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Eugen Bleuler (1857-1939)
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Vorwort

C. Scharfetter



Eugen Bleuler - hier der Versuch einer Monographie, die zusammenträgt, was die Überschau seines umfangreichen publizierten Werkes bald ein Jahrhundert später ergibt (erster Gebrauch des Wortes Schizophrenie 1908, dann der Handbuchband dazu 1911), was in heutiger Sicht der bleibend wertvolle Beitrag zur Psychiatrie sein dürfte. Denn gewiss hat die Bleulersche Anreicherung des nosologischen Konstruktes "Dementia praecox" von Kraepelin um die psychologisch-psychodynamischen Interpretationen, das Aufgeben des Demenzbegriffes, die Betonung der nicht grundsätzlich so schlechten Prognose und die in der Namensnennung im Geiste vieler (!) damaliger Psychiater die Dissoziation psychischer Funktionen und Fakultäten heraushebende Modellvorstellung fruchtbare Auswirkungen auf Forschungen in vielen Perspektiven und auf Therapieansätze von psychoedukativen bis zur Weiterentwicklung der vertieften Psychotherapie in die "progressive Psychopathologie" (Benedetti 2001) gebracht. Das ursprünglich vor allem durch Bleulers "latente Schizophrenie" und die vage Grenzziehung zu paranoiden und zu Affekt- und anderen Erkrankungen überweite Gebiet der Schizophrenien wurde wieder eingeengt auf eher Kraepelinsche Masse (in der International Classification of Diseases und im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association). Das präkraepelinianische und später von Birnbaum und Hoche favorisierte Syndrommodell erhielt lange wenig Beachtung, findet aber heute in den zahlreichen, die deskriptive Psychopathologie fixierenden Skalen eine bescheidene Fortsetzung. Diese sind aber der Idee der nosologischen Einheit im Kraepelinschen Sinne subordiniert. Dabei ist gerade die Grundlagenforschung der Neurowissenschaften, der Genetik und der Psychopathologie auf die konzeptionelle Fragwürdigkeit (Validität), sogar der Nützlichkeit des gewaltig-gewaltsamen nosopoietischen Aktes von Kraepelin gestossen. Dazu kam die Verlaufsforschung, die die Nichtreduzierbarkeit der Verläufe auf bestimmte Muster, den instabilen Langstreckenkurs der grossen Syndromkombinationen, die wir wegen ihrer Dysfunktionsfolge Psychose nennen, gezeigt hat. Syndromatologisch in Quer- und Längsschnitt häufen sich die Mischbilder, zerfliesst die nosologische Dichotomie. Und selbst im Bereich der Therapie häufen sich die Argumente dafür, dass unspezifische Umstimmungsgeschehnisse, spontan oder induziert (z.B. durch Psychopharmaka), einen Umschwung zur Besserung, ja Genesung einleiten können (Stassen 2005).

In den letzten Jahrzehnten (etwa ab 1980) fand das Dissoziationsmodell, die Idee der Zerspaltung psychischer Funktionen (s. Scharfetter 1999), wieder mehr Beachtung, die dissoziativen Störungen erscheinen als ausserordentlich polymorph und drohen als scheinbar neue diagnostische Mode die "alte" Schizophrenie zu konkurrenzieren. Dies verunsichert die scheinbar so traditionsbewährte Diagnostik besonders im Hinblick auf kurzdauernde polymorphe Psychopathologien mit deutlich reaktivem Anteil und mit einer Verbindung zu ethnotypischen Reaktionsmustern auf kulturinhärenten Stress.

