Vorwort
Das Ende einer Ära und die neue Ordnung für die Weltwirtschaft
Vorwort zur Taschenbuchausgabe
Plötzlich gab es Geld, wo doch eigentlich nichts zu holen war. 700 Milliarden Dollar stellte die US-Regierung im September 2008 bereit. Mit gut 100 Milliarden Dollar waren die Briten dabei. Einen Monat später warf die Bundesregierung 480 Milliarden Euro in den Ring. Gemeinsam brachten es die EU-Staaten bis November desselben Jahres sogar auf mehr als eine Billion Euro. Bald darauf versprachen auch die Schwellenländer in Nah- und Fernost viele hundert Milliarden Dollar zusätzlicher Staatsausgaben.
Als ginge es darum, die Welt vor dem Untergang zu retten, werfen die Regierungen und Notenbanken der Wohlstands- und Schwellenstaaten seit Herbst 2008 ohne Rücksicht auf die steigende Staatsverschuldung und eine mögliche Inflation mit Geld um sich wie noch nie zuvor. Mehr als alle Worte und Reden sind es diese kaum noch vorstellbaren Summen, die eine historische Zäsur signalisieren: Vier Jahrzehnte nach dem Beginn ihres Siegeszuges durch die westlichen Industrieländer sind die neoliberale Wirtschaftspolitik und deren Träger und Nutznießer in Unternehmen, Politik und Wissenschaft am Ende. Der vermeintliche Triumph der »Märkte«, also des privaten Kapitals, über den staatlichen Leviathan hat sich binnen weniger Monate ins Gegenteil verkehrt. Die über Jahre immer weiter deregulierten Märkte haben die größte Wirtschaftskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht - der Staat und seine Steuerzahler sollen es nun richten.
Es ist nicht einfach, in solchen Zeiten ein Buch zu schreiben. Die Ereignisse und Entwicklungen überschlagen sich, die Weltwirtschaft verändert sich rasend schnell. Deshalb ist vieles von dem, was wir im Januar 2008 noch als Möglichkeit dargestellt haben, mittlerweile eingetroffen. Seit der Serie von Bankenpleiten im Herbst 2008 hat sich das Geschehen noch einmal beschleunigt. Wie ein Herzinfarkt den ganzen Körper trifft, so erzeugt auch der Beinahezusammenbruch des globalen Geldkreislaufs wirtschaftliche und soziale Schäden in allen Bereichen der Weltgesellschaft in Nord und Süd.
Darum entsprechen bei Erscheinen dieser Taschenbuchausgabe nicht mehr alle Daten und Prognosen der aktuellen Situation. Doch die Kernthesen unserer Analyse bestätigen sich mit einer Genauigkeit, die uns selbst zuweilen überrascht. Darum sind wir zuversichtlich, dass Der globale Countdown als informativer Kompass beim Durchdringen der in der Krise zuweilen schwer durchschaubaren Zusammenhänge dienen kann. Das Buch beschreibt genau die Entscheidungen und Strukturen, die den Zusammenbruch des Finanzsystems verursacht haben und den unabdingbar notwendigen Umbau des globalen Energiesystems weiterhin verhindern.
Offensichtlich wird, dass ohne einen radikalen Umbau dieser Institutionen und einen Bruch mit diesen Machtstrukturen keine Lösung möglich ist - auch wenn viele der verantwortlichen Politiker und Banker noch immer glauben, mit viel Geld, aber wenig Mut davonzukommen. Entgegen ihren Beteuerungen, wie sehr man von der Krise überrascht worden sei, belegt das Buch überdies, dass vieles absehbar, jedenfalls wahrscheinlich war. Es verzeichnet die Chronik einer angekündigten Katastrophe. Dies macht zugleich deutlich, wie atemberaubend der abrupte Paradigmenwechsel in Bank- und Regierungsetagen tatsächlich ist: die unverhoffte Wiederentdeckung des Staates.
