Mit 19 Abbildungen im Text
Vor- und Nachsatz: "Der Jahreskalender des Wiener Astronomen und Mathematikers Johannes von Gmunden (etwa 1380-1442) wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus einem Holzschnitt in zwei Blättern gedruckt. Seine Gestalt zeigt die "longue durée", die Zählebigkeit des Kalenders. Ein Römer hätte ihn ohne weiteres verstehen können, auch wenn vor die Spalte mit den Buchstaben der siebentägigen Woche noch eine Spalte gedruckt ist, die es erlaubt, den Lauf des Mondes über eine mehrjährige Gebrauchszeit hinweg zu verfolgen und davon abhängig nach dem Computus das Osterdatum und weitere damit koordinierte Festdaten zu berechnen. Die Stelle der Tempelstiftungstage vertreten die Heiligen. Die Tierkreiszeichen sind entsprechend der Überlänge des Julianischen Jahres gegen den Monatsanfang hin gerückt. Die Bildfelder mit den Darstellungen jahreszeitlicher Aktivitäten informieren auch über die durchschnittliche Länge des Lichttages und der Nacht; sie setzen gleichlange Stunden bereits voraus (späterer Nachdruck, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Inv.-Nr. Anon. Einblattdrucke (Schr. 1903))."
Für Christoph
Im Anfang war der Kalender - und zwar in Gestalt des Mondkalenders. Er bot unseren Vorfahren die Möglichkeit, ihr durch den Naturkreislauf und insbesondere durch den Ackerbau bestimmtes Jahr für ihren Bedarf angemessen zu organisieren. Je weiter sich aber dieMenschheitskultur entwickelte, um so größer wurde das Unbehagen, sich auf diesen Zeitgeber zu beschränken. Das Sonnenjahr trat in Konkurrenz zum Mondjahr; doch bald galt es, selbst die am Lauf der Sonne orientierte Zeiteinteilung nachzujustieren: Feste wollten exakt im Jahreskreis fixiert, Gerichtstermine bestimmt, Zinstermine festgelegt sein. Nicht zuletzt die Religionen verlangten nach zuverlässig bestimmbaren Daten, um den kultischen Verpflichtungen nachzukommen und die überirdischen Mächte nicht zu verstimmen. Herrschaft über den Kalender als Organisationsmittel der Zeit bedeutete jedoch stets auch, Herrschaft über die Menschen, ja sogar über ihr Bewußtsein zu gewinnen - auch wenn kaum jemandem wirklich bewußt ist, wie umfassend und wie nachhaltig er unseren Alltag, unsere kulturellen Rhythmen, unser Denken und sogar unser Fühlen prägt. So legten die geistlichen und weltlichen Fürsten der Antike und des Mittelalters ebenso wie die Herrscher der Neuzeit und nicht zuletzt auch die Diktatoren der jüngeren Vergangenheit großen Wert darauf, den Kalender als Instrument der Macht unter Kontrolle zu bekommen. Jörg Rüpke hat die Geschichte des Kalenders von der Antike bis zur Gegenwart nachgezeichnet und präsentiert in seinem hervorragend geschriebenen Buch gleichermaßen grundlegende wie überraschende Erkenntnisse über diesen wirkungsmächtigen kulturellen Zeitgeber.
Wohl einem jeden ist bewußt, daß der Kalender ein wichtiges Hilfsmittel unseres individuellen wie kollektiven Gedächtnisses ist. Doch kaum jemand erfaßt in seiner ganzen Tragweite, wie umfassend und nachhaltig er unseren Alltag, unsere Lebensrhythmen, unser Denken, ja unser Fühlen prägt. Jörg Rüpke ist der Kulturgeschichte desKalenders von der Antike bis zur Gegenwart nachgegangen und präsentiert ebenso grundlegende wie überraschende Erkenntnisse über diesen wirkungsmächtigen Zeitgeber.
ISBN 978 3 406 54218 3