Die Besinnung auf die Grenzen der gängigen Nosologie und ihre beschränkte Validität ist keine Herabsetzung des Werkes von Kraepelin und Bleuler. Die von Bleuler hinzugefügte Psychodynamik war im Grundsatz gar nicht so neu, biographisch ableitendes Symptomverstehen zeigten z.B. Ideler, Guislain u.a. eindrücklich und ausführlich. Auch ist dort schon das Kontinuitätsmodell da: was im Kranken vorgeht, spiegelt die Vorgänge in der gesunden Psyche und umgekehrt. Da muss nicht ein Graben zwischen verstehbar, einfühlbar, nachvollziehbar und unverstehbaren, als neuropathologisch supponierten "Prozessen" gesetzt werden. Verstehen ist nicht nur von dem zu Deutenden, sondern von der kritischen Verstehenskapazität des Interpreten abhängig. Das scharfe Grenzensetzen kann eher als ein Schutzverhalten des Alienisten angesehen werden, der sich im sicheren Raum des Prozessfreien aufzuhalten wähnt. Das schafft viel Distanz zwischen Arzt und Patient. Ist diese in der Gemeinschaft des Arztes mit dem Patienten, wie sie Bleuler innerfamiliär, dann als Kliniker vor allem in der Rheinau lebte, überwunden? Vermindert sicher, aber das Sozialgefälle zwischen dem Experten, dem hilfreich sich neigenden und die Macht über den Patienten inne haltenden Funktionär des Gesundheitswesens besteht doch.

Kraepelin wie Bleuler dünkten sich als grosse Neuerer der Psychiatrie mit despektierlicher Sicht der Zeit vor ihnen. Ihre zahllosen Adepten gaben der Psychiatrie vor Kraepelin und Bleuler kaum Beachtung, versäumten den Reichtum der Anschauung, der nicht durch scheinbare nosologische Entitäten eingeengt war. Im Innovationsattribuieren ging das Unbewusste und die Psychodynamik des 19. Jahrhunderts "vergessen" (wurde verdrängt? abgespalten?). In seiner Begeisterung für Freuds Entschlüsselung des menschlichen Seelenlebens "sah" Bleuler überall Bestätigungen, bei jedem von hunderten Schizophrenen einen Sexualkomplex (1910a, 641). War das noch "reelles" Denken - gegenüber dem von ihm angeprangerten autistisch-dereellen? Bleuler selbst relativierte mit den Jahren seine Adhäsion an die Psychoanalyse mehr und mehr, blieb aber Freud in Verehrung verbunden.

Die "Schizophrenien" sind Bleulers bedeutendstes Werk, mit den dazu gehörigen Arbeiten zum Autismus, zur Ambivalenz. Das Werk Bleulers ist entstanden und erhielt sein Gewicht aus seinem Wirken als Hausvater in der Rheinau und im Burghölzli. Da sammelte er seine reiche klinische Anschauung (an meist langzeithospitalisierten Patienten), da lebte er seine stete Präsenz als Arzt, der das Alltagsleben der Patienten und Mitarbeiter teilte. Da steht die eindrückliche Gestalt des Klinikers Bleuler.

Gegenüber dem Beschreiben tritt bei ihm das analysierende und systematisierende Denken zurück. Im naturphilosophischen Spätwerk zur Naturgeschichte der Seele, zur biologischen Ableitung von Ethik und Moral überschreitet der Kliniker den Raum der Anschauungen und wagt spekulative Entwürfe. In den Proportionen, in die die historische Retrospektive einen einzelnen Autor wie Bleuler stellt, wird das Zeitgeistabhängige deutlich, der epistemologische Positivismus, die Rassenreinhaltungsideen, die eugenischen Vorschläge.

Bleulers Werk und Bleulers Wirken - das ruft unser Fragen nach der Persönlichkeit dieser markanten Gestalt, nach ihrer Herkunft, ihrem Werden, ihrer Entfaltung im Lebenslauf wach. Wir versuchen eine biographische Skizze, basierend auf Schilderungen von Mitarbeitern und Nachfolgern, da er selbst keine Autobiographie1 schrieb: er zeigte sich im Wirken in Klinik, Universität, im Fach Psychiatrie, als Autor und Korrespondenzpartner - und bis zuletzt in seiner Beheimatung im Boden seiner Herkunft und in seiner Familie. Persönliches bleibt als Privates ausgesperrt, ebenso die Deutung im Sinne seiner "Tiefenpsychologie" (der Ausdruck ist von Bleuler).

