Vorwort
Da reimt sich landläufig einiges unrühmlich zusammen und macht die Lust zur Last, so dass die Triebe Trauer tragen: Kirche und Keuschheit, Sex und Sünde, fromm und frigide, puritanisch und prüde, kirchlich und konservativ. Diese mehr oder weniger offensichtlichen "Verbindungen" an Alliterationen sind es, die viele Menschen aus dem Schoß der Mutter Kirche flüchten lassen und nicht nur - wie kulturpessimistische Auguren meinen - ein säkularisiertes, wertentfremdetes Bewusstsein, das von ihnen zugleich in eins gesetzt wird mit dem Ende der abendländisch-christlichen Kultur schlechthin. Die postmoderne Sexualmoral und das zeitgenössische Liebesleben werden in der Talfahrt von Religion und Glauben zu "points of no return" erklärt. Möglicherweise findet tatsächlich ein Traditionsbruch statt, den die einen bejubeln und die anderen betrauern. Für die einen zieht das Chaos auf, für die anderen lacht die Sonne erotischer Freiheit. Beide Seiten nutzen die gleichen Waffen der Diffamierung und der Demagogie und steuern gemeinsam einen Crash-Kurs von Sexualität und Religion.
Nun könnte es aber auch sein, dass sich die feindlichen Propheten täuschen, weil die vermeintliche Abkehr von den Handlungsprinzipien und Wertsetzungen des Christentums sich in Wahrheit als deren zeitgenössische Realisierung herausstellt. Dazu muss man allerdings sowohl das Niveau einer platten Apologetik als auch das der destruktiven Kritik verlassen und zu einer zwar kritischen aber konstruktiven Auseinandersetzung kommen. Sie zu führen heißt nun aber nicht, um den heißen Brei herumzureden oder den scheinbar sicheren Mittelweg einer verlogenen Ausgeglichenheit zu gehen. Denn die Anklage der Sexualfeindlichkeit stützt sich auf sehr starke Indizien, so dass in der Tat den Kirchen und ihrer Sexualmoral der Prozess gemacht werden muss. Aber nur in Unrechtssystemen mit ihren Ketzerverfahren steht das Urteil vor Prozessbeginn fest. Ein plurales und demokratisches Verfahren hingegen lebt von Rede und Gegenrede, von den anklagenden bzw. verteidigenden Plädoyers. Deshalb will die folgende Darstellung nicht nur schonungslos die Schattenseiten aufzeigen und wo sie sind, sondern auch das Licht, in dem das Verhältnis von christlicher Religion und menschlicher Sexualität auch gesehen werden kann. Die Verteufelung der sexuellen Freude ist - traditionell gesprochen - ebenso "Götzendienst" wie eine sich selbst vergottende erotische Lust.
Wer zur Bußfertigkeit aufruft, sollte selbst bußfertig sein: Erst durch rückhaltlose Selbstkritik und Schulderkenntnis tritt Läuterung ein und das Christentum erhält - ebenso wie seine Ableger, die Kirchen - die Chance, sich seiner eigenen alternativen Möglichkeiten zu erinnern. Die physischen und psychischen Opfer, die eine verlogene Sexualmoral gefordert hat, können durch nichts und niemanden entschuldigt werden. Aber man trägt sicher ein Stück Schuld ab, wenn man sie als Anklagen gegen sich selbst wahrnimmt. Auf Opfer zu hören ist ein erster Schritt zu ihrer Rehabilitierung. Sie sind die Wegzeichen, die vor Sackgassen und Holzwegen warnen und die zugleich in eine andere, nämlich positive und offene Richtung weisen. Denn sie wurden ja Opfer von Enge, nämlich die des Herzens und die des Denkens. Offenheit ist so das erste, was wir lernen können - im allgemeinen Zusammenleben wie in den Fragen von Erotik, Sexualität und Religion. Offensein heißt nicht, alles mitmachen und alles gutheißen; Offensein heißt vielmehr zunächst, neugierig zu sein, hinzuschauen, einzufühlen, nachzuempfinden und zu verstehen. Dann merkt man beispielsweise, dass ein Piercing-Ring an intimer Stelle ebenso wenig den Untergang des Abendlandes bedeutet, wie der Zungenkuss zweier Menschen, die sich als "schwul" verstehen. Zur Offenheit gehört selbstverständlich auch zuzugeben, dass die Kirche keine Sonderwelt ist und ihre AnhängerInnen nicht sektiererisch Eigengesetzlichkeiten folgen. Alle Varianten und Fallstricke, die Erotik und Sexualität bieten, finden sich auch unter so genannten "Frommen": Auch in Pfarrhäusern gibt es Rosenkriege und Scheidungen, sexuelle Gewalt und erotische Phantasien, Perversionen und sexuelle Routine, Treue und Untreue.
Offenheit meint die Fähigkeit zur Selbstrelativierung und zur Toleranz auch bei gegensätzlicher Lebenspraxis. Diese Sichtweise ist zweifelsfrei eine der besten Erbstücke unserer christlichen Tradition; ebenso wie die Forderung nach Menschlichkeit in der menschlichen Sexualität. Das meint zum einen: Es darf "menschein". Nicht zu Unrecht spricht man deshalb vom "ganz gewöhnlichen Chaos der Liebe". Erotik ist tendenziell chaotisch; sie sperrt sich gegen die Zweckrationalität und Prinzipienreiterei. Wo diese Auftreten ist Erotik schon perdu. Deshalb ist sie kein Betätigungsfeld der Dogmatik - und vielleicht wirken deshalb die kirchlichen Dogmatiken so unerotisch. Zum anderen meint "Menschlichkeit der Sexualität", dass alle Phantasien und Praktiken dort ihre Grenze haben, wo sich Inhumanität sexuell austoben will. In diesem Buch werden Beispiele genannt: von Zwangsprostitution bis zur erzwungenen Ehepflicht, von sexuellen Verstümmelungen bis zum sexuellen Missbrauch. Aber es werden auch Wege angedeutet, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu einer verantworteten und tatsächlich erotischen Sexualität finden können.
Wer finden will, muss suchen. Und das ist das eigentliche Anliegen dieses Bandes: nach gelingender, wahrhaft befriedigender und humaner Sexualität im Kontext christlicher Ethik zu suchen.
Es ist eine Pflichtübung, in Vorworten zu danken. Hier ist es mehr. Zu danken habe ich nicht nur denen, die mir bei der Herstellung des Manuskripts mit Rat und Tat zur Seite standen - in diesem Falle also Sibylle Wagner und Dr. Gerhard Welzel -, sondern auch den Konfirmandinnen und Konfirmanden, Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden, mit denen ich über viele Jahre hinweg immer wieder dieses "Thema der Themen" offen und vertrauensvoll besprechen konnte. Zu danken habe ich aber vor allem meiner Frau, die als Fachfrau und Partnerin eine heimliche Mitautorin war.