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Gestalttherapie
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Vorwort



An einem Sonntagnachmittag im Dezember des Jahres 1951 feierten Laura und Frederick S. Perls im Kreis einiger Schüler, Kollegen und Freunde in ihrer Wohnung (dem späteren The New York Institute for Gestalt Therapy) in West Manhattan die Veröffentlichung eines bemerkenswerten Buches, das einige Tage zuvor bei Julian Press unter dem Titel Gestalt Therapy - Excitement and Growth in the Human Personality erschienen war. Als Autoren wurden Frederick S. Perls, Ralph Hefferline und Paul Goodman genannt: eine Angabe, die damals niemand in Frage stellte. Einige Jahre später sollte sie jedoch zu weiteren Mysterien und Mythen gehören, die sich um die Entstehungsgeschichte dieses Buches ranken, und deren um Aufklärung bemühte Diskussion gegenwärtig in der einschlägigen Literatur weiterhin gefuhrt wird. Zum damaligen Zeitpunkt stellte das Buch aber auch die Krönung der mehrjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit von Laura und Frederick S. Perls und Paul Goodman dar, die heute als Begründer der Gestalttherapie gelten.

Als 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, Lore und Friedrich (wie sie damals hießen) Perls wegen ihrer jüdischen Abstammung und ihres antifaschistischen politischen Engagements mit ihrer zweijährigen Tochter Deutschland verließen, konnte keiner der beiden ahnen, welch dramatische und tragische Zeit auf sie bis zum oben erwähnten Sonntag wartete.

Über Amsterdam führte die Auswanderung nach Johannesburg, wo beide Perls (im Auftrag und mit Hilfe des Freud-Biographen E. Jones) das erste psychoanalytische Institut in Südafrika gründeten und erfolgreiche psychoanalytische Praxen etablierten. Vor allem die Verluste nahezu sämtlicher Familienmitglieder in Deutschland, der Krieg und sein Ende sowie die veränderte politische Situation in Südafrika veranlaßten die um einen Sohn erweiterte Familie Perls zu einer erneuten transkontinentalen Auswanderung: Sie zogen nacheinander (zuerst F. S. Perls 1946 und der Rest der Familie 1947) nach New York um. Dort fand die für die Begründung des Psychotherapieverfahrens Gestalttherapie sowie die für das Verfassen des gleichnamigen Buches entscheidende Begegnung zwischen dem Ehepaar Perls und Paul Goodman statt.

Paul Goodman, ebenfalls jüdischer Abstammung, damals bekannt und gefürchtet als radikaler Literat und Sozialkritiker, stellte für L. und F. S. Perls einen idealen Partner dar. Mit seinem enzyklopädischen Hintergrund, seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse sowie in seiner Eigenschaft als Poet und Schriftsteller ergänzte er die beiden Perls nahezu ideal in ihrem Vorhaben, jenseits der Psychoanalyse und Verhaltenswissenschaften einen neuen psychotherapeutischen Ansatz zu konzipieren und zu formulieren.

Bereits in Südafrika, in ihrer "splendid isolation", weit entfernt von der psychoanalytischen Bewegung, setzten sich die beiden Perls kritisch mit der Psychoanalyse auseinander. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung formulierten sie eine Revision der Psychoanalyse, die 1944 als Buch1 erschien. Viele Ideen, Begriffe, Konzepte und Methoden der späteren Gestalttherapie wurden bereits hier in ihrer Rohform präsentiert.

In dem Zusammenwirken der drei stellte F. S. Perls zweifellos die treibende Kraft auf dem Weg in Richtung zu einer Begründung eines neuen Psychotherapieverfahrens dar. Er war ebenfalls der Hauptinitiator bei dem Vorhaben, ein Buch zu verfassen, welches das Manifest des neuen Ansatzes werden sollte. Als Grundlage für das geplante Buch diente ein von F. S. Perls verfaßtes Manuskript, das leider nach dem Erscheinen des Buches verlorengehen sollte.

Der hier vorliegende theoretische Teil des Buches gilt heute als Gemeinschaftsarbeit der drei Begründer der Gestalttherapie, während der praktische Teil als Gemeinschaftsarbeit von F. S. Perls und R. Hefferline gesehen wird.

In unserem Kontext2 gebührt Paul Goodman besondere Aufmerksamkeit als radikalem Literat und existentiellem Poet. Wir können wohl davon ausgehen, daß er gerade durch seinen originellen Umgang mit der Sprache als literarischem Werkzeug und Medium beim Formulieren seiner und der Perlsschen Ideen diesem Theorieteil die entscheidende Form und Struktur verlieh, und daß er daher eindeutig als dessen Verfasser und auch als Sprachrohr der drei zu nennen ist.

Die Rolle von L. Perls ist dabei am schwierigsten einzuschätzen. Sie wirkte am liebsten im Hintergrund und zeigte keinen Ehrgeiz, im Rampenlicht zu stehen, so daß sie auch darauf verzichtete (wie schon zuvor in Südafrika), als Co-Autorin genannt zu werden.

Der als Co-Autor genannte R. Hefferline, damals Assistent Professor und später Professor für Psychologie an der Columbia University, beteiligte sich lediglich, wie oben erwähnt, als Co-Autor des praktischen Teils.

