Vorwort
von Manfred Spitzer
Mit gerade mal 48 Lebensjahren steht es mir eigentlich nicht zu, ein Vorwort zu einem Buch über das Alter(n) zu schreiben. Wenn ich es als »Jungspund« dennoch tue, dann weil mir die Überlegungen des Kollegen Gene D. Cohen sehr plausibel erscheinen und ich ihnen eine weite Verbreitung wünsche. Viele Menschen verbinden Alter nach wie vor mit »Niedergang«, »Krankheit« und »Tod«. Das Alter ist jedoch keine Krankheit, sondern eine zum Menschsein gehörende Lebensphase wie Kindheit und Jugend, mit allen Schwächen und Stärken, die mit den jeweiligen Lebensphasen verbunden sind. Obgleich wir einkoten und einnässen, im höchsten Maße kognitiv beeinträchtigt und daher sowohl unselbstständig als auch rechtlich unmündig sind, würde niemand die Säuglingsphase des Menschen als Krankheit bezeichnen. Auch im hohen Alter sind die meisten Menschen wesentlich »gesünder« als der Säugling, aber unser Blick hat sich geändert: Wir sehen nur, was nicht mehr so gut geht, und übersehen dabei den Aspekt der Entwicklung. Dieser ist nicht mehr so augenfällig wie beim Säugling, aber es ist das große Verdienst von Gene Cohen, diesen Aspekt herausgearbeitet zu haben.
Der Autor hat jahrzehntelange klinische und wissenschaftliche Erfahrung an den höchstrangigen US-amerikanischen Instituten für Altersforschung sammeln können. Seine Studien umfassen tausende von Patienten, so dass man seine Ideen nicht als Wunschfantasien eines Tagträumers abtun kann. Im Gegenteil: Cohen eröffnet eine neue Sicht auf das Altern, die keineswegs beschönigt, aber richtig stellt; die die Dinge beim Namen nennt und nicht verstellt; die es uns ermöglicht, die Potenziale zu sehen und nicht nur die Probleme.
Wenn heute hierzulande ein Mädchen geboren wird, dann nehmen die Lebensversicherungen ein erreichbares Alter von 102 an! Sie nehmen hierzu die Daten von früher und von jetzt und extrapolieren in die Zukunft. Es wird Zeit, dass wir die letzten 40 Jahre nicht als Krankheit oder gar Vorbereitung auf den Tod verstehen, sondern als Möglichkeit der Weiterentwicklung. Genau hier setzt das vorliegende Buch an.
Von der sprichwörtlichen Eintagsfliege bis zur Riesenschildkröte haben Lebewesen eine genetisch festgelegte Lebensspanne, in deren Rahmen sich das Alter des einzelnen Organismus bewegt. Diese maximale Lebensspanne lässt sich mathematisch einigermaßen genau bestimmen: Nehmen wir an, wir würden das Alter von tausend Eintagsfliegen, 1000 Riesenschildkröten oder auch 1000 Menschen bestimmen. Tragen wir nun das Alter in Jahren auf der X-Achse und die Menge der Individuen auf der Y-Achse ein, so erhalten wir eine relativ einfache absteigende Linie. Jungtiere gibt es am häufigsten, und im Laufe der Zeit sterben einzelne Individuen, altersbedingt. Man muss annehmen, dass etwa dort, wo die absteigende Kurve die X-Achse berührt (oder vielleicht noch ein paar Jahre später) das mögliche Höchstalter einer bestimmten Art liegt. Das maximal mögliche Alter des Menschen liegt demnach irgendwo zwischen 120 und 130 Jahren.
Warum werden Menschen aber überhaupt so alt? Diese Frage stellt sich insbesondere für etwa die Hälfte der Bevölkerung, nämlich für die Frauen, bei denen die Menopause, d. h. das Ende der Möglichkeit Nachkommen zu haben, bereits vor der Hälfte des maximal möglichen Lebensalters erreicht wird. Wenn Frauen aber biologisch so konstituiert sind, ein Lebensalter von über 100 Jahren zu erreichen, und zugleich so, dass sie nach dem 50. Lebensjahr keine Kinder mehr haben können, stellt sich evolutionsbiologisch die Frage, wie diese Diskrepanz überhaupt entstehen konnte. Ganz offensichtlich gibt es einen Selektionsdruck für früheres Sterben: Wer als älteres Individuum ohne weitere eigene Nachkommen und ohne Beitrag zu den Nachkommen anderer lebt, verbraucht Ressourcen, die von anderen sinnvoller eingesetzt werden könnten. Alte, nicht mehr reproduktionsfähige Individuen scheinen also zunächst einmal für die Gruppe Ballast zu sein, woraus zu folgern wäre, dass Gruppen mit weniger älteren Individuen einen Überlebensvorteil besitzen.