Denn zuvor hatte jahrzehntelang das Gegenteil gegolten. Unablässig fochten Konzernstrategen, Bankenvorstände und die von ihnen finanzierte Ökonomenzunft für die Freiheit des Kapitals und gegen den Einfluss staatlicher und vor allem demokratischer Politik auf die wirtschaftliche Entwicklung. Ihr Erfolg begann in den 70er-Jahren mit der Beseitigung aller Hindernisse für den internationalen Kapitalverkehr; man nutzte damals die Auflösung des Nachkriegssystems der festen Wechselkurse und Kapitalverkehrskontrollen, um aufs Ganze zu gehen. In der Folge gerieten die Staaten immer tiefer in den Sog der Standortkonkurrenz um die Investitionen der nunmehr international mobilen Unternehmen. Auf der Basis dieses Machtzuwachses konnten deren Interessenvertreter radikale Forderungen stellen. Darum gingen große Teile der vordem staatlichen Daseinsvorsorge wie Energie-, Gesundheits- und Wohnungsversorgung in die Hand privater Firmen über, während weltweit die Besteuerung der Gewinneinkommen auf ein Minimum zusammenschrumpfte. Gleichzeitig drangen Banken und Versicherungen darauf, die Altersvorsorge so weit zu privatisieren, dass ein stetig wachsender Anteil der privaten Ersparnisse auf ihre Gebühren- und Provisionsmühlen umgeleitet wurde. Und bei alledem reduzierten die Regierungen und die von ihnen gelenkten Behörden im Namen der Entbürokratisierung die Regulierung und Aufsicht über die Akteure auf den Märkten bis zur Wirkungslosigkeit. Als tausendfach wiederholte Rechtfertigung diente - wider alle historische Erfahrung - die ideologische Figur vom Markt, der sich selbst regulieren könne, und dies auch noch grundsätzlich effizienter, also kostengünstiger als alle staatlichen Institutionen.
Hans Tietmeyer, ehedem Präsident der Bundesbank und bis heute einer der führenden Apologeten dieser Ideologie, verkündete daher bereits im Februar 1996 beim Weltwirtschaftsforum in Davos den Sieg: »Sie, die politischen Führungskräfte«, erklärte er den Politikern im Publikum, »Sie müssen wissen, dass Sie zukünftig von den Finanzmärkten kontrolliert werden.« Später erkor der damalige Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, die Finanzmärkte gar zur »fünften Gewalt«, die »besser als die Wähler« die Politik auf die »richtigen Zielsetzungen« festlegen könnte.
Die Selbstüberschätzung kannte keine Grenzen, doch in einem behielten Tietmeyer, Breuer und ihre Mitstreiter recht: Im folgenden Jahrzehnt degenerierte die Politik in Europa und Amerika tatsächlich zum bloßen Ausführungsorgan für die vermeintlich unwiderlegbaren und rationalen Forderungen jener, die über die Kapitalbewegungen und Investitionen entscheiden. Intellektuell widerstandslos, ja ideologisch geblendet, betrieben Politiker, Notenbanker und Aufseher ihre Selbstentmachtung und kämpften nicht mal gegen die Dynamik, die sie in Gang gesetzten hatten. Tatenlos sahen sie zu, wie das so geschaffene System in immer schnelleren Krisenzyklen immer größere Schäden verursachte. Immer wackliger wurde ihr emsig aufgebautes »globales Kartenhaus« (siehe Seite 81 ff.) aus hundertfach übereinandergeschichteten Krediten. Dessen Zusammenbruch hat nun die gesamte Weltwirtschaft in eine Rezession gestürzt, die weit über alles hinausgeht, was die Menschheit seit 1950 erlebt hat.
Schon der bisher angerichtete Schaden ist so ungeheuerlich, dass er sich der alltäglichen Vorstellung entzieht. Auf 2600 Milliarden Dollar schätzte die Bank of England allein die Verluste, die in den Unternehmen des Finanzsektors in Europa und den USA angefallen sind. Diese Summe entspricht dem Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in Deutschland im Laufe eines ganzen Jahres produziert werden. Noch zehn Mal größer ist der Schaden, der aus dem folgenden Einbruch der Börsenkurse entstand. Zusammengenommen waren alle börsennotierten Unternehmen der Welt Anfang 2009 etwa 30 Billionen Dollar weniger wert als ein Jahr zuvor, eine Minderung von mehr als 40 Prozent. Dieser Einbruch betrifft keineswegs nur die Buchwerte in den Vermögensstatistiken der Reichen, er bedroht auch die Altersrenten von zig Millionen Menschen, die von den Erträgen ihrer Pensionsfonds abhängig sind. Allein in den USA müssen mehr als 20 Millionen Rentner und angehende Pensionisten nun mit weit geringeren Einkünften auskommen. Viele sitzen zugleich bei ihren Häusern in der Schuldenfalle. Soziale Sicherheit ist für sie nur noch ein ferner Traum.
