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Cop Culture - Der Alltag des Gewaltmonopols
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Vorwort zur ersten Auflage

Die Polizei beschäftigt mich schon, solange ich denken kann. Als Jugendlicher lernte ich sie als meine berufliche Lebenswelt kennen, als erwachsener Mann verließ ich sie wieder - dazwischen lagen fast fünfzehn Lebensjahre. Trotz einiger Gefahren, Gefährdungen und Verführungen kam ich aus den Männlichkeits-Inszenierungen und dem Experimentieren mit der geliehenen Autorität einigermaßen heil heraus. Mehr als sechs Jahre danach befasste ich mich erneut mit der Lebenswelt Polizei, diesmal als Soziologe und Feldforscher, und ich begegnete mir häufig wieder als dem jungen Mann, der - voller Idealismus und überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen - die gleichen, mindestens ähnliche Dinge getan hat, die ich nunmehr beobachtete bzw. die meine Gesprächspartner und -Partnerinnen erzählten. Ohne die eigenen Erfahrungen wäre dieses Buch nicht, mindestens nicht so, geschrieben worden.

Zu Grunde liegt dem Ganzen meine Dissertation, die ich am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität angefertigt habe, und die von der Idee bis zur Vollendung fast sechs Jahre dauerte. Verbunden war das mit Anstrengung und mit viel Freude, denn ich konnte einige Menschen mit dem erreichen, was mir wichtig war (und ist). Sie trugen auf unterschiedliche Weise dazu bei, dass das Projekt zu einer glücklichen Unternehmung wurde (wobei, wie wir wissen, das Glück nicht immer lustig ist).

Heinz Steinert hat mir theoretisch und menschlich gezeigt, wie Autonomie und Toleranz ausgestaltet und ausgehalten werden kann. Er hat mir Raum gegeben, selbst erkennen zu können, was es Neues zu entdecken gibt. Seine Haltung, dass man als Forscher "genau hinsehen, geduldig nachdenken und sich nicht dumm machen lassen" soll (Steinert 1998a, 46), hat mir viel Zuversicht gegeben. Auf diese Weise wurde mir die Aneignung der eigenen Frage möglich, was Zeit und Geduld gekostet hat.

Henner Hess, mein Chef und Mentor am Institut für Sozialpädagogik, in dessen wissenschaftspolitischen Kontext die Arbeit im Wesentlichen entstand, hat mich immer wieder inspiriert und meine kleinen Fortschritte interessiert verfolgt. Er hat mir geduldig und unbeirrt nahegebracht, dass es nicht der große theoretische Entwurf ist, den ich zur Wissenschaft beitragen kann, sondern die Veranschaulichung und genaue Beschreibung von sozialen Bedingungen. Er hat mir Max Weber nahe gebracht und vieles andere mehr. Vor allem seine Unbestechlichkeit im Debattieren und seine Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden, von der ich so viel mitbekam, haben meine Zeit an der Universität zu un vergleichlich interessanten Lehr- und Wanderjahren gemacht. Beiden Begleitern danke ich von ganzem Herzen.

Johannes Feest hatte die Freundlichkeit, als externer Gutachter meine Dissertation ebenso wohlwollend wie konstruktiv kritisch aufzunehmen. Ihm verdanke ich wertvolle Anregungen zur Rechtssoziologie und angenehme Erinnerungen an Bremen.

Tomke Böhnisch, Angela Joost und Kerstin Rathgeb trugen viel zum Ergebnis der Arbeit bei. In unserer Interpretationsgruppe haben wir gemeinsam über den Materialien gebrütet, sie verteidigt, verworfen, weitergebracht, neue Gedanken ermöglicht, andere Perspektiven auf das Material gerichtet, und ein Arbeitsklima erzeugt, um das uns viele Kolleginnen und Kollegen beneidet haben. Für die vielen Hilfestellungen und Eröffnungen, und für die gemeinsame Zeit, bin ich sehr dankbar.