Als alle Arbeit getan und alles gesagt war, bestand A. Ceppes, der Verleger, entgegen dem ursprünglichen Plan der Autoren darauf, daß das Buch mit dem praktischen Teil beginnen sollte: ein akademisch ungewöhnliches Vorgehen, diese Umkehrung der Reihenfolge eines Buches, das später bei der Bewertung des Theorieteils zu häufigen Konfusionen führte, die im deutschsprachigen Raum mit der Herausgabe zweier separater Bücher elegant gelöst wurden.

Die Herausgabe des Buches markierte schließlich auch die offizielle Geburtsstunde der Gestalttherapie als einem neuen innovativen psychotherapeutischen Ansatz. Sowohl das Buch als auch der Ansatz können aus heutiger Sicht in der Psychotherapiegeschichte als eine der Übergangskonzeptionen von der Moderne zur sogenannten Postmoderne angesehen werden. Die oben genannten Autoren bewegen sich weg von der modernen kartesianisch-reduktionistischen Tradition hin zur expliziten Würdigung des Chaos, indem sie die Vergeblichkeit eines Studiums isolierter Teile (Figuren) ohne Berücksichtigung der komplexen Beziehungen zu jeweils neu definierten Ganzheiten betonen. Dabei verleihen die Autoren dem recht vieldeutigen und umstrittenen Begriff der Ganzheit eine zentrale und für damalige Verhältnisse ungewöhnliche soziopolitische und ökologische Bedeutung. Beim genauen Lesen des vorliegenden Buches dürfte ersichtlich werden, daß die Autoren der psychoanalytischen Tradition folgen und sie gleichermaßen überwinden, und daß sie damit einen damals neuen tiefenpsychologischen und dynamischen Ansatz formulieren: Im ersten Teil werden die Leser behutsam auf die Gestalttherapie vorbereitet, indem eine Übersicht und Einführung in die zentralen Begriffe und Konzepte angeboten wird. Der zweite Teil stellt vor allem die philosophischen und soziopolitischen Ideen P. Goodmans dar, und darüber hinaus eine Integration seiner soziopolitischen Feldorientierung und seiner Gesellschaftskritik mit der Assimilationstheorie der beiden Perls. Schließlich wird im dritten Teil das Herzstück des Buches und der Gestalttherapie, die Theorie des Selbst, dargestellt, die deutlich die bereits erwähnte tiefenpsychologische und dynamische Orientierung unterstreicht. Die Tiefe wird in den Modalitäten des Selbst (Es, Ich und Persönlichkeit) und dem Selbst als integrativen und integrierenden Prozeß ("Agens") ausgedrückt. In der Betonung der Gegensatzstruktur von Organismus und Umweltfeld und der sich daraus ergebenden Spannung und Erregung (z. B. zwischen "Ich" und "Nicht-Ich") wird der Dynamik Rechnung getragen.

Das neu erschienene Buch und der neue Ansatz fanden zunächst kaum öffentliche Beachtung. Nur ein kleiner Kreis von gleichgesinnten Nonkonformisten trug die spärliche Flamme der Gestalttherapie. Bis Mitte der 60er Jahre verbuchten das Buch und die kleine Gemeinde der Gestalttherapie bescheidene Erfolge, was sich schlagartig änderte, als F. S. Perls 1964 nach Esalen, Big Sur/Kalifornien umzog und dort als großer Meister der Human Potential-Bewegung gefeiert wurde und damit die Gestalttherapie weltbekannt machte. Die Popularität der Gestalttherapie sowie die Verkaufszahlen aller Bücher von F. S. Perls nahmen in den 60er und 70er Jahren rasant zu. Das hier vorliegende Buch paßt zwar nicht in diese "wilden" Jahre, in denen eher die technischen Modalitäten im Fokus waren, es wurde jedoch regelmäßig als eine wichtige Referenz im Sinne eines noch nicht gefundenen und gewürdigten Schatzes in einschlägiger Literatur erwähnt. Ab dem Ende der 70er Jahre fand vermehrt eine Diskussion dieses theoretischen Teils im allgemeinen und der Theorie des Selbst im besonderen in der inzwischen internationalen Gemeinde der Gestalttherapie statt.

Zu dieser Zeit (1979) erschien schließlich die deutsche Ausgabe, die diesen grundlegenden Text zur Gestalttherapie auch den interessierten Lesern im deutschsprachigen Raum zugänglich machte. Bedauerlicherweise schlichen sich in der deutschen Übersetzung mehrere Fehler und Mißverständnisse ein, die beim aufmerksamen Lesen und Studium dieses Hauptwerkes, das inzwischen den Ritterschlag zur Pflichtlektüre von der Gestaltgemeinde erhalten hatte, den Gesamteindruck eindeutig negativ beeinflußten. Demzufolge kursierten in Ausbildungskreisen der Gestalttherapie von einigen Kennern der Originalausgabe "korrigierte" Exemplare des hier vorliegenden Textes. Der übersetzte Text erschien manchen kritischen Lesern außerdem auch als nicht mehr zeitgemäß, da in den letzten Jahren eine zwar uneinheitliche, jedoch das Verstehen fördernde deutschsprachige Terminologie der Gestalttherapie etabliert wurde, die es Ende der 70er Jahre in diesem Ausmaß natürlich nicht gegeben hatte. So verwundert es kaum, daß fordernde Stimmen nach einer Neuübersetzung immer lauter wurden.

