Vorwort
von Peter Hayes
Von 1925 bis 1945 war die IG Farbenindustrie AG das größte Unternehmen der Privatwirtschaft in Deutschland und lag unter den nichtstaatlichen Unternehmen weltweit auf Platz vier. Der Konzern war aus dem Zusammenschluss der drei führenden Chemieunternehmen in Europa (BASF, Bayer und Farbwerke Höchst) mit fünf kleineren Firmen hervorgegangen und stellte ein immenses Spektrum von Produkten her - von Farbstoffen und Arzneimitteln bis hin zu Aluminium, Treibstoffen und Gummi. Seine Forschungsabteilungen, die über erhebliche finanzielle Mittel verfügten, erweiterten das Sortiment ständig durch langfristig wertschöpfungsstarke Entwicklungen wie Sulfonamidpräparate, Magnetbänder und eine Vielzahl synthetischer Fasern. Die Tatsache, dass der Firmenname noch heute ein Begriff ist, kann aber weder auf die Größe noch auf die Innovationskraft des Unternehmens zurückgeführt werden. Vielmehr wird der Name auch 60 Jahre, nachdem die Siegermächte die Auflösung der IG Farben anordneten, noch immer in eine unrühmliche Verbindung mit der Politik Adolf Hitlers gebracht. Tatsächlich wird das Unternehmen als das Paradebeispiel schlechthin für die Bereitschaft der deutschen Großindustrie angeführt, gemeinsame Sache mit einem barbarischen Regime zu machen.
Wirkungsvoller als jeder andere Industriekonzern hatte die IG Farben ihre Fähigkeiten und Kapazitäten in den Dienst des nationalsozialistischen Programms der Aufrüstung, Autarkie, Aggression und Ausrottung gestellt. In den Jahren 1943/44 lieferten das Unternehmen und seine zahlreichen Tochtergesellschaften ein Viertel der synthetischen Fasern, ein Drittel der aus Kohle gewonnenen Brennstoffe und den gesamten synthetischen Kautschuk (Buna) - Produkte, welche die Wehrmacht angesichts der Wirtschaftsblockade dringend benötigte. Ferner produzierte der Konzern den überwiegenden Teil der Munition des Landes, den erforderlichen Stickstoff und praktisch die gesamte Menge solch unverzichtbarer Substanzen wie Methanol, den Kraftstoffzusatz Tetraethylblei, synthetische Fette und Schmierstoffe, ganz zu schweigen von den Giftgasen, die Hitler in Reserve hielt. Ausländische Arbeitskräfte, häufig Zwangsarbeiter oder auch Sklavenarbeiter, machten bis zur Hälfte der 333 000 Arbeitskräfte aus, die diese Produkte herstellten oder beim Bau der neuen, hierfür notwendigen Werke eingesetzt wurden. Zu ihnen zählten auch die etwa 30 000 KZ-Häftlinge, die während oder infolge der Zwangsarbeit beim Aufbau der Betriebsstätten der IG Farben und in den Kohlebergwerken in der Umgebung von Auschwitz ums Leben kamen. Am meisten Aufsehen erregte jedoch die Tatsache, dass der Konzern mit 42,5 % an dem Unternehmen beteiligt war, das die Patente für Zyklon B hielt - dem Giftgas, mit dem in Auschwitz und Majdanek etwa eine Million Juden ermordet wurden. Infolgedessen hatte es jahrzehntelang - wie wir heute wissen, fälschlicherweise - den Anschein, als habe vor allem die IG Farben die unternehmerische Verantwortung für dieses Produkt und seine Anwendung zu tragen.
