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Bundestheologie und Religionsfreiheit
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Vorwort

Dieses Buch wurde bei einem Studienaufenthalt in den USA im Jahr 1991 begonnen. Es besteht außer dem letzten Kapitel aus in sich geschlossenen Aufsätzen, die aber einen innerlich zusammenhängen und aufeinander verweisen. Sie kreisen um das Verhältnis von Religion und Gesellschaft in der Moderne. Dabei sind die beiden Themen Freiheit und Bindung besonders zentral. Die ersten drei Aufsätze sind mehr geschichtlich darstellend und behandeln die Entwicklung in den Vereinigten Staaten, wie sie auch für Europa immer stärker wirksam geworden ist. Das vierte und fünfte Kapitel durchdenken das Thema mehr systematisch und wenden es auf Deutschland an.

Bei meinem Aufenthalt als Visiting Scholar an der Weston School of Theology in Cambridge/Massachusetts konnte ich das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, von Kirche und Kultur in den USA in Theorie und praktischer Erfahrung genauer kennen lernen. Dabei stellte sich heraus, daß die geschichtliche Entwicklung dieser Beziehungen in den USA höchst interessant und spannend und in Deutschland längst nicht so bekannt ist, wie es das Thema verdient. Aus den Studien dieses Jahres ist der Grundstock der drei ersten Aufsätze dieses Buches entstanden. Den Kern bildet die Bundestheologie der puritanischen Gründerzeit. Sie wird im ersten Kapitel dargestellt. Die puritanische Föderaltheologie und ihre praktische Umsetzung in Kirche und Staat sind der Auslöser für die weitere Entwicklung und prägen noch immer den Hintergrund der staatlichen Strukturen in den USA, aber auch - bewußt oder unbewußt - aller Staaten, die eine Verfassung besitzen, wie die Diskussion um die Vertragstheorie des Staates und die Kommunitarismusdebatte zeigen. Das verblüffende und früher als american exceptionalism1 bezeichnete Phänomen ist, daß die Religion in den Vereinigten Staaten im Unterschied zu Europa eine gesellschaftlich höchst virulente und lebendige Kraft ist, obwohl die USA ein modernes und säkularisiertes Land sind. Als Grund dafür wird von S. M. Lipset, American Exceptionalism. The Persistance of an American Ideology, New York/London 1995. Lipset hat den Begriff in den sechziger Jahren geprägt. Kritisch heute dazu D. Martin, Europa und Amerika. Säkularisierung oder Vervielfältigung der Christenheit. Zwei Ausnahmen und keine Regel, in: O. Kallscheuer (Hg.), Das Europa der Religionen, Frankfurt a. M. 1996, 161-180; ferner Grace Davie, Europe : the Exceptional Case. Parameters of Faith in the Modern World, London: Darton, Longman and Todd 2002. Grace Davie bezeichnet Europa als den Ausnahmefall.

Den Amerikanern selbst das System der Trennung von Kirche und Staat angegeben. Sie ist die Voraussetzung dafür, daß sich die Religion frei als eigene gesellschaftliche Kraft entwickeln kann, frei von staatlicher Privilegierung und Reglementierung. Auf diese Weise frei, kann sie das ihr Eigene tun und einbringen. So befassen sich die beiden folgenden Kapitel mit der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat, wie sie sich im 18. Jahrhundert im Bundesstaat Virginia durchgesetzt haben, und zwar vor allem durch die Denominationen der Baptisten und Presbyterianer sowie die beiden Politiker und Denker der Aufklärungszeit Thomas Jefferson und James Madison.

Für mich waren diese Forschungsgegenstände nicht allein von akademischem Interesse, sondern haben mich aufgrund der eigenen Lebensgeschichte bewegt. Als Jesuit, der in der DDR aufgewachsen und ausgebildet worden ist, das Wunder der Wende und die deutsche Einheit erlebt hat, war und bin ich vital bewegt von der Frage, ob denn nicht auch in Deutschland die Religion wieder eine solche lebendige Rolle innerhalb der Gesellschaft spielen kann wie in den USA. Gibt es da etwas zu lernen und neu zu verstehen?

Mit dieser Frage befassen sich die beiden mehr systematischen Kapitel über die Säkularisierung und das Verhältnis von Freiheit und Bindung in Kirche und Staat. Der erste beschreibt am gewandelten Begriff der Säkularisierung die Unterschiede in der Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und Staat in Zentraleuropa und in den Vereinigten Staaten. Er blickt auf die Herausforderungen an Glaubensverkündigung in Deutschland nach der wiedergewonnen Einheit. Das fünfte Kapitel fasst die Erkenntnisse aus den vorangegangenen Untersuchungen unter den beiden Themen Freiheit und Bindung zusammen und zieht die Folgerungen daraus.


 
   


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