Die Frage darüber, ob es sinnvoll sei, eine Neuübersetzung dieses an sich komplexen und zweifellos schwierig zu übersetzenden Textes zu wagen, würden wir mit einem klaren "Ja" beantworten.

Unser Hauptanliegen als Übersetzer lag u.a. darin, einerseits das Original in eine für gegenwärtige Zeiten angemessenere Sprache zu bringen, und dabei andererseits der gestalttherapeutischen Terminologie so weit wie möglich zu entsprechen. Darüber hinaus lag uns daran, die Übersetzungsmißverständnisse der ersten Übersetzung fachgerecht zu klären und Fehler zu korrigieren.

Zur Demonstration des eben Gesagten fuhren wir im folgenden drei exemplarische Beispiele an:

So wird beispielsweise in der ursprünglichen Übersetzung an einigen Stellen (vgl. z. B. Seite 16) der englische Begriff "excitement" irrtümlicherweise als "Spannung" anstelle "Erregung" übersetzt. Hier von Spannung zu sprechen ("tension"), verändert eindeutig den Sinngehalt der Aussage.

Weiterhin wird mehrere Male (u.a. Seite 248) der Fachbegriff "Retroflection" irrtümlicherweise als "Retroflexion" statt "Retroflektion" übersetzt.

Ein weiterer mehrfacher Übersetzungsfehler besteht darin, den Fachbegriff "Egotism" (z. B. Seite 250) mit "Egoismus" zu übersetzen, statt richtiger den Begriff "Egotismus" zu benutzen. - In den letzten beiden Beispielen wird die gestalttherapeutische Fachsprache eindeutig verlassen.

Gegenwärtig, über ein halbes Jahrhundert nach dem hier anfänglich erwähnten Sonntag, präsentiert sich die Gestalttherapie als ein theoretischer und methodischer "Gestalt-Ansatz", der u. a. in psychotherapeutischen, psychosozialen, pädagogischen, organisationspsychologischen und administrativen Arbeitsfeldern angewendet wird. Das vorliegende Buch ist nach wie vor der grundlegende Text und damit die Pflichtlektüre für jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Gestalttherapie. Es repräsentiert den unerläßlichen philosophischen und theoretischen Referenzrahmen, der immer (noch) neu entdeckt wird, gerade so, als würden seine Quellen und Potentiale unerschöpflich sein. Das Buch hat sich natürlich nicht verändert, wir, die Leser, aber schon; so hoffen wir, mit dieser Neuübersetzung den veränderten Perspektiven der Leser gedient und dazu beigetragen zu haben, daß noch unentdeckte Schätze dieses bemerkenswerten Buches leichter zu finden sind.


Nizza/Göttingen, im April 2006
Milan Sreckovic, Martina Gremmler-Fuhr, Reinhard Fuhr †





1.Die Struktur des Wachstums


1.Die Kontaktgrenze

Erfahrung vollzieht sich an der Grenze zwischen dem Organismus und seiner Umwelt, vor allem an der Hautoberfläche und den anderen Sinnesorganen sowie der Motorik. Erfahrung ist die Funktion dieser Grenze, und das, was im psychologischen Sinn real ist, sind die ganzheitlichen Konfigurationen dieser Funktionsweisen, sobald deren Bedeutungen erkannt wurden und deren Handlungsablauf vollzogen ist. Die Ganzheiten der Erfahrung umfassen nicht "alles", sondern es sind ganz bestimmte einheitliche Strukturen; und psychologisch gesprochen ist alles andere, einschließlich der Vorstellung von einem Organismus und einer Umwelt, eine Abstraktion oder eine mögliche Konstruktion oder eine Möglichkeit, die sich innerhalb dieser Erfahrung als Hinweis auf irgendeine andere Erfahrung ereignet. Wir sprechen davon, daß der Organismus mit der Umwelt in Kontakt tritt, aber der Kontakt selbst ist die erste und unmittelbarste Wirklichkeit. Man kann das direkt spüren, wenn man - statt die Objekte vor sich nur anzuschauen - sich der Tatsache bewußt wird, daß es sich um Objekte in seinem ovalen Blickfeld, das sozusagen unmittelbar an die eigenen Augen anschließt, handelt - es ist tatsächlich das Sehen unserer Augen selbst. Man beachte dann, wie die Objekte in diesem ovalen Blickfeld ästhetische Bezüge in räumlicher und farblicher Hinsicht herzustellen beginnen. Und so kann man es auch bei Tönen "da draußen" erfahren. Die Wurzel von deren Realität ist an der Kontaktgrenze, und an dieser Kontaktgrenze werden sie als einheitliche Strukturen erfahren. Genau so in motorischer Hinsicht: Wenn man sich dessen bewußt ist, daß man einen Ball wirft, rückt die Distanz ganz nah heran und unser motorischer Impuls schnellt rasch an die Oberfläche, um ihn zu treffen. Der Zweck all dieser praktischen Experimente und theoretischen Diskussionen in diesem Buch ist es, die Funktion der Kontaktaufnahme zu analysieren und die Bewußtheit von der Wirklichkeit zu steigern.

Wir verwenden das Wort "Kontakt" - "in Berührung mit" Objekten - als Grundbegriff sowohl für sinnliche Wahrnehmung als auch für motorisches Verhalten. Vermutlich gibt es primitive Organismen, bei denen Bewußtheit und motorische Reaktion ein und dasselbe sind; und bei Organismen höherer Ordnung kann man bei gutem Kontakt immer das Zusammenwirken von sinnlicher Wahrnehmung und Bewegung (und auch von Gefühlen) nachweisen.