Natürlich wurden über ein derart in Verruf geratenes Unternehmen zahlreiche Bücher geschrieben, von denen die meisten bis in jüngere Zeit nicht den Anspruch an eine wissenschaftliche Arbeit erfüllten. So gaben die Beteiligung der Vorgängerunternehmen des Konzerns an der Produktion chemischer Waffen im Ersten Weltkrieg sowie die enorme Marktpräsenz des Unternehmens und seine vermeintliche Machtstellung im In- und Ausland bereits in den 20er Jahren, vor Hitlers Machtübernahme, Anlass zu Sensationsberichten. In einem dieser Berichte wurde die IG Farben amerikanischen Lesern als "eine monströse getarnte Treibmine im aufgewühlten Meer des Weltfriedens" dargestellt; in einem anderen Bericht erklärte man den Deutschen, das Unternehmen stelle "die geheime Regierung der [deutschen] Republik". Diese Verschwörungstheorien erhielten während des Zweiten Weltkriegs neue Nahrung, insbesondere in den USA, wo sich die Ansicht verbreitete, dass zahlreiche Kartellabsprachen zwischen der IG Farben und verschiedenen großen und einflussreichen amerikanischen Unternehmen die militärische Einsatzbereitschaft und Mobilisierung lähmten. So hatte sich das Bild des "Molochs IG Farben" etabliert, wodurch die Zerschlagung des Konzerns 1945 ganz oben auf der Tagesordnung der siegreichen Alliierten stand. Doch weder diese Maßnahme noch die Kriegsverbrecherprozesse 1947/48 gegen 23 Führungskräfte des Unternehmens brachten die Flut der Veröffentlichungen über den Konzern zum Versiegen. Ganz im Gegenteil - das nicht einstimmig gefällte Urteil des amerikanischen Tribunals war der Auslöser einer neuen, stark polarisierenden Welle von Publikationen. Die Richter sprachen mit 2:1 Stimmen alle Angeklagten von drei der fünf Anklagepunkte frei und zehn der Angeklagten darüber hinaus auch von den restlichen zwei Anklagepunkten. Bei den 13 Angeklagten, die in einem oder zwei Anklagepunkten schuldig gesprochen wurden, wurden Höchststrafen von bis zu acht Jahren Gefängnis unter Anrechnung der bereits verbüßten Haftzeit ausgesprochen, und bis 1951 waren alle Verurteilten wieder frei. In den folgenden 30 Jahren wurde der Fall sowohl von ehemaligen Vertretern der Anklage als auch von Sprechern des kommunistischen Ostdeutschland einerseits sowie von ehemaligen Angestellten der IG Farben andererseits in Veröffentlichungen immer wieder aufgegriffen, in denen sich unter dem Vorwand einer historischen Aufarbeitung Anschuldigungen und Reinwaschungen gegenüberstanden.
Erst in den letzten Jahrzehnten ist die Polemik einem neuen wissenschaftlichen Forschungsansatz gewichen, der sich mit der Art, den Ursachen und den Folgen der Aktivitäten der IG Farben während des Nationalsozialismus auseinander setzt. In meinem eigenen Buch zu diesem Thema habe ich die Ansicht vertreten, dass sich die IG Farben gegenüber dem Aufstieg und der Herrschaft Hitlers weitgehend reaktiv verhielt. Die Führung der IG Farben, für die aus unternehmerischer Sicht vor allem massive Investitionen in groß angelegte Projekte für chemische Syntheseverfahren von Interesse waren (anfänglich Farbstoffe und Stickstoff, später aus Kohle gewonnene Treibstoffe und synthetischer Kautschuk), wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik nach dem Prinzip von "Zuckerbrot und Peitsche" abwechselnd begünstigt und gegängelt und ließ sich zu Handlangern der expansionistischen und rassistischen Ideologie Hitlers machen.
Im Laufe dieses Prozesses wich die historische Ausrichtung ihres Unternehmens auf zivile Märkte und Exportmärkte schließlich einer Konzentration auf den nationalen, vorwiegend militärischen Bedarf. Dies führte zwischen 1933 und 1945 zu einem enormen Wachstum und hohen Gewinnen, und die damit verbundene Einbindung in die Plünderung von Eigentum und die Ausbeutung von Menschen spiegelt weit eher Mechanismen wirtschaftlicher und wettbewerbsorientierter Überlegungen in einem pervertierten Umfeld wider als eine vermeintliche Identität der Ziele des Großkonzerns mit denen der NSDAP. Meiner Ansicht nach basieren selbst die schrecklichen Entscheidungen des Unternehmens, ein Werk in der Nähe von Auschwitz zu errichten und Sklavenarbeiter aus dem Konzentrationslager zur Arbeit an diesem Projekt heranzuziehen, auf einer Abfolge "rationaler" und eher defensiver Überlegungen als auf ideologischem Eifer. Dieser Umstand kann allerdings weder die abscheulichen Auswirkungen dieses unternehmerischen Tunnelblicks abmildern, noch enthebt er die Führungskräfte der IG Farben der Verantwortung dafür, dass sie das Grauen - auch für das deutsche Volk - noch schrecklicher machten.