Einen ersten Hinweis darauf, dass dies nicht der Fall ist, liefern Beobachtungen aus der Anthropologie. Betrachten wir ein Beispiel: Vom auf Neuseeland lebenden Stamm der Maori wird gesagt, dass man bei Expeditionen zur Erschließung neuer Lebensräume das entsprechende Boot mit sechs jungen starken Männern, zwölf jungen dicken Frauen und einem alten Mann besetzt hat. Man kann sich vorstellen, dass bei der Erschließung neuer Lebensräume die Qualitäten der jungen Männer und Frauen praktisch sind, warum jedoch nahmen sie noch den Alten mit? - Die Antwort hierauf liegt darin begründet, dass ein Maori-Senior für die jungen Menschen eine wichtige Quelle von Wissen und Erfahrung darstellte. Bis zur Erfindung der Schrift, also bis etwa vor 5000 Jahren, waren Erinnerungen in Gehirnen die einzige Form der Speicherung von Wissen. Bücher oder gar das Internet gab es nicht, also hatte man als einzige Quelle von Information die älteren Menschen mit ihrer Lebenserfahrung. Diese wurden daher in den meisten Kulturen sehr geschätzt (nicht zuletzt aufgrund ihrer Seltenheit), und Carl Gustav Jung hat den Archetypus des alten Weisen herausgearbeitet, der in vielen Kulturen zu finden sei.
Beim derzeitigen Durchschnittsalter von Frauen in hoch entwickelten Gesellschaften (Spitzenreiter ist Japan mit einer Lebenserwartung für Frauen von weit über 80 Jahren) ist die Frage nach dem Alter keineswegs akademisch, sondern zielt auf ein Verständnis von Grundprinzipien menschlichen Lebens überhaupt. Von Seiten der Anthropologie und Evolutionsbiologie wurde lange schon die Vermutung geäußert, dass ältere Menschen für die Gruppe aufgrund ihres Wissens wertvoll sind. Dieses Argument sollte beim Menschen für Frauen in stärkerem Maße gelten als für Männer, sind doch Frauen zugleich sozial kompetenter und werden auch älter (5 bis 6 Jahre) als Männer. Frauen im Lebensabschnitt nach der Menopause übernehmen in sozial lebenden Gruppen eine wichtige Funktion bei der Erziehung ihrer Enkel sowie andere wichtige soziale Aufgaben. Ältere Individuen, so die Überlegung, stellen einen Erfahrungsschatz zur Verfügung, der für die Gruppe insgesamt von Nutzen ist. Eine solche Vermutung ist jedoch leicht geäußert und mit Anekdoten wie der obigen gestützt, jedoch sehr schwer nachzuweisen! Umso bedeutsamer ist daher eine Untersuchung an finnischen Kirchenbüchern vor etwa 200 Jahren und kanadischen öffentlichen Aufzeichnungen vor etwa 100 Jahren. Anhand beider großer Datensätze mit einigen tausend Personen ließ sich nachweisen, dass die Chance, dass in einer Familie ein Kind geboren wird, dann größer ist, wenn eine Großmutter in der Familie anwesend ist. Ab dem 50. Lebensjahr macht dieser Effekt zwei zusätzliche Enkel pro Lebensjahrzehnt der Großmutter aus. Zudem ist die Chance, dass das Kind erwachsen wird, bei Anwesenheit der Großmutter signifikant größer (Lahdenperä et al. 2004).
Einige Jahre zuvor hatten McComb und Mitarbeiter (2001) an mehr als 1700 afrikanischen Elefanten im Amboseli Nationalpark in Kenia prinzipiell das Gleiche zeigen können: je älter das älteste weibliche Tier (die »Leitkuh«) der Gruppe (die Tiere leben in Gruppen zu etwa zehn weiblichen Tieren), desto differenzierter reagierte die Gruppe als Ganze auf soziale Interaktionen (Begegnungen mit anderen Gruppen) und desto mehr Nachkommen hatten die jungen weiblichen Tiere der Gruppe. Die soziale Kompetenz der Leitkuh hatte also direkte Auswirkungen auf die Fitness (im evolutionären Sinn) der ganzen Gruppe. Diese Studie stellte lang gehegte Spekulationen über den Wert des Alters auf eine solide Datenbasis. Durch die genaue Analyse des Sozialverhaltens einer Spezies, die eine ganze Reihe von Merkmalen mit der Spezies Mensch gemeinsam hat, wurde der Wert der über eine ganze Lebensspanne erworbenen sozialen Erfahrung direkt nachgewiesen. Vielleicht ist es im Lichte dieser Daten kein Zufall, dass Frauen sozial kompetenter sind als Männer und länger leben. Ich möchte jedoch zu bedenken geben, dass Männer heute die Rolle der Frauen übernehmen können und das Gesagte daher ebenso für Männer gilt.
Es folgt, dass Großeltern nicht auf Golfplätze und Kreuzfahrtschiffe gehören, sondern vor allem zu ihren Enkeln! Sie sind im Vergleich zum Fernseher der bessere Babysitter, und nicht nur die Babys profitieren, sondern auch die Großeltern, für die es kein besseres »Gehirnjogging« gibt, als einen munteren kleinen Knirps, der nie aufhört, schwierige Fragen zu stellen. Es wird höchste Zeit, dass wir den »dritten Lebensabschnitt« wieder als das betrachten, was er eigentlich ist (und weswegen es ihn in evolutionärer Sicht überhaupt gibt): als Zeit des Miteinanders. Das vorliegende Buch öffnet und schärft hierfür den Blick.