Vorwort
Vor gut einem Jahr habe ich Abschied von "meiner" Schule genommen - und diese Schule von mir. An sechs Tagen wurde ich jeweils von einem anderen Jahrgang eingeladen. Es wurde Theater gespielt, gesungen, getanzt, vorgetragen und erzählt. Es war, als wollten Lehrer und Schüler, dass ich später mit guten Erinnerungen an diesen Abschied zurückdenken sollte. Sie feierten mit mir, aber sie feierten zugleich ihre Schule und sich selbst. Am Ende gab es dann noch ein beglückendes "öffentliches" Fest für die ganze Schule und viele Gäste: fröhlich und wehmütig zugleich.
Mir ist dieser Abschied sehr schwer gefallen. Wer die folgenden Seiten gelesen hat, wird ahnen, warum. Neunzehn Jahre war ich Schulleiterin der Helene-Lange-Schule. Blicke ich zurück, war sie in dieser Zeit der Teil meines Lebens, der mich mehr als alles andere beschäftigt hat - auch in den Ferien und manchmal bis in meine Träume. Gemeinsam mit Schülern, Lehrern und Eltern habe ich mich dort über Erfolge gefreut und über Misserfolge geärgert, bin Wege und Umwege gegangen, habe Konflikte durchstehen müssen, die anfangs oft ausweglos erschienen, dann aber doch in guten Lösungen endeten. Herzliche Zuwendung und unerschütterbare Solidarität sind mir - manchmal ganz unerwartet - begegnet, aber auch Misstrauen und, gelegentlich, offene Feindseligkeit. Immer wieder musste ich auch meine eigene Mutlosigkeit und die Versuchung zur Resignation überwinden - und konnte das, weil es so oft Stunden und Tage gab, in denen wir alle ganz unmittelbar erlebten: "Es hat sich gelohnt!" Aus kleinem Abstand zurückblickend: Es waren "wunderbare Jahre". Ich hoffe, nein, ich bin sogar sicher, dass viele, die an ihnen teilhatten, diesem Urteil auch für sich zustimmen würden.
Nach und nach habe ich verstanden, was dafür vermutlich die wichtigste Voraussetzung war: Viele von uns hatten einen "Traum" - neuerdings sagt man stattdessen gern: eine "Vision". Anfangs war dieser Traum noch ziemlich nebelhaft. Eine wichtige Erkenntnis vor allem aus den ersten zehn Jahren war, dass er im Lauf der Zeit durch Versuch und Irrtum immer konkreter und handfester wurde, ohne seine Faszination zu verlieren. Wir träumten von einer Schule, an der Schüler und Lehrer möglichst jeden Tag aufs Neue die Erfahrung machen könnten: Es ist gut, dass ich hier bin. Was ich tue, ist sinnvoll und befriedigt mich, auch und gerade dann, wenn es anstrengend oder schwierig ist. Ich kann stolz sein auf das, was ich zusammen mit anderen geschafft habe.
Natürlich waren wir bei Rückschlägen enttäuscht oder gar verzweifelt. Aber letztlich waren es wohl dieser Traum und die ersten Umrisse seiner Verwirklichung, die uns in solchen Augenblicken die Kraft gegeben haben, es dann gemeinsam noch einmal zu probieren - vielleicht auf einem etwas anderen Weg.
Von einigen Umrissen der Verwirklichung unseres Traums berichtet dieses Buch. Ich wünsche mir, es möchte vor allem andere Schulen, Eltern, Kollegien, Schulleiter ermutigen, sich auf den Weg zu machen. Zugleich ist es mein Dank an diese Schule für die wunderbaren Jahre.