VORWORT
Was ist Bauen? Was bedeutet Bauen für alle Beteiligten?
Vorwort von Paul Meyer-Meierling, em. Prof. Arch. ETH Zürich
Betrachtet ein Laie ein Gebäude, reagiert er gefühlsmässig: Mag ich es, gefällt es mir, funktioniert es? Er sieht wohl kaum die enorme Komplexität des Bauprozesses, der zu diesem Resultat geführt hat. Tausende von Bauelementen müssen erdacht, von Dutzenden oder gar Hunderten von Unternehmern und Baufachleuten fabriziert und auf dem Baugelände sinnvoll zusammengesetzt werden. // Was macht den Architekten zum Architekten? Wie vermittelt man das notwendige Wissen an Anfänger, die lernen müssen, ihre erdachten Räume aufs Papier zu bringen und deren Elemente so zu beschreiben, dass sie von Unternehmern bzw. Handwerkern geschaffen und auf der Baustelle zu einem Gebäude zusammengefügt werden können?//Welche Unterlagen sollen ihnen zur Verfügung gestellt, welche Vorgehensweisen empfohlen werden? Und dies, wenn sich Rahmenbedingungen, Rechtssetzungen, Materialien, Werkzeuge, Planungs- und Fabrikationsprozesse dauernd verändern? // Wenn mich mein Nachfolger an der Professur Bauprozess im Departement Architektur der ETH Zürich bittet, für sein Lehrbuch ein Vorwort zu schreiben, erwartet er wohl, dass ich diese Fragestellungen anspreche und den Vergleich «vorher - nachher» anstelle: // Vor 30 Jahren begann sich das Berufsbild des Architekten und der Architektin rasant zu wandeln. Die Zahl der Bauten nahm zu, Denkmalpflege, Umbau, Unterhalt und energiegerechtes Bauen wurden zu Themen, die endlich ernst genommen wurden. Die Konkurrenz führte unter Architekten, Ingenieuren und Unternehmern leider zu Discountpreisen ihrer Dienstleistungsangebote. Voraussehbare Folge war, dass die Qualität der Arbeit sank und viele Bauschäden die Bauherren verärgerten. Letzteren war aber nicht klar, wie sie auf diesen komplexen Prozess Einfluss nehmen konnten. So wurde von Seiten der Bauherren ein Leitfaden verlangt, der sie in ihren Entscheidungen unterstützen und das Gespräch mit den Architekten auf Augenhöhe ermöglichen konnte. Das war der Anlass, das Buch «Gesamtleitung von Bauten» zu veröffentlichen. Gleichzeitig sollte es den Architekturstudierenden an der ETH Zürich und an verschiedenen Fachhochschulen die Optik der Bauherrschaft näherbringen und sie befähigen, den Bauprozess risikoarm zu steuern. Dieser Leitfaden orientierte sich an den einzelnen Planungsschritten der Honorarordnung für Architekten des SIA, also dem üblichen Planungs- und Ausführungsprozess. // Viele Bereiche werden aber in jedem einzelnen Planungsschritt in immer detaillierterer Form angesprochen. Es ist naheliegend, dass auch von den Themen wie Baurecht, Bauökonomie und Nachhaltigkeit usw. ausgegangen werden kann und sie zusammengefasst in den Vordergrund treten. Dies ist der Ansatz des vorliegenden Blickwinkels: Sein Ausgangspunkt ist derjenige des Architekten, der sich in der unter dem zunehmendem Termindruck in der Bauwelt behaupten muss, in einer Zeit der «extremely fast delivery». // Demzufolge beginnt der erste Teil des Buches mit der Akquisition und dem Baurecht, welches wegen zunehmender Anforderungen raschen Änderungen unterliegt. Der zweite Teil verknüpft sinnvollerweise die ökonomischen Probleme mit denjenigen der Nachhaltigkeit, um sie einer langfristigen Betrachtungsweise zu unterziehen. Der dritte Teil fokussiert auf die Organisation und den Planungsablauf. // Damit wird den Studierenden und den Kolleginnen und Kollegen in der Praxis die Möglichkeit gegeben, ihre Tätigkeit als Dirigenten des Bauprozesses aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, zu analysieren und ihre Methoden und Arbeitsweisen kritisch zu hinterfragen.