der Moderne schlechthin steigern - und in "Lebensreformbewegungen" mit Fluchtbewegungen nach rückwärts, ja in reaktionären Utopien ihren Ausdruck finden.

Auf diese Weise präsentierte das deutsche Bürgertum seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, über seine Rolle in der höheren Staatsverwaltung hinaus, vor allem zwei Legitimationstitel für Elitenzugehörigkeit: Industrie und Wissenschaft. Ungeachtet aller ideologischen Abgrenzung und Gegensätzlichkeit der Interessen waren hier auch Übergänge möglich; sie spiegelten sich z. B. in der Lebensgeschichte des Privatdozenten für Physik Ernst Abbe, der zum Chef des Weltkonzerns Zeiss in Jena aufstieg. Lange Zeit eher Ausnahmen, schienen solche Grenzüberschreitungen ab 1900 häufiger zu werden. So ergriff - um ein Beispiel aus einer der Familiengeschichten dieses Bandes anzuführen - ein Sohn des Historikers Theodor Mommsen den Bankiersberuf, durchaus mit Billigung des zwar weltberühmten, doch finanziell nicht auf Rosen gebetteten Gelehrtenvaters; umgekehrt entstammte, wie gleichfalls in einem eigenen Essay nachzulesen, der bedeutende Kulturwissenschaftler Aby Warburg einer Bankiersfamilie. Überhaupt erwiesen sich Großwissenschaft und Großindustrie als dynastiefähig, wenn auch wohl nicht in gleichem Maße. Im Zeichen des voll ausgebildeten Prüfungswesens war die generationenübergreifende Verstetigung von Führungspositionen im akademischen Bereich auf komplexere Strategien angewiesen als im Alten Reich. Doch sticht - zumindest in Kernbereichen der Geisteswissenschaft: wie der Geschichte - die verblüffende Kontinuität der Elitenbildung, nicht nur durch die Protektion einflußreicher Großordinarien, sondern auch durch Verschwägerung ins Auge. Daß man durch die Heirat einer Professorentochter den sichersten und schnellsten Weg zum eigenen Lehrstuhl einschlage, ist nicht nur geflügeltes Wort, sondern bewährte sich auch in der sozialen Praxis, und zwar über das Jahr 1945 hinaus.

Daß nicht nur der Anspruch, aus dem Verständnis der Vergangenheit der Nation den Weg in die Zukunft zu weisen, sondern auch künstlerische Begabung die Anwartschaft auf Elitenzugehörigkeit verleihe, diese Vorstellung kam erst im 19. Jahrhundert auf. Die Einzigartigkeit des Talents, wie sie der Geniekult der Romantik verkündete, als vererbbar auszuweisen, machte ein weiterer Grundzug des Zeitalters, sein biologischer Determinismus, möglich. Bezeichnenderweise waren solche Versuche einer "Künstlerdynastiebildung" in Deutschland im wesentlichen auf die Bereiche der Musik und der Literatur beschränkt. Hier genügt es, zwei bis heute magische Namen zu nennen: Wagner und Mann.



Zerfall und Neuformierung


Durch den Untergang der Monarchien im Herbst 1918 geriet das deutsche Elitengefüge in eine Phase der krisenhaften Neusortierung. Der Entzug der monarchischen Stütze und damit der offiziellen Anerkennung adeliger Grundwerte ebenso wie die klägliche Rolle des Kaiserhauses und der hocharistokratischen Militärs im Ersten Weltkrieg mußte Rechtfertigungszwänge hervorbringen. Erschwert wurde diese Selbstbehauptung in einer noch pluralistischer gewordenen Gesellschaft dadurch, daß jetzt die letzten, doch wesentlichen Reste des feudalen Rechts, vor allem die Fideikommisse, untergingen, die den Vorrang eines einzigen Familienzweiges zum Nachteil der Nachgeborenen verankerten. Neue Strategien waren gefragt.

