Vorwort
Dieses Buch hat mehrere Ursprünge. Es ist hervorgegangen aus einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekt mit dem Titel "Staatsbildung und Staatszerfall in der "Dritten Welt"", das von 1997 bis 2001 an der Universität Hamburg und dem Deutschen Orient-Institut, ebenfalls in Hamburg, durchgeführt wurde. Wissenschaft kostet Geld. Der DFG gebührt daher zunächst Dank für die Förderung des Projektes, das sich, wie die Welt auch sonst, schnell internationalisiert hat.
Der zweite Ursprung dieses Buches ist das sich aufstauende Ungenügen des Verfassers an der Beschränkung der Politikwissenschaft auf Phänomene westlicher, vor allem europäischer Politik. Die Forderung, Europa "zu provinzialisieren", die die postcolonial studies hervorgebracht haben, ist auch ein Antrieb für dieses Buch gewesen. In der Weltgesellschaft, um die es in diesem Buch geht, ist Europa eine Provinz unter anderen.
Der dritte Ursprung dieses Buches ist theoretischer Natur. Dabei geht es um die Überzeugung des Verfassers, dass die Gehalte der klassischen Soziologie bis heute unabgegolten sind. Vieles von dem, was in den vergangenen fünfzehn Jahren in den Sozialwissenschaften unter Stichworten wie "Konstruktivismus" oder "Kulturwissenschaft" als vermeintlich Neues re-importiert wurde, sind in Wahrheit alte Bekannte. Den Wert dessen, was Max Weber, Norbert Elias aber auch schon Karl Marx über moderne und sich modernisierende Gesellschaften gesagt haben, noch einmal zu prüfen, ist ein weiterer Antrieb dieses Buches gewesen.
Wie jedes Buch, so beantwortet auch dieses weniger Fragen als es aufwirft. Seine Absichten sind wahrscheinlich größer als der faktische Ertrag. Im Zentrum jedenfalls steht die Frage nach Macht und Herrschaft in der Weltgesellschaft, und zwar bezogen auf die staatliche Ordnung außerhalb dessen, was gewöhnlich "der Westen" oder "die OECD-Welt" genannt wird. Diese Zone ist bisher der eindeutige Fokus der sozialwissenschaftlichen Arbeit, zumal in Deutschland. Vier Fünftel der Menschheit aber leben woanders, und doch in derselben Welt. Seit mehr als 500 Jahren spannen sich politische Zusammenhänge über den ganzen Erdball. Zu einer Theorie, die diese Zusammenhänge umfassend behandeln würde, kann auch dieses Buch nur ein Beitrag sein. Eine solche Theorie wäre heute wohl nur noch in einem mehrbändigen Werk oder als kollektives Unternehmen möglich, zu komplex und zu vielfältig sind wohl mittlerweile die Vermittlungen, Schichtungen und Dynamiken geworden, die diesen universalen historischen Prozess ausmachen. Die Weltgesellschaft, der globale soziale Zusammenhang, ist dennoch nicht nur eine mitzudenkende regulative Idee aller theoretischen Bemühungen um das Politische, sondern auch ihr realexistierender Grund.
Auch dieses Buch ist also bloß ein Versuch, einiges Allgemeines zusammenzutragen. Das Problem staatlicher Herrschaft darf aber beanspruchen, für eine Vielzahl von aktuellen politischen Fragen zentral zu sein. Das betrifft nicht nur den Alarmismus über "globale Risiken", die sich faktisch eben doch nicht allen Weltbürgern in gleicher Weise stellen. Sondern diese Bedeutung resultiert vornehmlich aus der Frage nach der Lösung von Problemen überhaupt, für die die Politik überall auf der Welt Generalkompetenz beansprucht. Politik nun aber ohne Staat zu denken, scheint uns heute nicht mehr möglich. Im Westen behauptet der Staat seine Zuständigkeit für alle Lebensbereiche, und tatsächlich ist er überall präsent, vom Mutterschutz bis zur Friedhofsordnung. Im größten Teil der Welt ist das nicht so. Gesundheit, Erziehung, soziale Sicherheit überhaupt sind keineswegs überall Sache des Staates, weil dort politische Herrschaft fragmentiert, zufällig, erratisch und widersprüchlich ist. Oft ist sie nur lose mit dem Staat verbunden. Spätestens mit dem Export westlicher Modelle staatlicher Herrschaft im Zuge der europäischen Expansion lassen sich aber überall auf der Welt Versuche der Durchsetzung staatlicher Herrschaft, der Verstetigung staatlicher Macht, beobachten. Das Thema dieses Buches nun sind die widersprüchlichen Dynamiken dieser Versuche.
Wissenschaft ist gottseidank auch immer soziales Geschehen. Und schon entstehen Verpflichtungen und kollektive Gespinste des Geistes. Dank gebührt zunächst den Kolleginnen und Kollegen, deren Argumente und Gedanken an vielen Stellen in dieses Buch eingeflossen sind, auch wenn ihnen dabei nicht immer Gerechtigkeit widerfuhr. Der Diskussionszusammenhang, der sich zwischen Seattle, Bordeaux, Paris und Hamburg entsponnen hat, ist für die hier entwickelten Überlegungen zentral geworden. Beatrice Hibou, Joel Migdal, Tom Lewis, Jean-Louis Rocca, Jean-François Médard und François Prkic haben seit 1997 mit Widerspruch, Zustimmung und Ergänzung mein Denken über den Staat wesentlich bereichert.
Kollegen aus Hamburger Zusammenhängen haben nicht nur Teile des Manuskripts kritisch kommentiert, sondern ebenfalls formierend gewirkt. Das gilt für Jens Siegelberg, Dietrich Jung, Andreas Reckwitz und Boris Wilke, ebenfalls Mitarbeiter im genannten Projekt. Klaus Jürgen Gantzel und Udo Steinbach haben diesem Projekt übrigens mit wahrhaft hanseatischer Liberalität vorgestanden.
Dejan Arsenijevitsch und David Kibikyo möchte ich stellvertretend für all jene in Serbien und Uganda danken, die während meiner Feldforschungen in den vergangenen Jahren meine naiven Fragen mit Geduld und Zeit beantwortet haben. Aus diesen Gesprächen habe ich gelernt, dass man die Dinge auch anders sehen kann, als es die Lehrbücher auf Deutsch, Englisch und Französisch behaupten. Ein weiterer wichtiger Diskussionszusammenhang für diese Arbeit war die "Nachwuchsgruppe Mikropolitik bewaffneter Gruppen" an der Humboldt-Universität zu Berlin, der in Gestalt ihrer "informellen Sprecherin" für Widerspruch und Unterstützung gedankt sei. Kristin Lähnemann und Barbara Lemberger haben mir nicht nur viele Wege erspart, sondern auch auf einiges abseits Liegendes hingewiesen. Meike Westerkamp, Teresa Koloma Beck und Alexander Veit danke ich für die kritische Durchsicht letzter Versionen.
Schließlich ist dieses Buch in einer älteren Fassung auch eine Habilitationsschrift an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität zu Frankfurt am Main gewesen. Der Betreuer der Arbeit, Lothar Brock, und die beiden weiteren Gutachter, Gert Krell und Wolfgang Fach, haben mit ehrlicher Kritik stark zur Verbesserung dieses Textes beitragen. Für alle trotz dieser Einbettungen dennoch entstandenen Irrtümer und Unzulänglichkeiten übernehme ich gern selbst die vollständige Verantwortung.
Berlin im April 2005