Was ist Heimat? Vierzig Jahre, nachdem Necla Kelek die Türkei verlassen hat, kehrt sie zurück in ihre »bittersüße Heimat« Anatolien, das Land, aus dem die fremden Bräute und die verlorenen Söhne kommen. In Ankara wird ihr Lieblingsonkel beerdigt, der alles verkörperte, was die alten Eliten auszeichnete: Stolz, Herzlichkeit und Unvernunft. Mit ihm nimmt sie Abschied von der alten Republik. Die Türkei hat sich verändert. Ein anderer Geist durchweht das Land. Auf ihn stößt sie bei ihren Begegnungen im Parlament, bei dem Besuch der einflussreichen Religionsbehörde und bei einer Großfamilie in Istanbuls endlosen Gecekondus, den Vororten, in denen die archaischen Sitten das Leben regieren.
Die Bitte einer deutschen Sozialarbeiterin führt sie nach Zentralanatolien, wo eine in Deutschland aufgewachsene Kurdin von ihren Eltern festgehalten wird. Für die Frauen der Hilfsorganisation Ka-mer, auf deren Arbeit Kelek an vielen Orten stößt, kein ungewöhnlicher Fall. Weite Teile Anatoliens sind ein rechtsfreier Raum, in dem die in Ankara beschlossenen Gesetze nicht gelten. Ka-mer hilft Frauen, die als »Blutgeld« missbraucht oder mit »Ehrenmord« bedroht werden. Und selbst eine, die es »geschafft« hat, wie Nergis, eine erfolgreiche Unternehmensleiterin, muss damit leben, als unverheiratete Frau von ihrem Teejungen kontrolliert zu werden. Aber es gibt auch andere, die sich der neuen islamischen Leitkultur nicht beugen - wie der Bauchtänzer, dem Necla Kelek auf einem Ausflugsdampfer begegnet. Der Bosporus, der »Fluss des Lebens«, weckt Erinnerungen an so vieles, was Heimat ist; aber er erzählt auch von den jüdischen Flüchtlingen, die 1942 vergeblich hofften, hier einen sicheren Ankerplatz zu finden. Nicht nur sie sind vergessen: Kelek erinnert an die vertriebenen und ermordeten Armenier und Griechen und sucht die bedrängten kleinen Christengemeinden auf.
Ihr Bericht deckt unter der Oberfläche eines Landes, das nach Aufnahme in die Europäische Union strebt, die Widersprüche zwischen Tradition und Moderne au Bis heute verhindert das Bekenntnis zum »Türkentum« einen wirklichen Demokratisierungsprozess.
»Bittersüße Heimat - dieses widersprüchliche Bekenntnis beschreibt treffend mein Verhältnis zu dem Land, aus dem ich komme: Es gibt so vieles in der Türkei, das mir nach wie vor so unendlich vertraut ist - die Gedichte, die Geschichten, die Lieder, der glitzernde Bosporus oder die süße Verlockung der Speisen -; und so vieles, was mich zornig macht - das Schicksal der Mädchen und Frauen im Osten Anatoliens, die, der Herrschaft der Männer ausgeliefert, von der Politik allein gelassen werden; die Unfähigkeit der türkischen Gesellschaft, sich zu erinnern an das, was im Namen des >Türkentums< den Minderheiten angetan wurde. Es geht mir um Einblicke und Einsichten in die Mentalität und Traditionen eines politisch zerrissenen Landes und Antworten auf die Frage: Woher kommt, wohin treibt die Türkei?«