Vorwort
»In den grauen Trümmern geht man wie durch eine Wüste zersplitterten Eises und am hellen Tage glauben wir uns oft in einer kalten, klaren Mondnacht. [...] Die Trümmer sind ehrlich und zwingen uns ehrlicher zu sehen als bisher. [...] langsam lernen wir es, zwischen den Ruinen zu unterscheiden; es gibt solche, die das Wesen der Gebäude noch bewahren, die ihre Struktur verdeutlichen und solche, die ihre Fehler und Unechtheiten aufdecken. Wir bekommen auch den Blick für schöne und hässliche Ruinen. Erhebt man sich einmal über die menschliche Not, so wird man gigantische Bilder entdecken. «
Peter Mennicken, 1945
»Es ist unvorstellbar [...], wie tief die Zerstörung gegangen ist, geistig und physisch. «2
Walter Gropius, 1948
Sechzig Jahre nach den alliierten Luftangriffen auf das Deutsche Reich und dem Kriegsende 1945 sind die entsprechenden Geschehnisse wieder verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.3 Noch vermitteln Zeitzeugen das unmittelbare Erleben des Bombenkrieges und der sich anschließenden »Trümmerzeit«4 ; die historische Aufarbeitung dieses prägenden Abschnitts hat längst begonnen. Gerade in Deutschland, von wo aus Weltkrieg und Judenmord, infernalische Zerstörungen und unermessliche, durch nichts zu relativierende Verbrechen systematisch geplant und durchgeführt worden sind, ist es von besonderem Interesse, wie man mit den allgegenwärtigen Ruinen5 und den Bergen von Trümmerschutt umging.
Gegenstand dieser Untersuchung sind ausgewählte kirchliche Aufbauten und Neubauten mit sichtbar integrierten Ruinen, Trümmersteinen und anderen Spolien6 des Zweiten Weltkrieges, die seit Mai 1945 in den drei westlichen Besatzungszonen beziehungsweise in der bis 1990 bestehenden Bundesrepublik einschließlich West-Berlins errichtet worden sind. Von Beginn an bestand ein doppeltes Forschungsinteresse: zum einen an einer Dokumentation des auf uns gekommenen Baubestandes mit seinen vielfältigen formalen Ausprägungen. In Zeiten von Mahnmalssetzungen an nicht-authentischen Orten und einer zunehmend virtuellen Gedenkkultur bedürfen die wenigen erhaltenen materiellen Zeugnisse der Zerstörung - Ruinenmahnmale, funktionslos konservierte Kriegsruinen, sichtbar gelassene Kriegsschadensstellen sowie Bauwerke aus Trümmersteinen - unseres verstärkten Interesses. Zum anderen ist nach der Motivation der Architekten, Pfarrer, Gemeinden und Kirchenbehörden zu fragen. Deren Einstellung zu den steinernen Hinterlassenschaften des Krieges soll exemplarisch im Kontext der erhaltenen baulichen Zeugnisse untersucht werden.
Mehrere Faktoren scheinen zunächst für einen pragmatischen Umgang mit den Kriegsruinen und Trümmermaterialien zu sprechen: die in den ersten Jahren nach dem Krieg herrschende Not7 und Materialkontingentierung; Architekten, die oft genug am Planen und Bauen während des Nationalsozialismus persönlich beteiligt gewesen waren; nicht zuletzt eine deutsche Nachkriegsgesellschaft, die insbesondere seit der sich abzeichnenden Eigenstaatlichkeit und in der Aufbruchszeit des »Wirtschaftswunders« glaubte, ihren eigenen Anteil an den Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit »beschweigen« zu können8 .
Hatte der Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger (1892- 1975) im Juli 1945 gegenüber Feldmarschall Bernard L. Montgomery geäußert, »daß viele Deutsche wie erleichtert und befreit durch die furchtbaren Trümmerstätten gingen, die durch die Luftwaffe der Alliierten geschaffen worden waren«9 , notierte die Soziologin und Politologin Hannah Arendt (1906-1975) im Herbst 1950: »Überall fällt einem auf, daß es keine Reaktion auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt. [...] Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, daß die Geschäftigkeit ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist. Und man möchte aufschreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich - wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das vergangene Grauen, wirklich sind die Toten, die Ihr vergessen habt.«10
Bereits ein Blick in die damaligen deutschen Periodika verdeutlicht jedoch, dass der Umgang mit Ruinen und Kriegshinterlassenschaften ein Gebot der Stunde war und durchaus differenziert betrachtet wurde. War mit der sichtbaren Präsentation dieser Relikte nicht doch (oder auch) die Absicht einer Vergegenwärtigung des Vergangenen oder eines Memento verbunden? Eines Memento an die Vorgängerkirche und damit an die historischkulturelle Identität der Gemeinde oder, allgemeiner, an Krieg, Zerstörung, Entbehrung und Leid? Konnten im Einzelfall gar Verantwortung und Schuldempfinden mit solchen architektonischen Mitteln ausgedrückt werden?
Diese Arbeit wurde am 12. Juli 2006 vom Fachbereich 07 der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Habilitationsschrift im Fach Kunstgeschichte angenommen; sie wurde für die Drucklegung geringfügig überarbeitet.
Wichtige inhaltliche Anregungen verdanke ich Prof. Dr. Dethard von Winterfeld (Mainz) sowie Prof. Dr. Michael Bringmann (Mainz), Prof. Dr. Werner Durth (Darmstadt), Dr. Conrad Lienhardt (Linz), Prof. Dr. Winfried Nerdinger (München) und Prof. Dr. Wolfgang Pehnt (Köln).
Dieses Werk wäre nicht entstanden ohne die großzügige Unterstützung der jeweiligen Kirchengemeinden, der am Aufbau beteiligten Architekten (samt Mitarbeitern und Angehörigen), der örtlichen Zeitzeugen des Aufbaues, aber auch der kirchlichen und staatlichen Archive und Institutionen. Allen Beteiligten danke ich herzlich. Stellvertretend seien genannt: Pastor Helmut Brendel (Celle), Dipl.-Ing. Hanno Brockhoff und Dr. Gerhard Kabierske (Karlsruhe), Dr. Walter Geis (Köln), Inger Gulbransson-Jansen (München), Dipl.-Ing. Helmut Kohl (Duisburg), Dr. Burkhard Körner (München), Gerhard Limpach (Berlin), Birgit Löhr (Mönchengladbach), Uta Riemerschmid von Rheinbaben (München), Werner Roemer (Düsseldorf), Wolfgang Schmitz (Köln), Prof. Dipl.-Ing. Maria Schwarz (Köln), Dr. Andreas Weiner (Trier) und besonders Pastor Albrecht Fay (Braunschweig).
Sehr zu Dank verpflichtet bin ich der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die das Projekt durch Gewährung eines mehrjährigen Forschungsstipendiums und durch einen namhaften Druckkostenzuschuss gefördert hat, sowie dem Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V. München, dem Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Kirchengemeinde St. Magni in Braunschweig für Druckkostenbeihilfen.
Dem Deutschen Kunstverlag und dort namentlich Herrn Rudolf Winterstein (München) danke ich für die sorgfältige verlegerische Betreuung und vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Meine Frau, Susanne Funk M. A., hat das Forschungsprojekt in allen Phasen engagiert begleitet. Ihr ist diese Arbeit gewidmet.