Geleitwort*
Auf jede Nacht folgt ein Tag. Genauso zwingend richtet der Mensch seine Aufmerksamkeit auf die Energie, die wahrscheinlich wichtigste Gabe der Schöpfung und grundlegende Voraussetzung der Evolution der irdischen Biosphäre. Energie treibt die Gezeiten an, liefert Süßwasser, schafft die richtige Zusammensetzung der Luft, sorgt für ein lebensfreundliches Klima und nährt so die Biosphäre, die ihrerseits die Menschheit nährt. Wir Erdenbürger erfreuen uns der Früchte des Wirkens verschiedenster Energieformen auf ungezählten Wegen, insbesondere in der Neuzeit, seit der technologische Fortschritt uns erlaubt, sie recht zu unserem Nutzen zu wandeln.
Die auf Energie aufbauende industrielle und wissenschaftliche Revolution, die bis heute fortdauert, gab uns immer mehr Gewalt über die "Naturkräfte". Krankheiten wurden seltener, Nahrung und Obdach sind leichter zu erlangen, Transport und Kommunikation haben sich sprunghaft entwickelt. Mit der Zeit beschleunigte dieser Fortschritt das Wachstum der Weltbevölkerung und damit den Verbrauch an Nahrungsmitteln, Bauholz, Bodenschätzen und in Gewässern heimischen Lebewesen. Milliarden von Menschen leben heute in materiellem Wohlstand. Mit einem Knopfdruck machen wir Licht, wo und wann immer wir wollen, wärmen und kühlen unsere Häuser, bewegen uns unglaublich schnell und freizügig (physisch und in übertragenem Sinn), entledigen uns unseres Mülls, behandeln Krankheiten und erforschen das Universum.
Gleichzeitig bildet diese Gewinnung und Nutzung der Energie den Kern einer Reihe spezifischer Probleme: Luftverschmutzung und ihre Folgen für Gesundheit und Infrastruktur, Verminderung der Wasserqualität, Raubbau am Land durch Bergbau und Deponien sowie die Veränderung des weltweiten Klimas. Die Chancen, unsere wirtschaftliche Entwicklung in gewohnter Weise fortführen zu können, hängen sowohl vom Erreichen bisher unbekannter wissenschaftlich-technischer Fortschritte ab als auch von einem Umdenken über unsere Art, Fortschritt zu messen.
Belege für diese Herausforderung findet man allenthalben. Aller konzertierten, nachhaltigen und auch erfolgreichen Maßnahmen zum Trotz wächst die Erdbevölkerung jährlich noch immer um 70 Millionen, und ein Ende ist nicht
abzusehen. Das Klima der Erde verschlechtert sich plötzlich in verstörender Weise. Die Produktion von Erdöl erreicht ein Maximum, und der Produktionsgipfel für Erdgas wird in einigen Jahrzehnten folgen. Spätestens dann droht das Ende unserer langen Vergnügungsfahrt mit "billiger Energie". Wie es eine Comicfigur ausdrückte: "Von hier unten geht es in jeder Richtung aufwärts." Dieses Gefühl habe ich, wenn ich daran denke, wie das Rennauto "Menschheit" ins 21. Jahrhundert hineinschleudert.
Wie sollen wir unsere Zukunft sicher machen? Im Gegensatz zur rosaroten Disney-Welt hilft Wünschen allein hier nicht. Das bringt uns zum Gegenstand dieses Buches. Leider haben weder die Allgemeinheit noch die meisten Politiker genügend Ahnung, um zu entscheiden, ob ein technologischer Ansatz, der uns auf einen besseren Weg in die Zukunft bringen will, realistisch ist oder übertrieben; das trifft ganz bestimmt zu, wenn es um Wasserstoff geht. Aber die Phantasie, gemischt mit vernünftiger Arithmetik und nachhaltiger Unterstützung durch Forschung und Entwicklung, kann wunderbare Erfolge bringen.
Dies ist ein wichtiges Buch, das zum richtigen Zeitpunkt kommt. Gewandt setzt Joe Romm seine hervorragenden technischen Kenntnisse, seine politische Erfahrung und seinen analytischen Verstand ein zu einer freimütigen, vernünftigen Beurteilung unserer Chancen, das Energiesystem während etwa des kommenden halben Jahrhunderts auf Wasserstoff als wichtigsten Energieträger umzustellen. Richtig bedacht, kann ein solches System wesentliche Fortschritte bei der Lieferung von Energie und im Gesundheits- und Umweltschutz bewirken. Der Weg ist gangbar, aber er benötigt größere, nachhaltige Investitionen auf breiter Basis in Forschung und Entwicklung - sowohl auf dem öffentlichen als auch auf dem privaten Sektor.
Dr. Romm stellt das schon abgedroschene Klischee "Wasserstoffökonomie" in einen neuen Kontext. Um ein Missverständnis herauszugreifen, das er ausräumt: Wasserstoff ist keine Energiequelle - außer im Zukunftsmodell der Kernfusion -, aber ein gewaltiger Energieträger, wenn auch mit dem enormen Nachteil geringer Energiedichte und problematischer Speicherung.
