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Tiefenpsychologie lehren - Tiefenpsychologie lernen
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Vorwort



Wir - die Verfasserinnen dieses Buches - haben im Laufe der letzten Jahre Erfahrungen mit einer neuen An von Ausbildung in Psychotherapie sammeln können. An der "Berliner Akademie für Psychotherapie" (BAP) konzipierten wir eine Ausbildung in Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, die 1999 die Anerkennung durch die Behörden und die Kassenärztliche Vereinigung erhielt.

Dabei sind nicht so sehr die Inhalte dieser Ausbildung neu. Hier orientierten wir uns am Psychotherapeutengesetz und der zugehörigen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung und an dem, was wir - über die gesetzlichen Forderungen hinaus - an psychoanalytischer Theorie für eine/n künftige/n Psychotherapeutin/en für wichtig und sinnvoll halten. Diese Inhalte werden in ähnlicher Form auch von den bisherigen Instituten vermittelt, die meist vereinsrechtlich organisiert und nicht an psychologische Institute der Universitäten angeschlossen sind.

Das Besondere an unserer Konzeption ist zum einen im Setting begründet. Wir bilden nicht in Abendseminaren, berufsbegleitend, aus, sondern organisieren Kompakt-Seminare an Wochenenden, in denen in mehreren Blöcken von meistens 5 Stunden ein Thema vorgestellt wird. Dies verlangt aber eine neue Didaktik. Es ist nämlich nur schwer möglich und wenig sinnvoll, hintereinander 15 bis 20 Stunden frontal zu unterrichten. Dozentinnen und Hörerinnen wären überfordert, gelangweilt und übermüdet.

Unsere Arbeitsgruppe (die aus etwa 15 Kolleginnen der BAP besteht) hat sich daher in langen Diskussionen immer wieder bemüht, neue didaktische Formen zu finden. Da wir es mit der Ausbildung zur/m Psychotherapeutin/en mit einer Ausbildung zu tun haben, die auch in jedem Theoriebestandteil persönliches Erleben betrifft, sollte dieser selbstanalytische Aspekt auch didaktisch berücksichtigt werden. Wir haben daher versucht, jedes Thema so aufzubereiten, daß Selbsterleben, biographische Erinnerungen und darüber hinaus die Identifikation mit dem Gebotenen möglich sind. Dies bedeutet, daß jeder Lehrinhalt neue Methoden der Darstellung erfordert, die dem jeweiligen Thema adäquat sind. Das zentrale Anliegen des Buches ist also ein didaktisches.

Allerdings ist das nicht alles. Wir wollen auch theoretische Inhalte der Ausbildung zur Diskussion stellen - nämlich diejenigen, die unserer Meinung nach in manchen Instituten bisher zu kurz gekommen sind. Es sind dies einerseits kulturtheoretische Themen (wiederum mit besonderer Didaktik ausgerichtet), andererseits aber auch technische Überlegungen zu demjenigen Verfahren, das in Deutschland Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie heißt und in den meisten anderen Ländern als Psychodynamische Therapie bezeichnet wird. Dazu kommen noch - vom Gesetz vorgeschrieben, aber durchaus im Sinn unserer eigenen Überlegungen - Bestandteile anderer Therapieverfahren, die geeignet scheinen, das technisch-methodische Inventar gerade der tiefenpsychologisch arbeitenden Kolleginnen zu verbessern. Daß hier nicht irgendein willkürliches Methodenmischmasch entsteht: dafür müssen eben eine stringente theoretische und praktische Ausbildung sowie die Lehrtherapie sorgen.

Wir sind der Meinung, daß ein methodenspezifisches Vorgehen, das auch Perspektiven und Interventionsformen anderer Therapieverfahren berücksichtigt, den Heilungsprozeß vieler Patientinnen fördert. Viele Kolleginnen betreiben in ihrer Praxis zwar schon eine solche Arbeit, oftmals begleitet von einem der Schulenspezifik geschuldeten schlechten Gewissen. Es wird aber noch viel praktische Erfahrung und Forschung nötig sein, um die Möglichkeiten, die das Gesetz andeutet, nutzbar zu machen. Vieles ist möglich, man sollte aber wissen, warum man es tut.

