Vorwort
In dieser Arbeit ziehe ich nach der Theorie und Geschichte des Bildungswesens (Fend, 2006a, 2006b) die Summe meiner Bemühungen, das Ganze des Bildungswesens und seiner Gestaltungsmöglichkeiten in den Blick zu nehmen. Sie soll jenen Überblick vermitteln, der für eine professionelle Lehrerbildung erforderlich ist. Sie ist auch vom Stolz darüber inspiriert, welches hohe Niveau die Gestaltungskonzepte und zugrundeliegenden empirischen Studien in den Erziehungswissenschaften in den letzten Jahrzehnten, verglichen etwa mit meinen Studienjahren, erreicht haben.
Vieles, was hier in einem Überblick zusammengedacht wird, hat heute schon eine große fachliche Differenzierung erfahren. Ähnlich wie in den Wirtschaftswissenschaften hat sich auch in der Gestaltungslehre des Lehrens und Lernens eine Spezialisierung verschiedener Subdisziplinen eingebürgert. Hier sind solche zusammengebunden, die man in der Ökonomie Makrotheorie, Unternehmens- und Betriebswirtschaftslehre sowie Mikrotheorie wirtschaftlichen Handelns nennen würde. Die Analyse aller Gestaltungsprozesse im Bildungswesen legt eine ähnliche Gliederung nahe, etwa die in Systemsteuerung im Sinne von Bildungspolitik und Bildungsmanagement, Schulentwicklung sowie Unterrichtsgestaltung. Diese Handlungsbereiche könnten auch mit guten Gründen jeweils in getrennten Büchern oder getrennten Veranstaltungen behandelt werden. Die vorliegende Arbeit ist jedoch vom Bestreben geleitet, diese verschiedenen Gestaltungsebenen des Bildungswesen zusammenzudenken, da sie vielfältig miteinander verzahnt sind. Das Verstehen und Gestalten des "Ganzen" steht hier im Mittelpunkt und stellt damit das Anliegen der Vollständigkeit, wenn die verschiedenen Handlungsbereiche dargestellt werden, in den Hintergrund. "Schulpädagogik" wird dabei als Gestaltungslehre des Bildungswesens verstanden.
Der lange Weg vom Verstehen des Bildungswesens, der in der Neuen Theorie der Schule begonnen und in der Geschichte des Bildungswesens fortgesetzt wurde, soll hier einmünden in das, wozu menschliches Verstehen dienen soll: in Konzepte der Gestaltung der menschlichen Verhältnisse, hier jener des institutionalisierten Lehrens und Lernens. Das Wechselspiel von Gestaltungsintentionen, Realitäten im Bildungswesen und neuen Gestaltungskonzepten bildet deshalb die Grundfigur dieser Arbeit.
Da war ein Mann, und der Mann ging zu einem Uhrmacher, und der Mann legte dem Uhrmacher zwei Uhrzeiger auf den Tisch und sprach zu ihm: " Oh du Uhrenheiler, bei meiner Uhr gehen diese beiden Zeiger nie richtig. Bitte repariere sie, auf dass meine Uhr wieder die rechte Zeit zeige. " Aber der Uhrmacher antwortete ihm: "Die Zeiger, oh Herr, kann ich nicht reparieren, du musst mir schon die ganze Uhr mitbringen". Der Mann aber verstand ihn nicht - die Uhr war doch völlig in Ordnung, nur die Zeiger gingen falsch.
Anonymus
Einleitung: die Bildungsrealität verstehen und verbessern
Von Einstein wird das Zitat überliefert, man müsse die Welt nicht verstehen, es reiche, sich in ihr zurecht zu finden. Auf das Bildungswesen angewendet hieße dies, man müsse nicht verstehen, nach welchen "Regeln" das Bildungswesen funktioniert, es genüge, als Lehrer, als Schüler, als Verwaltungsfachmann sich in ihm zurecht zu finden. Faktisch ist dies in der Tat häufig so. Wir finden im Schulwesen viele Personen, die sich sehr gut zurecht finden und ihre Aufgaben gut erfüllen. Reicht dieses "Zurechtfinden" aus?
Das obige Zitat gibt in der Metapher der Uhr und ihrer Zeiger eine Antwort: Wer das System nicht versteht, der neigt dazu, in den Oberflächenphänomenen die Probleme zu sehen und auch die Lösung in der Bearbeitung der Oberflächenphänomene zu suchen. Erst wenn man das System versteht, kann man eine Fehlfunktion beheben.
Eine "Gestaltungslehre" des Bildungswesens auf der Grundlage des Verständnisses aufzubauen, wie das Bildungswesen funktioniert, ist das Ziel dieser Arbeit.1 Es wird dabei versucht, die grundsätzlichen Möglichkeiten und Instrumente der Gestaltung schulischer Lernprozesse aufzuzeigen und ein ganzheitliches Konzept dazu zu entwickeln, wie man Bildungssysteme gestalten und die Qualität des Bildungswesens sichern kann. Dabei unterstelle ich die Möglichkeit, einen "Gesamtplan" zu entwickeln, in dem die vernetzten Verantwortlichkeiten von Akteuren sichtbar werden.
1 Siehe als mir sehr nahestehende Arbeit vor allem Brugelmann (2005)