Dabei hatte sich der Niedergang von langer Hand angekündigt. Symptome wie die dramatische Überschuldung der privaten Hauhalte in den USA und das explosive Anwachsen der Immobilienpreise jenseits aller realen Wertschöpfung waren für jedermann sichtbar. Vor keiner Krise haben kundige Fachleute häufiger und klarer gewarnt als vor dieser. Doch erst mit dem Konkurs der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 und dem darauf folgenden Zusammenbruch des amerikanischen und europäischen Marktes für Kredite zwischen den Banken erkannten schließlich auch die hartgesottenen Marktgläubigen in Washington und London, in Brüssel, Berlin oder Zürich, dass sie intervenieren mussten. Die Bilanzen von Banken und Versicherungen waren und sind so mit uneinholbaren Krediten vergiftet, dass die Finanzinstitute ihre zentrale Dienstleistungsfunktion nicht mehr erfüllen können: die Verwandlung der privaten Ersparnisse in Kredite, die für Investitionen in der Realwirtschaft vom Handwerksbetrieb bis zum Großkonzern dringend benötigt werden. Folglich blieb den Regierenden gar nichts anderes übrig, als das verlorene Vertrauen im Finanzsektor mittels staatlicher »Rettungspakete«, »Garantieschirme« oder »Bürgschaftsprogramme« wenigstens teilweise wieder herzustellen, um den totalen Zusammenbruch der gesamten Kreditvergabe und der davon abhängigen Investitionen zu vermeiden.
Dass ausgerechnet die Erben von Margaret Thatcher und Ronald Reagan, die einst die neoliberale Gegenreformation anführten, nun im großen Stil Finanzkonzerne in Staatshand überführen mussten, markiert eine epochale Wende. Passend dazu entwickelt sich die politische Rhetorik. Vielfach griffen die Regierenden von Angela Merkel bis Barack Obama zu Vergleichen mit der Wirtschaftskatastrophe vor und während des Zweiten Weltkriegs. Allenthalben soll ein »New Deal« nach dem Vorbild der Politik des 30er-Jahre-Präsidenten Franklin Roosevelt das Schlimmste abwenden. Zudem reden Premiers, Kanzler und Präsidenten einem »neuen Bretton Woods« das Wort, einem globalen Vertragswerk zur Regulierung der Weltwirtschaft, das auf den Ideen des einstigen Reformökonomen John Maynard Keynes gründen solle.
Doch diese Versprechen erweisen sich bisher als bloßes Wortgeklingel. In allen bisherigen Wohlstandsländern ist die politische Klasse personell aufs Engste mit den Sachwaltern der Finanzindustrie verflochten (siehe »Plutokratenfilz statt Regulierung«, Seite 116). Statt grundlegender Reformen, die tatsächlich den Ideen Keynes folgend mit der Übermacht der Kapitalverwalter brechen würden, sind darum bisher lediglich technische Verbesserungen bei der amtlichen Aufsicht vorgesehen. Und die scheinbar entschlossene Wiedereinsetzung der Politik als Ordnungsmacht über der Wirtschaft erweist sich als Mogelpackung. Die vermeintliche Rettung für das globale Marktsystem verwandelte sich hinter dem Rücken der Steuerzahler und ohne dass Parlamentarier sie kontrollieren, de facto in eine groß angelegte Plünderung der Staatshaushalte zur Rettung von Finanzkonzernen, die zu groß waren, um sie fallen zu lassen. Die vielen Milliarden staatlicher Subventionen finanzierten zahlreiche Fusionen, durch sie wurden die Konzerne noch größer und noch mächtiger.