Die Persönlichkeit des Menschen ist vielfältig, ohne zerspalten zu sein. Das zeigt sich erst in den vielen Lebensbereichen, von denen naturgemäss viele dem Außenstehenden nicht einsichtig sind. Nur im Ideal ist der Mensch ganz, einheitlich, integriert, transparent, gar lauter. Darauf spielt der Untertitel des Buches über Bleuler an: gemeint ist die "innere Pluralität" (Novalis), die vielen Seiten, Schichten, Kammern des Menschen: multimind, Polyphrenie sind Fremdworte, die man dazu bilden kann. Von dieser Vielfalt im breiten Spektrum des noch Gesunden und den unscharf davon getrennten Dissoziativen Störungen, besonders der multiplen Persönlichkeit, der dissoziativen Identitätsstörung ist die Gruppe der seit Bleuler Schizophrenien genannten Krankheiten zu unterscheiden. Bei den schizophrenen Syndromen ist bei aller ätiopathogenetischen Heterogenität ein gemeinsamer experientieller Erlebnis-Nenner in der Störung des Ich Selbsterlebens in den basalen Dimensionen der Vitalität, Aktivität, Konsistenz-Kohärenz, Demarkation und Identität zu vermuten und empirisch studiert (Scharfetter 1996).

Dieser Text stellt zusammen, was wir derzeit überschauen und wie wir das das Werk aus heutiger Sicht einordnen. Die Arbeit am historischen Material deckt erst die vielen Lücken auf, die noch gefüllt werden könnten (s. S. 22) und die vielleicht spätere Autoren zum Weiterforschen anregt. Der Text bringt viele Perspektiven ein - mit manchen Überschneidungen und Redundanzen. Ich lasse sie im Umkreisen der zentralen Themen bestehen. In der konstruktiv-kritischen, multiperspektivischen Bearbeitung von Bleulers Werk und Gestalt erwächst eine persönliche Auseinandersetzung mit grundlegenden Themen der Psychiatrie (Menschenbild, Krankheit, Diagnostik, Syndrom, Ätiopathogenese mit vielen Einflüssen zwischen der physischen, psychischen, sozialen Ebene, der Dynamik des Ringens im Strom des Lebens, Therapie u.v.a.).

Zum Vorwort gehört das Danken, der Familie für die Einsicht in den Nachlass (s. dazu Quellen S. 22) und den Helfern. Ein besonderer Dank gilt Herrn Rolf Mösli. Er ist der Kenner und Sammler der lokalen (und später auch zentraleuropäischen, bes. 20. Jahrhundert) Psychiatriegeschichte, er ist der Gründer des Psychiatriehistorischen Museums im Burghölzli. Wie viele Gespräche bereicherte er mit seinem Wissen, wie oft wusste er bei Anfragen weiter! Durch viele Jahre ist er nun schon eine grosse Hilfe und Informationsquelle. Danken möchte ich weiter den hilfreichen Geistern in ihren Schreibstuben: Petra Wiersma, Ursula Angehrn, A. Piller, I. Mittelholzer sowie Leuten aus der Arbeitstherapie. Der Germanist Rolf Wörner hat den Text sorgsam gelesen und mit mir diskutiert. Herr Dr. Stucki vom Universitätsarchiv Zürich stellte die Liste der Dissertationen bei Bleuler zusammen. Herr PD Dr. H.H. Stassen, der selber seit Jahren in der Grundlagenforschung auf der Basis des Syndromansatzes tätig ist, hat alte Briefe und Photographien gescannt und die Formatierung des Textes übernommen. Herr Prof. Dr. Dr. P. Hoff, Zürich, hat den Text auch gelesen und mit mir besprochen.




1Im Gegensatz zu Kraepelin, dessen Lebenserinnerungen zur Publikation vorgesehen waren und dessen familieninterne Selbstzeugnisse heute auch zugänglich sind.





 
   


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