2.Interaktion zwischen Organismus und Umwelt

Bei jeder biologischen, psychologischen oder soziologischen Erforschung müssen wir immer bei der Interaktion zwischen dem Organismus und seiner Umwelt beginnen. Es ist beispielsweise nicht sinnvoll, von einem atmenden Lebewesen zu sprechen, ohne Luft und Sauerstoff als Teil der Definition zu berücksichtigen, oder vom Essen ohne Erwähnung der Nahrung, oder vom Sehen ohne das Licht, oder von der Fortbewegung ohne die Schwerkraft und den tragenden Grund, oder vom Reden ohne Kommunikationspartner. Es gibt keine einzige Funktion irgendeines Lebewesens, die ohne Beteiligung von Objekten und Umwelt wirksam wird, ob man die vegetativen Funktionen wie Nahrung oder Sexualität, oder die Wahrnehmungsfunktionen, oder motorische Funktionen, oder Gefühle, oder das Denken selbst im Auge hat. Die Bedeutung von "Ärger" hängt mit einem frustrierenden Hindernis zusammen, die Bedeutung von Nachdenken schließt ein Praxisproblem ein. Wir wollen diese Interaktion zwischen Organismus und Umwelt bei jeder Funktion das "Organismus/Urnweltfeld" nennen. Und wir sollten daran denken, daß es sich immer um solch ein Interaktionsfeld handelt, auf das wir uns beziehen, nicht auf ein isoliertes Lebewesen, wie immer wir über Impulse, Triebe usw. nachdenken mögen. Sofern sich der Organismus in einem großen Feld bewegt und über eine komplizierte innere Struktur verfügt, scheint es plausibel zu sein, nur von diesem Organismus selbst zu sprechen - wie beispielsweise von der Haut und was sie umschließt -, aber dies ist schlicht eine Illusion, die auf der Tatsache beruht, daß die Bewegung durch den Raum und die inneren Details die Aufmerksamkeit gegenüber der relativen Stabilität und Einfachheit des Hintergrunds stärker auf sich ziehen.

Der menschliche Organismus und seine Umwelt haben natürlich nicht nur physische, sondern auch soziale Aspekte. Deshalb müssen wir bei jeder humanwissenschaftlichen Untersuchung wie Physiologie, Psychologie oder Psychotherapie von einem Feld sprechen, in dem zumindest soziokulturelle, biologische und physische Faktoren interagieren. Unser Ansatz in diesem Buch ist insofern "einheitlich", als wir im Einzelnen versuchen, jedes Problem eingebettet in ein soziales und biophysisches Feld zu verstehen. Von dieser Position aus können beispielsweise historische und kulturelle Faktoren nicht als Verkomplizierung oder Modifikation einer einfacheren biophysischen Situation verstanden werden; vielmehr sind solche Faktoren ein integraler Bestandteil jeden Problems, mit dem wir uns befassen.



3.Was ist der Gegenstand der Psychologie?

Im Rückblick scheinen die beiden vorhergehenden Abschnitte Offensichtliches und keineswegs Ungewöhnliches zu enthalten. Wir behaupten, daß (1) Erfahrung letztlich Kontakt ist, nämlich die Funktionsweise der Grenze zwischen Organismus und Umwelt, und daß (2) jede menschliche Funktion eine Interaktion in einem sozialen, biologischen und physischen Organismus/Umweltfeld darstellt. Diese beiden Behauptungen sollen nun in ihrem Zusammenwirken betrachtet werden.

Innerhalb der Biologie und der Sozialwissenschaften, die alle von Interaktionen im Organismus/Umweltfeld handeln, erforscht die Psychologie die Wirkungsweise der Kontaktgrenze im Organismus/Umweltfeld. Dies ist ein eigenartiger Forschungsgegenstand, und es ist leicht nachvollziehbar, warum es Psychologen immer Schwierigkeiten bereitete, ihren Gegenstand einzugrenzen. 3 Wenn wir von "Grenze" sprechen, meinen wir eine "Grenze zwischen"; aber die Kontaktgrenze, an der die Erfahrung geschieht, trennt nicht den Organismus von seiner Umwelt; vielmehr begrenzt sie den Organismus, umschließt und beschützt ihn, und gleichzeitig berührt sie die Umwelt. Das heißt, um es auf etwas seltsame Art auszudrücken: die Kontaktgrenze - beispielsweise die empfindsame Haut - ist nicht so sehr Teil des "Organismus", sondern sie ist im Wesentlichen das Organ einer bestimmten Beziehung zwischen dem Organismus und seiner Umwelt. Diese besondere Beziehung ist Wachstum, wie wir bald zeigen werden. Was wir spüren, ist nicht die Befindlichkeit des Organs (was Schmerzen bedeuten würde), sondern die Interaktion im Feld. Kontakt ist die Bewußtheit des Feldes oder die Bewegungsreaktion im Feld. Dies ist der Grund, weshalb allein die Kontaktaufnahme, die Funktionsweise der Grenze des Organismus, trotzdem schon vorgeben kann, die Realität zu erfassen, und das ist mehr, als vom Drang oder der Passivität des Organismus zu erwarten wäre. Kontaktaufnahme, Bewußtheit und Bewegungsreaktion wollen wir im umfassenden Sinn verstehen, einschließlich Bedürfnis und Zurückweisung, Annäherung und Vermeidung, Empfinden, Fühlen, Gestalten, Einschätzen, Kommunizieren, Kämpfen usw. - jede Art lebendiger Wechselbeziehung, die an der Grenze in der Interaktion zwischen Organismus und Umwelt geschieht. Alle diese Arten von Kontaktaufnahme sind Gegenstand der Psychologie. (Was "Bewußtsein" genannt wird, scheint eine besondere Art der Bewußtheit zu sein, eine Kontaktfunktion, bei der es Schwierigkeiten und Verzögerungen bei der Anpassung gibt.)