All das folgt der Maxime, dass sich mittels großer staatlicher Ausgaben und massiver Ausweitung der Staatsverschuldung irgendwie der Status quo ante wiederherstellen ließe, dass alles wieder so werden könnte, wie es vor Ausbruch der Krise war. Diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen. Vielmehr spricht alles dafür, dass der endgültige Kollaps des auf unkontrollierten Kapitalverkehr gebauten globalen Finanzsystems lediglich aufgeschoben wurde - und am Ende doch nicht zu vermeiden ist. Denn das Kernland der Krise, die Vereinigten Staaten, ist so überschuldet, dass es sich aus eigener Kraft nicht wird befreien können. Anders als einst während der Großen Depression der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist die US-Volkswirtschaft nicht isoliert, sondern hochgradig abhängig von ausländischen Kreditgebern (siehe »Die Mikadowelt«, Seite 33 ff.). Allein bei der chinesischen Zentralbank und dem dortigen staatlichen Bankensystem stehen die Vereinigten Staaten mit 1400 Milliarden Dollar in der Kreide. Die gleiche Summe steht in den Büchern der arabischen Öl-Staaten und noch einmal so viele US-Papiere halten die übrigen Notenbanken Asiens.
Bis zum Januar 2009 kauften diese Staaten des informellen Dollarblocks noch immer pro Tag für rund zwei Milliarden Dollar Staatsanleihen und andere Wertpapiere aus Amerika und hielten so die US-Ökonomie am Leben. Aber gleichzeitig startete die US-Notenbank Federal Reserve das größte und riskanteste monetäre Experiment in der Geschichte des Kapitalismus. Mit der Senkung des Zinsniveaus auf null Prozent und dem Kauf von auf dem freien Markt unverkäuflichen Kreditpakten im Volumen von annähernd 1500 Milliarden Dollar setzte die Fed mehr elektronische Dollars in Umlauf als je zuvor. Zugleich plant die Regierung des neu gewählten Präsidenten zusätzliche Ausgaben von noch einmal 800 Milliarden
Dollar, die zumindest indirekt wieder über die elektronische Notenpresse finanziert werden sollen. Diese »monetäre Aggression«, wie der britische Economist schrieb, bedroht nun die Leitwährung der Welt mit einer unkontrollierbaren Inflation. Käme es dazu, würden die Vermögen von Amerikas Gläubigern drastisch entwertet und schwere wirtschaftliche Konflikte wie Handelskriege und Abwertungswettläufe wären die Folge. Wenn Barack Obama gut beraten ist, dann wird ihn eine seiner allerersten Auslandsreisen nach Peking führen, um mit Chinas Regenten zu beraten, wie durch eine radikale Umgestaltung des Finanzsystems und eine gemeinsame Investitionspolitik ein solches Szenario zu vermeiden ist (siehe »Die Dollarbombe«, Seite 125 ff.).
Das wäre schon deshalb überlebensnotwendig, weil sich gerade die westlichen Wohlstandsländer den Zerfall der internationalen Arbeitsteilung und der weltweiten Produktions- und Handelsketten nicht leisten können. Schon jetzt sind ihre Gesellschaften durch die in den Jahren des neoliberalen Regimes extrem ungerechte Einkommensentwicklung sozial tief gespalten in wenige Gewinner und viele Verlierer (siehe »Wer Ungleichheit sät ...«, Seite 145). Eine Eskalation bis hin zur Renationalisierung der Volkswirtschaften würde mit Sicherheit zu großen sozialen Verwerfungen und politischen Umwälzungen führen.
Insofern ist der »globale Countdown«, der so wie am Beginn des 20. Jahrhunderts (siehe »Globalisiert in den Abgrund«, Seite 9) in den Zerfall des globalen Systems und weltweite Kriegsgefahr münden würde, seit Erscheinen des Buches im April 2008 bedrohlich weitergelaufen. Das gilt erst recht für die beiden anderen Krisenherde, die den Weltfrieden bedrohen. Der wirtschaftliche Niedergang hat auch das Massenelend in zahlreichen Ländern des Südens verschlimmert. Die Hoffnung, dass sie, die ohnehin nur am Rand der großen Wirtschafts- und Finanzströme segeln, wenigstens nicht von deren Strudeln und Stromschnellen mitgerissen würden, erweist sich als Illusion: Wegen der Flaute in den Industrienationen werden die Rohstoffe der Entwicklungsländer weniger nachgefragt, fließen weniger Investitionen in den Süden, sind Kredite immer schwerer zugänglich, werden vermutlich nicht nur die Überweisungen von Migranten, sondern auch die Spendengelder und Entwicklungshilfezahlungen schrumpfen. »Menschen, die hart gearbeitet haben, um der Not zu entkommen, könnten zurück in die Armut rutschen«, warnte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon im November 2008 vor der Entwicklungskonferenz in Doha, und genau das geschieht.
