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Das Buch vom meditativen Leben
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Vorwort der Herausgeberin

Chögyam Trungpa ist westlichen Lesern vor allem durch seine Bücher über die Lehren des Buddhismus bekannt, darunter so vielgelesene Werke wie Spiritueller Materialismus, Das Märchen von der Freiheit oder Aktive Meditation. Das vorliegende Buch unterscheidet sich jedoch ganz wesentlich von den bisherigen Arbeiten. Obgleich die Shambhala-Lehre, wie der Autor deutlich macht, vom Buddhismus und seiner Erfahrungswelt geprägt ist und obgleich auch von der Bedeutung der Meditation in der traditionellen Sitzhaltung die Rede ist, hat dieses Buch einen eher weltlichen als religiösen Charakter. Kaum ein halbes Dutzend tibetischer Begriffe finden im Text Verwendung, dafür spricht das Buch durch Tonfall und Inhalt direkt - und manchmal schmerzhaft direkt - die Erfahrung und Herausforderungen des Menschseins an.

Schon durch den Namen, mit dem der Autor seine Einführung signiert - Dorje Dradul von Mukpo -, unterscheidet er dieses Buch von seinen früheren. Hier geht es um den Weg des Kriegers, den Weg der Tapferkeit, den jeder gehen kann, der ein authentisches und furchtloses Leben sucht. Der Titel Dorje Dradul bedeutet soviel wie «unzerstörbarer» oder «demantener Krieger». Mukpo ist der Familienname des Autors, der jedoch schon in seiner Kindheit durch den buddhistischen Titel Chögyam Trungpa Rinpoche ersetzt wurde. Im elften Kapitel erzählt der Autor davon, welche Bedeutung der Name Mukpo für ihn hat, und weist damit darauf hin, warum er ihn in diesem Zusammenhang verwendet hat.

Chögyam Trungpa benutzt die Legende und die Bilderwelt des Shambhala-Königreichs als Hintergrund für seine Darstellung, macht aber zugleich deutlich, daß er hier nicht die buddhistische Kälachakra-Lehre über Shambhala vorlegen will. Vielmehr bezieht er sich auf ein uraltes Wissen, dessen Ursprünge sich im Dunkel der Vorgeschichte verlieren, für das aber die vorindustriellen Zivilisationen von Tibet, Indien, China, Japan und Korea ein beredtes Zeugnis sind. Insbesondere bezieht dieses Buch seine Inspiration und Bildersprache aus der Kriegerkultur Tibets, die älter ist als der Buddhismus und ihren prägenden Einfluß auf die tibetische Gesellschaft bis zur chinesischen Invasion 1959 behielt. Doch welchen Quellen die hier beschriebene Weltsicht auch entsprungen sein mag, sie ist bisher noch nirgendwo sonst dargestellt worden. Sie ist eine ganz eigenständige und unvergleichbare Aussage über die Situation der Menschheit und das Potential der menschlichen Existenz - aufrüttelnd durch ihren beinahe unheimlich vertrauten Klang: Es ist, als hätten wir die Wahrheit, die hier ausgesprochen wird, schon immer gekannt.

Das Interesse des Autors am Shambhala-Reich geht auf seine Zeit in Tibet zurück, während der er oberster Abt der Surmang-Klöster war. Schon als junger Mann studierte er tantrische Texte über das legendäre Shambhala-Reich, über die Wege dorthin und über dessen innere Bedeutung. 1959, auf der Flucht vor den kommunistischen Chinesen, schrieb Chögyam Trungpa über den spirituellen Gehalt der Geschichte von Shambhala, doch diese Arbeit ging leider unterwegs verloren. James George, der frühere Hohe Kommissar Kanadas in Indien und persönlicher Freund des Autors, berichtet, Chögyam Trungpa habe ihm 1968 erzählt, er sei zwar nie in Shambhala gewesen, glaube aber an seine Existenz und könne es sogar sehen, wenn er in tiefer Meditation in seinen Spiegel blicke. Dann erzählt George, wie er einmal Zeuge war, als der Autor in einen kleinen Handspiegel schaute und das Königreich Shambhala in allen Einzelheiten beschrieb: «Da saß Trungpa in unserem Arbeitszimmer und beschrieb, was er sah, als schaute er aus dem Fenster.»

