Vorwort
Das Interesse an Meister Eckhart wächst. Dafür gibt es gute Gründe. Doch schwankt sein Bild in der Geschichte. Er ist 1328 gestorben. Er, seine Werke und seine Gedanken sind ein historischer Gegenstand. Es gibt Widerstände gegen diese einfache Einsicht. Seit der Romantik haben viele versucht, ihn in ihre jeweilige Gegenwart herüberzuziehen. Aber er gehört für immer der Zeit um 1300 an. Daher versucht dieses Buch eine historische Einführung in die Zentralmotive seines Denkens.
Es vermeidet großflächige Assoziationen. Es handelt nicht von Eckhart und Fichte, von Eckhart und Nietzsche oder Eckhart und dem Zen-Buddhismus. Es sucht Eckharts Denken auf in seinem nachweisbaren historischen Kontext. Es verfolgt seine Auseinandersetzung mit Autoren, die er nachweislich gelesen und teilweise persönlich gekannt hat. Dabei handelt es sich um ein komplexes Netzwerk. Zu seiner Beschreibung wären auch andere Ausgangspunkte möglich - etwa Augustinus, Dionysius Areopagita oder Thomas von Aquino. Ohne die Bedeutung dieser Autoren zu leugnen oder auch nur zu vernachlässigen, wähle ich als Ausgangspunkt den arabischen Denker Ibn Rushd, unseren Averroes, und zeige: Averroes hat - vorbereitet durch die Vermittlungsarbeit Alberts und Dietrichs von Freiberg - wesentliche Einsichten Eckharts angeregt. Dann erweitere ich schrittweise den Rahmen und beschreibe Eckharts Beziehung zu Avicenna und zu dem jüdischen Denker Moses Maimonides.
Natürlich behaupte ich nicht, Eckhart und Averroes, Dietrich und Albert hätten "dasselbe" gedacht. Mein Buch beschreibt in kleinen Schritten die nachweisbare Beschäftigung Alberts, Dietrichs und Eckharts mit arabisch-jüdischen Anregern. Es ermittelt philosophische Gedanken und kümmert sich wenig um abstrakte historistische Etiketten wie "deutsche Mystik" oder "Albertschule". Ich versuche, solche Einordnungen fernzuhalten. Es geht mir darum, was konkret gedacht worden ist. Ich lade ein zu einer neuen Sicht des Denkers Eckhart.
Im Westen ist aus harten Gründen das Interesse an der arabischen Welt neu erwacht. Teilweise ist es zur Mode geworden. Von diesem Vorwurf sehe ich mich frei. Als ich mir vor vielen Jahren die Erforschung des philosophischen Denkens zwischen Augustin und Machiavelli zur Lebensaufgabe gemacht habe, begann meine Jagd nach den lateinischen Texten der arabisch-jüdischen Denker. Damals grassierte bei uns eine Abendländlerei, die man heute "Eurozentrismus" nennen würde. Als Gegengewicht zu ihr brachte ich ab 1961 die seltenen alten Ausgaben der lateinischen Texte zum Nachdruck: Avicenna, Paris 1508, erschien Frankfurt 1961, die Werke des Averroes, Venedig 1562, erschienen Frankfurt 1962 und der Dux neutromm des Moses Maimonides, Paris 1520, folgte Frankfurt 1964. Meine Reprints stehen heute in aller Welt, werden immer noch gebraucht und bilden die Textgrundlage der vorliegenden, von langer Hand vorbereiteten Arbeit.
Zum Schluß habe ich noch eine Bitte an meine Leser: Sie oder Er mögen mich nicht zu rasch der Pedanterie oder der Rücksichtslosigkeit zeihen, sondern bedenken, daß mein Thema und der Stand der Diskussion Textbelege fordern. Diese gibt es nicht ohne lateinische Zitate. Immerhin habe ich mich bemüht, den Inhalt der Zitate jeweils kurz zusammenzufassen und meinen Text so zu halten, daß er zur Not ohne die Zitate bruchlos weitergelesen werden kann.
Nicht übersetzen wollte ich die fremdsprachlichen Zitate, die dem Buch als Motti voranstehen. Ich wünsche mir einen Leser, der sie übersetzt oder entziffert oder sie übersetzen läßt und sich schmunzelnd mit der Frage befaßt, warum sie an diese Stelle geraten sind. Es sind Zaunpfähle, die mein Arbeitsfeld begrenzen. Mit Zaunpfählen winkt man nicht.
| Mainz, den 1. November 2005 | Kurt Flasch |