Gottfried Plumpe veröffentlichte 1990 eine Habilitationsschrift über die Geschichte der IG Farben, in der er zahlreiche meiner Ergebnisse (wenn auch gelegentlich verzerrt und in der Regel ohne Zitat) übernahm. Allerdings wich er von ihnen auch in einer Art und Weise ab, die sich sowohl als überzogen wie auch als widersprüchlich, letztendlich aber doch als fruchtbar erwies. Während Plumpe einerseits betont, dass das Verhalten des Konzerns im nationalsozialistischen Deutschland nahezu ausschließlich durch interne und wirtschaftliche, und weniger durch externe und politische Faktoren bestimmt wurde, vertritt er andererseits die Auffassung, dass das Dritte Reich, auch wenn es der IG Farben hohe Gewinne verschaffte, die wirtschaftliche Position des Unternehmens auf lange Sicht schwächte, indem es die Forschung und Entwicklung in zukunftsträchtigen Bereichen, beispielsweise Polymeren für Kunststoffe und Kunstfasern, hemmte. Auch wenn diese Behauptungen logisch inkonsistent sind, so lenkte der letztere Punkt doch die Aufmerksamkeit auf einen bis dahin kaum beachteten Aspekt des Verhaltens der IG Farben zwischen 1933 und 1945, nämlich die Nachteile für das Unternehmen selbst. Plumpe machte damit deutlich, in welchem Maße die Führungskräfte der IG Farben unfähig waren, sowohl ihre eigenen Interessen und die Interessen ihrer Aktionäre als auch die Grundprinzipien einer zivilisierten Gesellschaft zu verteidigen.
Die jüngsten Beiträge zur Literatur über die IG Farben haben sich von der Betrachtung des Konzerns als Ganzes aus der Perspektive der Vorstandsebene abgewandt, um die Aktivitäten innerhalb der einzelnen Bereiche des Konzernriesen akribisch zu untersuchen, beispielsweise die Betriebe der BASF, einem der Vorläufer- und Nachfolgeunternehmen, die frühere Hüls AG, die 1938 als Tochtergesellschaft gegründet wurde, das Werk Monowitz nahe Auschwitz von 1941 bis 1945 und - wie in diesem Buch - die wichtigsten Betriebe der Hoechst AG, einem weiteren Unternehmen, das als "Farbwerke vormals Meister Lucius & Brüning, Höchst am Main" 1925 im IG-Farben-Konzern aufging und 1951 wieder aus ihm hervorging. So haben die Untersuchungen über BASF und Hüls wie auch meine Arbeit und die Veröffentlichung von Plumpe die Handlungen des Managements und die allgemeinen Entwicklungen aufgezeigt und analysiert, doch aufgrund der Lücken in den heute noch in Archiven vorhandenen Quellen war es nicht möglich, in nennenswerter Weise auf die Biografien, Ansichten und Handlungen der einzelnen Mitarbeiter einzugehen. Im Mittelpunkt der Arbeit von Bernd Christian Wagner stehen eher die Menschen, sowohl die Führungsriege im IG-Werk Auschwitz/Monowitz als auch die Häftlinge, allerdings beschränkt auf einen kurzen Zeitraum und unter ganz extremen Bedingungen. Trotz der großen Verdienste aller drei neuen Untersuchungen reicht keine an die Leistung von Stephan Lindner heran, dem es gelang, die Leser, wie der englischsprachige Titel "Inside I.G. Farben" besagt, in das Innere des Konzerns mit hineinzunehmen, und zwar über die gesamte Zeitspanne seines Bestehens.