4.Kontakt und Neuartigkeit

Wenn wir uns ein Lebewesen vorstellen, das frei in einer weiten und vielgestaltigen Umwelt umherstreift, dann begreifen wir, daß die Zahl und Reichweite der Kontaktfunktionen außerordentlich hoch sein muß, denn im wesentlichen lebt ein Organismus in seiner Umwelt, indem er seine Unterschiedlichkeit aufrechterhält, und, was noch wesentlicher ist, indem er die Umwelt an seine Unterschiedlichkeit anpaßt; und an dieser Grenze werden Gefahren abgewehrt, Hindernisse überwunden, und das, was assimilierbar ist, wird ausgewählt und angeeignet. Was nun ausgewählt und assimiliert wird, ist immer neu. Der Organismus überlebt, indem er das Neue durch Veränderung und Wachstum assimiliert. Beispielsweise ist Nahrung etwas Ungleichartiges, das - wie Aristoteles es formulierte - zu etwas Gleichem wird; und im Prozeß der Assimilation wird der Organismus seinerseits verändert. Kontakt ist vor allem die Bewußtheit von und das Verhalten gegenüber dem assimilierbaren Neuen und die Zurückweisung des nicht assimilierbaren Neuen. Was ständig vorhanden ist, immer gleich bleibt oder indifferent ist, ist nicht Gegenstand des Kontakts. (Deshalb wird mit den Organen, sofern sie gesund sind, kein Kontakt aufgenommen, denn sie bleiben immer gleich.)



5.Definition von Psychologie und klinischer Psychologie

Wir müssen also zu dem Schluß kommen, daß jeder Kontakt kreativ und dynamisch ist. Es kann sich dabei nicht um Routine oder Stereotypien oder lediglich Bewahrendes handeln, denn Kontakt muß sich mit dem Neuen auseinandersetzen, denn nur das Neue ist nährend. (Aber wie die Sinnesorgane selbst dient die innere kontaktlose Physiologie des Organismus der Erhaltung.) Auf der anderen Seite kann Kontakt das Neue nicht einfach passiv akzeptieren oder sich nur an dieses anpassen, denn das Neue muß assimiliert werden. Jeder Kontakt ist kreative Anpassung zwischen Organismus und Umwelt. Bewußtes Reagieren im Feld (sowohl im Sinne der Orientierung wie dem der Gestaltung) ist das Agens des Wachstums im Feld. Die Funktion der Kontaktgrenze im Organismus/Umweltfeld ist Kontakt. Nur durch kreative Anpassung, Veränderung und Wachstum können die komplexen organischen Einheiten in der umfassenderen Einheit des Feldes überleben.

Wir können also definieren: Psychologie ist die Erforschung der kreativen Anpassung. Ihre Thematik ist der immer wieder neu erfolgende Wechsel von Neuartigkeit und Routine, der zur Assimilation und zum Wachstum fuhrt.

Klinische Psychologie ist dementsprechend die Erforschung der Unterbrechung, Verhinderung oder anderer Ereignisse im Prozeß der kreativen Anpassung. Wir werden beispielsweise Angst als vorherrschenden Faktor bei Neurosen als Folge der Unterbrechung der Erregung (mit gleichzeitiger Atemlosigkeit) beim kreativen Wachstumsprozeß verstehen; und wir werden die verschiedenen neurotischen "Charaktere" als stereotype Muster kennzeichnen, die den flexiblen Prozeß des Umgehens mit dem Neuen einengen. Das, was real ist, ergibt sich fortlaufend im Kontaktprozeß, also bei der kreativen Anpassung zwischen Organismus und Umwelt. Wenn dieser Kontakt nun durch den Neurotiker blockiert wird, ist diese seine Welt "außer Reichweite" und daher zunehmend halluzinatorisch, voller Projektionen, getilgt oder anderweitig irreal.

Kreativität und Anpassung sind polar, sie bedingen sich gegenseitig. Spontaneität ist der Zugriff auf, das Sich Erwärmen für und das Wachsen mit dem, was in der Umwelt interessant und nährend ist. (Unglücklicherweise besteht die "Anpassung" in der Psychotherapie oft in der "Konformität mit dem Realitätsprinzip", also darin, daß Stereotype ungeprüft übernommen werden.)



6.Die Figur des Kontakts vor dem Hintergrund des Organismus/Umweltfeldes

Kommen wir zurück zu dem anfänglichen Gedanken, daß Erfahrungseinheiten durch bestimmte einheitliche Strukturen gekennzeichnet sind. Kontakt, also die Tätigkeit, die in Assimilation und Wachstum besteht, ist das Herausbilden einer Figur des Interesses vor einem Hintergrund des Organismus/Umweltfeldes oder des Kontextes. Die bewußt werdende Figur (Gestalt4) entspricht einer klaren, lebhaften Wahrnehmung, einem Bild oder einer Einsicht; motorisch ist es eine anmutige, energische, rhythmische und konsequente Bewegung. In beiden Fällen werden das Bedürfnis und die Energie des Organismus und die wahrscheinlichen Potentiale der Umwelt von der Figur aufgenommen und mit ihr vereint.