Der im Gesetz intendierte weitere Blick, den alle Psychotherapeutinnen haben sollten, ist besonders wichtig für Kolleginnen, die auf psychoanalytischer Basis arbeiten. Die Psychoanalyse, die dem Zeitgeist immer widerstehen und "unzeitgemäß" bleiben muß, sollte sich dennoch aus dem Korsett sektenhafter Abschottung befreien. Gerade an dem On, wo die Befreiung des Menschen im Sinne der Aufklärung theoretisch gedacht und auch praktisch anvisiert worden ist, ist durch vorschnelle Festlegungen, festgefahrene Hierarchien und arrogante Abgrenzungen viel Porzellan zerschlagen worden. Bei manchen Fachgesellschaften oder Instituten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es handle sich um eine Art Herrenreiter-Club. Wir bemühen uns, aus alten Fehlern, die sich durch die Geschichte der Psychoanalyse hindurchziehen, zu lernen. Nicht alles ist gelungen, Lehrgeld haben auch wir gezahlt und zahlen es noch. Aber wir sind frohen Mutes, weil wir inzwischen doch einiges an Neuem geschaffen haben.

Wir können in diesem Buch nicht alle unterrichteten Inhalte behandeln. Es werden exemplarisch diejenigen dargestellt, die von den Verfasserinnen des Buches persönlich erprobt wurden. Allerdings sind es zentrale Themenkomplexe, die wir hier erläutern. Methodenübergreifende Themen haben wir nicht dargestellt, das Buch bezieht sich nur auf tiefenpsychologische Inhalte. Da wir in der BAP zwei Lehrgänge vertreten - Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie - und die Dozentinnen beider Richtungen sich oft gut kennen, konnten wir ziemlich bald "Dozentinnenpaare" finden, deren Arbeit sich gut ergänzt. So wurde z. B. ein gemeinsames Fallseminar konzipiert, in dem anhand der Videodarstellung eines schweren Falles von Agoraphobie die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen dargestellt werden. Ausgehend von jeweils überblicksartigen Darstellungen der in den beiden Therapierichtungen vertretenen Angsttheorien wird diskutiert, welcher Fokus bei einer Anamnese ausgewählt wird, welche Interventionen sinnvoll erscheinen und welche behandlungstechnischen Schwerpunkte gesetzt werden. Geschickte Dozentinnen können herausarbeiten, in welcher Hinsicht sich die beiden Ansätze ergänzen bzw. widersprechen.

Auch ein Propädeutikum zu Beginn der Ausbildung dient einem vertieften Verständnis der beiden Richtungen füreinander. Es werden dort neben einer allgemeinen Geschichte der Psychotherapie die psychoanalytischen Richtungen sowie die verschiedenen Zweige der Verhaltenstherapie dargestellt. Es gibt zahlreiche Klientinnen, bei denen sich beide Denkweisen - eine, die mehr das Innenleben, und eine, die mehr die äußere Realität fokussiert - sinnvoll ergänzen. Wir denken dabei an Suchterkrankte, psychiatrische Patientinnen, geriatrische Fälle, Traumatisierte u.v.a.m., die oft von einem sozial- und psychotherapeutischen Setting profitieren. Wir verdeutlichen in diesem Seminar zudem im Rollenspiel Formen interdisziplinären Arbeitens: So wird zum Beispiel eine Helferkonferenz durch Ausbildungskandidatinnen simuliert, an der ein Sozialarbeiter, ein Arzt, eine Psychotherapeutin, ein Vormund und eine Vertreterin der Gesundheitsbehörde teilnehmen.

Dieses Buch soll also Anregungen geben. Wir Autorinnen haben alle psychoanalytische oder tiefenpsychologische Ausbildungen erfahren und in mancherlei Hinsicht Mängel dieser Ausbildung erleben müssen. Daß wir unsere Ideen von einer verbesserten Ausbildung gerade in didaktischer Hinsicht realisieren können, ist uns ein besonderes Anliegen. Es erfüllt uns mit Dankbarkeit, daß Klett-Cotta uns die Möglichkeit bietet, diese Ideen auch an Kolleginnen weiterzugeben.


Berlin, im Frühjahr 2003 Eva Jaeggi
Günter Gödde
Wolfgang Hegener
Heidi Möller




 
   


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