Romm erinnert uns daran, dass viele Jahrzehnte vergehen werden, bis wir den Umstieg auf ein Energiesystem ohne Nettoemission von Kohlendioxid bewältigt haben. Wenn wir hoffen, bis 2050 Wasserstoff in größerem Umfang nutzen zu können, dann müssen wir bereits heute beginnen, Produktions-, Verarbeitungsund Transportvarianten zu entwickeln. Für die Zwischenzeit gibt es Alternativen, die schneller greifen, zum Beispiel die Steigerung der Energieeffizienz in allen Bereichen.
Wenn ich betrachte, wie Öffentlichkeit und Politiker sich gegenwärtig verhalten, neige ich zu dem Schluss, dass "die Menschheit lieber Selbstmord beginge als rechnen zu lernen". Wir müssen weise genug werden, um uns "von Statistiken rühren zu lassen". In der Frühzeit der komplizierten Forschung zur kontrollierten thermonuklearen Fusion taufte man diese Arbeit "Projekt Sherwood" in Anlehnung an das Motto von Robin Hood: Beraube die Reichen (hole Deuterium aus Wasser) und beschenke die Armen (mit billiger Energie). Gleichzeitig aber bedeutete dies: "Zustände wie im Sherwood sind (wären sicherlich) schön, wenn sie denn funktionierten!" Zweifelhafte Wahrsager haben es wesentlich leichter, der Öffentlichkeit weiszumachen, die märchenhafte "Wasserstoffökonomie" sei zum Greifen nah, als Wissenschaftler und Technologen, diesen Traum zu verwirklichen!
Es ist Zeit, dass wir uns der wirklichen Herausforderung (und Chance) stellen und Erfindungsreichtum und Kapital der langwierigen, mühsamen Aufgabe widmen, einen sicheren Weg durch das kommende Jahrhundert für die Menschheit zu finden. Ein hoffnungsvolles (nahezu tränenreiches) Stück Wegs nimmt Romms Buch den Leser mit: bis zum Verständnis der Realität in der Energiewirtschaft und ihrer Aufgaben im 21. Jahrhundert.
John H. Gibbons
Wissenschaftlicher Berater des Präsidenten 1993-1998
Direktor des Büros für Technologiebewertung beim Kongress
1979-1993
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Joseph J. Romm hat in diesem Buch die Situation und die Reaktionen Amerikas auf künftige mögliche Umweltkatastrophen durch Überwärmung der Erdatmosphäre geschildert, ebenso wie Möglichkeiten, dem zuvorzukommen, und das ist gut so. Man sieht, dass auch die Vereinigten Staaten, die das Kyoto-Protokoll von 1997 nach wie vor nicht unterzeichnen, dennoch etliche Aktivitäten in den Schutz der Atmosphäre investieren; zumindest existieren relevante Gruppen von Forschern, Politikern, Industriellen und Geschäftsleuten, die sich darüber Gedanken machen und versuchen, aktiv einzugreifen, obwohl sie durch die offizielle Administration hierbei kaum unterstützt werden.
Es ist für die Europäer wichtig, diese Situation Amerikas zu kennen und sich zugleich die eigene Situation vor Augen zu führen, insbesondere die Frage nach der eigenen Aktivität auf dem Gebiet der erneuerbaren und kohlenstoffneutralen Energiegewinnung zu klären. Für Deutschland werden die Daten etwa durch den www.solarserver.de/wissen/solarmedien.html regelmäßig aktualisiert. Darüber hinaus ist es wichtig, sich die Situation anderer Länder, insbesondere der äquatornäheren Entwicklungsländer, klar zu machen. Hier gilt beispielsweise, dass die Nutzung von Solarenergie zwar teuer, aber eben durch die geographische Lage und das Fehlen anderer Energiequellen durchaus wirtschaftlich sein kann, auch deren Speicherung und Export in Form von Wasserstoff, falls diese Entwicklungsländer Unterstützung durch die entwickelten Nationen bei der Einführung der Technologie erfahren. Hierdurch wird für diese Länder eine potenzielle Devisenquelle erschlossen, auf die diese Länder dringend angewiesen sind.
Insofern verfolgt die Übersetzung des aktuellen Buches von romm den Zweck, auch Entscheidungsträger, die die Situation bisher nicht kannten, mit der Problematik, die hier besonders eindrücklich geschildert wird, bekannt zu machen und damit ihren Beschlüssen den notwendigen Rückhalt zu geben. Viele öffentliche Diskussionen auf höchster Ebene, auch in den Medien, lehren, dass die notwendige Sachkenntnis bisher oft nicht besteht. Ich hoffe, diese Übersetzung wird dies ändern.
Ich danke meiner Tochter, Dr. Susanne Moser, die mich zuerst auf diesen Titel aufmerksam gemacht hat. Mein Dank gilt auch dem Verlag Island Press für ihre Hilfe und den Mitarbeitern des Wiley-VCH Verlages für die schnelle und professionelle Bearbeitung.
| Düsseldorf, im Dezember 2005 | Prof. Dr. Jörg G. Moser |
| * | zur amerikanischen Originalausgabe | |