Die Figur/Hintergrundbildung5 ist ein dynamischer Prozeß, bei der die Notwendigkeiten und Ressourcen des Feldes die dominante Figur fortlaufend mit Interesse, Leuchtstärke und Kraft versorgen. Es ist daher sinnlos, sich mit irgendeinem psychologischen Verhalten zu beschäftigen, ohne den soziokulturellen, biologischen und physischen Kontext zu berücksichtigen. Gleichzeitig ist die Figur in besonderer Weise auch psychologischer Natur: Sie besitzt beobachtbare Eigenschaften von Glanz, Klarheit, Einheitlichkeit, Faszination, Anmut, Kraft, Freiheit usw., je nachdem, ob wir es vorwiegend mit Wahrnehmungs-, Gefühls- oder Bewegungskontexten zu tun haben. Die Tatsache, daß die Gestalt spezifische beobachtbare und psychologische Eigenschaften hat, ist von besonderer Bedeutung für die Psychotherapie, denn damit gewinnen wir ein autonomes Kriterium für die Tiefe und Wirklichkeit der Erfahrung. Es ist nicht notwendig, Theorien über "normales Verhalten" oder über "Anpassung an die Realität" zur Verfügung zu haben, es sei denn, wir wollen sie erforschen. Wenn die Figur trübe, unklar, reizlos und energielos ist (eine "schwache Gestalt"), können wir sicher sein, daß Kontaktmangel herrscht, irgend etwas in der Umwelt wird ausgeklammert, irgendein vitales Bedürfnis wird nicht ausgedrückt; die Person ist nicht "ganz da", das heißt, ihr gesamtes Feld kann keine Dringlichkeit und keine Ressourcen zur Vollendung der Figur beisteuern.



7.Therapie als Gestaltanalyse

Therapie besteht also darin, die interne Struktur der gegenwärtigen Erfahrung zu analysieren, welchen Grad an Kontakt diese auch immer haben mag. Es geht nicht so sehr darum, was erfahren, erinnert, getan, gesagt wird, sondern um das Wie, das heißt, wie die Erinnerung ins Gedächtnis geholt wird oder wie das, was gesagt wird, gesagt wird, mit welchem Gesichtsausdruck, welcher Stimmlage, welcher Syntax, welcher Haltung, welchem Affekt, welcher Unterlassung, welcher Beachtung oder Mißachtung der anderen Person usw. Indem man an der Stimmigkeit und Unstimmigkeit der Struktur der Erfahrung im Hier und Jetzt arbeitet, kann man die dynamischen Beziehungen zwischen Figur und Hintergrund wieder herstellen, bis der Kontakt intensiviert, die Bewußtheit erhöht und das Verhalten energievoller wird. Am wichtigsten ist dabei, daß das Erreichen einer starken Gestalt selbst die Heilung ist, denn die Kontaktfigur ist nicht ein Anzeichen dafür, sondern selbst die kreative Integration der Erfahrung.

Von Anfang an hat in der Psychoanalyse natürlich eine besondere Gestalteigenschaft, das "Aha-Erlebnis" der Erkenntnis, einen hohen Stellenwert gehabt. Aber es blieb immer ein Geheimnis, warum beispielsweise die "bloße" Bewußtheit einer Erinnerung eine Neurose heilen sollte. Man beachte jedoch, daß mit Bewußtheit nicht ein Gedanke über das Problem gemeint ist, sondern daß diese selbst eine kreative Integration des Problems darstellt. Wir können auch erkennen, warum "Bewußtheit" normalerweise nicht hilft, denn üblicherweise ist es gar keine bewußte Gestalt, kein strukturierter Inhalt, sondern bloßer Inhalt, nur eine Verbalisierung oder Erinnerung, und als solche lebt diese nicht von der Energie des gegenwärtigen organischen Bedürfnisses und einer gegenwärtigen Unterstützung in der Umwelt.



8.Zerstörung als Teil der Figur/Hintergrundbildung

Der Prozeß der kreativen Anpassung an neues Material und an neue Umstände geht immer einher mit einer Phase der Aggression und Zerstörung, denn durch Annäherung, Vereinnahmung und Veränderung alter Strukturen wird das Ungleiche gleich gemacht. Wenn eine neue Konfiguration entsteht, werden die alten Gewohnheiten der Kontaktgestaltung des Organismus und der vorherige Zustand dessen, womit man Kontakt aufnimmt, im Interesse des neuen Kontaktes zerstört. Solch eine Zerstörung des Status quo kann Furcht, Erschrekken und Angst auslösen, die um so größer sind, je neurotisch rigider man ist; aber der Prozeß wird auch begleitet von der Sicherheit, die von der neuen Handlung, die versuchsweise ausgeführt wird, ausgeht. Hier wie überall besteht die einzige Lösung eines menschlichen Problems im versuchsweisen Handeln. Die Angst wird "ertragen", nicht wegen spartanischer Härte - auch wenn Mut eine schöne und unverzichtbare Tugend ist -, sondern weil die störende Energie nun in die neue Figur fließt.

