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Rock-Lexikon 1
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VORWORT

Seit das deutsche Nachrichtenmagazin das 1994 im Nachruf auf Barry Graves ein «bahnbrechendes Standardwerk» und eine «unentbehrliche Orientierungshilfe» nannte, ist das Adjektiv «legendär» beinahe schon zu einem Bestandteil des Titels geworden. selbst gebrauchte es erst kürzlich wieder in seiner Jahreschronik 2004, im Editorial eines Artikels von mir zum 50. Jubiläum des Bill Haley-Klassikers Rock Around The Clock. Beim Bob Dylan-Kongress im Mai 2006 in Frankfurt/M. bekannten mehrere der vortragenden Professoren, sie seien mit dem sozialisiert worden. Einer konnte noch ganze Absätze des Dylan-Kapitels auswendig aufsagen. Und wo immer ich aus meinem Buch (siehe Anzeigen) öffentlich lese, erzählen mir Fans mit abgeliebten Exemplaren, was das in ihrem Leben angerichtet hat. Besonders in der ehemaligen DDR war das Rowohlt-Taschenbuch, das man nicht kaufen konnte, auf fruchtbaren Boden gefallen. In Schwerin zeigte mir ein Leser eine voluminöse Pappschachtel voller Fotografien. Er hatte das Seite für Seite abgelichtet. Wolf Kampmann, der heute mein Partner ist, schrieb es mit der Hand ab. Wolfgang Müller, der es bei Rowohlt mehr als drei Jahrzehnte lang als Lektor betreute, beschrieb es als Schmuggelware von Deutschland West nach Deutschland Ost:

«Die beiden Bände steckten zwischen den Schlüpfern der Oma, die zurück nach Rostock fuhr. Der Gewerkschaftsfunktionär nutzte einen Urlaub am Balaton und erwarb das in Budapest für unglaublich viel Forint, die Grenze zur DDR passierte es eingewickelt in die FDJ-Jacke. Der Student aus Magdeburg erbettelte es auf der Leipziger Messe am Rowohlt-Stand, und im DDR-Radio las ein mutiger Moderator Artikel daraus vor, Wort für Wort, freilich ohne die Quelle zu nennen. Wer behauptet, das sei eines der wenigen gesamtdeutschen Werke gewesen, liegt richtig.»

Als mir Wolfgang Müller 1971 anbot, für den Rowohlt Taschenbuch Verlag ein Rock-Lexikon zu schreiben, machte ich meine Zusage davon abhängig, dass ein Partner gefunden würde, mit dem die Arbeit zu teilen war. Das Buch sollte schnell auf den Markt, andere Autoren und Verlage arbeiteten an ähnlichen Projekten. Als es 1973 in Erstauflage herauskam, gab es weltweit nicht mehr als drei Werke, die sich der Rockmusik in enzyklopädischer Form annahmen, das britische , das aus Holland und die amerikanische der in New York lebenden australischen Journalistin Lillian Roxon, die 1973 an Krebs starb. Diese Pioniersituation war gewiss ein erster Grund für die Attraktivität des . Ein weiterer lag wohl in unserer Darstellungsweise. Wie die ersten Reaktionen von Fans und dem Fachhandel erwiesen, konnte es offenbar Spaß machen, sich in der Sammlung von ein paar hundert Rockstar-Lebensabrissen festzulesen.