Alteuropäisch seinem Ursprung wie dem Kern seiner Wertordnung nach, reagierte der deutsche Adel auf diese Herausforderungen mit um so festerem Zusammenschluß zur Interessengruppe, aber auch mit der Neuausrichtung seiner politischen Optionen. Hier lauteten die wichtigsten Alternativen: Wiederherstellung der Monarchie; ein neues, zugleich geburts- und geistaristokratisches Führertum (dementsprechend der Adelsanteil im Kreis um Stefan George); oder Anschluß an Bewegungen, die Elite durch Rasse und antisemitische Ausgrenzung bestimmten. Daß auch die bürgerlichen Führungsschichten auf die republikanische Ordnung so überwiegend mit Ablehnung oder zumindest Reserve reagierten, dürfte ebenfalls in hohem Maße darauf zurückzuführen sein, daß sich Selbstdarstellungsformen, Prestigeskalen und damit sichtbare soziale Hierarchien in der neuen, ihrem Anspruch nach nivellierten Ordnung grundlegend verschoben hatten - und daß im neuen politischen System zumindest anfangs Protagonisten einer offiziell verpönten Sekundärelite, der Arbeiterbewegung, dominierten. Daß diese nicht wenige Normen und Mentalitäten des alten Staates und seiner Gesellschaft tief verinnerlicht hatten, nahmen ihre Gegner weit weniger wahr.

Mit der Erschütterung des politischen und sozialen Gefüges nach 1918 erwies sich ein für den Adel wie das gehobene Bürgertum selbstverständliches Element der Elitenbildung, die Erblichkeit von Rang, als vielfach diskreditiert. Die Sehnsucht nach dem "Führer" war gewiß schon vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs in intellektuellen Kreisen Europas lebendig; im Deutschland nach 1918 drückte sich darin nicht zuletzt das Unbehagen an traditionellen Führungskreisen aus, die durch Saturiertheit und Verkrustung den Stürmen einer neuen Zeit nicht gewachsen zu sein schienen. Diese Mängel ließen sich, so eine verbreitete Überzeugung, auf einen Grunddefekt zurückführen: Charisma, wie es der Führer der italienischen Faschisten, Benito Mussolini, als Protagonist und Prototyp einer post-liberalen Staats- und Gesellschaftsordnung in den Augen so vieler europäischer Intellektueller zu besitzen schien, war nicht auf die nächste Generation übertragbar. Wie in Italien arrangierten sich auch in Deutschland ab 1933 die alten Eliten mit dem Führerstaat des Nationalsozialismus aufs beste. Wie südlich der Alpen bot ihnen die neue, ihrem Anspruch nach national-revolutionäre Ordnung mehr als ausreichende Garantien für die Bewahrung von gewachsenem Status und zudem beste Karrierechancen in der bald darauf immens erweiterten Armee. Mit der jetzt herrschenden Vorstellung von der kollektiven Nobilitierung durch "Rassenzugehörigkeit" war historisch ausgewiesener Rang sehr wohl vereinbar. Zum einen hegten die Parvenüs der Parteidiktatur oft genug die für Aufsteiger typischen Unterlegenheitsgefühle gegenüber alt etabliertem Sozialprestige. Und zum anderen mußte die jetzt vorherrschende Glaubenslehre generationenübergreifenden Elitenstatus als Ausdruck biologisch-geschichtlich verbriefter Führungsqualitäten geradezu sakralisieren - was sich nicht nur in "arischen" Abstammungsnachweisen und Erbhofgesetzen, sondern auch im Versuch einer neuen Elitenbildung in Gestalt der SS unter der Führung des Adelsbewunderers Himmler niederschlug. Daß gerade in dieser verbrecherischen Organisation eine krude Mischung alteuropäischer Adelsnormen - von der "Ordensgründung" über die "Züchtung" reinrassigen Nachwuchses bis hin zu Planungen gemeinsamer Begräbnisplätze - in pervertierter Gestalt wieder auferstand, erklärte nicht zum geringsten, daß in ihr wie in der NSDAP insgesamt "echte" Aristokraten von Beginn an weit überdurchschnittlich vertreten waren. Das galt allerdings ebenfalls für den Widerstand gegen das untergehende nationalsozialistische Regime. Auch diese Opposition artikulierte sich in verschiedener Hinsicht den uralten Standesprinzipien entsprechend. Stand am Anfang die individuelle Aufkündigung eines Paktes mit der Macht, deren zutiefst inhumaner Charakter längst zu Tage getreten war, so wurden konkrete Aktionen innerhalb der spezifisch adeligen Netzwerke von Verwandtschaft und Verschwägerung organisiert. Und nicht zuletzt ließ sich die in hohem Maße prä-demokratische, korporativ-ständestaatliche Orientierung solcher Widerstandsgruppen aus diesen Wurzeln ableiten.

