Gestern Marotte, heute fast ein Muss
Laufen boomt bei uns seit Mitte der 80er Jahre, und das Laufvirus ist für Sportmuffel gefährlich ansteckend: Läufer sind heute fast so etwas wie das herumlaufende schlechte Gewissen der "Noch-nicht-Läufer".
Bis in die Achtziger war Laufen eher eine Lachnummer. Nur vereinzelt trauten sich Pioniere, sich den alltäglichen Verunglimpfungen beim Training auszusetzen. In den Jahren des Wirtschaftswunders arbeitete man hart dafür, das Statussymbol Auto zu besitzen und nicht mehr laufen zu müssen.
Laufende Fitnessbotschafter
Krankenkassen fördern Walking- und Laufprogramme. Journalisten überbieten sich heute in ihrem Enthusiasmus, über Laufen und Marathon so viel Positives zu berichten, dass man fast schon wieder warnend eingreifen muss. Vom Spinner zum Gladiator! Marathon, das Matterhorn des kleinen Mannes, die Speerspitze der Laufbewegung! Zigtausende bevölkern heute beim Marathon die Herzen der Großstädte. Eine Abstimmung und Fitnessdemonstration mit den Füßen.
Laufen gehört zum guten Ton
Laufen war jahrhundertelang ein Sport der unteren Klasse. Heute laufen auch die Macher und Manager, Direktoren und Politiker. Firmen wie beispielsweise Prudential in den USA fanden bereits Anfang der 80er Jahre heraus, dass jeder in die Fitness der Belegschaft investierte Dollar sich durch weniger Fehlzeiten und höhere Produktivität doppelt bezahlt machte.
Die Liste der Promis, die sich mit Laufen fit halten oder sich der "Herausforderung Marathon" erfolgreich gestellt haben, geht von Popstars wie Mick Jagger und Nena bis zu den Marathonläufern Joey Kelly, Schriftsteller Günther Wallraff, Fußballer Olaf Thon oder Politiker Joschka Fischer quer durch alle Gesellschaftskreise.
Das Lauftier in mir
Lebenslauf. Ich bin immer gelaufen, in den Wald zum Spielen, zu Freunden und sechs Kilometer beim Schulweg. Ohne Fernsehen und Computer bewegten wir uns täglich auf der Straße und spielten Fangen, Fuß- und Völkerball. Als jüngster Spross einer laufbegeisterten Familie brauchte ich nicht lange zu suchen, um mein Talent zu finden. Wollte ich die Familienrekorde brechen, musste ich die älteren Brüder übertreffen. Das hieß im Klartext: Weltklasseläufer werden!
Die Trauben hingen ziemlich hoch, war mein Bruder Horst immerhin Westdeutscher Marathonmeister und der älteste Bruder Manfred sogar zweifacher Olympiateilnehmer in dieser Disziplin. Es war eine Last, aber auch eine Herausforderung. Es reichte Anfang der Siebziger zunächst für deutsche Jugendspitzenklasse und einen deutschen Jugendrekord. Aber mit 19 Jahren war ich in der Männerklasse dem gestiegenen Erwartungsdruck nicht mehr gewachsen. Ich wurde Diplom-Biologe, aber faulenzte auf sportlicher Ebene.
Vom Gesundheits- zum Weltklasseläufer
Abgelaufen, Verfallsdatum erreicht? Trau keinem über 30! Das war damals eine Parole der Endsechziger. Nun war es bei mir bald so weit. War ich wirklich schon so alt geworden? Vom vielen Sitzen beim Studium hatte ich Rückenbeschwerden und Übergewicht bekommen. So konnte es nicht weitergehen! Mit 28 Jahren begann ich aus Fitnessgründen im Lauftreff erneut mit dem Joggen und brachte bald im Studentenwohnheim 25-Jährigen bei, dass man langsam eine halbe Stunde am Stück laufen kann. Was aus Gesundheitsgründen begann, endete in einer nicht mehr für möglich gehaltenen Karriere als Weltklasseläufer und vielen Deutschen Meistertiteln. Ich erfüllte mir sogar meinen Kindheitstraum, bei einer internationalen Meisterschaft im eigenen Land ein vollbesetztes Stadion zum Jubeln zu bringen und eine Medaille zu erringen.
Laufen baut auf
Wer rastet, der rostet! Mutter Natur hat uns mit zwei Beinen zur Fortbewegung geschaffen - wir sollten sie eigentlich benutzen. Laufen ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Man begibt sich dabei auf eine ganzheitliche Reise zu sich selbst. Wer selbst im höheren Alter mit dem Laufen beginnt, hat mit sich noch etwas Positives vor.
Die Natur belohnt Läufer mit Glückshormonen wie Serotonin und Endorphinen, eine uralte Anpassung für das Durchhalten beim Jäger- und Sammlerdasein. Diese Hormonfreisetzung macht wirklich positiv süchtig. Doch auch hier macht die Dosis das Gift. Wir müssen daher lernen, mit dem Laufen, diesem Naturheilmittel, dieser natürlichsten aller Drogen, vernünftig umzugehen, beim Erweitern der Grenzen Verletzungen zu vermeiden und den Spaß zu behalten.
Auf diesem Weg soll Sie mein Buch auf Ihrer privaten Lauf-Bahn begleiten. Es soll Sie aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers und Weltklasseläufers, aber auch aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Trainer für Laufeinsteiger und Profis motivieren, informieren und beraten. Mein größtes Ziel aber ist, dass Sie dabei wieder ein gutes Gefühl für Ihren Körper entwickeln und zum Läufer mit Spaß und Genuss werden!
Herbert Steffny
Dieses Buch soll dem Einsteiger vom richtigen Auftakt über Jahre vielleicht sogar bis zum Marathon verhelfen, den Fortgeschrittenen zur Perfektion und zu neuen Bestzeiten leiten, den Gesundheitsbewussten durch Bewegung und gesunde Ernährung zu Normalgewicht und höherer Lebensqualität führen.