Vorwort
Als im Frühjahr der Rowohlt Verlag mit der Anregung an mich herantrat, eine Auswahl meiner Beiträge zu den Fragen der Wiedervereinigung und besonders zur Re-Integration der beiden über 40 Jahre getrennten deutschen Volkswirtschaften herauszugeben, habe ich gern zugestimmt. Denn ich bin seit Jahrzehnten leidenschaftlich an diesem Thema interessiert. Und die ökonomische Vereinigung hatte ich mir ganz anders vorgestellt, als wir sie seit 1989 erlebt haben. Ich bin mit dem Erreichten keineswegs zufrieden. Wenngleich kein Marxist, so wußte ich doch immer, der Lehrsatz, nach dem das ökonomische Sein das Bewußtsein bestimmt, enthält zwar nicht die ganze Wahrheit, aber doch eine psychologisch und politisch höchst wichtige Einsicht.
Dieser Band enthält eine Auswahl von 16 Beiträgen: zumeist Artikel, die ursprünglich in der ZEIT erschienen sind, zwei Reden in Rostock und Erfurt sowie einige Buchauszüge. Alle Beiträge stammen aus den Jahren 1989 bis 2004.
Besonders hinweisen möchte ich auf den Essay, den ich für diesen Band geschrieben und als Nachwort beigefügt habe. Er enthält eine Bewertung des bisherigen Vereinigungsprozesses aus heutiger Sicht und zieht eine Zwischenbilanz. Die meisten Fehler und Versäumnisse der letzten fünfzehn Jahre sind kaum noch zu korrigieren. Deshalb bin ich heute weniger zuversichtlich, als ich es 1989/90 gewesen bin. Aber ich will den Kopf nicht in den Sand stecken. Zum Handeln ist es noch keineswegs zu spät! Deshalb schließe ich mit drei Vorschlägen für die Zukunft.
Anders als Roman Herzog 1997 in seiner "Ruck-Rede", anders als Gerhard Schröder 2003 in seiner "Agenda-2010-Rede" und anders als Horst Köhler in seiner "Arbeit-hat-Vorfahrt-Rede" in diesem Jahr habe ich es immer für eine entscheidend wichtige innenpolitische Aufgabe angesehen, den wirtschaftlichen Aufholprozeß des Ostens wieder in Gang zu bringen. Das ist auch heute und morgen noch möglich! Ich möchte hoffen, dieser Band könnte dazu beitragen.
Hamburg, im Vorfeld der Bundestagswahl 2005
Helmut Schmidt