Ohne das Wiederaufleben von Aggression und Zerstörung wird jede Befriedigung bald zu etwas Vergangenem, und man spürt sie nicht mehr. Was normalerweise als "Sicherheit" bezeichnet wird, ist das Festhalten am Nichtgefühlten, wobei das Risiko des Unbekannten, das mit jeder tiefergehenden Befriedigung einhergeht, vermieden wird, und damit ist auch eine Desensibilisierung und Bewegungshemmung verbunden. Es ist die Furcht vor der Aggression, dem Zerstören und dem Verlust, die natürlich in unbewußter Aggression und Zerstörung mündet und sich sowohl nach außen als auch nach innen wendet. Ein besseres Konzept von "Sicherheit" läge im Vertrauen auf verläßliche Unterstützung, die aus der vorherigen Erfahrung rührt, die man assimiliert und die zum Wachstum beigetragen hat, ohne unerledigte Situationen zu hinterlassen. Aber in solch einem Fall fließt alle Aufmerksamkeit aus dem Grund dessen, was man ist, in die Figur dessen, wozu man wird. Der sichere Zustand ist ohne Anspannung und bleibt unbemerkt; und der sichere Mensch weiß es nie, sondern glaubt immer nur, daß er dem Risiko gewachsen sei.



9.Erregung ist der Beweis für Realität

Kontakt, Figur/Hintergrundbildung, ist eine ansteigende Erregung, voller Gefühl und Engagement; und umgekehrt ist das, wofür man sich nicht engagiert, was nicht gegenwärtig ist, psychologisch nicht real. Die unterschiedlichen Arten von Gefühlen - wie beispielsweise Lust oder verschiedene Emotionen - verweisen auf wechselndes Involviertsein des Organismus in der realen Situation, und dieses Involviertsein ist Teil der realen Situation. Es gibt keine indifferente, neutrale Realität. Die moderne, epidemisch verbreitete wissenschaftliche Überzeugung, daß die meiste oder sogar die gesamte Realität neutral sei, weist auf die Blockierung spontaner Lust und Spielfreude, spontanen Ärgers, spontaner Empörung und Furcht hin (diese Blokkierung, die durch solche sozialen und sexuellen Konditionierungen erzeugt wird, macht eine akademische Persönlichkeit aus).

Emotionen sind das Ergebnis von Vereinheitlichungen oder vereinheitlichenden Tendenzen bestimmter physiologischer Spannungen, die in Beziehung zu günstigen oder ungünstigen Umweltbedingungen auftreten. Als solche eröffnen sie uns unentbehrliche (wenn auch nicht unbedingt angemessene) Erkenntnisse über die Objekte angemessener Bedürfnisse, so wie ästhetische Empfindungen uns letzte (und angemessene) Erkenntnisse über unser Empfinden und deren Objekte vermitteln. Allgemein gesagt: Involviertsein und die Erregung der Figur/Hintergrundbildung sind unmittelbare Belege für die Existenz des Organismus/Umweltfeldes. Ein kurzes Nachdenken zeigt, daß dies so sein muß, denn wie sonst könnten Lebewesen Motive haben und sich nach diesen Motiven zielgerichtet verhalten und dabei erfolgreich ein, denn der Erfolg stellt sich ein, wenn wir die Wirklichkeit treffen.



10.Kontakt heißt, die anvisierte Lösung "zu finden und zu realisieren"

Man widmet sich einem gegenwärtigen Problem, und die Erregung steigt, wenn wir uns auf die noch nicht gefundene Lösung zu ewegen. Die Assimilation des Neuen geschieht im gegenwärtigen Augenblick, während er in die Zukunft übergeht. Deren Ergebnis ist nie nur eine Neuordnung der unerledigten Situationen des Organismus, sondern eine Konfiguration, die neues Material aus der Umwelt enthält und die daher von dem, woran man sich erinnern (oder was man vermuten) könnte, verschieden ist, ganz so wie das Werk eines Künstlers auf unvorhersehbare Weise für ihn neu wird, während er das Material bearbeitet.

In der Psychotherapie halten wir daher Ausschau nach der gegenwärtigen Dringlichkeit unerledigter Situationen, und durch Experimentieren mit neuen Haltungen und neuem Material aus der alltäglichen Erfahrung versuchen wir, eine bessere Integration zu erreichen. Der Patient erinnert sich nicht nur, er mischt nicht nur die Karten neu, sondern er "findet und erzeugt" sich selbst. (Die Bedeutung der neuen Bedingungen in der Gegenwart wurde von Freud sehr gut verstanden, wenn er von der unvermeidlichen Übertragung der Fixierungen aus der Kindheit auf die Person des Analytikers sprach; aber die therapeutische Bedeutung besteht nicht darin, daß es die gleiche alte Geschichte ist, sondern gerade darin, daß sie jetzt auf andere Weise als Abenteuer in der Gegenwart durchgearbeitet wird: der Analytiker ist nicht so wie die Eltern. Und es ist leider auch zweifelsfrei wahr, daß bestimmte Spannungen und Blockierungen nicht gelöst werden können, außer dadurch, daß die Umwelt verändert wird und neue Möglichkeiten anbietet. Wenn sich die Institutionen und Sitten ändern würden, wären viele hartnäckige Symptome sehr plötzlich verschwunden.)