Barry Graves war ein Glücksfall. Er war genialisch und schwierig, aber er hatte drei wesentliche Voraussetzungen mit dem damaligen -Redakteur Schmidt-Joos gemein: den Informationsstand, den distanzierten, gesellschaftskritischen Ansatz, den Stil. Rock-Rezensionen, die Graves damals in der Tageszeitung veröffentlichte, hätten so auch im stehen können. Auch der Standort, von dem wir beide die internationale Rock-Szene vermaßen und einschätzten, war der gleiche: New York. Ich logierte fast drei Jahrzehnte lang im Literatenhotel Algonquin, West 44th Street zwischen Fifth und Sixth Avenue, Weltbürger Graves leistete sich eine Wohnung im Village. Was von dort aus nicht auszumachen war, gehörte zunächst einmal nicht ins Buch. Auf diese Weise vermied das Provinzialismus und Deutschtümelei. Jeder Artikel wurde vom Partner gegengelesen und, so nötig, redigiert. So entstand ein Lexikon aus einem Guss. Zur ersten gründlich überarbeiteten und auf zwei Bände erweiterten Ausgabe konnte Barry 1989 die Bilanz ziehen, die Einordnung von Künstlern und die Einschätzung von Karrieren, die wir fünfzehn und mehr Jahre zuvor getroffen hatten, sei unverändert gültig: «Diese Beständigkeit liegt nicht darin, dass wir etwas wussten, was andere Autoren nicht vorausahnen konnten. Wir haben einen ganz einfachen Fehler vermieden, den viele Schreiber von Rock-Sachbüchern machten: Wir haben uns davor gehütet, die Biographien aus der Perspektive des blind ergebenen Fans zu verfassen. Wir haben uns den Stars und Sujets mit Ironie und Skepsis genähert, haben neben den gründlich recherchierten Fakten eine Fülle brillanter, oft hemmungslos subjektiver Zitate aus der internationalen Rock-Publizistik in den Text hineingewoben und so für grelle Schlaglichter und konträre Schlagschatten gesorgt. Unsere Meinung sollte nicht die alleinseligmachende sein. Wir wollten oftmals bewusst den Konflikt, den Zwiespalt, den Widerspruch um ein Ensemble oder einen Sänger deutlich werden und offen bleiben lassen. So wird die Lektüre facettenreich - und die Leser haben noch die Chance, sich eine eigene Meinung zu bilden.» Diese Confessio gilt für den vorliegenden Doppelband unverändert. Auch einem im August 2006 vom diagnostizierten Paradigmenwechsel im Kulturklima der Bundesrepublik mussten wir nicht hinterherhecheln. Der asketische Kultur-Utopist mit sperriger Ware sei nicht mehr unbedingt als Alleinvertreter der Wahrheit geadelt, befanden Volker Hage, Matthias Mattusek und Mathias Schreiber: «Wahrheit findet sich auch in dem, was amüsiert, was gemocht wird, was die Lebensstile, Gedankenflüge und Träume der vielen beflügelt.» Das war im immer schon so. Und dennoch ist die vorliegende Ausgabe 2008 ein so gut wie neues Buch. Als Barry und ich damit begannen, war jedes Zitat aus der angelsächsischen Presse ein journalistischer Fund. Deren Autoren waren aber in Deutschland so gut wie unbekannt. Deutsche Rockkritiker mit internationalem Sachverstand ließen sich an zehn Fingern abzählen. Folgerichtig zitierten wir in beiden Fällen nur die Blätter, für die sie schrieben. Diese Situation hat sich während der Neunziger entscheidend geändert. Namen wie Jon Pareles, Stephen Holden und Kelefa Sanneh von der , Julie Burchill vom , Barbara Ellen und David Sinclair von der Londoner gewannen auch für deutsche Leser Kontur. In den deutschen Musik-Monatsmagazinen profilierten sich fundierte Schreiber. Jede große Tages oder Wochenzeitung leistete sich einen oder mehrere Experten für Rock und Pop. «Wenn das Feuilleton einer Spielart der Alltagskultur das Gütesiegel verliehen hat (aber eben nur dieser einen), dann ist es Rock- und Popmusik», so Gunter Reus und Lars Harden im Dezember 2006 im Medienmagazin : «Musikkritik ist heute weit eher als früher Popkritik.» Insofern sind unsere personalisierten Zitate nun jeweils auch Reverenz für eine Kollegin, einen Kollegen. Sie spiegeln nicht mehr nur die Musik, sondern auch deren Rezeption in den Medien. Als wir starteten, galten Rock & Pop mit all ihren Vorläufern und Stilmischungen als Jugendmusik. Dass sie generationsübergreifend zum musikalischen Ausdrucksmittel einer weltumspannenden Informationsgesellschaft wer den würden, war damals so wenig vorauszusehen, wie ich selbst ahnte, dass dieses Buch als ein zu einer Art Lebenswerk werden würde. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurde der gesamte Bestand gründlich überarbeitet. Vordem nicht verfügbare Daten, erst später durchschaubare Zusammenhänge und Äußerungen von Zeitzeugen, die das Profil eines Künstlers oder einer Gruppe verdeutlichen, wurden eingefügt. Dabei stellte sich heraus, dass einzelne Daten und Fakten, die unsere Mitarbeiterinnen und Zuträger zu einer Zeit, als noch nicht einmal Lillian Roxon in New York über exakte Angaben verfügte, für uns ermittelten, auch heute noch ausschließlich im zu finden sind. Dank noch einmal an Theresa Canton in London, Gertrud Streissel in Paris, Lisa Rausch und Barbara Berry in New York, Frances Schoenberger in Los Angeles sowie die Chefinnen der Internationalen Presseabteilungen von Columbia/CBS und WEA in New York, Bunny Freidus und Tracy Nicholas-Bledsoe, und an Roderich Maurer vom Hamburger -Archiv. So weit Yesterday's Heroes. Für die vorliegende Ausgabe danken die Autoren vor allem dem fabelhaften Team im Rowohlt Verlag: unter der lektoralen Schirmherrschaft von Dr. Burghard König der wunderbaren Angelika Weinert in der Herstellung, Marion Holst, die meine handschriftlichen Manuskripte in die heutzutage erforderliche digitale Form brachte, und unserem kenntnisreichen Redakteur Andreas Feßer. Meine Frau und berufliche Partnerin Kathrin Brigl hat auch in den anstrengenden -Jahren 2006/2007 mit Zuspruch und Kritik nicht gespart. Aber die wichtigste Person in meinem Leben (neben meiner Tochter Bettina) ist sie ja sowieso. Über die Jahre wurde ich in persönlichen Gesprächen von Lesern immer wieder nach der Verteilung von Anteilen und Zuständigkeiten gefragt. Zu Lebzeiten von Barry Graves hatte er etwa vierzig, ich etwa sechzig Prozent Anteile an dem Buch. Das gemeinsame Volumen wurde von mir nach seinem Tod weiter gepflegt und bei jeder Aktualisierung um weitere Biographien ergänzt. Für die vorliegende Ausgabe lässt sich vergröbernd sagen, so gut wie alle Künstler und Gruppen, deren Lebensleistung im 20. Jahrhundert wurzelt, wurden von mir bearbeitet, annähernd alle Biographien, die im 21. Jahrhundert relevant wurden, trug Wolf Kampmann zum Buch bei. Bernward Halbscheffel, der zur vorigen Ausgabe (1998) zahlreiche Artikel beigetragen hatte, hat diesmal an den Diskographien mitgewirkt. Wir haben sie gründlich vereinfacht und entrümpelt. In einer Zeit, in der sich die Exklusivbindung von Künstlern an Schallplattenfirmen auflöst, die Konzerne mit Artists and Repertory (A&R) jonglieren und das Internet zunehmend an die Stelle konventioneller Vertriebswege tritt, wird das Label als Bezugsquelle irrelevant und entbehrlich. Wo die Company noch eine editorische Leistung verkörperte, wie in den Fällen Atlantic, Sun, Chess, Stax, Motown, Island oder Elektra, wird sie ohnehin in der diesbezüglichen Geschichte genannt. Bernward Halbscheffel: «Für ein Lexikon, das sich den Biographien von Musikern und Bands widmet, sind historisch orientierte Diskographien der einzig mögliche Weg, die Biographien sinnvoll zu unterstützen. Sie sind nicht in erster Linie für Sammler gedacht - die finden in der einschlägigen Fachpresse wie etwa dem «Record Collecton das Ziel ihrer Wünsche. Sie taugen auch nur bedingt als Einkaufsliste, denn viele CDs, geschweige denn LPs, die hier genannt werden, sind nicht mehr im Handel. Der Rockhörer aber, der die Biographie etwa von Henry Cow, Frumpy oder Radiohead liest und an der Musik dieser Bands interessiert ist, kann im Plattenladen, auf dem Flohmarkt oder im Internet fündig werden. Das soll auch der Sinn der Diskographien sein: eine Brücke zu bilden zwischen Text und wirklicher Musik.» In den dreieinhalb Jahrzehnten, die das nun existiert, gab es durchgängig nur ein kritisches Argument: Rezensenten vermissten Gruppen oder Solisten, die sie für wichtig hielten. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Obgleich der Umfang der beiden Bände auch diesmal wieder gewaltig gewachsen ist, mussten wir abermals mit Platzmangel kämpfen. Andererseits sind wir nach der ehrenwerten Journalistenregel verfahren: Was man hat, rein ins Blatt! Das bedeutet natürlich, dass die Länge (oder Kürze) eines Artikels nicht immer auch ein Gradmesser unserer Wertschätzung ist. Um für neue Einträge und historische Ergänzungen Raum zu schaffen, haben wir auf Ausflüge in Musikstile jenseits der Rock- und Popmusik verzichtet, die wir für entbehrlich hielten. Das betrifft die Biographien von Jazz-Giganten wie Charlie Parker, John Coltrane und von Neutönern wie John Cage, Terry Riley, Karlheinz Stockhausen, die in bestimmten historischen Momenten als Anreger in der Rockwelt Gastrollen spielten, ebenso wie den einstigen Anhangsteil mit Sachstichwörtern, LP-Empfehlungen, Zeitschriften- und Literaturverzeichnis. Für die gestrichenen Bios gibt es darauf spezialisierte Nachschlagewerke, bei Aktualisierung der Anhang-Rubriken hätte das enorm gewachsene Volumen separate Bände nötig gemacht.

