VORWORT
Zu lesen, als ob man sähe, fühlte, selbst empfände...
"Welche große Regel: mache deine Bilder der Einbildungskraft so ewig, dass du sie nicht verlierest, wiederhole sie aber auch nicht zur Unzeit! Eine Regel zur ewigen Jugend der Seele. Wem seine ersten Bilder so schwach sind, dass er sie nicht stark und in eben der Stärke von sich geben kann, da er sie empfangen, der ist schwach und alt. So geht's allen Vielbelesnen und Zuviellesenden, die nicht Gelegenheit haben, das, was sie gelesen, einmal stark und lebendig zu wiederholen: oder die nicht Lebhaftigkeit gnug haben, zu lesen, als ob man sähe, fühlte, selbst empfände oder anwendete: oder endlich, die durch überhäuftes, schwächliches, zerstreutes Lesen sich selbst aufopfern.
Es ist, als ob Herder von den Lesegewohnheiten unserer Zeit spräche: Man liest schnell, konsumierend, rezeptiv. Die Fantasie ist allenfalls noch bei der Privatlektüre von Unterhaltungsliteratur gefragt, im Unterricht wird der Leseprozess nur zu oft zum Muss, zur bloßen Erfüllung des Stoffplans. Vor allem ältere Literatur gilt bestenfalls als Bildungsgut, kaum einmal als Quelle interessanter literarischer Entdeckungen.
Eine neue Konzeption von Literaturgeschichte
Hier nun will die Reihe "Arbeitshefte zur Literaturgeschichte" eine Alternative bieten: Neben zahlreichen Texten der jeweiligen Epoche und theoretischen Überlegungen der Zeitgenossen, wie sie sich in allen herkömmlichen Büchern zur Literaturgeschichte finden, werden in diesem Heft zusätzlich interessante Einblicke in die Kultur- und Sozialgeschichte der Zeit vermittelt. Um zu verstehen, weshalb ein Drama, ein Roman oder auch ein Gedicht zu seiner Zeit so bedeutsam oder gar revolutionär war, muss man wissen, was zu dieser Zeit gedacht wurde, wie die Menschen lebten, was sie beschäftigte. Dabei wird jedoch nie der Zusammenhang mit der Literatur aus den Augen verloren. Wer z. B. von Herzog Carl August von Württembergs Regierungsstil liest, der versteht vieles an Schillers "Kabale und Liebe" besser. Und nur, wer die moralischen Normen der Zeit kennt, vermag die Bedeutung etwa von Gedichten zum Problem des Kindsmords richtig einzuschätzen.
Aber das Arbeitsheft geht noch weiter: Es werden nicht nur zusätzliche interessante Texte zum zeitlichen Rahmen angeboten, sondern das Heft wurde ganz bewusst als Arbeitsheft und nicht als reine Textsammlung angelegt. Wir möchten, dass unsere Leserinnen und Leser mehr tun, als nur zu lesen, um mehr daraus zu lernen, als was darin steht. Wer einen Text nicht nur liest, sondern an ihm arbeitet, dringt tiefer in den Text ein: Er liest gewissermaßen, "als ob er sähe, fühlte, selbst empfände". Deshalb gibt es in diesem Heft auch kreative Aufgaben (sie sind durch eine Schreibfeder gekennzeichnet), die dazu auffordern, selbst tätig zu werden und den Text aus-, um- oder nachzugestalten. Und da dies ein Arbeitsheft ist, ist es auch erwünscht, darin z. B. Texte zu gliedern, Stellen zu markieren oder Bemerkungen an den Rand zu schreiben. Diejenigen Aufgaben, die den Leserinnen und Lesern zeigen sollen, wie man am Text arbeitet, erkennt man an einem Bleistift. Und wenn man dann einen Text erarbeitet hat, ist man auch sicher genug eigene Gedanken dazu zu entwickeln, über die Texte und ihren Bezug zur Gegenwart zu diskutieren und Fragen dazu zu erörtern (dafür steht das "E"). Zum richtigen Lesen gehört aber auch, sich selbstständig weitergehend zu informieren und diese Informationen unter Umständen an andere in Form von Kurzreferaten weiterzugeben. Auch dafür gibt es einen Hinweis.