11.Das Selbst und seine Identifikationen

Betrachten wir das "Selbst" als System der Kontakte in jedem Augenblick. Als solches ist das Selbst sehr flexibel, denn es variiert mit den vorherrschenden organischen Bedürfnissen und sich aufdrängenden Reizen aus der Umwelt; es ist das System der Reaktionen; es wird im Schlaf schwächer, wenn es weniger Anlässe gibt zu reagieren. Das Selbst ist die Kontaktgrenze in Aktion; seine Aktivität bildet immer wieder neu Figur und Hintergrund.

Wir müssen diese Konzeption des Selbst der unnötigen Vorstellung vom "Bewußtsein" der orthodoxen Psychoanalyse gegenüberstellen, dessen Funktion lediglich darin besteht, den Analytiker zu beachten, ihm zu berichten und mit ihm zu kooperieren, ohne sich einzumischen. Dementsprechend tendieren die revisionistischen Ableger der Schule Freuds, wie beispielsweise die Reichianer oder die Washingtoner Schule, dazu, das Selbst ganz auf das organismische System oder die gesellschaftlichen Interaktionen zu reduzieren. Genau genommen sind dies gar keine Psychologen, sondern Biologen, Soziologen usw. Aber das Selbst ist eben gerade das Integrierende; es ist die synthetische Einheit, wie sich Kant ausdrückte. Es ist der Lebenskünstler. Es ist nur ein kleiner Faktor im gesamten Organismus/Umweltfeld, aber es spielt die entscheidende Rolle dabei, die Bedeutungen zu finden und zu erzeugen, durch die wir wachsen können.

Die Beschreibung psychischer Gesundheit und Krankheit ist einfach. Es ist eine Sache der Identifikationen und Entfremdungen6 des Selbst: Wenn sich jemand mit seinem gestaltenden Selbst identifiziert, seine kreative Erregung und sein Streben nach der künftigen Lösung nicht blockiert; und umgekehrt, wenn er das zurückweist, was organisch nicht zu ihm gehört und daher nicht von vitalem Interesse sein kann, sondern nur den Figur/Hintergrundprozeß unterbricht, dann ist er im psychologischen Sinn gesund, denn er nutzt seine besten Kräfte und tut das Beste, was er unter den schwierigen Bedingungen in dieser Welt tun kann. Wenn er im Gegensatz dazu von sich selbst entfremdet ist und seine eigene Spontaneität wegen falscher Identifikationen unterdrückt, dann wird sein Leben dumpf, verwirrend und schmerzvoll. Das System der Identifikationen und Entfremdungen nennen wir das "Ich". 7

Aus dieser Perspektive ist unsere Therapiemethode folgende: Es geht darum, das Ich, also die verschiedenen Identifikationen und Entfremdungen, durch Experimente mit absichtsvoller Bewußtheit in seinen verschiedenen Funktionen zu stärken, bis das Gefühl dafür, daß "ich es bin, der denkt, wahrnimmt, fühlt und dies und jenes tut" spontan wiederbelebt wird. An dieser Stelle kann der Patient allein weitermachen.




1Deutsch: Perls, F. S. (1978): Das Ich, der Hunger und die Aggression (6. Aufl. 2000). Stuttgart: Klett-Cotta.
2Während das englischsprachige Originalwerk in einem Band erschienen ist, wurde die deutsche Ausgabe in einen Theorieband und einen Praxisband aufgeteilt, wobei es sich bei dem vorliegenden Band um den Theorieband handelt.
3Bei ihrer Nachahmung von Aristoteles beginnen moderne Psychologen (besonders die des 19. Jahrhunderts) einfach bei der Physik der Gegenstände der Wahrnehmung, und dann wechseln sie zur Biologie der Sinnesorgane usw. Aber ihnen fehlt Aristoteles' rettende und präzise Einsicht, daß Objekt und Organ im Geschehen des Wahrnehmens identisch sind.
4Der Begriff "Gestalt" wird hier - wie wir meinen irrtümlicherweise - mit "Figur" gleichgesetzt. Im übrigen Werk und in der Tradition der Gestalttherapie wird "Gestalt" jedoch fast ausschließlich für den gesamten Figur/Hintergrundprozeß verwendet - d. Ü.
5Der Sprachgebrauch in diesem Band schwankt zwischen "Figur/Hintergrund" und "Figur/Grund". Da mit "Grund" auch der existentielle Grund oder Seins-Grund gemeint sein könnte, verwenden wir einheitlich die Formel "Figur/Hintergrund(-bildung/-prozeß etc.)" - d. Ü.
6Die Begriffe "alienate", "alienation" kommen sehr häufig in diesem Werk vor und werden, wie hier, meist als Gegensatz zu "integrieren", "Integration" verwendet. Die klassische Übersetzung dieser Begriffe ins Deutsche als "entfremdet", "Entfremdung" ist nur in seltenen Fällen passend; daher verwenden wir meist entsprechende Begriffe wie "abweisen", "zurückweisen", "sich distanzieren" usw. - d. Ü.
7In der psychologischen Sprache kann im Englischen "ego" sowohl "Ich" als auch "Ego" bedeuten. Da in diesem Band jedoch später von den "Ichfunktionen" gesprochen wird und die Verwendung von "ego" auch vom psychoanalytischen Begriff "Ego" abweicht, wird durchgehend "Ich" verwendet - d. Ü.




 
   


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