Als Chögyam Trungpa dann in den Westen kam, scheint er das Thema «Shambhala» trotz seines tiefen Interesses zunächst bis auf gelegentliche Randbemerkungen gemieden zu haben. Erst 1976, wenige Monate vor Beginn einer einjährigen Periode der Zurückgezogenheit kam er wieder auf die Bedeutung der Shambhala-Lehre zu sprechen. Beim Vajradhätu-Seminar dieses Jahres, einem dreimonatigen Schulungskurs für Fortgeschrittene, hielt er mehrere Vorträge über das Shambhala-Prinzip. Im nächsten Jahr begann er während seiner Zurückgezogenheit mit der Niederschrift einer Reihe von Essays über Shambhala, und er forderte seine Schüler auf, ein weltliches, öffentliches Meditationsprogramm einzuführen, dem er den Namen «Shambhala-Schulung» gab.

Seit dieser Zeit hat der Autor weit über hundert Vorträge zum Themenkreis der Shambhala-Weltsicht gehalten, manche davon vor den Teilnehmern des Shambhala-Schulungsprogramms, die meisten aber vor den Leitern und Lehrern dieses Programms. Einige dieser Vorträge wurden in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten öffentlich gehalten. Schließlich wurde noch eine Gruppe von Vorträgen zu einem öffentlichen Seminar unter dem Thema «Der Shambhala-Krieger» zusammengefaßt, das Chögyam Trungpa 1979 zusammen mit Ösel Tendzin am Naropa-Institute in Boulder, Colorado, abhielt.

Um ein Konzept für das vorliegende Buch zu finden, hat die Herausgeberin unter der Führung des Autors sämtliche Vorträge zum Thema gesichtet und für jedes Hauptmotiv des Buchs die beste oder für den ins Auge gefaßten Zweck am besten geeignete Darstellung ausgesucht. Zusätzlich hat der Autor Originalbeiträge verfaßt, vor allem die Betrachtung über die Edlen Tugenden «sanftmütig», «munter» und «unerhört», die ins 20. Kapitel aufgenommen wurde; den Abschnitt über die Edle Tugend «unergründlich» (ebenfalls in Kapitel 20) hatte er bereits während seiner Klausur im Jahre 1977 verfaßt.

In der Entscheidung über die Kapitelfolge und die logische Progression der Themen haben wir uns überwiegend an den ursprünglichen Vorträgen orientiert. Beim Studium des Materials konnten wir feststellen, daß die Shambhala-Lehre nicht nur der Logik des Verstandes, sondern auch der Logik des Herzens folgt. Ebenso auf Intuition wie auf den Intellekt gegründet, bildet das Gewebe dieser Lehren die menschliche Erfahrung in komplexen und manchmal sogar scheinbar gegenläufigen Mustern ab. Um diesen Charakter zu bewahren, haben wir die Struktur des Buchs aus dem ursprünglichen Aufbau der Vorträge abgeleitet. Es liegt in der Natur des Materials, daß sich hieraus manchmal paradox oder gar widersprüchlich erscheinende Darstellungen bestimmter Gegenstände ergeben. Dennoch kamen wir zu der Ansicht, daß der Fluß und die Geschlossenheit des Ganzen am besten gewahrt blieben, wenn wir uns an die innere Logik der ursprünglichen Darstellung hielten.