Zudem marginalisiert die wachsende Ressourcenkonkurrenz auf dem Globus die Ärmsten noch weiter. Gefühle der Ausweglosigkeit breiten sich aus, die Flüchtlingsströme schwellen an, und auf dem Boden der Verzweiflung findet der Hass gegen die Führungsnationen der globalen Ökonomie reichlich Nahrung, drohen Radikalisierung und Terrorismus (siehe »Sicherheitsrisiko Massenarmut«, Seite 188). Dass die Not der Anderen auch für sie selbst nicht ohne Folgen bleibt, scheinen immer mehr Menschen in den Industrienationen zu spüren. Die angespannte Aufmerksamkeit, mit der westliche Medien Ende 2008 die Piratenüberfälle vor der somalischen Küste verfolgten, rührte auch von der Symbolhaftigkeit des Geschehens her: Am Horn von Afrika gelang es den scheinbar Mittellosen mehrfach, die technisch überlegenen Supertanker und Handelsschiffe aus Europa, Russland und Asien zu kapern. Ein Motiv der Banditen: Seit Jahren fischen die Reichen diese ungeschützten Gewässer leer und rauben den afrikanischen Anrainern damit ihre Nahrungs- und Einkommensquelle. Ein Brennpunkt der globalen Ungerechtigkeit, einer von vielen.
Die dramatisch angestiegenen Preise für Nahrungsmittel, die 2008 in vielen Ländern zu regelrechten Hungeraufständen führten, sind zwar wieder zurückgegangen. Doch die Strukturprobleme der Landwirtschaft, die immer mehr Menschen ernähren soll, obwohl ihre Grundlagen Wasser und Boden durch Übernutzung und Klimawandel gefährdet sind, wurden durch die Finanzkrise nur aus den Schlagzeilen verdrängt (siehe »Klimakiller Landwirtschaft«, Seite 284 ff.). Und auch beim Kampf gegen das drohende Klimachaos hat die wirtschaftliche Krise den Abwehrkampf der alten Energieindustrien gegen die Umstellung auf kohlenstofffreie und nichtnukleare Energiequellen zunächst eher noch gestärkt (siehe »Aufbruch nach Ökotopia«, Seite 233 ff.). Die Europäische Union hat ihre Anstrengungen für den Klimaschutz auf ein Minimum heruntergefahren. Auch bei der Weltklimakonferenz im Dezember 2008 in Posen war von den großen planetarischen Gemeinschaftsgefühlen und der angebrachten Dringlichkeit nichts mehr zu spüren, die noch ein Jahr zuvor das Treffen in Bali prägten (siehe »Der Showdown von Bali«, Seite 316). Die Delegierten einigten sich nur auf wenige technische und bürokratische Details, die Entwicklungsländer waren zutiefst enttäuscht, weil sie sich besonders bei den Hilfen zur Anpassung an den Klimawandel mehr versprochen hatten, auch der Schutz der Regen- und Urwälder kam nicht voran - trotz des großen Zeitdrucks.
Für die entscheidende Zusammenkunft im Dezember 2009 in Kopenhagen, ohne deren erfolgreichen Abschluss es zu einem globalen Klimapakt nach Ablauf des Kyotoprotokolls im Jahr 2012 vermutlich nicht mehr kommen wird, richten sich nun alle Hoffnungen auf die neue amerikanische Regierung: Werden die USA zugleich eine Führungsrolle im Klimaschutz übernehmen und sich einfügen in neue Machtverhältnisse, die sich durch die Finanzkrise noch stärker Richtung Asien verschoben haben?
Eines zumindest läßt hoffen: Parallel zur Eskalation der globalen Krisen hat sich die weltweite Kooperation von Regierungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen auf dem Feld der Ökonomie über alle politischen und ideologischen Grenzen hinweg in einem Maße intensiviert, wie es noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar erschien. Die Gefahren, die mit der wirtschaftlichen und ökologischen Destabilisierung einhergehen, wirken auf die Völker und ihre Regierungen erstmals als wirklich kollektive Erfahrung. Die Metaphern vom »Raumschiff Erde« und der »Einen Welt« verwandeln sich in praktische Politik. Ganz anders als in allen vergleichbaren historischen Situationen sind die Regierenden zumindest im ersten Schritt erst einmal enger zusammengerückt.