Dank Lindners bahnbrechender und gewissenhafter Forschung und dem Umstand, dass sich in den Akten des früheren Hoechst-Konzerns mehr persönliche Aufzeichnungen und Erinnerungen als beispielsweise statistische Daten befinden - was für ein Unternehmensarchiv ungewöhnlich ist -, können die Leser nun genauer als jemals zuvor erfahren, wie tief die nationalsozialistische Ideologie die Gedanken und Handlungen der Führungsriege von Hoechst durchdrungen hatte und von 1933 bis 1945 das Leben in den Fabriken prägte. Natürlich befasst sich Lindner in seiner Untersuchung über den tertius inter pares der Gründungsfirmen der IG Farben intensiv mit der Frage, warum Hoechst von 1914 bis 1945 diesen Status hatte und welche Anstrengungen seine Direktoren unternahmen, um ihn weiter auszubauen. Lindners entscheidender Beitrag zur Literatur über die IG Farben besteht jedoch darin, dass er die führenden Nationalsozialisten bei Hoechst kenntlich macht und aufzeigt, in welchem Maße das obere und mittlere Management die Parteiideologie teilte, sich zu Eigen machte und dann entsprechend handelte. Auch beschreibt er den Grad und die Dauer der Komplizenschaft des Unternehmens in Verbrechen wie Zwangsarbeit und Arzneimittelversuchen, die die SS an KZ-Häftlingen durchführte, und zeigt, welche Anstrengungen die leitenden Direktoren des neu gegründeten Unternehmens nach dem Krieg unternahmen, um Kollegen, deren Ruf durch ihre Taten und die Verbindungen mit dem Nationalsozialismus geschädigt war, zu rehabilitieren, während sie für die früheren Sklavenarbeiter oder verfolgten Mitarbeiter nur wenig menschliches Mitgefühl zeigten. Immer wieder konfrontiert uns Lindner mit der Weltsicht derjenigen, die die Zusammenarbeit von Hoechst mit dem Nazi-Regime organisierten - dies waren nicht nur Chemiker und Manager, sondern auch die Vertreter der Partei in der Werksverwaltung und in der Belegschaft. Außerdem zeigt Lindner auf, dass diese Personen nicht nur vor 1945, sondern auch danach immer wieder logen, dass sich die Balken bogen (der Ausdruck ist nicht zu stark!), was ihr eigenes Verhalten und das des Unternehmens betraf. Das Ergebnis ist eine der scharfsinnigsten und bedrückendsten Darstellungen der Wechselbeziehungen zwischen Kommerz und Korruption im Dritten Reich und der Zeit danach, die bislang veröffentlicht worden sind.
Am 14. Juli 1998 beschloss der Vorstand der Hoechst AG ein Projekt, das die Rolle der wichtigsten, einst zur IG Farben gehörenden Teile des Unternehmens beleuchten sollte, eine angesichts der Tatsache, dass Lindners Erkenntnisse einen dunklen Schatten auf viele Namen werfen, bemerkens- und lobenswerte Entscheidung. Besondere Erwähnung verdient das mutige Engagement von Jürgen Dormann im Hinblick auf das Projekt, zunächst in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG, dann als Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzender der Aventis S.A., des Unternehmens, in dem Hoechst 1999 aufgegangen ist. Er sicherte dem Autor - und mir selbst als Berater bei dieser Arbeit - umfassende Unterstützung seitens der zuständigen Abteilungen der Hoechst AG zu, den uneingeschränkten Zugang zu relevanten Unterlagen im Besitz des Unternehmens und die völlige Unabhängigkeit bei der Erstellung und Veröffentlichung dieses Textes, und nach unseren Erfahrungen wurden diese Zusagen auch eingehalten. Unverzichtbar waren außerdem die unerschöpflichen Bemühungen von Wolfgang Metternich, zu dessen vielfältigen Aufgaben die Verwaltung und Fortführung des Hoechst-Archivs gehören. Er machte zahlreiche aufschlussreiche, bislang nicht erfasste Materialien für diese Untersuchung ausfindig, katalogisierte und archivierte sie, arrangierte Gespräche mit überlebenden Familienangehörigen sowie anderen Zeugen der in diesem Buch beschriebenen Ereignisse und gab der Forschung viele fruchtbare Anregungen. Ohne die Unterstützung dieser beiden Personen sowie zahlloser anderer langjähriger Mitarbeiter der Hoechst AG hätte dieses Buch nicht geschrieben werden können.
Stephan Lindners entschlossene, direkte und ehrliche Darstellung der Firma Hoechst im Nationalsozialismus stellt alle, die sich mit der IG Farben beschäftigen, vor die Aufgabe, ihre Interpretationen zu überdenken und zu revidieren - und das gilt auch für mich selbst.
Somit stellt dieses Buch eine bedeutende Erweiterung unserer Erkenntnisse dar und leistet einen wichtigen Beitrag zur fortgesetzten Auseinandersetzung Deutschlands und der deutschen Industrie mit der Vergangenheit.