Weitere Menschen haben mir durch Nähe und Rat gut getan: Ich danke Renate Routisseau für wohlwollende Begleitung. Helga Cremer-Schäfer für kritische Impulse und für viele kleine Freundlichkeiten. Birte Egloff, Britta Meinschaefer, Christine Resch, Claudia Zimmermann, Heike Köster, Jochen Kersten, Norbert Schmedt, Volker Nölle, für das kritische Lesen und Kommentieren der Texte. Meiner Supervisorin, Regina Eiermann, danke ich für Hilfestellungen, besonders bei der Klärung meines Verhältnisses zur beruflichen Familie.

Den Vertretern der Polizei, die mir Zugang in das Innere der Organisation ermöglichten, sei ebenfalls gedankt: Herrn Bock (damals Hessisches Innenministerium), Herrn Koska und Herrn Remann (damals I. Bereitschaftspolizeiabteilung), Herrn Philippi (damals Polizeipräsidium Frankfurt). Für Unterstützung in buchstäblich letzter Minute danke ich Herrn Thielmann und Frau Scholz (damals Hessisches Innenministerium).

Ein besonders herzliches Dankeschön sage ich denjenigen Beamtinnen und Beamten, die mich - oft ohne gefragt worden zu sein - an ihrem Berufsalltag teilnehmen ließen oder sich für Interviews zu Verfügung stellten (die meisten werden von dem Buch nie etwas erfahren, damit geht es ihnen wie mit der Gesellschaft, für deren Schutz sie da sind, und von der sie auch nur selten ein positives Feed-back bekommen). Stellvertretend für sie, und in besonderer Verbundenheit, danke ich Udo Neumann (der als einziger bis zum Schluss anonymisiert bleiben muss).

Noch ein Wort zur Benutzung männlicher und weiblicher Artikel und Endungen: Nach einigen Experimenten und Bemühungen habe ich die Übungen in Political Correctness zugunsten einer größeren stilistischen Klarheit aufgegeben. Prinzipiell sind immer alle gemeint, meistens ergibt sich das Geschlecht aus dem Zusammenhang, und an wenigen Stellen, die mir für das Verständnis wichtig schienen, habe ich weibliche Endungen hinzugefügt. Im übrigen vertraue ich darauf, und das betrifft nicht nur den sprachlichen Umgang mit dem Geschlecht, dass der/die Leser/in verstehen will.

Vorwort zur zweiten Auflage

"Cop Culture" wurde von der Fachwelt zunächst zögerlich aufgenommen. Erst nach einigen Jahren verbreitete sich das Buch, besonders an den polizeilichen Bildungseinrichtungen und unter denjenigen, die sich mit Berufs bzw. Organisationskultur der Polizei beschäftigten bzw. zu beschäftigen begannen. An der damaligen Polizei-Führungsakademie (heute: Deutsche Hochschule der Polizei) wurde die Arbeit einigermaßen oft im Seminarbetrieb genutzt, allerdings meistens in Ausschnitten, was für eine freundliche Aufnahme unter den Studierenden und Praktikern nicht immer forderlich war. Immerhin verbreitete sich dadurch der Terminus "Cop Culture" unter dem Nachwuchs des Höheren Dienstes relativ breit. Die Annahme, dass man für eine Organisation nicht nur von einer, sondern von mehreren Kulturen ausgehen muss, wurde zuerst und verstärkt von denen aufgegriffen, die sich theoretisch oder als Außenstehende (Forschende, Lehrende, Seelsorger etc.) mit der Polizei beschäftigten. Es waren besonders die Vermittler und Vermittlerinnen von Ethik und der sog. soft skills, welche diese Denkfigur nutzten, auch wurde sie ab und an in das eigene Nachdenken eingewoben (vgl. Mensching 2007).

