Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser!
Das Ziel der meisten GartenfreundInnen ist ein fertiger Garten. Für eine wachsende Zahl an Mitmenschen ist es erfreulicherweise ein Naturgarten. Doch nur wenige "Freaks" erlauben es sich, einen Garten zu haben, der niemals fertig ist - und auch nicht fertig werden soll. Wenn man ein Studium der Biologie hinter sich hat und seine Schwerpunkte neben Evolutionsbiologie auch auf ökologische Prozesse gelegt hat, so führt ein fertiger Garten zu blankem Entsetzen. Nein, ein Garten darf nicht fertig sein! Das ganze Leben ist Entwicklung, und ein guter Naturgarten soll sich auch entwickeln!
Hecken sind hier ein geeignetes Beobachtungsobjekt - neben Teichen wohl das Beste für den Garten. Natürlich müssen Hecken oft Zwecke erfüllen, etwa Sichtschutz. Deshalb "dürfen" sie nicht langsam entstehen und sich weiterentwickeln. Doch diese Entwicklung ist eine spannende Angelegenheit, die ich Ihnen ans Herz legen möchte.
Genauso, wie die Natur unfertig ist, wie sich ihre Lebensgemeinschaften verändern, wie sich aufgelassene Äcker über Grasländer in Gebüsche und schließlich Wälder verwandeln, soll dieses Buch nicht fertige Patentrezepte anbieten, sondern zum Experimentieren anregen. Und wo sollen wir denn experimentieren, wenn nicht im Naturgarten?
Experimentieren und beobachten Sie! Seien Sie unvoreingenommen! Legen Sie sich den "Universum"-Blick zu: Ein Bekannter behauptete, in seinem städtischen Garten keine Bienen zu haben. So fürchtete er um die Kirschernte. Ich machte ihn auf die Mauerbienenart Osmia rufa aufmerksam, die, nicht einmal halb so groß wie Honigbienen, im Frühling gerade im verbauten Gebiet oft in großen Mengen auftritt. Man muss also ein bisschen weniger gezielte Erwartungen haben, damit sich einem das Leben wie in einer "Universum"-Dokumentation offenbart. Legen Sie sich auf die Lauer und verachten Sie auch die Zwerge im Tierreich nicht!
Unfertiges zuzulassen ist von besonderer Bedeutung. Gerade umweltbewusste NaturgärtnerInnen sollten sich klar machen, dass der Wunsch nach einem Garten oder gar einem Haus mit Garten eigentlich alles andere als umweltbewusst ist. Denn der Flächenverbrauch ist ungleich höher als in den üblichen Wohnhausanlagen. Und der fertige Garten, in dem keine Entwicklung mehr möglich ist, bietet relativ wenig Lebensraum.
Selbst konventionell bewirtschaftete Äcker sind meist artenreicher als Gärten, was heimische Tier- und Pflanzenarten betrifft. Es liegt an Ihnen, diesen Trend umzukehren, mit einem Naturgarten, in dem die Natur auch werken darf.
Betrachten Sie dieses Buch bitte als Lesebuch, das Ihnen Anregungen, nicht Anleitungen bietet.
Gregor Dietrich
Wien, Juli 2006