Diese Achtung vor der Integrität des Originals bestimmte auch die sprachliche Bearbeitung. So nimmt der Autor zum Beispiel gern geläufige Begriffe wie etwa «Güte» und gibt ihnen einen ungewöhnlichen Sinn.* Das trägt dazu bei, unseren Blick für das zu öffnen, was Chögyam Trungpa die «Heiligkeit des Alltäglichen» nennt. Zugleich entkleidet er damit auch Begriffe wie «das Magische» ihres esoterischen Charakters und zeigt, welchen sehr realen Sinn sie in unserer normalen Erfahrungswelt annehmen können. Manches mag durch diese Technik, den gewohnten Sprachgebrauch hier und da ein wenig zu strecken, zunächst fremd klingen, aber es zeigt sich, daß so mit einfachsten sprachlichen Mitteln ein subtiles Verständnis geweckt werden kann. Bei unserer redaktionellen Arbeit haben wir uns bemüht, die Stimme des Autors möglichst unverfälscht sprechen zu lassen.

Schon bevor die editorische Arbeit für dieses Buch begann, sind etliche der Vorträge bereits für den Gebrauch im Rahmen des Shambhala-Schulungsprogramms bearbeitet worden. Den daran Beteiligten sei herzlich gedankt, denn sie haben uns die Herausgabe dieses Buches mit ihrer Vorarbeit beträchtlich erleichtert.

Gliederung und Aufbau der Shambhala-Schulung waren uns bei der Ordnung des Materials ebenfalls eine große Hilfe, und wir danken allen, die diesen Aufbau im Verlauf der letzten Jahre gemeinsam mit dem Autor entwickelt haben. Unser besonderer Dank gebührt Ösel Tendzin, dem Mitbegründer der Shambhala-Schulung und Chögyam Trungpas Dharma-Nachfolger. Er hat uns während der ganzen Dauer der Arbeit beraten, indem er zunächst den ursprünglichen Anlageplan des Buchs kritisch begutachtete und uns in den verschiedenen Stadien der Entwicklung immer wieder mit Rat und Kritik zur Seite stand.

Eine ähnliche Rolle spielte auch Mr. Samuel Bercholz, unser Verleger. Wie schon der Name «Shambhala Publications» zeigt, den er seinem Verlag 1968 gab, fühlt er sich dem Shambhala-Reich und seiner Weisheit tief verbunden. Sein Glaube an dieses Projekt und sein stets waches Interesse daran bildeten einen großen Teil der Antriebskraft für die Entwicklung und Fertigstellung des Manuskripts. Nicht zuletzt danken wir auch Ken Wilber, dem Herausgeber der New Science Library und Autor von Halbzeit der Evolution* und anderen Büchern. Er hat das fertige Manuskript gelesen, und seine detaillierten und pointierten Kommentare führten zu beträchtlichen Änderungen in der endgültigen Fassung.

Es ist hier leider nicht möglich, all jene namentlich zu erwähnen, die uns mit ihrer Arbeit mittelbar oder unmittelbar geholfen haben, doch unser Dank gilt einem jeden von ihnen. Noch weniger möglich ist es aber, unseren Dank gegenüber dem Autor dieses Buchs zum Ausdruck zu bringen. Er hat nicht nur auf der sachlichen Ebene eng mit den Herausgebern zusammengearbeitet, sondern schien auch eine Atmosphäre von Magie und Kraft zu schaffen, von der das ganze Projekt durchtränkt und inspiriert wurde. Das mag ziemlich hochtrabend klingen, aber wer dieses Buch gelesen hat, wird vielleicht verstehen, was wir meinen. Der Autor schien diesen Text mit Kraft zu erfüllen, so daß er sich über die begrenzte Sicht seiner Herausgeber erheben konnte. Uns bleibt nur zu hoffen, daß wir ihn nirgendwo verdunkelt oder verwässert haben. Möge die Shambhala-Lehre dazu beitragen, alle Wesen von der Bedrohung durch die untergehende Sonne zu befreien.

Carolyn Rose Gimian Boulder, Colorado

* Um diesen Sinn genauer zu treffen, ist das Wort mit «Gutsein» ins Deutsche übersetzt (Anm. d. Übers.).
* Scherz Verlag, Bern, München, Wien, 1984.

 
   


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