Innerhalb der Polizeipraxis war die Resonanz weitaus geringer. Zwar bestätigten mir mehr und mehr Polizisten, dass meine Beschreibung mit ihrer eigenen Sicht auf die Polizei übereinstimme (dies waren in der Regel die reflektierten Praktiker und/oder die sozial wacheren Polizisten, viele Polizistinnen waren darunter und mehr Führungskräfte als Basis-Polizisten). Doch es gab (und gibt) auch immer diejenigen, die vorsichtig auf Distanz gingen, einige von ihnen sagten, über einige Stellen würden sie "gern kritisch mit mir diskutieren" (sie taten es dann aber nicht). Diejenigen, die am ehesten dem von mir vorgestellten hegemonialen Männlichkeitstypus entsprachen, lehnten das Buch mehrheitlich ab. Sie und viele andere Protagonisten des "Einsatz-Paradigmas" (ein Begriff, den Jochen Christe-Zeyse [2006] für die deutsche Polizeiwissenschaft sehr illustrierend genutzt hat) hielten und halten es für überflüssig, über Kultur oder gar Kulturen in der Polizei nachzudenken und zu reden. Einige Führungskräfte fragten nach der Repräsentativität meiner Untersuchung und danach, wie viel "Cop Culture" in ihren Behörden noch zu verkraften sei. Am häufigsten wurde mir entgegengehalten, dass das vielleicht in Hessen so gewesen sei, nicht aber in der eigenen Polizei. Auch, dass das früher einmal so gewesen sein könnte, heute aber überholt sei, weil sich die Polizei mittlerweile sehr stark verändert habe, wurde vorgebracht. Das Buch hat also durchaus kontroverse Diskussionen ausgelöst.

Ich habe heute das deutliche Gefühl, dass die kulturelle Dimension der Polizei und der Polizeiarbeit von Führungskräften tatsächlich ernster genommen wird, und dass sie substantieller diskutiert wird, ebenso wie das Thema Berufsethik. Besonders Führungskräfte in Vermittlungspositionen zwischen "Basis" und "Überbau" der Polizei spüren die Divergenz und Konkurrenz der Kulturen, wenn sie es auch so nicht nennen würden. Aber sie haben einen intellektuellen und intuitiven Zugang zu den Themen, zu welchen das Buch Cop Culture analytischen Kategorien anbietet. Die heutige Diskussion meiner damaligen Thesen wird behutsamer und weniger polarisierend geführt. Dies ist ein positiver Effekt der Zeit zwischen der ersten und der zweiten Auflage, und es verdeutlicht, dass die Bemühungen um Organisations- und Personalentwicklung nicht mehr ausschließlich betriebswirtschaftlich oder managementorientiert ausgerichtet sind.

Dem Buch Cop Culture folgte im Jahr 2006 das Buch Polizeikultur, ebenfalls im VS-Verlag erschienen. Darin habe ich die Diskussion weitergeführt, nun stärker auf den Kulturbegriff fokussiert, und ich schlage in ihm eine Neudefmition des Begriffs Polizeikultur vor. Polizeikultur erschöpft sich nicht nur in Corporate Identity und Unternehmens oder Betriebskultur. Vielmehr umfasst sie auch und sehr konkret die ethische, mithin normative Rahmung polizeilicher Arbeit. Polizeikultur muss als ein handwerklich-materiales, nicht als ein artiflzielles, idealistisches oder instrumentelles Konzept begriffen werden.