Daß unter diesen Umständen nach 1945 allein schon der Begriff "Elite" in weiten Kreisen negativ besetzt war, schlug sich in Gründungsmythen nieder, die laut Giambattista Vico (1668-1744) jede Gesellschaft zwecks Vergewisserung ihrer Werte kreiert: im Mythos der Stunde Null, der 40-DM-Egalität der Währungsreform, der sozialen Mobilität durch das sogenannte Wirtschaftswunder. Solche Legenden, die sozialen Sinn, d.h. Wir-Gefühl und Partizipationsfreudigkeit, erzeugten, schienen sich in Politik und Wirtschaft eindrucksvoll zu bestätigen: homines novi, neue Männer, und - zunehmend seit den 70er Jahren - endlich auch Frauen an den Schaltstellen von Macht und Einfluß. Um dieselbe Zeit schärfte sich der Sinn für die dessen ungeachtet bestehenden Elitenkontinuitäten. Als besonders anstößig wurden die bruchlosen Karrieren der aktiven Mitläufer oder sogar Mittäter des Nationalsozialismus empfunden, die in so reichem Maße in der neuen Demokratie eine sozioprofessionelle oder gar politische Heimat fanden.

Gleichfalls schweres Ärgernis erregten die um dieselbe Zeit vorgenommenen Enthüllungen, daß auch die ökonomische Potenz der Bundesrepublik keineswegs ausschließlich in neuen Händen lag, daß es neben den Newcomern wie Grundig und Neckermann gerade in der Großindustrie schweres altes Geld gab, und zwar nicht immer wohlriechendes. So erfuhr das staunende Publikum, daß nicht wenige der altadeligen Dynastien vom Range der Fürstenberg, Thurn und Taxis und Hohenlohe riesige Vermögenswerte weitgehend unbeschadet durch alle Zusammenbrüche und Katastrophen hindurch gerettet hatten. Immerhin schien dieser Einfluß vor den demokratischen Institutionen Halt zu machen. Auch wenn mit Richard von Weizsäcker einer von bislang acht Bundespräsidenten das "von" im Namen führt, gelten Repräsentanten der "echten", nicht erst unter Wilhelm I. oder II. nobilitierten Aristokratie in den Parlamenten der Länder wie des Bundes als Exoten. Von seinem Selbstverständnis und seiner kollektiven Befindlichkeit her scheint der deutsche Hochadel - glaubt man den gelegentlich publizierten Zeugnissen einzelner mit ihm entzweiter Mitglieder - auch nach 1945 auf die egalitäre Herausforderung der diesmal dauerhaften republikanischen Ordnung wie gehabt zu reagieren: die Reihen fest geschlossen. Interna dringen nur nach außen, wenn Streitigkeiten so heftig ausgetragen werden, daß eine Schlichtung von dritter Seite unvermeidlich wird. Bei solchen Gelegenheiten erfährt die Öffentlichkeit dann von der Existenz so unzeitgemäß anmutender (und zugleich die Phantasie anregender) Einrichtungen wie aristokratischer Hausgesetze, die über statusgerechte Eheschließungen und Nachlaßantrittsberechtigungen entscheiden. Mögen solche Einblicke auch lästig fallen, insgesamt sind die elektronischen Medien - hier schließt sich der argumentative Kreis - dem Adel zur Existenzgarantie geworden. Traumquoten bei Direktübertragungen von Fürstenhochzeiten sprechen dafür, daß diese Unverzichtbarkeit auch künftig gewährleistet bleibt.

Die zwölf Familiengeschichten dieses Bandes aber blicken nicht in die Zukunft, sondern zeichnen strategische Werdegänge nach: Wie - von ganz unterschiedlichen Voraussetzungen aus - Rang durch Generationen ausgebaut und in die vielfältig gewandelten Verhältnisse des 19. bis 21. Jahrhunderts hinein übertragen wurde; wie dabei finanzielles und symbolisches Kapital angesammelt oder auch verloren wurde, wie die Dauerhaftigkeit von Status und Ansehen begründet, gerechtfertigt und bei Bedarf neu formuliert wurde; und nicht zuletzt mit welchen Methoden der Veranschaulichung die Zugehörigkeit zur Elite stets aufs neue vorgewiesen und in den Köpfen verankert wurde. Insofern handelt dieses Buch der großen Familien nicht weniger von deren Publikum - und somit von unser aller Befindlichkeit.



 
   


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