Zum Aufbau des Arbeitsheftes
Auch in Bezug auf seinen Aufbau will das Arbeitsheft dem Anspruch gerecht werden nicht nur Informationen zu vermitteln, sondern auch Spaß an (älterer) Literatur zu wecken. So sind die Kapitel in vier Kategorien einzuteilen: Das Basiskapitel spricht die wichtigsten Themen der Epoche an, exemplarisch veranschaulicht an einigen kurzen und prägnanten Texten, die die Eigenart des Sturm und Drang in besonderem Maße transparent machen. Es folgt ein Kapitel zum Drama der Epoche, exemplarisch veranschaulicht an Schillers "Kabale und Liebe", wodurch eine gute Vergleichsmöglichkeit mit dem Heft "Aufklärung" und dort dem Kapitel über Lessings "Emilia Galotti" gegeben ist. Darauf folgt ein Kapitel über den wichtigsten Roman der Epoche, Goethes "Leiden des jungen Werthers", sodass mit den ersten drei Kapiteln alle drei literarischen Gattungen und theoretische Texte der Epoche vorgestellt sind.
Die zweite Kategorie bilden jene Kapitel, die die ersten erweitern, ergänzen und vertiefen (Empfindsamkeit, das Problem des Kindsmords und - mit wechselseitigem Bezug - die Lebensgeschichte Herzog Carl Eugens und Schubarts). Die Textauswahl erfolgte hier wie überhaupt im ganzen Arbeitsheft nach den Kriterien der Aussagekraft, Repräsentativität und Originalität. Dies ergibt eine Zusammenstellung, die neben Standardtexten auch weitgehend unbekannte Zeugnisse des 18. Jahrhunderts berücksichtigt und so, vor allem in Verbindung mit dem Heft über die "Aufklärung", einen Gesamteindruck von der Epoche ermöglicht.
Im dritten Teil finden sich Texte und Informationen zur Rezeption und zum Umfeld der Epoche und den Abschluss bildet ein motivierendes Kapitel mit Rätseln, die sich allesamt auf Inhalte des Arbeitsheftes beziehen. Wer sie lösen kann, hat gründlich gelesen! Es folgt schließlich eine ausführliche Literaturliste, die neben den im Arbeitsheft zitierten Werken ausdrücklich auf jene Titel hinweist, die sich für den Schulgebrauch (z. B. Referate) eignen.
Zur Überprüfung der eigenen Arbeit liegen dem Heft Lösungshinweise bei. Sie entsprechen dem hierarchischen Aufbau des Arbeitsheftes. Zu den ersten Kapiteln werden noch detaillierte Lösungsvorschläge gemacht, während diese zu den folgenden Kapiteln schon reduziert werden. Zu den ergänzenden Kapiteln (mit Ausnahme des Rätselkapitels) werden - wenn überhaupt - nur noch allgemein gehaltene Hinweise gegeben, denn hierzu wird vorausgesetzt, dass sich die Leserin bzw. der Leser schon so in die Epoche eingearbeitet hat, dass es keines ausführlichen Kommentars mehr bedarf.
Das Problem der Epochenbildung
Die Einteilung der Literatur einer Zeit in Strömungen und Epochen birgt das Problem in sich, dass Zusammengehörendes getrennt wird. Jede Art der Einteilung von Literaturgeschichte in Epochen hat etwas Vorläufiges und Unbefriedigendes, weil sie scharfe Grenzen vortäuscht, wo fast nahtlose Übergänge sind, und weil sie eventuelle Zusammenhänge zwischen den Epochen missachtet. Darüber hinaus erweckt das Postulat verschiedener Epochen häufig den Eindruck, diese lösten sich gegenseitig ab. Das Gleichzeitige des Unterschiedlichen wird damit vernachlässigt.
Andererseits gilt Voltaires Satz: "Jede Art des Schreibens ist erlaubt, nur nicht die langweilige" ganz besonders auch für Schulbücher wie dieses. Literaturgeschichte soll hier zunächst einmal übersichtlich und verständlich sein, wissenschaftlich fundiert, aber ohne akademische Schnörkel. Die Beschäftigung mit älterer Literatur soll Spaß machen, soll ihre Aktualität zeigen, sodass diese nicht als nutzloser Bildungsballast, sondern in ihrer Geschichtlichkeit als Teil und Voraussetzung heutiger Denk- und Lebensformen verstanden werden kann. Von diesen Überlegungen ausgehend wird die herkömmliche Einteilung der deutschen Literaturgeschichte in Epochen zwar beibehalten, gleichwohl aber versucht durch die Textauswahl die notwendigen Bezüge zwischen den Epochen, das Verbindende, herzustellen.