Der Verlag hat mich dennoch zu einer zweiten Auflage des Alltags des Gewaltmonopols ermuntert. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich betrachte das Buch schon als "historisch", allerdings nur in dem Sinne, als es einen zeitlich begrenzten Ausschnitt einer kulturellen Entwicklung in der deutschen Polizei umreißt und als es in einer bestimmbaren Zeitzone meiner Beschäftigung mit der Polizei geschrieben wurde. Insofern bin ich auch sparsam mit Aktualisierungen umgegangen. Cop Culture legt aber auch ein quasi zeitloses Spannungsverhältnis in Organisationen offen: Männer und Frauen, Oben und Unten, Bildung und Erfahrung, Theorie und Praxis, Zentrum und Peripherie, heute kommen hinzu: Einheimische und Migranten, Alte und Junge, "Weltbürger" und "Regionalisten". Diese Spannungsverhältnisse lassen sich weder quantifizieren noch durch Management-Strategien technokratisch eliminieren. Diese Einsicht setzt sich auch zunehmend unter Führungskräften durch. Daran, dass es zu einer zweiten Auflage gekommen ist, wird die Aktualität vieler Fragestellungen deutlich. Nichts hat sich zwischenzeitlich von selbst erledigt. Sehr wohl haben sich Männlichkeitsinszenierungen quantitativ und qualitativ verändert. Sie sind weniger selbstverständlich, weniger ostentativ geworden, aber keinesfalls sind sie verschwunden. Ich begegne immer wieder sehr traditionellen und sehr selbstverständlichen Männlichkeits-Posen1 . Andererseits sind die Diskussionen in der Tat weiter gegangen. Der Frauenanteil ist in den meisten Polizeien auf etwa 20% angestiegen. Nach der Assimilationsphase sind hier schon deutliche Integrationsprozesse zu erkennen (der Assimilationsdruck ist an die Polizeibeamten und -beamtinnen mit Migrationshintergrund übergegangen, vgl. dazu Behr 2007 und Hunold/Behr 2007). Die Leitbild-Debatte ist vielerorts überführt worden in eine Diskussion um die tatsächlichen Identifikationsmöglichkeiten mit der Polizei bzw. mit dem Beruf. Auf diese Weise sind einige behördenspezifische Leitbilder entstanden. Das Thema Männlichkeitskonstruktionen habe ich im Fortgang meiner Überlegungen in eine Analyse des Geschlechterarrangements überfuhrt, und dies wiederum in eine umfassendere Debatte über Organisationskultur (Behr 2006, bes. 103-151).

Die empirische Polizeiforschung ist heute ausdifferenzierter als noch vor zehn Jahren. Zahlreiche Arbeiten und Perspektiven sind hinzugekommen (vgl. z.B. Asmus 2002, Neidhardt 2004, Ohlemacher/Liebl 2000 und Ohlemacher 2003). Ich selbst bin weiterhin auf der Suche nach den Klugheitsregeln von Polizistinnen und Polizisten, möglichst nach solchen, die den prekären Teil der Alltagsarbeit erfolgreich, professionell und menschenrechtskonform anleiten. Ich erfahre nun durch meine Lehr- und Forschungstätigkeit in der Polizei, dass wir mit der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis und mit der Reduzierung von Widersprüchen und Hemmnissen auf dem Weg zu einer wirklichen "Bürger-Polizei" noch lange nicht am Ende sind. Das lässt es sinnvoll erscheinen, immer wieder auf die Auseinandersetzung mit "Cop Culture" zu schauen und die dort begonnene Ethnographie des Polizeialltags neu einzuordnen und/oder weiter zu fuhren.

Als ich im Spätjahr 2007 bei einem größeren Betriebsfest in einer Bereitschaftspolizei zu Gast war, saßen mir beim Essen zwei junge Polizisten einer BFE gegenüber. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, bis der eine beim anderen einen goldenen (Ehe-)Ring am Finger sah. Daraufhin meinte er lapidar, "das Teil musst Du aber ausziehen, sonst findest Du heute überhaupt niemand zum Poppen". Was soll man dazu sagen? Habe ich mich verhört? Sind das die Ausnahmen? Haben sie es nur gesagt, um mir zu imponieren? Oder ist das der selbstverständliche Alltagschauvinismus, der nur mühsam im Zaum zu halten ist? Ist das polizeispezifisch oder nicht? Ich habe jedenfalls an diesem Erlebnis meine These von der Ambivalenz der jungen Männer gegenüber den (jungen) Frauen erhärtet gefunden: sie wehrten Frauen als Kolleginnen in ihrer Einheit ab (zu viele Frauen, so ist eine verbreitete Meinung, mindern den Einsatzwert der BFE, was ich wiederum aus anderen Quellen wusste), begehrten sie aber gleichwohl als "Beute".


 
   


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