Wer bisher der Ansicht war, dass Baudenkmale ausschliesslich dem vertrauten Fundus zuzurechnen seien, den wird eine Formulierung wie "Denkmale fordern durch Fremdheit" (Tilmann Breuer) irritieren. Bei genauer Betrachtung der Denkmalwelt zeigt es sich nämlich, dass neben vertrauten Seiten der uns umgebenden historischen Zeugen auch unbekannte, ja befremdende Seiten existieren. Diesem Thema, dem Vertrauten und Fremden mit ihren jeweiligen Ambivalenzen, widmete sich eine Fachtagung, veranstaltet vom Institut für Denkmalpflege der ETH-Zürich, mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener geisteswissenschaftlicher Disziplinen. In einer Zeit, da viel von Identität die Rede ist, gerät alles Fremde rasch unter Verdacht und wird ausgegrenzt - ein Phänomen dessen negative Folgen sich auch auf das gebaute Erbe auswirken. Ein Ziel der Tagung war es, die Polarisierung zu durchbrechen und stattdessen Licht und Schattenseiten, eben die Ambivalenzen des Vertrauten wie des Fremden zu erkennen. Der Dialog mit den Nachbardisziplinen - Theologie, Geschichte, Soziologie, Philosophie, Kulturgeschichte - ist zumindest für die Denkmaltheorie ertragreich, denn Denkmalpflege ist in zweifacher Weise mit Fremdheit konfrontiert: Zum einen durch ihren Gegenstand, die historischen Bauten als Repräsentanten anderer Zeiten und Gesellschaften, die den Zeitgenossen nicht selten fremd (geworden) sind, und zum andern - dies teilt sie mit anderen historischen Wissenschaften - durch die wissenschaftliche Erforschung des historischen Gegenstands, die distanzieren und objektivieren muss, um ihn aus sich heraus zu verstehen.
Es geht darum, die beiden Seiten des Vertrauten wie des Fremden nicht aus dem Blick zu verlieren und eine grundsätzliche Ambivalenz der Denkmale anzunehmen.
So, wie sich Geschichte aus guten und unguten Zeiten zusammenfügt, an deren "Sinn und Widersinn" (Jörn Rüsen) sich die Gegenwart handelnd orientiert, so bilden auch Denkmale historische Vielfalt ab, und sie halten neben Beruhigendem auch das "fundamental Beunruhigende" bereit. Danach können Bewunderung und Erbauung nicht die einzigen Reaktionen auf Geschichtsdenkmale sein; Irritation, Verunsicherung, Verlusterfahrungen und Trauer gehören ebenso dazu. Darum sollen Denkmale nicht aktuellen, gängigen oder opportunen Vorstellungen baulich angepasst, nachträglich "passend" gemacht werden, indem alles Unverständliche, Befremdende und Unschöne an ihnen beseitigt wird. Es wäre eine Verengung und Verfälschung der historischen Tatsachen, und es widerspräche dem denkmalpflegerischen Auftrag, geschichtliche Vielfalt zu tradieren.
ISBN 978-3-422-06874-2
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