So führten die großen Notenbanken einschließlich der von China im September 2008 gemeinsam und am gleichen Tag eine weltweite Zinssenkung durch - ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte des Kapitalismus, der doch von der Öffentlichkeit in den beteiligten Ländern als beinahe selbstverständlich wahrgenommen wurde. Nicht minder revolutionär war die Aktion der US-Zentralbanker, ihren Kollegen in Brasilien, Korea und anderen Schwellenländern Zugang zu Dollarkrediten im zweistelligen Milliardenbereich einzuräumen, um Währungsschocks zu vermeiden. Noch zehn Jahre vorher hatte die Verweigerung eben dieser Zusammenarbeit Asiens Ökonomien in den Abgrund gestürzt. Zwei Monate später trafen sich schließlich die Regierungschefs zum Weltfinanzgipfel. Und wie selbstverständlich saßen dieses Mal auch die Präsidenten und Premierminister aus China, Indien, Brasilien und weiteren Schwellenländern mit am Tisch, nachdem die alten G8-Staaten ihnen zuvor über Jahrzehnte die ihrer Bedeutung angemessene Position in ihren Gremien und Institutionen hochmütig verweigert hatten (siehe »Das UN-Paradox«, Seite 370 ff.). Nun scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und andere globale Institutionen so umgestaltet werden, dass sie deutlich stärker die Interessen der gesamten Menschheit vertreten und nicht mehr nur die der einstigen Kolonialmächte.
Entscheidend wird sein, ob es den Institutionen gelingt, »drei Krisen mit einer Klappe« zu schlagen, wie die ZEIT formulierte. Bisher herrscht noch »Adhocismus« vor; so nennt der Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, Dirk Messner, die Tendenz, dass die Regierenden unter dem Druck der Entwicklungen und des Zwangs, schnell zu handeln, jedes Problem einzelnen zu lösen versuchen, ohne die Wechselwirkungen mit den anderen Krisen im Blick zu haben. Die Bundesregierung zum Beispiel legt Rettungspakete für die Autoindustrie auf, die Anreize zum Kauf neuer Spritschlucker geben; kurzsichtig verschenkt sie damit die Chance, mit der drohenden Rezession zugleich die Klimakrise zu bewältigen. Der Chef der UN-Umweltorganisation UNEP, Achim Steiner, hingegen rief im Oktober 2008 ein grünes Wirtschaftsprojekt namens Green Economy Initiative ins Leben; einen »Grünen New Deal«. Er appellierte an alle Regierungschefs, in deutlich größerem Stil, als es seine kleine Behörde vermag, »die größte Geldspritze in der Geschichte der Weltwirtschaft« mit einem doppelten Nutzen zu versehen und mit der Finanzkrise zugleich »die noch größere Katastrophe des Klimawandels zu verhindern«.
Globale Existenzfragen nach- und nebeneinander zu behandeln, sagt auch die indische Umweltexpertin Sunita Narain, werde dem Zusammenhang zwischen den Krisen nicht gerecht. Das Finanzdebakel, die Nahrungs- und Energiekrise und der Klimawandel hätten den gleichen Kern: »Das ganze Wirtschaftssystem gründet auf einem Überkonsum, den wir uns nicht mehr leisten können.« Der wichtigste und knappste Rohstoff sei insofern nicht das Geld, sondern Fantasie bei den politisch Verantwortlichen - also bei denen, »die uns das alles eingebrockt haben«.
Angesichts dieser Analyse wird es nicht reichen, sich allein auf die Regierenden und ihre Berater aus Banken und Wirtschaftsverbänden zu verlassen. Die Ideen und vor allem der politische Nachdruck müssen auch aus der Gesellschaft kommen, damit die zerstörerische Macht der Finanzmärkte durch ein neues Regelsystem gebrochen wird, Güter gerechter verteilt und die Wirtschaft ökologisch verträglich gestaltet werden. Wir hoffen, dass Der globale Countdown all jenen Informationen und Argumente liefert, die an diesem dringlichen und umfassenden Wandel mitwirken wollen.
Christiane Grefe/Harald Schumann Berlin, im Januar 2009