Zu diesem Buch
Untersuchungen zeigen, dass traumatisierte Menschen deutlich häufiger von Drogen, Alkohol oder Medikamenten abhängig werden als Nichttraumatisierte. In diesem Band werden erstmals praktische behandlungstechnische Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen diskutiert und konzeptualisiert. Die Kernfrage lautet: Wie muss eine spezifische psychotherapeutische Behandlung beschaffen sein, damit Menschen mit Gewalterfahrungen ihre "Selbsttherapie" der Betäubung aufgeben können? Hierfür gibt das Buch eine erste Orientierung. Gleichzeitig wird das Suchthilfesystem aufgefordert, bisherige zentrale Behandlungsparadigmen zu überdenken und zu revidieren.
Ingo Schäfer, Dr. med., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg und an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; Forschungsschwerpunkt: Trauma und Sucht.
Prof. Michael Krausz, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie, ist Gründungsdirektor des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg; stellvertretender Leiter der Sektion "Sucht" bei der "World Psychiatrie Association", Mitherausgeber der Zeitschrift "Suchttherapie", Editor von "European Addiction Research".
Alle Bücher aus der Reihe "Leben Lernen" finden sich unter www.klett-cotta.de/lebenlernen
Vorwort
Das Thema dieses Buches ist überfällig. Es gehört zu den im Rückblick unverständlichen Realitäten unseres Wissenschafts- und Versorgungssystems, dass eine offensichtliche Koinzidenz über Jahrzehnte erkannt, aber nie beachtet wurde. Menschen, die oft unglaubliche Leidensgeschichten durchlebt haben, erhalten nur im Ausnahmefall die Unterstützung, die sie brauchten, um von den eigenen, oft untauglichen Bewältigungsstrategien lassen zu können. Vielmehr wird oft die Motivationsund Behandlungsschwelle so hoch wie möglich gelegt, statt alle Behandlungssettings, von der Entgiftung bis zur Notfallversorgung, zu nutzen, um ein Umlernen zu unterstützen. Es ist ebenfalls prototypisch für unser Versorgungssystem, dass die Veränderungsimpulse aus dem klinischen Bereich kommen, von engagierten Therapeutinnen wie Luise Reddemann, die aus der klinischen Erfahrung heraus zur Vorkämpferin eines anderen Umgangs mit dieser Gruppe von Betroffenen geworden ist, während sich die offizielle Forschungsförderung und psychiatrische Wissenschaft diesen klinisch so relevanten Fragen bisher nur auf sehr begrenztem Niveau zuwendet.
Dass akute wie chronische Traumatisierungen für das psychische Wohlbefinden von Bedeutung sind, macht die theoretische Debatte z. B. in der Psychoanalyse seit 100 Jahren deutlich. Dass daraus für die Modellbildung der Psychiatrie und die Gestaltung der Behandlung so wenige Konsequenzen gezogen wurden, sagt mehr über das Fach als über die Bedeutung dieses Erfahrungshintergrundes für Suchterkrankungen und andere psychische Störungen. Die Weiterentwicklung und Differenzierung der Hypothese der "Selbstmedikation" könnte eine relevante Konsequenz sein, weil sie klinische Bezüge eröffnet. Es wird notwendig, nach Ansatzpunkten für einen anderen Umgang mit der Traumatisierung in der Lebensgeschichte Süchtiger zu suchen, will man ihnen besser gerecht werden. Die erschreckende Belastung von Suchtpatienten mit weiteren psychischen Störungen unterstreicht, dass das Problem der wenigsten Betroffenen nur das Zuviel an Konsum psychotroper Substanzen ist. Komorbidität ist die Regel, die Belastung z. B. mit Suizidalität macht sie zusammen mit affektiven Störungen zur bedrohtesten Patientengruppe überhaupt.
Ein wichtiges Anliegen dieses Buches ist es darum, anknüpfend an die Literatur, die sich in den letzten Jahren verstärkt dem Thema der Vernachlässigung, Gewalt und Traumatisierung widmet, die Diskussion in das Suchthilfesystem zu tragen, um insgesamt zentrale Paradigmen zu überdenken und zu revidieren. Die Beiträge in diesem Buch verstehen sich in diesem Kontext als Anstoß und Beginn einer zu führenden Diskussion, nicht als Schlussbetrachtung. Sie können viele Themen auch nur streifen oder erste Erfahrungen vermitteln und Interesse wecken. Wir hoffen in jedem Fall, dass sie dazu beitragen, die Dinge zu verändern.
Hamburg, im Oktober 2005
Ingo Schäfer, Michael Krausz