Dafür betonen wir noch einmal nachdrücklich die fundamentale Bedeutung des Registers. Nicht ohne Stolz auf diese Neuausgabe wage ich die Behauptung, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit annähernd jeder Musiker, der in der Geschichte der Rockmusik eine stilbildende Rolle gespielt hat, dort zu finden sein wird. Für Nachbarbereiche wie Blues, Folk oder HipHop trifft dies naturgemäß in weit geringerem Umfang zu (auch dafür gibt es eigene Lexika), aber auch deren herausragende Exponenten werden bei uns genannt. Auf Künstler, die unter dem Namen ihrer Gruppe oder umgekehrt zu finden sind, verweisen wir an der entsprechenden Stelle des alphabetischen Ablaufs. Wird eine Biographie durch Informationen in einem anderen Artikel abgerundet oder ergänzt, haben wir dies in den Texten durch einen Hinweis («siehe Bio») gekennzeichnet. Zum Schluss noch einmal Barry Graves, 1989: «Das will nicht der Ausweis eines bestimmten musiksoziologischen Denkansatzes oder das Sprachrohr einer bestimmten rockphilosophischen Schule sein. Es ist nicht pro-Heavy Metal und Disco-feindlich (oder umgekehrt). Es verteufelt nicht die etablierten Acts und vergöttert nicht jede obskure Garagenband. Es ist weder übertrieben eurozentristisch noch ungeniert amerikanophil. Und dennoch setzt es ganz bewusst einen Schwerpunkt, gibt eindeutig eine Präferenz und Wertschätzung zu erkennen. Das ist eine Hommage an die afrikanisch-amerikanische Kultur, ohne die die moderne Rockmusik nicht existieren könnte. Es erzählt diese Geschichte in den Biographien der Menschen, die das Genre begründet und vorangetrieben haben. Im Wust der Informationen und Publicity-Stunts, der Skandale, tragischen Vorfälle und glorreichen Momente mag diese Geschichte bisweilen untergehen. Dabei ist sie die wichtigste von allen Geschichten im Rock.» In diesem Sinne: Good Reading!

Berlin, im Frühjahr 2008 Siegfried Schmidt-Joos


 
   


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